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Der Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden. Zu Thomas Manns "Bilse und ich", "Tonio Kröger" und "Schwere Stunde"

Essay 2013 5 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Thomas Manns Werk zeichnet sich durch eine reflektierende Betrachtung seiner Umwelt aus. Er sieht sich als Literat in der Pflicht, die Ursachen der Dinge scharfsinnig aufzuspüren und somit in seiner Rolle des Künstlers gleichsam die des Kritikers zu erfüllen. In Thomas Manns kritischem Dichtertum paaren sich folglich Kunst und Erkenntnis, also Kunst und intellektuelles Durch­schauen, kritisches Entlarven und Desillusionieren. Dies ist als Ursache dafür anzusehen, dass seine Werke oft analysierend kühl und sogar feindselig erschein en, was ihm von verschiedenen Seiten immer wieder vorgeworfen wurde. In seinem Essay „Bilse und ich“ von 1906 unternimmt Mann den Versuch einer Rechtfertigung seines durchschauenden Kritizismus', der lediglich den „Anschein von Feindseligkeit“[1]erwecke. Er weist darauf hin, dass der erkennende Künstler im­mer auch ein Leidender sei, der durch die Überwindung des Leidens zum Helden werde. Dieser Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden soll im Folgenden vor dem Hintergrund der Erzäh­lungen 'Tonio Kröger und Schwere Stunde genauer beleuchtet werden.

In seinem Essay spricht Mann von sich als Künstler, der „erkennen und gestalten“ (106) will und von seiner Umwelt eher zu bemitleiden, als zu rügen sei, da er an der Erkenntnis leide. Um die­sen Sachverhalt besser verstehen zu können, ist eine Charakterisierung des Künstlers aus Manns Erzählung Tonio Kröger hilfreich, die ähnlich wie Mann jegliches Gefühl durch Reflexion bricht. Tonio Kröger stellt eine für das Mann’sche Frühwerk typische Künstlerfigur dar, die in ihrer bür­gerlichen Umgebung eine passive Beobachter- und Außenseiterrolle einnimmt. Der durch eine ausgeprägte Reflexions- und Erkenntnisfähigkeit ausgezeichnete Tonio verkörpert den Prototy­pen des erkennenden Künstlers. Schon zu seiner Schulzeit zeigt sich Krögers eng mit seinem Außenseiterdasein verknüpfte Erkenntnisgabe: „er verachtete [...] sowohl die Mitschüler wie die Lehrer, [...] deren persönliche Schwächen er seltsam eindringlich durchschaute.“[2]Hier wird deut­lich, dass die Erkenntnis als Charakterzug Tonios mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl ver­bunden ist. Neben diesem „Hochmut“, ruft sie aber auch „Qual“ (284) in ihm hervor, Tonio leidet an seiner Rolle des Erkennenden, des Intellektuellen. Sie schließt ihn vom bürgerlichen Leben aus („damals lebte sein Herz“ (275,281)) und provoziert seine Vereinsamung und Ge­fühlskälte („da sein Herz tot und ohne Liebe war“ (284)).

Tonios Leiden an der Erkenntnis geht hin bis zu einem Erkenntnisekel [...]: der Zustand, in dem es dem Menschen genügt, eine Sache zu durchschauen, um sich bereits zum Sterben angewidert (und durchaus nicht versöhnlich gestimmt) zu fühlen, - der Fall Hamlets, des Dänen, dieses typischen Literaten. (294)

