Lade Inhalt...

Was ist ein soziologischer Tatbestand?

Ausarbeitung aus Emile Durkheims "Die Regeln der soziologischen Methode mit dem Schwerpunkt auf der Frage, was der Begriff des soziologischen Tatbestandes nach Durkheim bedeutet"

Ausarbeitung 2015 9 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist ein soziologischer Tatbestand?
2.1. Außerdindividuell
2.2. Zwangscharakter
2.3. Sozialisierung

3. Die Regeln der soziologischen Methode

4. Literaturverzeichnis

WAS IST EIN SOZIOLOGISCHER TATBESTAND?

„Das Gefühl ist Gegenstand der Wissenschaft, aber kein Kriterium der wissenschaftlichen Wahrheit.“

Durkheim 1895, 130

1. Einleitung

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die schriftliche Ausarbeitung eines Referats zum Auszug aus Emile Durkheims Die Regeln der soziologischen Methode mit dem Schwer­punkt auf der Frage, was der Begriff des soziologischen Tatbestandes nach Durkheim be­deutet. In seinem 1895 erschienenen Buch Die Regeln der soziologischen Methode skizziert Durkheim eine Herangehensweise, die auf die wissenschaftliche Ergründung des sozialen Lebens gerichtet ist. Entstanden ist das Werk in Paris nach einem Zeitalter der Revolutionen befindet sich Frankreich nun in einer Zeit der Restauration und Industrialisierung.[1]

Die im Buch beschriebenen Methoden sollen die Erforschung und Erklärung der damals recht jungen Wissenschaft, der Soziologie fundieren. Der Schlüssel dazu ist die Theorie des soziologischen Tatbestandes. Er ist Gegenstand der Untersuchung in der Soziologie und Grundlage für das Verstehen sozialen Verhaltens.

2. Was ist ein soziologischer Tatbestand?

Das soziale Leben als Forschungsobjekt ist auf den ersten Blick ein Gemisch verschiedenar­tigster Kausalzusammenhänge, die jeweils durch einen bestimmten Wissenschaftszweig gedeutet werden können. Jede Lebensäußerung eines jeden menschlichen Individuums ist von sozialer Natur – das kann jedoch nicht hinreichend einen sozialen Tatbestand kenn­zeichnen, denn sonst wäre alles sozialer Tatbestand:

Jedes Individuum trinkt, schläft, isst, denkt, und die Gesellschaft ist daran interessiert, dass diese Funktionen regelmäßig vor sich gehen. Diese würden aber mit dem Gebiet der Biolo­gie und der Psychologie zusammen und gäbe es keinen besonderen Gegenstand der Sozi­ologie (vgl. 105).

2.1. Außerdindividuell

Demgegenüber verweist Durkheim auf soziale Funktionen/ Pflichten, die deswegen objektiv sind, weil sie nicht vom Einzelnen abhängig sind, sondern über die Individuen hinaus und der Sphäre ihres Willens eine Geltung besitzen.

Soziale Tatsachen sind fertig vorgefunden. Sie führen ein unabhängiges Leben und existie­ren außerhalb einer Person bzw. außerhalb des individuellen Bewusstseins. Als Beispiele hierfür führt Durkheim u.a. die Stellung innerhalb eines Verwandschaftssystems, Glaubenss­ätze einer Religion, Pflichten, das Zeichensystem einer Sprache oder das Münzsystem an.

Durkheim liefert mehrere Annäherungen an eine Begriffsbestimmung des soziologischen Tatbestandes. Diese Erklärungsversuche ermöglichen es später jedoch, den Sinn seiner Definition umfassender zu verstehen. Durkheims erste Annäherung an den Begriff, sieht zu­nächst so aus: „Wir finden also besondere Arten des Handelns, Denkens, Fühlens, deren wesentliche Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie außerhalb des individuellen Bewußtseins existieren.“ (106)

2.2. Zwangscharakter

Aber diese Begriffsbestimmung ist so noch nicht vollständig. Soziale Tatsachen sind mit ei­ner gewissen Macht ausgestattet, die sich gegen einzelne Personen richten kann. Sie wirken mit einer gewissen Zwanghaftigkeit auf das Individuum. Wer sich den Typen des Verhaltens/ Denkens der Gesellschaft willig fügt, mag diesen Zwang möglicherweise gar nicht empfin­den, aber er wird bei jedem Abweichen sofort offenbar. Handelt das Individuum wider den sozialen Tatsachen kann das Sanktionierungen nach sich ziehen. Als Beispiele für eine sol­che Sanktionierung führt Durkheim u.a. die öffentliche Meinung, Spott gegenüber Abwei­chung von der Kleidungs- oder Verhaltensnorm sowie die Notwendigkeit mit seinen Lands­leuten in Frankreich französisch zu sprechen, wenn er verstanden werden möchte.

