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Handlungsorientierung in der politischen Bildung der DDR

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 22 Seiten

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Handlungsorientierung in der politischen Bildung
2.1 Ziel der politischen Bildung
2.2 Handlungsorientierung und handlungsorientierter Unterricht

3 Politische Bildung in der DDR
3.1 Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung
3.2 Ziel der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung
3.3 Staatsbürgerkunde als Schlüsselelement der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung

4 Analyse des Staatsbürgerkundeunterrichtes hinsichtlich der Handlungsorientierung

5. Schlussbetrachtung

6. Anhang
6.1. Sieben Grundüberzeugungen für die staatsbürgerliche Erziehung
6.2 10 Gebote:

II Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Wir haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß die Schule in der DDR sozialistisch erzog. […] Man hat auch nie geleugnet, daß wir die Jugend zur Solidarität mit den Unterdrückten in der Welt erzogen haben und sie aufforderten, für den Fortschritt Partei zu ergreifen. […] Ziel und Inhalt der Schule wird immer von den Interessen der Gesellschaft geprägt sein, in der sie wirkt.“

Das Zitat von Margot Honecker spiegelt zwei wesentliche Merkmale der (politischen) Bildung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wieder. Zum einen waren Bildung und Erziehung untrennbar verbunden. Das zentrale Ziel der Bildung war die Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu einer „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“. Die Bildung und Erziehung begann in den Kinderkrippen, setzte sich während der Schulzeit, innerhalb und außerhalb der Schule fort, und verfolgte die Studenten und Studentinnen[1] während des Studiums. Zum anderen zeigt das Zitat die Beeinflussung der Bildung durch die Interessen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die SED versuchte, mit Hilfe der Bildung und Erziehung ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen und zu stabilisieren. Als Grundlage diente der Marxismus-Leninismus, der als wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse galt. Die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens, der sozialistische Weltanschauung, Werteerziehung und die Parteinahme für die Unterdrückten und den Fortschritt sowie die Legitimation der politischen Herrschaft waren Aufgaben der politischen Bildung und Erziehung. Eine wesentliche Rolle in der sozialistischen Erziehung hatte das Fach Staatsbürgerkunde. Kein anderes diente der Vermittlung der marxistischen-leninistischen Ideologie mehr als dieses Fach.[2]

Heutzutage zielt die politische Bildung auf die Erziehung der Schüler zu einem mündigen Bürger. Es gibt es eine Reihe von Institutionen, die sich für die politische Bildung verantwortlich fühlen. Dazu gehören u.a. die Bundeszentrale für politische Bildung sowie die einzelnen Landeszentralen in den Bundesländern oder auch der Bundesausschuss für politische Bildung. Im Mittelpunkt dieser zahlreichen Einrichtungen steht jedoch auch heute die Schule. An den Schulen ist politische Bildung ein fester Bestandteil der Lehrpläne und erfolgt in Form von Politikunterricht. Um den Unterricht interessant und wirklichkeitsnah zu gestalten, werden Prinzipien der Didaktik angewandt. Fachdidaktische Prinzipien sind Grundsätze für die Gestaltung von Unterricht bzw. Handlungsempfehlungen, die bei der inhaltlich-methodischen Unterrichtsplanung behilflich sind. Eines dieser Prinzipien ist die Handlungsorientierung. Die Handlungsorientierung bietet und fördert selbsttätiges Lernen und unterstützt die Schüler bei der Entwicklung von Kompetenzen die ein mündiger Bürger braucht.[3]

Das Ziel dieser Arbeit ist, den Staatsbürgerkundeunterricht anhand der Grundsätze handlungsorientierten Unterrichts zu untersuchen. Die zugrundeliegende Frage ist, inwieweit die Handlungsorientierung im Staatsbürgerkundeunterricht stattfand.

Dafür wird im zweiten Kapitel dieser Arbeit die Handlungsorientierung thematisiert. Zunächst wird auf das Bildungsziel eingegangen, da es ein wichtiger Bezugspunkt für die Handlungsorientierung ist. Die Darstellung der Handlungsorientierung und des handlungsorientierten Unterrichts erfolgt abschließend.

Die politische Bildung in der DDR ist das Thema im dritten Kapitel. Um einen umfassenden Überblick zu erhalten, wird zunächst auf die Entwicklung der politischen Bildung der DDR eingegangen. Im Anschluss folgt die Darstellung des Ziels der politischen Bildung und des Faches Staatsbürgerkunde. Diese bildet die Grundlage für das weitere Vorgehen.

