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Die Systematik der sechs Glaubensgrundsätze des Islam. Ein Überblick

Essay 2015 6 Seiten

Theologie - Islamische Religionswissenschaft

Leseprobe

Einleitung

Īmān ist der Glaube, den der Mensch mit seinem Herzen vollzieht. Das Herz wird hier nicht als das Organ verstanden, welches Blut durch die Adern pumpt[1]. Es bezeichnet vielmehr ein Vermögen, das in der Lage ist, das zu erfassen, was dem Verstand verschlossen bleibt. Gegenstand des Īmān sind die sechs Glaubensgrundsätze des Islām. Im Rahmen dieser Arbeit soll die Systematik dieser sechs Glaubensgrundsätze untersucht werden.

System

Zunächst soll dargelegt werden, was unter dem Begriff der Systematik verstanden wird: Ein System ist eine Einheit, die als Organisationsform aus verschiedenen Teilen besteht.[2] Diese Teile erfüllen den Anspruch vollzählig und zusammenhängend zu sein. So ist auch der menschliche Organismus eine perfekt organisierte Einheit. Das Gefüge von einzelnen Körperteilen und Organen ist in seiner Funktion harmonisch abgestimmt. Es ist unvorstellbar, dass ein Mensch mit dem Verlust eines Körperbestandteiles ein erwartungsgemäßes Leben führen kann. Hierzu einige Beispiele: Eine Hand ohne eines der fünf Finger würde eine schwächere Greifkraft aufweisen, als eine herkömmliche. Eine Person mit nur einem Bein könnte weiterleben, aber nie wieder rennen können. Ein Mensch könnte ohne seine Lunge keineswegs überleben, da ihm das Atmen nicht mehr möglich wäre.

Die Glaubensgrundsätze

Die Grundsätze des Glaubens, die im Islām geltend sind, bestehen insgesamt aus sechs unterschiedlichen Komponenten. Diese Glaubensgrundsätze, die sich als Gegenstand des Glaubens (Īmān) auszeichnen, werden vom Propheten Muḥammad, Frieden und Segen auf ihm, wie folgt beschrieben: „Īmān bedeutet, an (1) Allāh, (2) an Seine Engel, (3) an seine Bücher, (4) an Seine Gesandten, (5) an den Jüngsten Tag (6) und an die Vorherbestimmung zu glauben, (welche Allāh bestimmt hat), sei sie gut oder schlecht.“[3] Unter dem fünften bzw. dem sechsten Glaubensartikel wird zudem die Auferstehung nach dem Tod gefasst.

Analyse

Im Folgenden soll die Analyse der sechs Glaubensgrundsätze nach ihrer Systematik erfolgen. Der Glaube an Allāh kann mit der Sūra al-Iḫlāṣ[4] herangeführt werden. Ohne die Schriften Allāhs, wie in diesem Fall dem Qurʾān, wäre es uns Menschen gar nicht möglich, über Gott zu sprechen. Demnach stellt sich heraus, dass der Glaube an Allāh über den Glauben an die Schriften geht. Es stellt sich jedoch die Frage, wie es möglich ist, dass der transzendente Gott für uns erfahrbar werden kann. Wie können wir die Schriften Allāhs erhalten? Die Antwort steckt in dem zweiten Glaubensgrundsatz: Nämlich durch Seine Engel. Sie dienen als Boten und überbringen den Menschen die Botschaft Allāhs, wodurch Sein Wille an Ausdruck gewinnt und uns zugänglich wird. Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Glaube an Allāh den Glauben an die Engel und an die Schriften bedingt.

Der Glaube an Seine Gesandten, der als vierter Glaubensgrundsatz gilt, folgt direkt dem Glauben an die Schriften. Diese Abfolge ist aus folgendem Grund schlüssig: Durch die Gesandten werden den Menschen eine Verkörperung der Botschaft Allāhs geboten. Deutlich wird dies durch den Bericht von ʿĀʾišah, der Frau des Propheten Muhammad, Segen und Frieden auf ihm. Sie sagte nämlich, dass der Charakter des Propheten der Qurʾān war.[5] Somit fungiert der Prophet durch seine Lebensweise als ein Vorbild, wie auch in Sūra al-ʾAḥzāb Vers 21 zu lesen ist. Indem man sich an seinem Handeln und seinen Worten orientiert, weiß der Muslim, dass er dem Willen Allāhs und Seiner Schrift folgt.

Der Glaube an den Jüngsten Tag impliziert das Vertrauen darauf, dass ein Tag der Abrechnung eintreffen wird, an dem die Taten der Menschen durchleuchtet werden. An diesem Tag soll offen gelegt werden, was für ein Leben der Mensch geführt hat und ob er das Paradies verdient hat oder nicht. Genau mit diesem Glaubensartikel erhält der Mensch die Legitimation dafür, dass er sich dem Willen Allāhs zu fügen hat. Indem nämlich verkündet wird, dass den Menschen am Ende ein Lohn oder eine Strafe erwartet, wird ihm klar, welchen Grund es unter anderem hat, sich nach Gottes Geboten zu richten.