Durkheim liefert also einen erneuten Definitionsansatz:

„Hier liegt also eine Klasse von Tatbeständen von sehr speziellem Charakter vor: sie bestehen in besonderen Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die außerhalb der Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft deren sie sich ihnen aufdrängen.“ (107)

Was unterscheidet nun soziale Tatbestände von anderen Handlungs- oder Existenzweisen? Sie sind keine organischen/ biologischen Erscheinungen, denn sie sind geistiger Natur und bestehen aus Vorstellungen und Handlungen. Sie sind auch keine psychischen Erscheinun­gen, denn sie erschöpfen sich nicht wie diese im Bewusstsein der Einzelnen. Daraus kann man folgern, dass das Soziale eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den einzelnen Ge­sellschaftsmitgliedern hat, oder mehr noch vornehmlich als Zwang auftritt. Durkheim ist der Meinung, dass die Mehrzahl unserer Gedanken, nicht in uns selbst entstehen, sondern von außen auf uns einströmen. (vgl. 107)

Anhand der von Durkheim in seinem Werk genannten Beispiele (Rechtsnormen, Finanzsys­teme, religiöse Dogmen) könnte die Annahme aufkommen, dass es keinen sozialen Tatbe­stand ohne bestimmte Organisation/ „kristallisierte Form“ gibt. Durkheim weist jedoch darauf hin, dass noch andere Erscheinungen existieren: soziale Strömungen.

Durkheim erklärt diese Erscheinungen anhand des Phänomens der Masse. Im Laufe einer Versammlung kann es zu Gefühlsausbrüchen (Wut, Euphorie, etc.) der Masse kommen, die das Individuum mit sich fortreißen. Sie entstehen jedoch nicht im Individuum selbst, sondern dringen von außen in es ein.

Der hier wirkende Zwang wird ebenfalls erst dann bemerkbar, wenn man versucht sich da­gegen aufzulehnen. Der Druck der Masse kann sich aber nicht nur kurzfristig z.B. auf Ge­mütszustände auswirken, sondern auch auf dauerhaftere Meinungsströmungen, ob in der gesamten Gesellschaft oder Teilgebieten davon, z.B. auf dem Gebiete der Politik, der Reli­gion und der Literatur.

2.3. Sozialisierung

Neben dem Phänomen der Masse gibt Durkheim noch weitere Beispiele für soziale Strö­mungen: Regelmäßigkeiten im alltäglichen Verhalten wie Ess- und Schlafgewohnheiten, Höflichkeitsformen etc.. Durkheim verweist darauf, dass solche „Gewohnheiten“ aus Erzie­hung und Sozialisierung entspringen. Gerade in der Erziehung stellt Durkheim jedoch den damit verbundenen Zwangscharakter heraus. Wir zwingen das Kind zu bestimmten Stunden zu schlafen oder zu essen, in einer bestimmten Art zu fühlen und zu denken. Wenn dieser Zwang nicht mehr empfunden wird, dann nur, weil er nach und nach Gewohnheiten und in­nere Tendenzen entstehen lässt und wir den Zwang so sehr verinnerlicht haben, dass er uns nicht mehr wie etwas Äußeres erscheint.

Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die „individuelle Inkarnation“ eines sozialen Tatbestan­des nicht der Tatbestand selbst ist. Es kommt ihm auf die soziale Form an, auf die Gesamt­heit eines bestimmten Handlungsmusters, die mehr ist, als nur die Summe ähnlicher oder gleicher Handlungen. Soziale Tatbestände „bilden eine Realität sui generis [lat.: eigener Art], die sich von den individuellen Handlungen, in denen sie sich offenbart, vollständig unterscheidet. […] Keine dieser Normen geht vollständig in den Anwendungen auf, die die Einzelnen von ihr machen, da sie ja vorhanden sein können, ohne wirklich angewendet zu werden.“ (109f)

Soziale Tatbestände sind (mit Hilfe von Statistiken) von ihren individuellen Ausstrahlungen zu trennen. Sie drücken einen bestimmten Zustand des Kollektivgeistes aus. Soziale Phä­nomene sind nicht allgemein, weil sie kollektiv sind (bottom up), sondern sie sind kollektiv, weil sie allgemein sind (top down). Der Zustand der Gruppe drängt sich den Einzelnen auf und wiederholt sich deshalb in ihnen. „Er ist in jedem Teil, weil er im Ganzen ist, und er ist nicht im Ganzen, weil er in den Teilen ist.“ (111)

Alle Tatbestände sind Arten des Handelns (112), bzw. gefestigte Arten des Handelns (113). Sie sind auch entgegen eines oberflächlichen Anscheins immer auf Formen des Handelns/ Denkens oder Fühlens zurückzuführen, und wie Durkheim es nennt kristallisiertes Leben.

