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Analytische versus Hermeneutische Literaturwissenschaft? Versuch einer Verkomplizierung

Essay 2015 18 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

I. Exposition

II. Aufgabenstellung

III. „Analytische Literaturwissenschaft“ gemäss ihrem Selbstverständnis

IV. Von der Semantik zur Ästhetik: Die Selbstrelativierung der Analytischen Literaturwissenschaft bei Gottfried Gabriel und Harald Lricke

V. Die Lrage der Methode in der Sprache der Literaturwissenschaft

VI. Schluss

Bibliographie

„Nur ein ontologischer Pluralismus wird dem Weltreichtum gerecht.“[1]

Heinrich Rickert

I. Exposition

Wer die gegenwärtige literaturwissenschaftliche Theorielandschaft durchstreift, findet sich in einer von erbitterten und lang herrührenden Grabenkämpfen zerklüfteten Gegend wieder - ohne Aussicht auf baldige Befriedung. Die relevanten Streitparteien sind kaum an einer Hand abzählbar, die Zielrichtung ihrer Polemiken oft nicht klar erkennbar. Nun ist es nicht verwunderlich, dass sich einige der Antagonisten eine Strategie ausgedacht haben, um die Interpretationsflut zu bewältigen: die Vereinfachung des Problems. Dazu eilt dem nach Halt suchenden Denken eine Starre Dialektik zu Hilfe, welche sich in eine dichotomisch anmutende Erzählung ergiesst. Aus einer Vielzahl meist unverträglicher oder im besten Falle höchstens familienähnlicher Theorieansätze werden deren zwei: die Tradition einerseits, die sich der Problemlösung unfähig erwiesen hat, und die neue Problemlöserin andererseits. Das Gut und Böse der ทนท übersichtlich gewordenen, weil zweigeteilten Welt entsteht (ebenfalls kaum verwunderlich) durch eine Selbstverortung im Guten, begleitet durch den angenehmen Effekt eines echten Wir-Gefühls - und dies inmitten einer durch die „Kontinentalphilosophie“ verdorbenen Wissenschaft, in welcher sich Wahrheit und Einsamkeit des Denkers spätestens seit Nietzsche die Hand reichen. Damit sei verraten, welche Erzählung den folgenden Reflexionen als Rahmen dient: diejenige der „kleinen“ zwei Kulturen von Analytischer und Kontinentaler Philosophie. Ebendiese, spätestens seit der eingehenden Selbstrelativierung der Analytischen Philosophie kaum mehr rein dualistisch handhabbare Distinktion fand nämlich ihren Weg in den literaturwissenschaftlichen Methodendiskurs. Die vorliegenden Gedanken führen die Annahme mit sich, dass die dialektische Erzählung in der noch auszubreitenden Form eng mit dem Selbstverständnis und den wissenschaftspraktischen Forderungen der Analytischen Literaturwissenschaft verbunden werden kann. Dieses Selbstverständnis findet einen formelhaften Niederschlag im Artikel „Analytische Literaturwissenschaft“[2] des Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft1, wo es heisst:

Der Ausdruck Analytische Literaturwissenschaft ist nicht die Bezeichnung für eine eindeutig identifizierbare Schule innerhalb der Literaturwissenschaft [...], sondern wird zur Kennzeichnung all derjenigen Richtungen verwendet, die sich gegen die geisteswissenschaftlich-hermeneutische Tradition in der Literaturwissenschaft abgrenzen und sich dabei Forderungen der Analytischen Philosophie und Wissenschaftstheorie nach terminologischer Klarheit sowie logischer und empirischer Nachprüfbarkeit von wissenschaftlichen Behauptungen, Hypothesen oder Theorien zu eigen gemacht haben.[3]

