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Häusliche Arbeitsteilung in Paarbeziehungen

Unter besonderer Berücksichtigung von Jean-Claude Kaufmann 1995. "Schmutzige Wäsche. Zur Ehelichen Konstruktion von Alltag"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 19 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Innerhäusliche Arbeitsteilung
Begriffsbestimmungen
Historischer Wandel

Erklärungsansätze
Zusammenfassung verschiedener Ansätze
Die Illusion der Emanzipation
Jean-Claude Kaufmann

Schlussfolgerung

Literatur

„Das Bisschen Haushalt...sagt Mein Mann“

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein - Sagt mein Mann

Das bisschen Haushalt kann so schlimm nicht sein - Sagt mein Mann

Wie eine Frau sich überhaupt beklagen kann - Ist unbegreiflich, sagt mein Mann (…)

Er muß zur Firma geh'n tagein tagaus - Sagt mein Mann

Die Frau Gemahlin ruht sich aus zu Haus - Sagt mein Mann

Daß ich auf Knien meinem Schöpfer danken kann - Wie gut ich's habe, sagt mein Mann“

Music/Words: Hans Bradtke, Henry Mayer; Interpret: Johanna Von Koczian

Single (Philips/6003 328) 1977

Einleitung

Der Schlager von 1977 “Das bisschen Haushalt” zeigt eindrucksvoll auf, wie die Aufteilung sowie Anerkennung von Haus- und Erwerbsarbeit über Generationen hinweg zwischen den Geschlechtern aufgeteilt war. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Lebenszusammenhänger der Frauen in der (deutschen) Gesellschaft stark verändert: durch das erste Ehereformgesetz (1977) wurde das Leitbild der „Hausfrauenehe“ hin zu einer gleichberechtigten Ehe im Gesetz verändert und Frauen war es vermehrt möglich, selbstbestimmt zu Leben und erwerbstätig zu sein. Die Chancen auf Bildung, Erwerbstätigkeit und Karriere sind deutlich gestiegen (vgl. Geissler/Oechsle 1996: 15). Durch modernisierte Rollenauffassungen, Selbstverwirklichungswünschen, aber auch durch die hohe Scheidungsrate und damit verbundenes hohes finanzielles Risiko für die „versorgte“ Person, hat sich das traditionelle Alleinverdienermodell zunehmend zu Doppelversorgermodellen hin entwickelt (vgl. Haberkern 2007: 160, BMFSFJ 2006: 129).

Frauen haben ihre Position gegenüber den Männern deutlich verbessert und man könnte erwarten, dass sich diese Veränderung auch auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den Haushalten ausgewirkt hat. Jedoch haben Männern auf diese Modernisierung kaum mit einer größeren Beteiligung an häuslichen Aufgaben reagiert, da diese nach wie vor zu einem großen Teil von Frauen verrichtet werden.

Die nur allmählich einsetzende Umwandlung der Arbeitsteilung ist durchaus von öffentlichem Interesse, da sie sich auf die Erwerbsmöglichkeiten der Frauen, der Familienbildung und -erweiterung, Paarstabilität sowie physische und psychische Gesundheit auswirken kann (vgl. Schmitt, Trappe, Wengler 2008: 13, Bmfsfj 2006: 131). Aus diesem Grund stellt die innerfamiliäre Arbeitsteilung seit Jahren ein wichtiges Thema der Frauen- und Geschlechterforschung dar (vgl. Kerschkens 2010: 3). Durch die zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen, steigt der Anspruch der Gleichverteilung der Hausarbeit, da die verfügbare Zeit für unbezahlte Tätigkeiten reduzierter und damit die Gefahr einer Doppel- oder Dreifachbelastung gegeben ist. Dieser Zustand stellt einer der Gründe der soziologischen und gesellschaftspolitischen Forschungswissenschaft seit den 1970er Jahren dar, die die jeweilige Hausarbeitsbeteiligung der Frauen und Männer untersuchen (vgl. Schmitt/ Trappe/ Wengler 2008: 15).