Der letzte Glaubensgrundsatz ist der Glaube daran, dass es von Allāh eine Bestimmung bezüglich des diesseitigen Lebens gibt. Es wird darauf verwiesen, dass Allāh die Quelle von allem Guten und jedem Übel ist. Betont wird, dass ein Dualismus nicht in Frage kommt, wodurch auf ein Fokus auf die Einheit Allāhs entsteht. Wo der fünfte Glaubensartikel verkündet, dass am Jüngsten Tag zwischen den guten und schlechten Taten des Menschen unterschieden wird, da legt der nächste Glaubensartikel dar, dass der Ursprung des Guten und des Schlechten allein Allāh ist. Alles kommt von Ihm und alles wird auch zu Ihm zurückkehren. So entsteht auch eine Verbindung zu der Auferstehung nach dem Tod, die als Heimkehr zu Allāh[6] verstanden wird. Passend dazu wird in einem Ḥadīṯ berichtet, dass der Īmān unter anderem den Glauben an „die Begegnung“[7] mit Allāh beinhaltet.

An dieser Stelle ist zusammenfassen folgendes zu sagen: Um an Allāh glauben zu können, muss man akzeptieren, dass Er durch Seine Engel Botschaften in Form von Schriften an Seine Gesandten geschickt hat. Damit man dem Willen Allāhs tatsächlich Folge leistet, muss man wissen, dass ein Tag der Abrechnung eintreffen wird, an dem das menschliche Handeln offengelegt und folglich belohnt oder bestraft wird. Abgeschlossen wird die Gedankenführung mit dem Wissen, dass die guten und schlechten Ereignisse, die dem Menschen wiederfahren, von Allāh kommen und dass der Mensch zu Ihm zurückkehren wird. Somit offenbart sich für den Menschen ein Ziel, an dem er letztendlich angelangen wird.

Unabdingbarkeit

Nach dieser Analyse fällt auf, dass die sechs Glaubensgrundsätze mit dem Glauben an Allāh beginnen und mit der Heimkehr zu Ihm enden. Um die Systematik der einzelnen Teile hervorzuheben, wird nun eine entsprechende Vorführung folgen. Es soll deutlich gemacht werden, dass der Īmān über jeden einzelnen der sechs Glaubensgrundsätze geht. Das, was ich schon in meiner Kindheit vermittelt bekam, will ich heute mit Einsicht darlegen: Derjenige, der einen dieser sechs Voraussetzungen des Glaubens nicht akzeptiert, lehnt allesamt ab.

Wenn die Existenz Allāhs abgelehnt wird, können auch Seine Boten, Sein Wille und die Begegnung mit Ihm nicht für wahr befunden werden. Es würde keinen Sinn ergeben, an die Engel zu glauben, ohne einen Auftraggeber in Betracht zu ziehen, da ihnen so der Existenzgrund fehlen würde. Indem man an die Engel nicht glauben würde, hätte man keine schlüssige Erklärung dafür, auf welche Weise Gott mit seinen Gesandten in Verbindung tritt. Ohne ein Verbindungsglied würde eine Instanz zwischen dem Transzendenten und Immanenten fehlen. In dem Fall, dass man an alle Glaubensgrundsätze bis auf die Schriften glaubt, gäbe es am Jüngsten Tag keine gerechte Abrechnung. Die Taten der Menschen würden bewertet werden, ohne zuvor bestimmte Richtlinien erhalten zu haben. Zudem stellt sich die Frage, aus welchem Grund die Engel mit den Gesandten in Kontakt treten sollten, wenn sie keine Botschaft von Allāh hätten. Daran zu glauben, dass der Mensch der göttlichen Botschaft ohne ein menschliches Vorbild und einen Warner Folge leisten kann, ist unvorstellbar. Zum einen würden die Menschen einen konkreten Wegweiser missen und zum anderen eine unvollkommene Botschaft haben. Wie wir am Beispiel des Qurʾān und der Sunnah wissen, erklärt, ergänzt und vervollkommnet das eine das andere. Wie bereits oben erwähnt gibt der Glaube an den Jüngsten Tag einen Anlass dazu, dem Willen Allāhs zu gehorchen. Ohne diesen, würde einer der ersichtlichsten und wichtigsten Gründe für die Einhaltung der Gebote Gottes fehlen. Konform verhält es sich mit dem Glauben an die Auferstehung. Wenn man daran glauben würde, dass mit dem Tod die Existenz des Menschen enden würde, so hätte man keinen Grund dazu auf ein Ziel hinzuarbeiten. Abzulehnen, dass Allāh die Quelle vom Guten und Schlechten ist, würde die Frage aufwerfen, wer sonst die Quelle sein soll. Beispielsweise die Vorstellung, dass das Schlechte von einer anderen Kraft kommen soll, würde die Allmacht Gottes in Frage stellen. So wäre es strittig, ob es diesem Gott obliegt, über die guten und schlechten Taten am Jüngsten Tag zu richtet.

