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Arbeitsmarkt-Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Humankapital
2.2 Lohnbildung

3 Diskriminierung
3.1 Diskriminierende Präferenzen
3.2 Statistische Diskriminierung
3.3 Soziobiologische Perspektive

4 Körpergewicht
4.1 Gewichtsverteilung

5 Endogenitätsproblem

6 Forschungsstand
6.1 USA
6.2 Europa
6.3 Deutschland

7 Erklärungsansätze

8 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Menschen wollen grundsätzlich die Möglichkeit haben, erfolgreich im Berufs- und Privatleben zu sein. Der Arbeitsmarkt stellt ein Bereich dar, in dem sich Individuen beweisen können und Input für ihren Selbstwert beziehen. Werden sie dabei ohne berechtigte Gründe eingeschränkt oder aufgrund individueller Eigenschaften benachteiligt, wird dies als ungerecht aufgefasst und stellt Diskriminierung dar. Rasse, Alter, Religion und Geschlecht oder sexuelle Orientierung und Behinderungen werden in der Öffentlichkeit als Eigenschaften betrachtet, denen Toleranz und Respekt entgegen gebracht werden muss und die auch juristisch abgesichert sind. Dennoch können Menschen mit Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt durch individuelle Aspekte konfrontiert werden, die in der Öffentlichkeit noch wenig verändernde Maßnahmen hervorgebracht hat. Diskriminierung beruht oftmals auf Vorurteilen und kann aufgrund des Körpergewichts erfolgen und wirkt sich auf die Lebensbereiche Schule, berufliche Laufbahn, Gesundheitsvorsoge, zwischenmenschliche Beziehungen und psychisches Wohlbefinden aus. Der „Arbeitsmarkt“ produziert Ungleichheiten, die auch gesellschaftliche Auswirkungen haben kann, wenn man bedenkt, dass sich die Nachkommen ebenfalls in einer schlechteren Ausgangsposition befinden. Die Anzahl der möglichen Betroffenen ist nicht zu unterschätzen, wenn man davon ausgeht, dass weltweit etwa eine Milliarde Menschen übergewichtig sind. Wirtschaftsoziologisch interessant sind die Auswirkungen des Körpergewichts auf die arbeitsmarktrelevanten Kenngrößen Einkommen, Einstellungschancen, Beförderungschancen und Familieneinkommen. Lässt sich tatsächlich ein negativer Zusammenhang zwischen Übergewicht und Einkommen feststellen? Wenn es Diskriminierung aufgrund von erhöhtem Gewicht gibt, lassen sich dann auch Effekte durch Untergewicht erkennen? Zunächst wird untersucht, welche Faktoren allgemein bei der Lohnbildung eine Rolle spielen. Nur wenn bei Kontrolle der Humankapitalvariablen, Einkommensunterschiede vorliegen, kann von Diskriminierung gesprochen werden. Die verschiedenen Theorien dazu lassen sich sowohl auf Übergewicht, wie auch auf Untergewicht übertragen. Hierzu muss die Messmethode von Körpergewichts und die Gewichtseinteilung geklärt werden, um die verschiedenen Studien miteinander vergleichen zu können. Interessant ist auch die Gewichtverteilung in den zu untersuchenden Gebieten in der Welt sowie die gesundheitlichen Auswirkungen aufgrund von Über- und Untergewicht. Bevor der aktuelle Forschungstand zu diesem Zusammenhang betrachtet wird, muss auf das Endogenitätsproblem eingegangen werden. Es ist nicht klar feststellbar, in welche Richtung die Korrelation zwischen Gewicht und Einkommen verläuft. Abschließend werden Erklärungsansätze zu den gefundenen Ergebnissen erläutert.

2 Theoretische Grundlagen

Um Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts auf dem Arbeitsmarkt analysieren zu können, müssen zunächst verschiedene Begriffe genauer definiert werden. Ungleichheiten in Form von Lohnunterschieden oder Berufschancen auf dem Arbeitsmarkt können einerseits durch unterschiedlicher Ausstattung mit Humankapital bedingt sein oder durch Mechanismen der Diskriminierung (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.306).