Im vierten Kapital findet die Analyse hinsichtlich der Handlungsorientierung und des handlungsorientierten Unterrichts statt.

In der abschließenden Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Punkte zusammengefasst noch einmal hervorgehoben und das Ergebnis präsentiert.

2 Handlungsorientierung in der politischen Bildung

Die Handlungsorientierung ist ein didaktisches Prinzip, das sich vom starren Vermitteln von Lerninhalten distanziert. Sie stellt das Gegenteil vom passiven Zuhören und reiner Kopfarbeit dar. Daher steht auch nicht der Lehrende im Mittelpunkt, sondern die Lernenden, die sich durch eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen. Die spezifischen Kompetenzen, die die politische Bildung beim Lernenden fördern soll und gleichzeitig das Ziel der politischen Bildung darstellen, werden im ersten Abschnitt dieses Kapitels definiert. Der zweite Abschnitt beinhaltet den Unterricht im Sinne der Handlungsorientierung.

2.1 Ziel der politischen Bildung

Das zentrale Ziel der Bildung und somit auch der politischen Bildung ist die Erziehung der Schüler zu einem mündigen Bürger.[4] Im Allgemeinen zeichnet sich ein mündiger Mensch durch selbstständiges und verantwortungsbewusstes Handeln aus. Er ist im Stande, sein Handeln zu reflektieren und vor sich und anderen zu rechtfertigen. Im politischen Zusammenhang wird die Vorstellung von einem mündigen Bürger unmittelbar mit dem Demokratieverständnis verbunden.[5] Die Demokratie bezeichnet eine Herrschaftsform, die vom Volke ausgeht und kann nur durch politisch mündige Bürger, die die Politik aktiv mitgestalten, aufrecht erhalten werden.[6] In diesem Kontext werden drei Typen eines politisch mündigen Bürgers unterschieden: der reflektierte Zuschauer, der politische Aktivbürger und der politische Interventionsbürger.[7] Die Unterschiede liegen in der Teilnahme an politischen Ereignissen. Diese kann jedoch nicht befohlen werden, da jeder mündige Bürger selbst entscheidet, ob er mitwirkt oder nicht. Der reflektierte Zuschauer ist interessiert und informiert sich über politische Ereignisse. Zudem vermag er politische Zusammenhänge zu verstehen und diese auch zu beurteilen. In der Politik engagiert er sich jedoch nur im Rahmen von Wahlen und Abstimmungen. Der politische Aktivbürger ist der Idealtypus von einem mündigen Bürger. Im Gegensatz zum reflektierten Zuschauer wirkt dieser aktiv im politischen Geschehen mit. Der politische Interventionsbürger greift hingegen nur in die Politik ein, wenn für ihn die Notwendigkeit besteht.[8]

Die Gemeinsamkeit bestehen in den benötigten Kompetenzen, die alle drei Typen entwickelt haben: politische Wissenskompetenz und methodische Fähigkeiten sowie politische Urteils- und Handlungsfähigkeiten. Die vier Kompetenzen sind nicht voneinander zu trennen, sondern bauen teilweise aufeinander auf bzw. haben gemeinsame Schnittstellen. So ist die politische Wissenskompetenz die Basis der anderen drei Kompetenzen und beinhaltet Kenntnisse von Daten, Begriffen, Prozessen und Institutionen aus der Politik. Anhand des Wissens können politische Ereignisse, Probleme sowie politische Kontroversen unter Berücksichtigung von Sach- und Wertaspekten analysiert und reflektiert beurteilt werden. Diese Fähigkeiten sind Inhalt der politischen Urteilskompetenz. Die politische Handlungskompetenz umfasst das eigenständige Formulieren von Meinungen sowie diese vor sich selbst und anderen zu vertreten. Außerdem bedeutet politisch handlungsfähig zu sein, Verhandlungen zu führen, Kompromisse zu schließen und verantwortungsbewusst in der Politik mitzuwirken. Zu den methodischen Fähigkeiten können u.a. das selbstständige Recherchieren über politische Ereignisse und die Bearbeitung politischer Themen mit Hilfe von verschiedenen Methoden gehören.[9] Letztendlich bedeutet politische Mündigkeit, die vier Kompetenzen zu beherrschen. Daraus resultiert, dass das Ziel politischer Bildung die Förderung dieser Kompetenzen ist. Ein dafür geeignetes didaktisches Prinzip stellt die Handlungsorientierung dar.[10]

2.2 Handlungsorientierung und handlungsorientierter Unterricht

Die Handlungsorientierung ist ein ganzheitlicher, offener, produkt- und interessenorientierter sowie schüleraktiver Ansatz.[11] Der handlungsorientierte Unterricht und die Methoden, die darin Anwendung finden, sollten diesen Grundsätzen entsprechen.

