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Behinderung und Inklusion im Laufe der Zeit

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Bevor ich den eigentlichen Teil des Essays beginne, muss ich meine Vorgehensweise genauer erläutern: Ich werde mich zwei Vorlesungen aus dem Sommersemester 2016 an der Universität Siegen widmen, die von Professor Doktor Holger Burckhart gehalten wurden. Beide Vorlesungen beschäftigen sich thematisch mit der Beziehung des Menschen zu Gott, dem Selbstverständis des Menschen, welches teilweise aus dieser Beziehung zu Gott resultierte und der Abgrenzung des Menschen zu Gott, sich selbst und der Welt.

Hierbei werde ich mich an die Chronologie der philosophischen Epochen orientieren, die sich in diesem Essay als relevant herausstellen, den Kerngedanken vorstellen und daraufhin die Beziehung zu Behinderung/en und/oder Inklusion erläutern.

Obligatorisch werde ich mit einer aktuellen Definition von „Inklusion“ beginnen. Einhergehend mit der Inklusion muss sich auch mit dem Begriff der „Behinderung“ befasst werden, welches in dem Darauffolgenden geschieht.

Des Weiteren möchte ich betonen, dass die verwendeten Genusformen in keinster Weise irgendeine Bedeutung oder Funktion tragen sollen. Ich verwende der Einfachheit halber stets die männliche Genusform.

Inklusion

Der Kernbegriff der Inklusion leitet sich vom lateinischen „inclusio“ ab, welcher „Einschließung“ bedeutet. Laut Michael Wunder ist dies kein passiver Begriff, sondern Bedeutet die „aktive Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in gesellschaftliche Prozesse“. Inklusion soll eher als „Integration“ verstanden werden, also als Tätigkeit, die von jedem durch Offenheit gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung vollzogen werden kann.[1] Er spricht auf davon, Menschen mit Behinderung in die vorausgesetzte und gegebene Gesellschaftsstruktur „hereinzhoholen“. Allerdings betrifft dieses Prinzip zwei Partizipanten: Diejenigen, die als „nicht-behindert“ gelten und die „Behinderten“. Besonders die Behinderten müssen sich aktiv am Integrationsprozess beteiligen und sich „an die gesellschaftlichen Bedingungen anpassen“[2]. Allein dadurch, dass Wunder diese zwei Partizipanten in seine Definition einschließt, geht er davon aus, dass die

nicht-behinderten Menschen die Gesellschaftsstruktur bilden und die Behinderten, die keinen Teil der Gesellschaft bilden, erst durch eigene Anstrengungen Teil dieser werden können, indem sie der Norm der Gesellschaft zu entsprechen versuchen. Zusammengefasst ist „Inklusion“ nach Wunder ein aktiver Prozess, der hauptsächlich von den Behinderten selbst vollzogen werden muss. Den nicht-Behinderten bedarf es lediglich an Offenheit gegenüber Behinderten. Dann kann Inklusion vollzogen werden. Die Autonomie, die den Beeinträchtigten zugeschrieben werden soll, spielt laut Wansing ebenfalls eine relevante Rolle. Die Selbstbestimmung jedes Menschen soll zum Kernbestandteil der Inklusion werden und die „Züge der Bevormundung“ sollen abgelegt werden.[3]

Zusammengefasst bedeutet Inklusion also die autonome und selbstbestimmte Teilhabe von behinderten Menschen an gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Prozessen jeglicher Art.

Behinderung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) liefert eine recht eindeutige Definition des Terminus’ „Behinderung“. Sie teilt den Begriff in drei Teilkategorien:

1. „impairment“

Auf Deutsch bedeutet dieser Begriff „Schädigung“[4] und fasst alle körperlichen Abweichungen von der vollständigen und normgemäßen Funktion sowie deren vollständiges Vorhandensein aller körperlichen Gegebenheiten zusammen.

2. „limitation“

Dieser Begriff beschreibt die Schwierigkeiten, die jemand beim Ausführen oder Bewältigen einer Aufgabe hat.

3. „restriction of participation“

Die „Einschränkung in der Patizipation“ ist trivial. Gemeint ist die Partizipation in der Gesellschaft und bildet nach meinem Verstädnis die Basis für die Inklusion.

Die WHO betont, dass ebenfalls die Umwelt und das soziale Umfeld die „Schwere“ oder das „Ausmaß“ der Behinderung definieren.[5]

In genera bedeutet dies also, dass körperliche und psychische Abweichungen von der „Norm“, die es einem Menschen erschweren oder sogar verhindern, an sozialen, gesellschaftlichen oder arbeitsweltlichen Prozessen teilzunehmen.[6] Der Begriff „Behinderung“ bildet damit die Argumentationsgrundlage zur Inklusionsdebatte: Es gibt Menschen, die an eben diesen genannten Prozessen in der Gesellschaft nicht teilnehmen können, da sie körperliche oder psychische „limitations“ und/oder „impairments“ aufweisen. Behinderung und Inklusion definieren sich also gegenseitig und bilden vise versa ihre Basis.