2.1 Humankapital

Das auf Gary S. Becker zurückgehende „Humankapital“ beschreibt „die Summe aller Fähigkeiten und Wissensbestände einer Person (…), welche diese im Zeitverlauf akkumuliert und welche sich positiv auf deren Produktivität auswirken“ (Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.3). Dieses Wissen und die Fähigkeiten liegen jedoch nicht gegeben vor, sondern müssen von dem Individuum unter Kosten erworben werden, die nicht nur monetärer Art sind, sondern sich durch eingesetzte Zeit und intellektuelle Anstrengung auszeichnen. Da sich die Aneignung von Fähigkeiten in der Regel erst in der Zukunft auszahlt, kann hier von einer Investition in die eigene Zukunft gesprochen werden (vgl. Mincer (1989):S.27). Der Arbeitnehmer kann durch Bildung und berufliche Qualifikationen und Erfahrungen in sein Humankapital investieren und dieses ausbauen, welches schließlich untrennbar mit ihm verbunden bleibt (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.33). Menschliche Präpositionen können ebenfalls zum Humankapital gezählt werden, so dass sich Körpermerkmale wie das Körpergewicht auch positiv auf die Produktivität eines Arbeiters zum Beispiel in körperlich anstrengenden Berufen auswirken kann (vgl. Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.3). Das humantheoretische Kernmodell geht von einem vollständig rationalen Akteur auf einem perfekten Arbeitsmarkt aus, der seinen Nutzen mit den investierten Kosten des Humankapitals zu seinem Vorteil angleicht (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.34).

2.2 Lohnbildung

Die Entlohnung eines Arbeiters hängt von seiner Produktivität ab, also von den Humankapitalvariablen Schulbildung, Berufsbildung, Berufserfahrung und weiterer Qualifikationen. Auf einem annähernd perfekten Arbeitsmarkt herrscht zudem Wettbewerb unter den Arbeitsnachfragern, so dass die Entlohnung ihrer Arbeit ihrer Grenzproduktivität entspricht. Fällt die Bezahlung jedoch unterhalb dieser Grenzproduktivität aus, entsteht ein instabiler Zustand, da diese Arbeiter durch andere Arbeitgeber mit besserer Entlohnung abgeworben werden können. Wird ein Arbeiter über seinen Wert entlohnt, ist dies für den Arbeitgeber nicht rentabel (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.36; Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.4). Einkommensunterschiede können durch unterschiedliche Humankapitalausstattung und daraus resultierenden unterschiedlichen Produktivität zum Teil erklärt werden. Die von Mincer (1974) entwickelte Einkommensgleichung untersucht diesen Zusammenhang. Mit Hilfe eines Regressionsmodells wird versucht, denjenigen Anteil des Lohnunterschieds zwischen den Individuen zu schätzen, der durch das Humankapital erklärt werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Stundelohn Y eines Individuums geht logarithmiert in die Gleichung ein, da die Verteilung der Löhne auf dem Arbeitsmarkt eine rechtsschiefe Form einnimmt. Es verdienen mehr Menschen eher weniger als mehr Geld. (EDUC) entspricht den Bildungsjahren und (EXP) den Jahren der Berufserfahrung, wobei dieser quadriert wird, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Produktivität dauerhaft mit den Jahren an Erfahrung steigt, sondern irgendwann die Sättigungsgrenze erreicht. So kann der nichtlineare Zusammenhang berücksichtigt werden. Bei Erhöhung der unabhängigen Variablen um eine Einheit, lassen sich die geschätzten Koeffizienten [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] annähernd als prozentuale Lohnveränderung interpretieren. Geht man davon aus, dass diese Gleichung die Produktivität beziehungsweise den Stundenlohns hinreichend gut abbildet, geht der Anteil unerklärter Varianz auf Diskriminierungsprozesse zurück (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.36; Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.4). Jedoch müssen die Leitungsunterschiede zwischen zwei Individuen kontrolliert werden, bevor man von einem Diskriminierungseffekt aufgrund bestimmter Merkmale wie Übergewicht sprechen kann. Denn wenn ein übergewichtiger oder untergewichtiger Arbeitnehmer weniger Leistung und dadurch Einkommen erhält, wäre dies, orientiert an dem Produktivitätskriterium, in meritokratischen Gesellschaften gerechtfertigt (Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.1). Im Folgenden wird nun auf mögliche Diskriminierungsarten eingegangen.