Um dem Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden näher zu kommen, bedarf es einer genaue­ren Untersuchung des nicht ganz eindeutigen Begriffes des Erkenntnisekels. Die Rolle des erken­nenden und von der Sphäre des Lebens isolierten Künstlers Kröger ist auf das Beobachten, das Zuschauen beschränkt. Er sehnt sich allerdings nach dem Leben und danach, die Rolle des Zu­schauers zu überwinden. Aus dieser Spannung erwächst sein Leiden. Aber kann man hier von Ekel sprechen? Hermann Kurzke äußert sich zum Begriff des Erkenntnisekels mit den Worten: „Das Durchschauen bereitet Ekel, weil es auf dem Grund der Dinge nicht den Geist, sondern das Chaos der Willensnatur der Welt entdeckt — ,Komik und Elend' entdeckt.“[3]Der erkennende Ästhetizist, der nach dem vom Leben unberührten Geist trachtet, stößt durch die Erkenntnis also auf ausgerechnet das Gegenteil des reinen Geistes, auf das durch „Komik und Elend“ geprägte, abgründige Leben. Mit „Erkenntnisekel“ ist folglich eine Art Lebensekel gemeint.

Tonio Kröger vergleicht sich in seinen Äußerungen über den Erkenntnisekel mit Hamlet, der für ihn den Prototypen des Literaten darstellt, der durch die Erkenntnis, durch das ständige Reflek­tieren handlungsunfähig wird. Nicht nur Tonio sondern auch sein Autor Mann vergleicht sich hier mit Shakespeares Helden und lässt folglich in die Künstlerfigur des Tonio Kröger einen Teil seines eigenen Künstlertums einfließen. Genau wie Tonio an seiner Erkenntnis leidet, empfindet auch Mann diese „beobachtende Erkenntnis“ (106), die ihm immer wieder als „Feindseligkeit“ vorgeworfen wird, als Schmerz. Die ästhetizistische Kunst Manns ist ganz wesentlich durch die Erkenntnis geprägt, die wie im Falle Krögers den Künstler vom Leben isoliert. Aus dieser Ent­fremdung von sich selbst und dem Leben resultiert Krögers bzw. Manns „Schmer^‘ (106).

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Mann sich wie seinen Protagonisten Kröger eher als Literat denn als Künstler betrachtet. Um den Unterschied zwischen diesen beiden Be­zeichnungen zu beleuchten, ist ein Hinweis auf die von Schiller geprägten Begriffe des Sentimen- talischen und des Naiven hilfreich. Der naive Dichter, dessen Prototyp für Mann Goethe dar­stellt, steht im direkten Bezug zum Leben, seine Dichtung ist instinktiv und intuitiv. Er entspricht im Tonio Kröger dem Status des Künstlers, während der sentimentalische Dichter dem des Litera­ten entspricht. Das Sentimentalische ist das reflexiv Gebrochene, der sentimentalische Literat hat folglich keinen unmittelbaren Weltzugang. Tonio gelingt im weiteren Handlungsverlauf durch die Erkenntnis, dass eine Hin- bzw. Rückwendung zum Bürgertum die Voraussetzung ist, um Füh­lung zum Leben zu haben und Kunst zu schaffen der Übergang vom sentimentalischen Literaten zum Künstler. Mann hingegen sieht sich auf der Seite des Sentimentalischen und bewundert gleichzeitig Goethe für seine naive Dichtung, die nicht durch die quälende Erkenntnis gebrochen ist. Dieses Leiden des erkennenden Dichters ist nicht zuletzt durch das Bewusstsein der Existenz eines naiven Dichtertums bedingt, nach dem sich der ästhetizistische Literat und somit auch Mann insgeheim sehnt, wie im folgenden Abschnitt noch deutlicher wird.