Diese Arbeit widmet sich der Frage, wie diese Koexistenz von modernen, egalitären und traditionellen Denken und Handeln zu erklären ist. Ist es auf rein rationalen, ökonomischen Kalkülen begründet oder doch durch gesellschaftlich reproduzierten Geschlechterrollen bestimmt? Und Weshalb ergibt sich trotz egalitären Denkens traditionelles Handeln? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Hierfür wird zunächst der Begriff der „innerfamiliären Arbeitsteilung“ genauer beleuchtet sowie der historische Verlauf von „Partnerschaft“ und „Hausarbeit“ aufgezeigt. Anschließend werden die populären Erklärungsansätze vorgestellt, um abschließend auf Jean-Claude Kaufmanns Erkenntnisse einzugehen.

Innerhäusliche Arbeitsteilung

Der Haushalt stellt die Grundlage für ein geregeltes Leben Zuhause und damit verbundenes Erwerbsleben außerhalb der Familie oder Beziehung dar. Haushalt lässt sich als die Gesamtheit der Arbeitsleistungen innerhalb einer Familie und Wohngemeinschaft definieren, die erbracht werden müssen, um die physische und psychische Reproduktion aller Haushaltsmitglieder zu gewährleisten (vgl. BMFSFJ 2006: 131). Die im Haushalt und in der Familie anfallenden Aufgaben können auf unterschiedliche Weise zwischen den Partner verteilt oder an Dritte delegiert werden.

Begriffsbestimmungen

Allgemein kann die in einem Haushalt zu leistende Arbeit in bezahlte Produktionsarbeit und unbezahlte Reproduktionsarbeit unterteilt werden. Die beiden Arbeitsbereiche, bezahlt gegen unbezahlt, stehen in zeitlicher Konkurrenz zueinander. Unter Produktionsarbeit fallen jegliche Tätigkeiten, die der finanziellen Versorgung dienen, während die Reproduktionsarbeit alle dringend erforderlichen Handlungen für das Wohlergehen der Haushaltsmitglieder umfasst. Darunter fallen jegliche Hauswirtschafts-(Einkaufen, Waschen, Putzen, Kochen etc.) und handwerkliche Arbeiten (Gartenarbeit, Reparaturen am Haus etc.) sowie Elternaufgaben und personenbezogene Leistungen (Kinderbetreuung, Erziehen, Pflege von Familienangehöriger, Emotionsarbeit etc.) (vgl. Steinbach 2004: 1f; Jürgens 2010: 562f).

Es lassen sich zwei im Prinzip konträre Hauptmodelle der Arbeitsteilung unterscheiden. Das traditionelle Familienmodell zeichnet sich durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aus, bei der der Mann die Produktionsarbeit und damit die finanzielle Versorgung übernimmt, während die Frau sich der unbezahlten Arbeit im Haushalt und der Familie widmet. Innerhalb dieser Reproduktionsarbeit übernimmt der Mann lediglich handwerkliche und versorgende Tätigkeiten wie beispielsweise Reparaturen und Autopflege (vgl. Koppetsch/ Burkart 1999: 45, Steinbach 2004: 4). Unter der egalitären Arbeitsteilung wird allgemein eine nichttraditionelle, geschlechtsunspezifische Aufteilung der zu leistenden Arbeit verstanden. Demnach wird „gleichberechtig“ die Haus- und Familienarbeit sowie Erwerbstätigkeit zwischen den Haushaltsangehörigen verteilt (vgl. Steinbach 2004: 5).