Es zeigen sich hierin zwei wichtige Aspekte, die in der anstehenden Untersuchung wiederholt aufgegriffen werden sollen. Einerseits sei festgestellt, dass die analytischen Richtungen ihre Wesensbestimmung daraus ziehen, dass sie den gleichen Feind haben. Ich werde deshalb nach der Beschaffenheit des Feindeslandes fragen, das sich den Forderungen der analytischen Seite ausgesetzt sieht. บทS interessiert hier vor allem die Forderung danach, dass „die unverbindlich-pluralistische Methodenvielfalt in der Fiteraturwissenschaft [...] auf eine intersubjektiv nachprüfbare Basis gesteht werden [,..]“[4] müsse. Und andererseits können diejenigen, welche die Forderung nach einer Uniformierung der Wissenschaftspraxis Stehen, sich selbst nicht aus der Affäre ziehen, weil sie selbst „keine eindeutig identifizierbare Schule“ bilden. Selbst in den eigenen Reihen der analytischen Richtungen muss also eine Antwort auf das Problem des Pluralismus erfolgen. Ohne diese Stehe ทนท weiter zu kommentieren (denn die gesamte Abhandlung kann als Kommentar dazu aufgefasst werden), will ich ทนท versuchen, die generelle Prägung dieser manichäisch anmutenden Erzählweise in der ihr eigentümlichen übertriebenheit nachzuzeichnen, um dann die Feitfrage des Essays einzuführen.

Die analytische Tradition trat an ihren Ursprüngen mit dem Heilsversprechen auf die Bühne des Denkens, der Krisis einer für diesen neuen Geschmack allzu heterogenen und fortschrittsresistenten Metaphysik ein rasches Ende zu bereiten. Die frohe Botschaft blieb folglich auch in der Fiteraturwissenschaft nicht ungehört und fand ihren Niederschlag in der Bewegung der „Analytischen Fiteraturwissenschaft“. Die analytisch geprägten Fiteraturwissenschaftler schielten zur selbstbewusst auftretenden formalanalytischen Philosophie hinüber, die sich selbst wiederum am Exaktheitsideal der Naturwissenschaften orientiert hatte. Angewandt auf die ganze Bandbreite an Sprachen der Fiteraturwissenschaft, bediente man sich ทนท derselben Ausgrenzungsstrategie, welche die grosse Schwester in der Philosophie vorgemacht hatte. Die Dualisierung lief nämlich darauf hinaus, dass das andere Denken denunziert werden sollte, indem diesem eine Wahrheitsferne in Verbund mit einer stilistischen Nähe zur Literatur vorgeworfen wurde. Die Sprache der Metaphysik war von ทนท an blosser Gefühlsausdruck geworden, ebenso wie diejenige der Literatur und mit ihr diejenige einer Verdoppelungs- und Imitationsvorwürfen ausgesetzten Literaturwissenschaft. Das Verdikt der Sinnlosigkeit metaphysischer Sätze ist dabei der platonischen Verbannung der Dichter ebenso zum Verwechseln ähnlich wie dem Wunsche nach dem literaturwissenschaftlichen Methodenmonopol. Die strikte Sonderung von Wahrheit und Ästhetik macht den Dichter erneut zum Lügner und hält ihn auf Distanz in seinem arabesken Lügenexil. Wie kommt es ทนท, dass diese Haltung in die Literaturwissenschaft einfloss, die ja gerade solche Sprachgebilde zum Gegenstand hat, die sich der reduktionistischen Übersetzbarkeit und Logisierung im Innersten widersetzen: Dichtung und Literatur? Kann die grösstmögliche Ferne der Metasprache zur Objektsprache überhaupt ein Garant für das Verstehen derselben sein?