Die Ganzheitlichkeit bezieht sich einerseits auf das Handeln der Lernenden und andererseits auf die Lerninhalte des Unterrichts. Das ganzheitliche Handeln umfasst nicht nur verbale Kommunikation wie das Zuhören und Reden, sondern auch die körperliche Tätigkeit. Die Ganzheitlichkeit besteht im ausgewogenen Verhältnis von Kopf, Hand und Herz. Der Kopf steht hier für das Denken und Verstehen, das die Grundlage des praktischen Handelns bildet und mit der Hand symbolisiert wird. Zugleich wird durch das Handeln das Denken und Verstehen vervollständigt. Das Herz steht für die Emotionen wie z.B. Neugier für das Thema empfinden. Mit ganzheitlichen Lerninhalten ist das fächerübergreifende Unterrichten gemeint, das dazu dient, die Zusammenhänge zu erkennen und die komplexe Umwelt besser zu verstehen.[12]

Die Offenheit beinhaltet das Öffnung der Schule zur Realität und die Veränderung der Sozialform. Das Lernen findet nicht nur in der einzelnen Person statt, sondern auch innerhalb einer Gruppe. Ersteres bedeutet, außerschulische Lernorte zu wählen und mit den dort gegebenen Mitteln zu arbeiten bzw. zu unterrichten. Diese implizieren eine gründliche Vorarbeit der Lehrenden. Methoden, die an außerschulischen Lernorten Anwendung finden können, sind z.B. das Praktikum oder eine Befragung. Eine andere Variante wäre die Integration der außerschulischen Lernorte in den Unterricht. Da bieten sich die Methode der Expertenbefragung oder die Simulation an. Die Simulation beinhaltet z.B. Rollen- und Planspiele. Die Offenheit macht den Unterricht realitätsnaher.[13]

Das Ergebnis eines Lernprozesses kann auch als Produkt bezeichnet werden. Produktorientierter Unterricht hat zum Ziel, Resultate für sich und andere zu erschaffen. Diese können Fähigkeiten und Kenntnisse sein oder Gegenstände und Aktionen wie Flugblätter und Darbietungen. Im Kontext des Politikunterrichts könnte das Ergebnis einer Debatte das Produkt sein.[14]

In einem handlungsorientierten Unterricht werden die Schülerinteressen als Grundlagen der Lernprozesse genommen. Die Lehrenden vereinbaren mit den Lernenden die groben Inhalte. Sie bestimmen dann die Organisation des Unterrichts. Mit dieser Schülerorientierung (auch ein didaktisches Prinzip) soll einerseits die Motivation der Schüler angeregt und andererseits die Distanz der Lernenden zu den meisten politischen Themen überwunden werden.[15]

Der letzte Grundsatz der Handlungsorientierung stellt die Schüleraktivierung dar. Im Mittelpunkt der Schüleraktivierung steht das selbstständige und verantwortungsbewusste Handeln der Lernenden. Im Unterricht werden drei Dimensionen des Handelns unterschieden. Die erste Dimension beinhaltet das reale Handeln. Reales Handeln vollzieht sich außerhalb des Unterrichts. Damit sind u.a. Straßen- oder Experteninterviews, aber auch die Schülersprecherwahl gemeint. Das simulierte Handeln bildet die zweite Dimension und kann u.a. in Form von Rollen-, Plan- und Entscheidungsspielen sowie einer Talkshow stattfinden. Die dritte Dimension beinhaltet das produktive Handeln. Produktionen können u.a. eine Wandzeitung, ein Plakat oder ein Vortrag sein.[16]

Um das Bild von einem handlungsorientierten Unterricht zu vervollständigen, bedarf es eines zusätzlichen allgemeinen pädagogischen Grundsatzes. Dieser knüpft an die Interessenorientierung an und beinhaltet die Beteiligung der Schüler an der Planung, Durchführung und Auswertung des Unterrichts. Aus dem gemeinsamen Verständigen über Themen, Ziele, Methoden und Ergebnisse resultiert eine Kommunikationskultur. Diese ist durch Kompromisse, Akzeptanz und Gleichheit gekennzeichnet und gibt einen kleinen Einblick in die demokratische Lebenswelt.[17]