Werden die Aufgaben zwischen den Haushaltsmitgliedern nicht „gleich“ verteilt, kann es zu einer Doppel- und Dreifachbelastung für diejenige Person kommen, die sowohl die finanzielle Versorgung als auch den Großteil der Haushaltstätigkeiten und Reproduktionsarbeiten übernimmt. In der heutigen Zeit sind überwiegend Frauen von dieser Belastung betroffen, die sich beruflich verwirklichen oder finanziell unabhängig sein wollen und dennoch parallel Haus-, Betreuungs- und Pflegearbeiten erledigen (vgl. BMFSFJ 2006: 129, Steinbach 2004: 5). Hierbei stellt sich die Frage, weshalb nach wie vor die Aufteilung scheinbar geschlechtsspezifisch erfolgt, obwohl die Frauen in der Erwerbswelt angekommen und damit ähnlich zeitlich eingeschränkt und finanziell unabhängig wie die Männer sind? Um sich einer möglichen Antwort hierzu zu nähern, muss im Folgenden die Entwicklung von Paarbeziehungen unter Berücksichtigung der jeweiligen Leitbilder und Arbeitsmarktbedingungen vom Zeitpunkt der Trennung von Erwerbstätigkeit und Privatleben betrachtet werden.

Historischer Wandel

Paarbeziehungen haben im Lauf der Generationen einen Bedeutungswandel durchlebt (vgl. Wimbauer 2003: 79-87). Liebe entwickelte sich dabei von einem Konzept eher philosophischer oder religiöser Relevanz zu einem Störfaktor in materiell orientierten Versorgungsgemeinschaften der Vor- und Frühmoderne. Schließlich erhielt sie als Komponente eines romantischen Beziehungsideals zentrale Funktion in der Aufrechterhaltung des männlichen Ernährermodells. Die damit einhergehende Trennung von Erwerbsarbeit und Privatsphäre führt jedoch auch im gegenwärtigen Partnerschaftsideal zu der oben genannten Problematik bezüglich Arbeitsteilung, Überlastung und sozialer Ungleichheit.

Das Familienernährermodell mit geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung kam in den 1950er und 1960er Jahren zu voller Blüte, hat aber eine lange Vorgeschichte. Voraussetzung für seine Entstehung war die mit der Industrialisierung einhergehende Trennung von Erwerbs- und Privatsphäre sowie die Entstehung des Bürgertums.

Die oben erwähnte spezifische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern orientierte sich wiederum an polarisierten Geschlechtscharakteren, die kontrastierende, weibliche bzw. männliche Wesensarten von der jeweiligen physiologischen Beschaffenheit ableiteten. Diese charakterisieren Männer als Ernährer und weisen Frauen die Aufgabe zu, den Haushalt zu verwalten und ihre Familiengemeinschaft zu versorgen. Darauf aufbauend brachte eine Gleichschaltung von Arbeits-, Familien-, Sozial- und Steuerrecht Frauen in Form eines Sekundärpatriarchalismus unter die ökonomisch begründete Vormundschaft eines Ehemannes (vgl. Beer 1990: 152-257).

Die subsequente geschlechtliche Segregation des Arbeitsmarkts, auf dem Frauen sich neben der Hausarbeit besonders in prekären Beschäftigungsverhältnissen konzentrieren, stützte die ökonomische Vorherrschaft der Ehemänner weiter, indem es ihnen eine einseitige/ausschließliche Orientierung an Erwerbstätigkeit ermöglichte. Gleichzeitig wurde hiermit ein asymmetrisches Anerkennungsverhältnis begründet: Frauen sind durch ihre Verortung im Privathaushalt nicht nur finanziell vom Ehemann abhängig, sondern auch von der leistungsgebundenen Anerkennung im Zuge von Erwerbsarbeit ausgeschlossen, während Männer sowohl in die Anerkennungssphäre Erwerbsarbeit als auch in die der Liebe integriert sind (vgl. Wimbauer 2010: 168f.).

Dieses Arrangement wurde durch das romantische Liebesideal legitimiert, welches eine wechselseitige, gefühlsmäßige Verbundenheit vorsieht, die auf der jeweils gegenseitigen Höchstrelevanz als Persönlichkeiten basiert (vgl. Lenz 2009: 275-280; Tyrell 1987: 570-583). Dieses auf die Schriftsteller der Romantik zurückgehende Konzept entwickelte sich im 20. Jahrhundert vom anzustrebenden Ideal zum (empirischen) Massenphänomen. Erst nachdem institutionelle Hürden wie Heiratsbeschränkungen gefallen waren, die ökonomischen Bedingungen die alleinige Absicherung durch einen Haupteinkommensbezieher erlaubten und das männliche Normalarbeitsverhältnis staatlich verankert worden war (vgl. Henninger/Wimbauer 2009: 103f), avancierte die Ehe in ihrer Verknüpfung von romantischer Liebe mit dem Modell des männlichen Familienernährers zu einer „kulturellen Selbstverständlichkeit“ (Lenz 2009: 17).