3 Diskriminierung

Allgemein versteht man unter „Diskriminierung“ die Benachteiligung beziehungsweise Bevorzugung einzelner Individuen oder Gruppen aufgrund von bestimmten Merkmalen. Diese Merkmale können als Stigma gesehen werden, sobald sie gesellschaftlich etablierten Normen und Werten im Verhalten und Aussehen verletzten. Stigmatisierung beschreibt demnach die negative Bewertung einzelner Individuen einer Gruppe durch gesellschaftlich negativer Zuschreibung und daraus resultiert schließlich eine andersartige Behandlung, die Diskriminierung. Dies kann unter anderem Personen einer ethnischen Minderheit, geistig behinderte, homosexuelle und übergewichtige betreffen, aber auch aufgrund des Geschlechts erfolgen (vgl. Singer (2008):S.43). Diskriminierung übergewichtiger Personen wurden in verschiedenen Untersuchungen vielfach belegt und wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Es fängt in der Schule an, zieht sich fort über die Ausbildung, Beruf, Karriere, Partnerschaften und der Gesundheitsversorgung (vgl. Navarre-Jackson; Campos; Kelley; Soboroff (2008),S.1). Diskriminierung aufgrund des Gewichts ist in den USA die viert häufigste Art der Diskriminierung nach den Merkmalen Geschlecht, Alter und Rasse. Mit steigendem Übergewicht erhöht sich das Risiko, mit Gewichtsdiskriminierung konfrontiert zu werden. Frauen und jüngere Menschen erleben dies zudem noch häufiger, als Männer und ältere Personen (vgl. Puhl; Andreyeva; Brownell (2008):S.5). Auf dem Arbeitsmarkt spricht man dann von Diskriminierung, wenn zwei Arbeitsnehmer unterschiedliche Löhne aufgrund von Eigenschaften erhalten, die ihre Produktivität nicht beeinflussen. Dass bedeutet, die Entlohnung eines Individuums entspricht nicht ihrer Produktivität (vgl. Abraham; Hinz (2005):S.36). Übergewichtigen Personen werden oftmals negative Eigenschaften wie mangelnde Selbstdisziplin, Faulheit, geringe Intelligenz, Inkompetenz und Ungepflegtheit zugeschrieben. Zudem erscheinen Sie weniger emotional stabil, willensstark und gesund wie Normalgewichtige (vgl. Singer (2008),S.45). Dieses Bild kommt vermutlich auch dadurch zustande, dass den Übergewichtigen unterstellt wird, selbst verantwortlich für ihren Zustand zu sein, der sich durch „mangelnde Selbstkontrolle“ und Faulheit entwickelt hat (vgl. Navarre-Jackson; Campos; Kelley; Soboroff (2008),S.3). Einige dieser Eigenschaften lassen sich jedoch auch auf untergewichtige Personen zuschreiben. In vielen Fällen hängt Untergewicht mit psychischer Instabilität, psychischen und körperlichen Krankheiten zusammen. Daraus kann sich dann Konzentrationsschwäche, geringere Produktivität und Leistung sowie Fehlzeiten ergeben, was sich negativ auf die Arbeitschancen auswirkt (vgl. Störmer (2011):S.613; DEBInet). Somit könnte es wie bei übergewichtigen Menschen auch bei untergewichtigen Menschen zu Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt kommen. Um diese Frage genauer analysieren zu können, müssen zunächst einmal die allgemeinen Theorien zu Diskriminierungsprozessen betrachtet werden.

3.1 Diskriminierende Präferenzen

Gary Becker entwickelte neben der Humankapitaltheorie auch in seinem Werk „The Economics of Discrimination“ (1957,1971) eine ökonomische Theorie der Diskriminierung. Hierbei geht er von der Annahme aus, dass keine Produktivitätsunterschiede zwischen verschiedenen Personengruppen vorliegen und dass die ungleiche Behandlung von potenziell gleich produktiven Individuen Diskriminierung darstellt (vgl. Achatz (2005):S.268). Becker begründet dieses Verhalten mit einer Präferenz der Diskriminierung, „taste for discrimination“, die bei jedem Individuum mehr oder weniger in verschiedenen Formen vorliegen und sich in monetären Größen messen lässt (vgl. Becker (1957):S.16). Dies betrifft alle Seiten des Arbeitsmarkt, so diskriminieren sowohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Kollegen als auch die Konsumenten, was sich durch Lohnabschläge und Lohnprämissen oder gezieltes Einkaufen auszeichnet (vgl. Becker (1957):S.15). Hinter diesem Vorgehen steckt der Wunsch nach Distanz zu bestimmten Personengruppen aufgrund psychologischer Mechanismen der Vorurteilsneigung (vgl. Achatz (2005):S.268). So bezahlen Arbeitgeber für eine bestimmte Personengruppe wie zum Beispiel Normalgewichtige mehr, nur um die zu diskriminierende Gruppe der Übergewichtigen nicht einstellen zu müssen. Dies kann auch für Untergewichtige gelten, wenn die Arbeitgeber diese aufgrund bestimmter Vorurteile wie Schwäche oder Krankheit benachteiligen. Die Diskriminierung lässt sich bei vollkommenen Wettbewerb verringern, da für nicht diskriminierende Arbeitgeber ein Wettbewerbsvorteil durch Einsparung von Arbeitskosten vorliegt (vgl. Achatz (2005):S.269; Arrow (1971):S.9; Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.5).