Allgemein ist die Handlungsorientierung ein didaktisches Prinzip, das den Schüler befähigt, selbsttätig zu lernen und ein Handlungsrepertoire für zukünftige politische Auseinandersetzung und Meinungsbildung aufzubauen. Handlungsorientierter Unterricht ist eine Kombination aus der Vermittlung von fachlichem Wissen, selbständigem und verantwortungsbewusstem Handeln und methodischen Fähigkeiten. Zudem wird durch die Verknüpfung des Handelns mit der kognitiven Verarbeitung im Sinne von Reflexion die Urteilsfähigkeit gestärkt. In Bezug auf das Ziel der politischen Bildung findet das Prinzip seine Berechtigung.[18]

3 Politische Bildung in der DDR

Der politischen Bildung bzw. der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung der Schüler wurde in der DDR eine bedeutende Rolle zugeschrieben. Um einen Überblick über die politische Bildung der DDR zu erhalten, wird in diesem Kapitel zunächst auf die Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung eingegangen. Es muss darauf hingewiesen werden, dass im Rahmen dieser Arbeit nur skizzenartig auf einzelne Stufen der Entwicklung eingegangen werden kann. Im zweiten Abschnitt wird das Ziel der staatsbürgerlichen Erziehung dargestellt. Abschließend wird die Staatsbürgerkunde als wesentliches Instrument der staatsbürgerlichen Erziehung vorgestellt.

3.1 Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Befreiung des Schulsystems von den faschistischen Lehrinhalten und die Aufklärung über die nationalsozialistische Ideologie im Vordergrund. Um die Aufklärungsarbeit zu gewährleisten, wurde der gesellschaftspolitische Unterricht Gegenwartskunde eingeführt. Die Gegenwartskunde sollte in allen Fächern als Unterrichtsprinzip gelten. Im ersten Schuljahr ersetzte sie teilweise den noch ausgesetzten Geschichtsunterricht. Das inhaltliche Ziel der Gegenwartskunde war die Bewältigung der Vergangenheit und die Erklärung der Ereignisse in der Gegenwart wie. z.B. die Nürnberger Prozesse. Die „antifaschistische-demokratische“ Schulreform wurde mit Gründung der DDR im Jahr 1949 modernisiert. Sie diente jedoch als Grundlage des zukünftigen Schulsystems.[19]

Im Zuge der Veränderungen des Schulsystems führte die SED die Gegenwartskunde als obligatorisches Fach ein. Inhaltlich orientierte sich das Fach an der Vermittlung von Wissen wie z.B. über den Staatsaufbau und die marxistisch-leninistische Theorie. Die Hauptaufgabe war jedoch, die Schüler zu demokratische Patrioten zu erziehen. Dies bedeutete, das Verhältnis der Schüler zum sozialistischen Staat zu festigen und ein wissenschaftliches Weltbild im Sinne des Marxismus-Leninismus zu vermitteln. In den Jahren 1953/54 sollte das Fach eine inhaltliche Entlastung erfahren und den Lehrenden mehr Raum für die Methodik gegeben werden. In diesem Zusammenhang entwickelte sich eine Auseinandersetzung über die Abschaffung des Faches. Jedoch setzte sich die Gegenwartskunde durch und wurde 1957 zum Fach Staatsbürgerkunde.[20]

Die Veränderung des Namens sollte die inhaltliche Umgestaltung des Faches symbolisieren. Der Staatskundeunterricht beinhaltete nun die Vermittlung von Grundkenntnissen über Staat und Gesellschaft. Im Laufe der nächsten Jahre stabilisierte sich das Fach, erhielt eine eigene Fachzeitschrift und Lehrstühle für die Methodik der Staatsbürgerkunde entstanden. In der Zeit wurde zudem die allgemeinbildende polytechnische Oberschule eingeführt und die polytechnische Bildung wurde zur Grundlage des gesamten Bildungssystems. Diese beinhaltete neben der Allgemeinbildung naturwissenschaftlich-technische und technologisch-ökonomische Bildung.[21]