Die in den 1960er Jahren beginnende Bildungsexpansion und die Frauenbewegung der 1970er Jahre verunsichern das Modell eines idealtypischen Familienernährers mit wirtschaftlich abhängiger Hausfrau seit den 1980er Jahren (vgl. Wimbauer 2010: 169f.): auf Basis angeglichener Bildungschancen und einer steigenden Erwerbsorientierung strebten Frauen die Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung an, welche ihnen ein eigenes Erwerbseinkommen eröffnet bzw. zu eröffnen schien. Diese Entwicklung wurde oft durch finanzielle Überlegungen und Zwangslagen begünstigt. Parallel dazu kommt es im Privatleben zu einer Pluralisierung der Lebensformen (vgl. Lenz 2009: 19-23), was Entwicklungen jenseits des männlichen Ernährermodells umfasst, die mit einer Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie einhergehen (vgl. Tyrell 1990; Wimbauer 2012: 110f.).

In der Soziologie wird seit den 1980er Jahren ein Leitbildwandel innerhalb von Paarbeziehungen ausgemacht (vgl. Henninger/Wimbauer 2009: 105f.). So steht der romantischen Liebe zunehmend die egalitäre Beziehung als Ausdruck partnerschaftlicher Liebe als neuem Leitbild gegenüber (vgl. Lenz 2009: 286ff). Laut Anthony Giddens (1992) drückt sich die partnerschaftliche Liebe als „pure relationship“ (ebd. 2) aus, die eine „relationship of sexual and emotional equality“ (ebd.) darstellt. Sie ist aus sich selbst begründet, reflexiv organisiert und wird immer wieder hinsichtlich des Nutzens der Beziehung für die Individuen emotional und rational betrachtet. Entspricht eine Beziehung also nicht mehr den eigenen Ansprüchen, z.B. in Bezug auf Egalität, Gegenseitigkeit oder Authentizität, kommt es unter Umständen zur Trennung. Gerade der Verzicht auf geschlechterdifferente Rollenerwartungen scheint partnerschaftliche Beziehungen zerbrechlicher zu machen (vgl. Giddens 1992; Wimbauer 2003). Vermutungen über die Risiken von egalitären Beziehungen scheinen insgesamt voreilig, denn Partnerschaftlichkeit bleibt weiterhin eine Wunschvorstellung. Zwar befürwortet inzwischen nur noch eine Minderheit die klassische Rollenverteilung (vgl. Peuckert 2012: 415f.). Doch auch Paare, die ein egalitäres Geschlechterarrangement anstreben, reproduzieren alte Ungleichheiten in der Arbeitsteilung (vgl. Koppetsch/Burkart 1999: 145-201). So übernehmen Frauen trotz egalitären Leitbild weiterhin den Großteil der Familienarbeit und unterbrechen nach Geburt von Kindern ihre Erwerbstätigkeit öfter und länger als Männer, was wiederrum bleibende Einkommensrückstände hervorruft (z. B. Destatis 2003: 14-18, 22-26). Weshalb, trotz veränderter Leitbilder und Bedingungen nach wie vor die Arbeitsteilung geschlechtsspezifisch ungleich verteilt ist, versuchen verschiedene Ansätze zu erklären.

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Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668469624
ISBN (Buch)
9783668469631
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369259
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut der Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Häusliche Arbeitsteilung Paarbeziehung Die Illusion der Emanzipation Jean-Claude Kaufmann Hausarbeit Familienmodelle Traditionell egalitär Geschlechterforschung

Autor

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Titel: Häusliche Arbeitsteilung in Paarbeziehungen