II. Aufgabenstellung

Es soll vorerst offen bleiben, inwieweit Adornos Diktum, dass die Übertreibung heute das alleinige Medium der Wahrheit sei, im vorliegenden Fall zutrifft. Die Feststellung einer übertriebenheit des Narrativs weist jedenfalls darauf hin, dass Achtsamkeit geboten ist bei der Prüfung der dadurch vermittelten Realität. Gehen wir ทนท aber zur Binnenhandlung über, indem wir dem bisher Gesagten bei aller übertriebenheit zumindest eine heuristische Funktion für folgenden Gedanken zubilligen: Die Feitfrage der anstehenden Untersuchung läuft auf eine Verkomplizierung der festgefahrenen und sich bei genauerer Prüfung als naiv herausstellenden Dichotomie von Analytischer und Hermeneutischer Fiteraturwissenschaft hinaus. Wir fragen nach einer Möglichkeit, Dissens und Pluralismus von ihren pejorativen Konnotationen zu befreien; nicht mit der Absicht einer Befriedung der endlosen Streitigkeiten, die ja die Bedingung der Interpretationsvielfalt stellen, sondern weil ebenjene Vielfalt der Ansätze vielleicht - im Gegensatz zu einem Strengen Methodenmonismus - im Innersten mit dem geisteswissenschaftlichen Wahrheitsanspruch zusammenhängt. Keinem der opponierenden Fager stünde meines Erachtens an, alleinigen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder Wahrheit zu erheben. Es soll dazu gezeigt werden, dass der Begriff der „Wissenschaft“ mitsamt deren „Gegenstand“ im Falle der Beschäftigung mit Fiteratur einer Relationalisierung ausgesetzt wird, sobald wir versuchen, den Pluralismus der Ansätze nicht einfach als wahrheitshemmendes Defizit zu betrachten. Denn auch wenn sich aus dieser allzu simplen Dichotomie vielleicht viele relevante Streitgespräche ergeben haben und jederzeit ergeben können, taugt diese nach meinem Dafürhalten nicht, um die in Frage stehende Sache in irgendeiner Weise adäquat wiederzugeben. In Frage steht nämlich nicht weniger als die Idealform der Literaturwissenschaft, ihrer Fragestellungen und Methoden; ja sogar die Beschaffenheit ihres Gegenstandes Literatur und ob Letztere überhaupt mit Wahrheit in Berührung treten kann beziehungsweise darf, steht in Frage. Die Begrenztheit des hier gebotenen Umfangs fordert eine Behandlung der Thematik, die sich weitgehend in der Kritik erschöpfen wird, womit eine Entschuldigung dafür angeboten sein soll, dass der positive Gehalt vielleicht ein wenig zu kurz kommt. Ein solch positiver Gehalt wird freilich am Horizont sichtbar, indem durch die Zuwendung zu Gottfried Gabriel die ganze Sache von der anderen Seite her selbst relativiert wird und sich ein Mittelweg abzuzeichnen beginnt, der in synthetischer Geste die besagte Dichotomie unter sich lässt.

III. „Analytische Literaturwissenschaft“ gemäss ihrem Selbstverständnis

In diesem Kapitel will ich zeigen, wie die Starre Dialektik, die zu Beginn aufgerollt wurde, tatsächlich in dieser „manichäischen“ Form Eingang in die deutschsprachige literaturwissenschaftliche Theoriediskussion gefunden hat. Dazu führe ich folgende Stelle an, die das Selbstverständnis der Analytischen Literaturwissenschaft emblematisch anzeigen soll. Sie entstammt dem Werk Harald Frickes, der zur analytischen Zunft zu zählen ist. Hören wir dazu im Original, welche Zulassungssatzung der Meister für seine Zunft erlassen sieht:

Ein „analytischer Literaturwissenschaftler“ wird bei seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit Dichtung die Analyse höher schätzen als die Psychoanalyse, wird beim Stichwort „Widerspruch“ zunächst an Kontradiktionen denken und nicht an Klassenantagonismen, wird stärker dem angelsächsischen Empirismus zuneigen als dem französischen Poststrukturalismus und lieber Wittgenstein als Adorno lesen. Er wird im Zweifelsfall einem Vortrag über Jakobson vor einem über Schleiermacher den Vorzug geben; und wenn er die Wahl zwischen drei gleichzeitigen Vorträgen über Nietzsche, über Frege und über Chomsky hat, wird er selbstverständlich sich ohne längere Überlegung - für den Nietzsche-Vortrag entscheiden, weil er über Frege und Chomsky eh schon alles weiss. Gelegentlich wird er sich über konservative Literaturhistoriker ärgern, die in Grundsatzdiskussionen anstelle von Argumenten nur den Elinweis auf „die Geschichtlichkeit der Literatur“ im Munde führen, und dies (frei nach Musil) so oft, wie ein anderer „Donnerstag“ sagt. Demgegenüber wird es freilich dem konservativen Kollegen nicht schwer fallen, ทนท seinerseits den analytischen Literaturwissenschaftler in nur geringfügig karikierender Weise als jemanden zu beschreiben, der das Wort „Wissenschaftlichkeit“ so oft im Munde führt, wie ein anderer „Donnerstag“ sagt - dies aber in einem so feierlichen Ton, wie ein anderer allenfalls „Sonntag“ sagt.[5]

Was bedeutet es, wenn „ein analytischer Literaturwissenschaftler“ „lieber Wittgenstein als Adorno“ liest? Wie kann man die Unkunde in Sachen Nietzsche als Wesensbestimmung eines ernstzunehmenden Geisteswissenschaftlers anführen? Lehnt der besagte Wissensträger die Vermählung von Denken und Stil aus Stilgründen ab? Entspringt die Angst vor dem Vieldeutigen folglich selbst einer paradoxalen Vieldeutigkeit der Ablehnung des Geschmacks aus Geschmacksgründen? Oder ist er einfach das Opfer der zunehmenden Spezialisierung auf Kosten eines Ganzen der Bildung - ein Opfer, welches ทนท in einer sich mündig gebärdenden Weise seine eigene Unmündigkeit bekundet?

Ich habe zunächst daran gezweifelt, ob ich diese Stelle wirklich als Beleg für die Übernahme des naiven Dualismus, den ich zu skizzieren versucht habe, anführen sollte. Diesen Zweifel nähren zwei Gründe: Zum einen könnte die unverkennbar humoristische Verkleidung des Arguments einem nahelegen, dass man den geschilderten Sachverhalt nicht so ernst zu nehmen hat. Aber bereits der Titel der Abhandlung, aus der das Zitat entnommen wurde, operiert ja mit der Zweiteilung des gesamten Feldes in „Analytische Literaturwissenschaft und traditionelle Literaturgeschichte“, um eine Bestimmung der Ersteren zu erhalten. Was ist aber die traditionelle Literaturgeschichte? Das, wogegen man sich hier abgrenzen will, ist ein Pappkamerad. Diese Ausgrenzungsstrategie zeitigt ein exklusives Selbstverständnis, worin solch plurale Ansätze wie Adorno, Psychoanalyse, Nietzsche und Poststrukturalismus unter einen Begriff subsumiert und abgelehnt werden, um hierdurch die negative Bestimmung des positivistischen Geschäfts Analytischer Literaturwissenschaft zu erhalten.

Zum anderen muss wohl eingeräumt werden, dass jede Art von Polemik zum Plakativen, zum bildhaft Verdichteten neigt. Es fragt sich dann meiner Meinung nach jedoch, inwieweit sich die jeweilige Polemik ihrer Selbstdemaskierung fähig erweist. Übertreibung und Ironie sind gut, solange sie eingestanden werden und ihr Sinn oberflächlich aus Tiefe ist und diese Tiefe die Oberflächlichkeit jederzeit als solche zu rechtfertigen vermag. Sie führen meines Erachtens aber von der Wahrheit weg, wenn sie sich aus Oberflächlichkeit tief gebärden.