Im Jahr 1963 verkündete die SED den Aufbau des Sozialismus und gab die Vorgabe, die Schüler zur „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit zu erziehen. Infolgedessen forderte die SED eine inhaltliche und strukturelle Modifizierung des Bildungssystems. Dadurch wurde die sozialistische Erziehung zu einem Anliegen aller Fächer. Die Forderung wurde durch das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ von 1965 realisiert und führte zu einer Reformierung der Lehrpläne. Im Schuljahr 1964/65 traten die neuen Lehrpläne des Faches in Kraft. Im Zuge der Umgestaltung fing der Staatskundeunterricht nun schon in der siebten Klasse an statt in der neunten. Die zentralen Inhalte waren der Marxismus-Leninismus sowie das Parteiprogramm und die Beschlüsse der SED.[22]

Mit der Vollendung des Lehrplanwerkes wurde das Fach in das gesamte Bildungssystem voll integriert und sollte die sozialistische Allgemeinbildung gewährleisten. Der Staatsbürgerkunde wurde eine besondere Rolle in der sozialistischen Bildung und Erziehung zugesprochen. Dies war auch der Grund dafür, dass bis 1981 ständige Veränderungen des Lehrplans stattfanden. Es wurden immer „bessere“ Voraussetzungen für die sozialistische Erziehung und Bildung geschaffen. Im Jahr 1981 wurde die Erhöhung der Qualität des Staatsbürgerkundeunterrichtes und der politischen Arbeit mit den Staatsbürgerkundelehrern von der SED beschlossen. So mussten die Lehrer entsprechend dem Beschluss der Partei und dem Staat treu sein. Dieser Beschluss bildete bis zum Ende der DDR die Basis der Einflussnahme der Partei auf den Unterricht.[23]

3.2 Ziel der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung

Der zentrale Auftrag an das Bildungssystem war die Ausbildung und Erziehung zu einer „allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“. Die grundlegenden Merkmale einer sozialistischen Persönlichkeit sind ein umfangreiches Wissen, eine optimistische Lebensanschauung, ein sozialistisches Bewusstsein und eine sozialistische Moral. Das sozialistische Bewusstsein beinhaltet ideologische Grundsätze, die das Handeln und das Verhalten der sozialistischen Persönlichkeit bestimmen. Sie wurden durch das Ministerium für Volksbildung für die FDJ zur weiteren Entwicklung der staatsbürgerlichen Erziehung in sieben Grundüberzeugungen (siehe 6.1) definiert. Die sozialistische Moral sollte das Bild des neuen sozialistischen Menschen repräsentieren und wurde mittels zehn Geboten (siehe 6.2) definiert. Inhaltlich beziehen sich die Gebote auf die Gesellschaft sowie auf staats- und produktionsrelevante Tugenden.

3.3 Staatsbürgerkunde als Schlüsselelement der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung

Für die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit war nicht allein die staatsbürgerliche Erziehung zuständig. Für die Fähigkeiten und die Moral waren auch die Kollektiv- und Arbeitserziehung, die Erziehung zu bewusster Disziplin und die polytechnische Bildung verantwortlich. Die SED war der Ansicht, dass nur im Kollektiv alle Fähigkeiten einer sozialistischen Persönlichkeit entwickelt werden können. Die Arbeitserziehung beinhaltete den Erwerb einer sozialistischen Arbeitseinstellung. Die zu Erziehenden sollten die körperlich und geistige Arbeit lieben und die Arbeiterklasse wertschätzen. Die Erziehung zu bewusster Disziplin sollte die jungen Menschen dazu befähigen, ihr Verhalten entsprechend den sozialistischen Normen und Werten selbstständig und verantwortungsbewusst zu steuern. Die polytechnische Bildung sollte zudem die Verbindung von Theorie und Praxis herstellen und den Schülern einen Einblick in die Berufs- und Arbeitswelt geben.[24] Diese unterschiedlichen Richtungen der Erziehung fanden sowohl in der Schule als auch außerhalb der Schule statt.

Außerhalb der Schule waren die Pionierorganisationen, die Freie Deutsche Jugend (FDJ) und der polytechnische Unterricht für die Realisierung der Erziehung zuständig. In den Pionierorganisationen gingen die Schüler von der ersten bis zur siebten Klasse. Anschließend konnten sie nach einer Aufnahmeprüfung in die FDJ eintreten. Der polytechnische Unterricht fand in den öffentlichen Betrieben statt.[25]

In der Schule war die sozialistische Erziehung in allen Fächern eine zentrale Aufgabe. So beinhalteten die Texte in Deutsch[26],die Lieder in Musik[27] sowie die Textaufgaben in Mathe und in den Naturwissenschaften[28] politisch-ideologische Elemente. Besondere Rollen hatten auch das Fach Geschichte und der eingeführte Wehrunterricht. Der Geschichtsunterricht thematisierte Geschichte aus Sicht der unterdrückten Klasse mit dem Feindbild der herrschenden Klasse.[29] Im Wehrunterricht mussten Fragen der sozialistischen Landesverteidigung beantwortet werden. Zudem fand auch die Wehrausbildung für die Jugend und Sanitätsausbildung für die Mädchen statt.[30] Das wichtigste Fach in der sozialistischen Erziehung war jedoch die Staatsbürgerkunde.[31]

[...]