Die Norm

Wichtig für dieses Essay ist, dass das Verständnis für die „Norm“, das Normale und Natürliche immer in einem bestimmten variablen zeitlichen Rahmen gesehen werden muss. Das „Normale“ war zu Zeiten Sokrates’ ein anderes als im 21. Jahrhundert. Genauo funktioniert es umgekehrt: „das ,Durchschnittliche‘ oder das ,Normale‘ definiert stets auch das Gebiet, das von ihm abgetrennt wird“[7]. Der Begriff der Behinderung definiert sich an der Definition des „Normalen“.

Wie diese konkreten Definitionen des „Normalen“ in den jeweiligen philosophischen Epochen ausgesehen haben, ist für mich unmöglich zu skizzieren. Dies ist auch nicht notwendig. Es ist nur obligatorisch, diesen Gedanken der historischen Einordnung beim Lesen präsent zu halten.

Sokrates

Sokrates beschäftigte sich schon in der Antike mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, welcher sich im Ausführen des „guten Lebens“ verankert. Das gute Leben bestehe zunächst daraus, „Gut“ und „Böse“ voneinander unterscheiden zu können. Das Gute definiere sich durch das Unterhalten über Tugenden, dessen Ausführung und außerdem über die Erlangung von Wissen.[8] Prägnant war seine dialektische Ausführung seiner Philosophie, weshalb sie auch als „Sophisterei“ betitelt wurde, da sie als „belehrend“ und „verführend“ aufgefasst wurde.[9] Bekannt ist diese Art der Dialektik als „Mäeutik“.

Im Vordergrund seiner Philosophie stand der Mensch und sein Wissen; die Götter wurden nur sekundär zu einem Teil seines Lebens, da er das bestehende Weltbild der omniscienten und allmächtigen Götter hinterfragte, wenn nicht sogar blasphemisch über diese sprach, welches letztendlich dazu führte, dass er aus eben diesen Gründen zum Tode verurteilt wurde - „weil er die athenische Moral in Frage stellte.[10]

Beziehung von Sokrates’ Grundgedanken zur Behinderung Sokrates sagte, dass das gute Leben nur dann vollzogen werden könne, wenn man wisse, was „gut“ ist. Das Gute widerum wird einerseits in Wissen und dessen Zuwachs manifestiert. Wissen wird, auch nach Sokrates, durch Überlegung und Wahrnehmung erlangt. Nehmen wir nun an, dass jemand in der antiken Gesellschaft körperlich behindert ist und eines seiner Wahrnehmungsorgane be- oder auch verhindert ist. Daraus resultiert, dass ein von Geburt an Blinder Mensch in der Antike nicht das Wissen erlangen kann, was zu einem guten Leben führt, da ihm das Erlangen von Wissen durch optische Eindrücke verborgen bleibt. Das selbe Prinzip gilt für sämtliche mögliche körperliche Behinderungen.

Ein weiterer Aspekt ist die Ausführung des guten Lebens, welches sich im Dialog über das Gute, die Tugenden, etc. verankert. Daraus resultiert, dass einem geistig behindertern Menschen das Gute gänzlich verwährt bleibt, wenn das Sprachzentrum behindert ist.

[...]


[1] Wunder, Michael: „Inklusion. Nur ein neues Wort oder ein anderes Konzept?“. In: Wittig-Koppe et. al.: „Teilhabe in Zeiten verschärfter Ausgrenzung“. Kritische Beiträge zur Inklusionsdebatte“. 2013. S. 22.

[2] ebd.

[3] Wansing, G.: „Der Inklusionsbegriff in der Behindertenrechtskonvention“. In: Welke, A. (Hrsg.): UN-Behindertenrechtskonvention mit rechtlichen Erläuterungen“. Zit. nach: Kahl, Yvonne: „Inklusion und Teilhabe aus der Perspektive von Menschen mit psychischen Erkrankungen“. 2016. S. 95.

[4] Ich persönlich sehe den Begriff als zu radikal an. Ich würde dir Übersetzung mit „Beeinträchtigung“ bevorzugen.

[5] http://www.who.int/topics/disabilities/en/ Stand: 01.08.2016.

[6] Siehe dazu: May, Michael; Alisch, Monika: „Zum Zusammenhang von Normalität, Inklusion, Sozialraumentwicklung und -organisation“. In: Alisch, Monika; May, Michael: „Das ist doch nicht normal...! Sozialraumentwicklung, Inklusion und Konstruktionen von Normalität“. 2015. S. 7f.

[7] Sohn, W.: „Bio-Macht und Normalisierungsgesellschaft. Versuch einer Annäherung“. In: Sohn, Werner; Mertens, Herbert (Hrsg.): „Normalität und Abweichung. Studien zur Theorie und Geschichte der Normalisierungsgesellschaft“. 1999. S. 9.

[8] Landau, Cecile; Szudek, Andrew; Tomley, Sarah: „Das Philosophie Buch“. 2011. S. 46 f.

[9] ebd.

[10] ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668482142
ISBN (Buch)
9783668482159
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369357
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Bildung, Architektur, Künste
Note
1,3
Schlagworte
Behinderung Inklusion Ethik Philosophie Partizipation Gesellschaft

Autor

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