Denn die Stelle nimmt durch den Humor die Kritik an sich selbst vorweg und will sich gerade dadurch gegen diese immunisieren, indem sie vorgibt, diese in sich zu bergen. Aber die Distinktion geht von nichts anderem aus, als gerade dem eigenen Selbstverständnis in vermeintlicher Problemlöserrolle. Das „Lösen“ der tiefen philosophischen Probleme durch die universelle Sinnlosigkeitserklärung verkennt gerade jenen nietzscheschen Rückbezug auf die griechische Formaffinität, weil sie die formale Logik als das einzig Wahre und tiefer als die Interpretation sehen will. Die Logik sei ein Spiegelbild der Welt[6], meinte dementsprechend der frühe Wittgenstein - glücklicherweise ein Geselle der eigenen Zunft.

Die fingierten Gegensatzpaare (Analyse VS. Psychoanalyse, angelsächsischer Empirismus VS. französischer Poststrukturalismus, Wittgenstein VS. Adorno, Jakobson VS. Schleiermacher, Frege und Chomsky VS. Nietzsche, konservativ VS. analytisch) werden aus der bestehenden Wissenschaftspraxis abgeleitet. (Theoretisch lassen sich damit kaum ernsthaft vertretbare Kategorisierungen vornehmen.) Diese pragmatische Färbung des Arguments erinnert an c. p. Snows Rede The Two Cultures von 1959[7]. Auch dort wird die Trennung zweier Kulturen vor allem auf der Ebene der Wissenschaftspraxis beschrieben. Der Geisteswissenschaftler liest nicht dieselben Bücher wie der Naturwissenschaftler, weshalb sich beide nichts zu sagen haben, und wenn, dann reden sie aneinander vorbei. Zwischen den beiden Kulturen klafft ein „Abgrund gegenseitigen Unverständnisses“[8]. Die Aufspaltung führt bei Snow also zu einer beklagenswerten (!) Unfähigkeit zur Verständigung. Hier wird diese Unfähigkeit allerdings zugleich Programm, indem die Tabuisierung anderer Denkweisen im Namen der analytischen Methodentreue zur vermeintlichen Tugend umgemünzt wird. Man entwirft hier ein Bild von sich selbst, indem man entscheidet, wer nicht dazugehört. Die Beschreibung dieser Verhältnisse spiegelt in ihrer übertriebenheit die Tendenz zur Simplifizierung zwar auf „beiden Seiten“ wider. Fricke ist sich der Fachhaftigkeit einer wissenschaftlichen Parteipolitik wohl bewusst. Aber: Auch wenn er sich darüber mehr mokiert als ein Soll analytischer Praxis heraufzubeschwören, fehlt mir die entscheidende Wendung weg von der Parteigängerei. Denn die Dichotomie bleibt auch als Façon de parier erhalten; sie war genaugenommen nie etwas anderes als eine blosse Redeweise gewesen. Das dialektische Selbstverständnis der analytischen Schule impliziert allerdings die Auffassung, den Kampf eben dadurch zu gewinnen, dass diese alles Gerede traditioneller Fiteraturwissenschaft hinter sich lasse und somit endlich etwas Tieferes als eine Redeweise vorweisen könne: die Sprachanalyse. Dies führt bei Fricke zu absurden Disqualifizierungsurteilen, die das „gegenseitige Unverständnis“ bewusst zu wollen scheinen. In seiner Einleitung zu den Akten des IX. Germanistischen Symposions in Würzburg 1986, bedient er sich einiger Kategorisierungen, die das Selbstverständnis der analytischen Richtungen veranschaulichen. So sehen sich Fricke und Verbündete einer „Disziplinlosigkeit des Redens“ gegenüber, der sie durch eine „mit Genauigkeit gepaarte[n] Verständlichkeit“[9] begegnen. Ich frage mich hierbei: Ist denn Unmissverständlichkeit nur auf einem Wege realisierbar? Ist dieser Gegensatz überhaupt plausibel? Kann eine gewisse „Disziplinlosigkeit“ im Sinne einer der Stallwärme des Normalen entlaufenen Einsamkeit nicht auch, gänzlich nicht-pejorativ konnotiert, als Bedingung der Möglichkeit der Leuchtkraft eines Denkgebildes verstanden werden?