Fazit

Im Anschluss dieser Analyse ist festzuhalten, dass die einzelnen Glaubensgrundsätze eine einsehbare Abfolge haben, da ihre Übergänge einleuchtend sind. Das Fehlen einer einzigen Komponente, führt zu dem Zusammenfall des ganzen Gefüges. Es scheint vollständig zu sein und aus unentbehrlichen Teilen zu bestehen, genauso wie ein System zu sein hat. Im Rahmen dieser Arbeit hat sich für mich eine neue Fragestellung entwickelt. Der letzte Teil, der besagt, dass die Auferstehung nach dem Tod rechtmäßig ist[8], wird nicht als ein separater Artikel festgehalten. Zugeordnet wird er zumeist zum sechsten Glaubensgrundsatz. Die Prallelen zu dem fünften Glaubensgrundsatz haben bei mir folgende Frage aufgeworfen: Wieso wird der Glaube an die Auferstehung an letzter Stelle aufgeführt, wo er doch große Gemeinsamkeiten mit dem fünften Glaubensgrundsatz, also dem Glauben an den Jüngsten Tag, aufweist?

Literatur

- Abdul-Hussain Muslim Bin Al-Hadschadsch Al-Quscheiri An-Neisaburi (820/821 – 875 n.Chr. / 206 – 261 n.H.): Auszüge aus dem Sahih Muslim. Sammlung authentischer Ahadith des Propheten Muhammad. Mit zahlreichen Erläuterungen Imam An-Nawawis (1233 – 1277 n-Chr. / 631 – 676 n.H.). Aus dem Arabischen übersetzt von Jotiar Muhammad Bamarni, Band 1, 2. Auflage, 2013.
- Abū-r-Riḍāʾ Muḥammad Ibn Aḥmad Ibn Rassoul: Auszüge aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy, Köln 1989.
- Ahmad Milad Karimi: Der Koran. Mit einer Einführung herausgegeben von Bernhard Uhde, Freuburg/ Basel/ Wien 2009.
- Al-Fiqh AL-Akbar. Die Fundamente des Glaubens von Imām Abū Ḥanifa. Übersetzung und Kommenteierung: Ali Ghandour, Duisburg 2009.
- Ebuʾl-Aʾlâ Mevdûdî: Tefhimuʾl Kurʾan. Kurʾanʾin anlami ve tefsiri, 6. Cilt, Istanbul 2006. Internetquellen
- URL: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=Herz&l=dede&in=&lf= (Stand: 17.02.2015).
- URL: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=System&l=dede&in=&lf= (Stand: 17.02.2015).

[...]


[1] Vgl. URL: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=Herz&l=dede&in=&lf= (Stand: 17.02.2015).

[2] Vgl. URL: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung?q=System&l=dede&in=&lf= (Stand: 17.02.2015).

[3] Abdul-Hussain Muslim Bin Al-Hadschadsch Al-Quscheiri An-Neisaburi (820/821 – 875 n.Chr. / 206 – 261 n.H.): Auszüge aus dem Sahih Muslim. Sammlung authentischer Ahadith des Propheten Muhammad. Mit zahlreichen Erläuterungen Imam An-Nawawis (1233 – 1277 n-Chr. / 631 – 676 n.H.). Aus dem Arabischen übersetzt von Jotiar Muhammad Bamarni, Band 1, 2. Auflage, 2013, S.63.

[4] Vgl. Ahmad Milad Karimi: Der Koran. Mit einer Einführung herausgegeben von Bernhard Uhde, Freuburg/ Basel/ Wien 2009, S.112. Sura 112: „Sag: ‚Er ist Gott, der Eine. Gott der vollkommene. Nicht hat Er gezeugt und nicht ist Er gezeugt. Und nicht gleich ist Ihm einner!‘“

[5] Vgl. Ebuʾl-Aʾlâ Mevdûdî: Tefhimuʾl Kurʾan. Kurʾanʾin anlami ve tefsiri, 6. Cilt, Istanbul 2006, S. 433.

[6] Vgl. Koran: Sura 2 Vers 156.

[7] Abū-r-Riḍāʾ Muḥammad Ibn Aḥmad Ibn Rassoul: Auszüge aus dem Ṣaḥīḥ Al-Buḫāryy, Köln 1989, S.37f.

[8] Arabische Übersetzung: „Wa al-Baʿṯu baʿda al-Mawti ḥaqqun“

Details

Seiten
6
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668464698
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v367991
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Zentrum für Islamische Theologie
Note
Schlagworte
Glaubensgrundsätze Islam sechs Glaubensgrundsätze systematische Theologie Islamische Theologie

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