Wichtige Aspekte zum Verhältnis von Erkenntnis und Leiden liefert auch Manns Erzählung Schwere Stunde, deren namenloser Protagonist eindeutig als der am Wallenstein arbeitende und an einer Schreibblockade leidende Friedrich Schiller zu identifizieren ist. Der Verfasser der Abhand­lung „Über die naive und sentimentalische Dichtung“ tritt in Manns Erzählung als sentimentali- scher Dichter auf, der „Sehnsucht hinüber in die klare Welt“[4]seines naiven Dichterkollegen Goethe hat, der „unmittelbar und mit göttlichem Mund die besonnten Dinge beim Namen“ (370) nennt, also direkt mit Natur und Sein im Einklang steht. In der zuletzt angeführten Text­stelle wird außerdem deutlich, dass Goethe als inspirierter Schriftsteller der Sphäre des Göttlichen zugeordnet wird und als Dichter die Funktion des Schöpfers einnimmt. Die Schaffenskrise des sentimentalischen Schiller ist ähnlich wie bei Tonio Kröger durch die reflektierende Erkenntnis, die ihm regelrechte Schmerzen verursacht, bedingt. Dadurch, dass er zu viel denkt und grübelt, kommt der Schriftsteller nicht zum Handeln und zum Schaffen seiner Kunst, Erkenntnis und Schaffen schließen sich aus. Der Gedanke an Goethe, der als naiver Dichter die Erkenntnis vom Schaffen trennt und dadurch einen ganz unmittelbaren Zugang zur Welt hat, verursacht Schiller gleich einem „Stachel“ (370) Schmerzen.

Doch Schillers Leiden wird nicht nur durch die Konfrontation mit dem naiven Dichtertum Goe­thes verursacht, sondern es ist auch eng mit seinem Talent verbunden, aus dem die Erkenntnis, also das kritische „Wissen um das Ideal“ (369), das Nicht-Erreichbare entspringt. Schillers kriti­sche Kunst ist geprägt durch eine beobachtende und reflektierende Arbeitsweise, die „wehe tut“[5]und den Schaffensprozess beinahe unerträglich macht, die ihn als ehrgeizigen Künstler zum Mär­tyrer macht, der sich und seine Neigungen bei der Entstehung seines Werkes permanent über­winden muss und dadurch aus seiner schweren Stunde in einer Art „Heldentum“ hervorgeht. Schiller verwendet den Begriff des „Pathos“ (371), der Überwindung des Leidens, in der sich letztlich die menschliche Freiheit offenbart. Der sich dem Leiden an der Erkenntnis stellende Künstler wird in der Erzählung dazu befähigt das göttliche Schaffen (naiver Dichter) und die heldenhafte Erkenntnis (sentimentalischer Dichter) zu vereinen: „und beides war der, ein Gott und ein Held, welcher erkennend schuf!“ (370). Dem entspricht Manns These zum erkennenden Künstler in „Bilse und ich“, dass das „stolze Ertragen der Schmerzen, die von beidem [d.i. vom Erkennen und Gestalten] unzertrennlich sind, [...] seinem Leben die sittliche Weihe“ verleiht. Aus dem Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden erwächst also auch ein Zusammenhang von Erkenntnis und Größe. Das künstlerische Schaffen und das Werk des erkennenden Schrift­stellers werden über das des naiven Dichters gestellt, der zwar nicht an der Erkenntnis leiden muss, aber dadurch auch kein heldenhaftes, ehrgeizig erkämpftes Werk hervorbringt.

Mann, der seine eigene erkennende Schriftstellerei in das Schaffen Schillers in Schwere Stunde hin­einprojiziert, zeichnet mit dem Portrait Schillers gleichzeitig auch ein Selbstportrait und eine Selbstreflexion auf sein Künstlertum. Er rechtfertigt seinen kritischen Blick, mit dem er in seinem literarischen Werk Wirklichkeit und Figuren analysiert, indem er am Beispiel Schillers aufzeigt, mit welchem Kampf diese Art von durchschauendem Dichtertum verbunden ist und dass die Qual des Schaffensprozesses und das Leiden an der Erkenntnis Voraussetzung für das Hervor­bringen heldenhafter Kunst sind. Doch das Ende der vorliegenden Erzählung wirft Zweifel be­züglich dieser Heldenhaftigkeit des erkennenden Künstlers auf, der als erkennend Schaffender „ein Gott und ein Held“ zugleich wird. Schillers Versuch, seine Schaffenskrise zu überwinden und sich selbst zur Produktion aufzufordern, wirkt nicht authentisch, geradezu paradox: „Nicht grübeln: Arbeiten!“ (372). Ist er als sentimentalischer Dichter dazu überhaupt fähig?