In Frickes Kosmos sind die Mächte des Guten und des Bösen zum Glück einfach zu bestimmen: Böse sind die „Freunde des undisziplinierten Daherredens“ (zu denen dann übrigens - ob zutreffend oder nicht sei dahingestellt - Denker wie Jacques Derrida gehören würden) und gut sind die Anhänger „terminologischer Explizitheit“, die eben „zu humanerem, weil jederzeit diskussionsfähigem Kommunizieren“[10] fähig sind. Es ist offenkundig, dass diese sture Zweiteilung auch von Fricke selbst eigentlich als etwas Lächerliches empfunden wird. Sonst könnte er sich nicht in dieser Weise über die Schlagwortversessenheit („Geschichtlichkeit der Literatur“ und „Wissenschaftlichkeit“) beider Seiten mokieren. Ich frage mich aber, worin diese Teilung eigentlich transzendiert wird, solange sie ihre Selbstverschuldung nicht eingesteht. Denn vor dem Auftritt der Analytischen Philosophie in den Vereinigten Staaten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sprach niemand in kategorisierender Absicht von „Kontinentalphilosophie“. (Dasselbe Muster zeigt sich bei der Analytischen Literaturwissenschaft, die ein Kind der Methodendiskussion der 1960er und 1970er in Deutschland zu sein scheint.[11] ) Es gab kein Selbstverständnis, das sich freiwillig hinter diesem Etikett verbarg. Und gemäss diesem historischen Tatbestand sollte sich die hierbei ausgegrenzte Seite dagegen wehren, ihrer Pluralität jenen Stempel aufdrücken zu lassen, den sie von der wissenschaftlichen Seite erhält. Das Kontrastverhältnis ist aus kontinentaler Sicht nämlich gänzlich fremdbestimmt und kann unter anderem auch deshalb von der Metaposition aus, welche jede Wissenschaftstheorie, die Anspruch auf die Darstellung des Ganzen erhebt, einnehmen sollte, nicht plausibel vertreten werden. Geschieht

[...]


[1] Rickert, Heinrich: Thesen zum System der Philosophie. In: Neukantianismus. Texte der Marburger und der Südwestdeutschen Schule, ihrer Vorläufer und Kritiker. Mit Eint. น. hg. V. H.-L. Ollig, Stuttgart 1982, S. 176.

[2] Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (RLW) ist selbst ein Kind des analytischen Einbruchs in den Methodenstreit. Seine Aufgabe wird in der Präzisierung und terminologischen Klärung des literaturwissenschaftlichen Begriffsarsenals gesehen. Ich komme im Verlauf dieses Kapitels noch einmal im Zusammenhang mit dem Werk Harald Flickes darauf zurück.

[3] Freundlieb, Dieter, Art. Analytische Philosophie, in: RLW 1 (1997), S. 79.

[4] Ebd., S. 80.

[5] Fricke, Harald: Analytische Literaturwissenschaft und traditionelle Literaturgeschichte. In: Analytische Literaturwissenschaft. Hg. V. Peter Finke น. Siegfried J. Schmidt, Braunschweig 1984, S. 41f.

[6] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt a. M. 2003, S. 98 (6.13).

[7] Als Druck erschienen in: Snow, Charles Percy: The Two Cultures and the Scientific Revolution, Cambridge 1960.

[8] SNOW 1960, S. 3.

[9] Fricke, Harald: Einführung zum 1. Tag, in: Zur Terminologie der Literaturwissenschaft. Tig. V. Christian Wagenknecht, Würzburg 1986, S. 5.

[10] “’EM. S. 8.

[11] Vgl. Freundlieb, Dieter, Art. Analytische Philosophie, in: RLW 1 (1997), S. 79.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668468535
ISBN (Buch)
9783668468542
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368445
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
1.0
Schlagworte
Hermeneutik Analytische Philosophie Analytische Literaturwissenschaft Fricke Rickert Philosophie

Autor

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