3.2 Statistische Diskriminierung

Ein weiterer Erklärungsansatz der Diskriminierung konzentriert sich auf die erwartbare Produktivität eines Arbeitnehmers. Arbeitgeber verfügen nur über unvollständige Informationen über die Produktivität eines potenziellen Arbeitnehmers und um sich die Kosten der Aufklärung der wahren Produktivität zu sparen, beziehen sie sich auf statistische Durchschnittswerte zu dieser Personengruppe und eigene Erfahrungen beziehungsweise berichtete Erfahrungen Anderer (vgl. Arrow (1971):S.25ff; Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.5). Diese Gruppenwerte werden durch den Arbeitgeber auf das Individuum übertragen und damit dessen erwartbare Produktivität und Leistungsfähigkeit geschätzt, auch wenn die Gruppe an sich heterogen sein könnte. Hinter diesem Vorgehen steht die implizit getroffene Annahme, dass sich Gruppenmitglieder ähnlicher sind als Individuen verschiedener Gruppen und dass diese Gruppenmerkmale den einzelnen aus der Gruppe hinreichend gut beschreibt (vgl. Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.6). Übertragen auf das Körpergewicht, können Vermutungen bezüglich der Leistungsfähigkeit und körperlichen Belastbarkeit sowie der Wahrscheinlichkeit von Krankheitsausfällen von Übergewichtigen und Untergewichtigen zu niedrigeren Löhnen und schlechteren Einstellungschancen führen. Es kann sich aus der statistischen Diskriminierung auch eine self-fullfilling prophecy entwickeln, indem die diskriminierende Gruppe eine Benachteiligung antizipieren und weniger in Qualifikationen und in ihr Humankapital investieren. So entstehen aus den vorerst falsch vermuteten Unterschieden tatsächliche Produktivitätsunterschiede (vgl. Kalter (2005):S.311).

3.3 Soziobiologische Perspektive

Weshalb sich Menschen an Äußerlichkeiten orientieren, wird durch die Betrachtung soziobiologischer Ansätze deutlicher. Basierend auf Darwins Evolutionstheorie, wird die Fokussierung auf Körpermerkmale damit begründet, dass diese eine Signalwirkung für physische Fitness und Gesundheit haben. Durch ein Körpergewicht im Normalbereich steigen die individuellen Überlebenschancen sowie die Fortbestandschancen der eigenen Gene. Geht man davon aus, dass diese Aspekte nach wie vor im Menschen genetisch verankert sind, können diese Hinweisreize für Menschen in Entscheidungssituationen eine Vereinfachung für die Entscheidungsfindung darstellen (vgl. Bozoyan; Wolbring (im Erscheinen):S.7). Übergewicht oder Untergewicht weicht deutlich von einem gesunden, normalen Zustand ab und sendet damit Signale der Krankheit aus und wirkt verunsichernd für zum Beispiel einen Arbeitgeber, der instinktiv eher einen „gesunden“ Mitarbeiter bevorzugen wird. Es muss jedoch zunächst geklärt werden, was ein gesundes Gewicht ist.

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Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668469563
ISBN (Buch)
9783668469570
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369285
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut der Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Diskriminierung Körpergewicht Einkommen Wirtschaftssoziologie Endogenitätsproblem Soziobiologische Perspektive Statistische Diskriminierung Humankapital Lohnbildung Untergewicht Fettleibigkeit

Autor

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