Abschließend kommt Durkheim zu einer letzten, fertigen Definition sozialer Tatbestände:

„Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereiche einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt.“ (114)

3. Die Regeln der soziologischen Methode

Zu Beginn dieses Abschnittes erklärt Durkheim es zur grundlegendsten Regel, dass soziale Tatbestände wie Dinge zu behandeln sind. Er stellt die These auf, dass Menschen, schon bevor sie genauerere Untersuchungen an einem bestimmten Gegenstandsgebiet anstellen, bereits gewisse Vorstellungen und Begriffe von diesem Gebiet besitzen. Der Mensch kann nicht anders, als sich über die Dinge, nach denen er sein Verhalten richtet, Gedanken zu machen. „Das Nachdenken geht eben der Wissenschaft voraus, die es nur mit mehr Methode zu handhaben versteht.“ (115)

Daraus entsteht das Risiko der Selbstreferentialität des Denkens, d.h. wir nehmen das menschliche Nachdenken wichtiger als den Gegenstand, auf den das Nachdenken gerichtet ist. Anstatt die Dinge zu beobachten/ zu analysieren, neigt der Mensch dazu, uns mit dem Bewusstwerden unserer Ideen zu begnügen und stattdessen diese zu analysieren. Wir be­fassen uns also nicht mit den Realitäten der Wissenschaft, sondern betreiben nur ideologi­sche Analyse.

Durkheim will jedoch nicht lediglich erforschen wie sich Wirklichkeit im alltäglichen Bewusst­sein darstellt, sondern seine Forschung soll selbst wirklichkeitsbasiert sein. Es geht um wirk­liche Phänomene, nicht nur um Begriffe.

Francis Bacons[2] Begriffe notiones vulgares [lat.: vulgäre Begriffe] und praenotiones [Vorbe­griffe] entspringen der Alltagspraxis und sind Hilfskonstruktionen, die jedoch die Wirk­lichkeit verzerren. In dem Fall, dass diese praenotiones unmittelbar in die Wissenschaft übernommen werden, besteht die Gefahr sie selbst für die Wirklichkeit zu nehmen.

Nun ist gerade die Soziologie anfällig dafür, diese Vorbegriffe, also die praenotiones, die Geister beherrschen und an die Stelle der Dinge treten zu lassen.

In Abgrenzung zu Auguste Comte[3], der von einer ununterbrochenen Entwicklung des Men­schen hin zur Vollkommenheit ausgeht, argumentiert Durkheim gegen die Vorstellung der Entwicklung der Menschheit als eine einfache Fortschrittsgeschichte. Diese ununterbrochene Entwicklung der Menschheit existiert nicht. Ein Volk, das ein anderes ersetzt, ist keine Fort­setzung, es ist vielmehr ein anderes/ (zumindest in Teilen) neues und all diese verschiede­nen Individualitäten können nicht in eine einzige (fortlaufende) Reihe gestellt werden.

Durch die Annahme, dass die Geschichte reihenmäßig verläuft wird außer Acht gelassen, dass die soziale Entwicklung nicht mit der Entwicklung irgendeiner menschlichen Idee gleichzusetzen ist (vgl. 119). Mit einem derartigen Verfahren würde man allerdings in der Ideologie stecken bleiben.

Durkheim verfolgt den Grundsatz, dass soziale Phänomene nicht lediglich Ergebnis oder Wirkung von Ideen sind, aus denen sie abgeleitet werden, sondern sie führen ein wirkliches Eigenleben.

[...]


[1] Vgl. Paris im 19. Jahrhundert http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/WISSENSFUTTER-Paris-im-19.-Jahrhundert.html [16.04.2016]

[2] Francis Bacon (1561–1626), englischer Philosoph, Begründer des Empirismus, Wegbereiter der Soziologie; Quelle: http://www.philolex.de/baconfr.htm [16.04.2016]

[3] Auguste Comte [1798–1857], französischer Philosoph, Mitbegründer der Soziologie und des Positivismus; Quelle: http://plato.stanford.edu/entries/comte/ [16.04.2016]

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668485457
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v368867
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Emile Durkheim Regeln Soziologie soziologischer Tatbestand Indiviuelle Verhaltensmuster Menschen Gesellschaft Verhalten

Autor

Zurück

Titel: Was ist ein soziologischer Tatbestand?