Der ironische Erzählerkommentar zum fertiggestellten „Leidenswerk“ muss als Verneinung die­ser Frage angesehen werden. Die Worte „Und als es fertig war, siehe, da war es auch gut“ (372) stellen ein modifiziertes Zitat Gottes dar, der im ersten Buch Mose verkündet: „Und siehe, es war sehr gut.“ Indem Mann das unantastbare Wort der ewigen Wahrheit zitiert und auf das Werk des Schriftstellers anwendet, entlarvt er dieses als gescheitert. Die hyperbolische Beschreibung der folgenden Werke als „klingende und schimmernde Gebilde [...] heiliger Form“ (372) wirkt nach dem ironischen Bibelzitat nur noch wie eine Farce. Die Erzählung ist also als ironische Selbstkri­tik Manns an seinem sentimentalischen Ästhetizisten-Künstlertums zu interpretieren. „Die be­obachtende Erkenntnis und die kritische Prägnanz des Ausdrucks“, die seine Arbeitsweise kenn­zeichnen, richten sich demnach nicht nur gegen die Wirklichkeit und die in seinen Erzählungen auftretenden Figuren sondern auch gegen sich selbst. Zum Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden gehört folglich auch die Qual, die der erkennende Künstler in seinem Werk durch die Konfrontation mit den Mängeln und der Begrenztheiten seines Künstlertums durchlebt. Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass Manns Ausführungen zum Zusammenhang von Erkenntnis und Leiden in „Bilse und ich“ erst durch die Analyse konkreter Textbeispiele verständlich werden. Die Künstlerfiguren des Tonio Kröger und Schillers in Schwere Stunde reflek­tieren zu einem beträchtlichen Anteil Manns eigene Künstlerpersönlichkeit, die an der Erkenntnis und der damit verbundenen Entfremdung vom Leben litt. Wie sowohl in Tonio Kröger als auch in Schwere Stunde deutlich wird, sehnt sich der sentimentalische Künstler, mit dem sich Mann identi­fiziert, nach dem naiven, ungehemmten Schaffensprozess, während seine sentimentalische Kunst immer durch die Reflexion gebrochen und ihre Entstehung ein regelrechter „Kampf“, eine „krei­ßende Qual“ ist. Dieses Leiden an der Erkenntnis ist allerdings Voraussetzung für das Hervor­bringen großer, heldenhafter Kunst, wie in Schwere Stunde evident wird. Während Mann in „Bilse und ich“ ausschließlich das (Selbst-)Bild des leidenden und bemitleidenswerten Erkenntnis­Künstlerhelden zeichnet und dadurch eine Art Selbsterhöhung vomimmt, zeigt das ironische Ende von Schwere Stunde, dass Mann sein Werk auch selbstkritisch sieht, dass sich die „beobach­tende Erkenntnis“ folglich auch gegen sich selbst richtet.

[...]


[1] Manns Essay „Bilse und ich“ wird im Folgenden zitiert nach: Thomas Mann: Bilse und ich. In: Ders.: Essays I, 1893-1974, hg. von Heinrich Detering, Frankfurt/Main 2002, hier S. 106.

[2]Manns Erzählung „Tonio Kröger“ wird im Folgenden zitiert nach: Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden. Frankfurt/Main: Fischer 1997, hier S. 268.

[3]Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche — Werk — Wirkung, München 21991, S. 98.

[4] Manns Erzählung „Schwere Stunde“ wird im Folgenden zitiert nach: Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden. Frankfurt/Main: Fischer 1997, hier S. 370.

[5]Mann (2002), a.a.O., S. 106.

Details

Seiten
5
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668471436
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369261
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
zusammenhang erkenntnis leiden thomas manns bilse tonio kröger schwere stunde
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