[1] Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit ausschließlich die männliche Form benutzt. Es können dabei aber sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sein

[2] Vgl. Sander (2010), S. 99ff. und Geißler (2009), S. 213f.

[3] Vgl. Detjen (2013), S. 335.

[4] Vgl. Reinhardt (2012), S. 17 und Detjen (2013), S. 222.

[5] Vgl. Temme (2014), S. 88.

[6] Vgl. Reinhardt (2012), S. 17.

[7] Vgl. Reinhardt (2012), S. 17 und Detjen (2013), S. 222ff.

[8] Vgl. Reinhardt (2012), S. 17 und Detjen (2013), S. 223f.

[9] Vgl. GPJE (2004), S. 13 und Backhaus/ Moegling/Rosenkranz (2010), S. 16.

[10] Vgl. Moegling (2006), S. 20ff.

[11] Vgl. Detjen (2013), S. 337.

[12] Vgl. Detjen (2013), S. 335f und Reinhardt (2016), S. 106.

[13] Vgl. Detjen (2013), S. 336 und Reinhardt (2016), S. 106.

[14] Vgl. Detjen (2013), S. 336.

[15] Vgl. Ebd. S. 337.

[16] Vgl. Detjen (2013), S. 336f. und Reinhardt (2016), S. 105.

[17] Vgl. Detjen (2013), S. 337.

[18] Vgl. Moegling (2006), S. 20ff.

[19] Vgl. Biskupek (2002), S. 13f. und Detjen (2013), S. 199f.

[20] Vgl. Ebd.

[21] Vgl. Biskupek (2002), S. 15f.

[22] Vgl. Detjen (2013), S. 202f und Biskupek (2002), S. 16.

[23] Vgl. Biskupek (2002), S. 19f.

[24] Vgl. Detjen (2013), S. 204.

[25] Vgl. Detjen(2013), S. 202. und Sander (2010), S. 106.

[26] Vgl. Knopke (2011), S. 212.

[27] Vgl. Ebd. S. 222.

[28] Vgl. Ebd. 205ff.

[29] Vgl. Knopke (2011), S. 248.

[30] Vgl. Detjen (2013), S. 205 und Sander (2010), S. 105.

[31] Vgl. Sander (2010), S. 100ff.

Zusammenfassung

Das Ziel dieser Arbeit ist, den Staatsbürgerkundeunterricht anhand der Grundsätze handlungsorientierten Unterrichts zu untersuchen. Die zugrundeliegende Frage ist, inwieweit die Handlungsorientierung im Staatsbürgerkundeunterricht stattfand.

Dafür wird im zweiten Kapitel dieser Arbeit die Handlungsorientierung thematisiert. Zunächst wird auf das Bildungsziel eingegangen, da es ein wichtiger Bezugspunkt für die Handlungsorientierung ist. Die Darstellung der Handlungsorientierung und des handlungsorientierten Unterrichts erfolgt abschließend.

Die politische Bildung in der DDR ist das Thema im dritten Kapitel. Um einen umfassenden Überblick zu erhalten, wird zunächst auf die Entwicklung der politischen Bildung der DDR eingegangen. Im Anschluss folgt die Darstellung des Ziels der politischen Bildung und des Faches Staatsbürgerkunde. Diese bildet die Grundlage für das weitere Vorgehen.
Im vierten Kapital findet die Analyse hinsichtlich der Handlungsorientierung und des handlungsorientierten Unterrichts statt.

In der abschließenden Schlussbetrachtung werden die wichtigsten Punkte zusammengefasst noch einmal hervorgehoben und das Ergebnis präsentiert.

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668456907
ISBN (Buch)
9783668456914
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Soziologie und Demografie
Erscheinungsdatum
2017 (Mai)
Note
1,7
Schlagworte
Handlungsorientierung Staatsbürgerkunde DDR

Autor

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Titel: Handlungsorientierung in der politischen Bildung der DDR