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Die Geschichte der arabischen Aufstände von 1936-1939. Zur Rolle des Antisemitismus als tragendes Element der Unruhen in Palästina

Seminararbeit 2017 15 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte und Ausgangsituation - Die arabische Bevölkerung unter britischem Mandat
2.1. Politische Situation der arabisch Bevölkerung unter britischer Herrschaft
2.2 Nashashibis, Husseinis und die Parteien Palästinas

3. Die arabischen Aufstände von 1936-1939
3.1 Die erste Phase: Der Generalstreik - Beginn der Aufstände & Peel-Kommission
3.2 Die zweite Phase: Bewaffneter Kampf – Ermordung politischer Gegener und antijüdische Maßnahmen

4. Zur Ideologie al-Husseinis als Kopf der Aufstände
4.1 Einfluss des Nationalsozialismus
4.2 Husseinis, die Muslimbruderschaft & die Rolle des Islamismus

5. Antisemitismus als tragendes Element der Unruhen

6. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“..Seit dem [arabischen] Aufstand [hat sich] die von den Nazis forcierte antisemitische Deutung des Konflikts weiter durchgesetzt.”[1]

Die 1936 beginnenden arabischen Aufstände im Mandatsgebiet Palästina sind ohne weiteres als eines der ersten größeren Feldexperimente des modernen Islamismus im Nahen Osten zu bezeichnen. Angefangen als “Streikbewegung” gegen die britische Herrschaft und in Ablehnung der jüdischen Einwanderung entwickelte sich diese unter Führung von Amin a-Husseine, des Muftis von Jerusalem und unter der Einflussnahme seiner Ideologischen Vorbilder, den Nationalsozialisten und der Muslimbruderschaft zum Vorgänger dessen, was heute als Intifada (arab. abschütteln) bezeichnet wird. Ausgehend von der Annahme, dass Antisemitismus und der Wunsch nach Vernichtung die Aufstände von 1936-1939 trugen und in Teilen der palästinensischen Gesellschaft der 1930er Jahre einen positiven Widerhall fanden, möchte diese Arbeit einen Zugang zu dieser These erarbeiten und versucht zu ergründen, welche Rolle der Antisemitismus in den arabischen Aufstände spielte und wie dieser sich äußerte. Es gilt zu klären, wo diese Hinwendungen zum Antisemitismus zu finden sind und wie sich diese konkret in den Aufständen äußerten.

An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass diese Arbeit zwar auf die Rolle des Muftis in den Aufständen eingehen wird, die persönliche Biographie aber auslassen und nur am Rande auf die Propaganda des Muftis eingehen wird, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Zunächst ist eine ausgiebige historischen Hinführung, also eine Erläuterung von Auslöser und Verlauf der Aufstände von nöten. So soll ein Bild der palästinensischen Gesellschaft in den 1930er Jahren gezeichnet werden, das einen Einblick in die politische Situation Palästinas und die verschiedenen Interessensparteien sowie Amin al-Husseini als Schlüssel-Figur des 20. Jhr, ermöglicht, um ausgehend davon den realpolitischen Ausgangspunkt und die Entwicklung des Konfliktes beleuchten zu können– dies wird im ersten Kapitel geschehen. Anschließend wird sich diese Arbeit dem konkreten Maßnahmen der arabischen Aufstände widmen. Zuletzt werden die ideologischen Einflüsse und die Propaganda, die den Aufstand antrieben, sowie der Antisemitismus als vermeintlichen Charakter der Aufstände und Merkmale, die konkret für einen von Antisemitismus getragenen Aufstand sprechen, herausgearbeitet und soweit nötig analysiert.

2. Vorgeschichte und Ausgangsituation - Die arabische Bevölkerung unter britischem Mandat

Nach dem Sieg des britischen Empires über die türkische Armee wurde den Briten am 25. April 1920 auf der Konferenz von San Remo die Verwaltung über das Gebiet Palästina übertragen. Der osmanische Verwaltungsapparat, der mehr als 400 Jahre das öffentliche Leben regelte, brach weg.

Nach einer Erhebung des Britischen Empires lebten im Jahre 1918 etwa “573.000 Araber (davon ca. 10% Christen) und 66.000 Juden (ca. 10.3% der Gesamtbevölkerung)”[2] im “Verwaltungsdistrikt Palästina”. Das britische Mandat begriff sich dabei selbst als “Dachorganisation”, die über das zionitische Projekt auf der einen und über die aufkommende arabische Nationalbewegung auf der anderen Seite wachte und die politische Ordnung in Palästina aufrecht erhielt.

Die Zionisten, die zu dieser Zeit nur eine sehr kleine Gruppe in Palästina ausmachten und denen im Zuge der Balfour-Deklaration (1917) eine “jüdische Heimstätte” zugesichert worden war, arbeiteten üblicherweise eng mit den Briten zusammen (Sicherheitsapparat, Bildungsystem etc.),[3] um einen schnellen Übergang in einen souveränen Staat zu gewährleisten. Während die ansässige bzw. zugewanderte jüdische Bevölkerung auf autarke und sich selbst finanzierende Strukturen zurückgiff, weitestgehend gleiche zionistische Überzeugungen teilte und pro-britisch eingestellt war, sah sich vor allen Dingen die arabisch-muslimische Gesellschaft mit einer Reihe von politischen, sozialen und ökonomischen Problemen konfrontiert.

2.1. Politische Situation der arabisch Bevölkerung unter britischer Herrschaft

“An der Spitze der arabischen Gesellschaft standen […] die landbesitzenden Familien der Husseinis und Nashahibis...”[4] Der Aufbau der arabische Gesellschaft glich einer “Stammesgesellschaft” - im Kontakt mit den Notablen in den städtischen Gebieten trafen die Clans alle wichtigen politischen Entscheidungen. ?Vor allem die geringe Alphabetisierung der ruralen Gebiete (die arabischen Muslime machten den Großteil der ländlichen Bevölkerung aus. Nur 25 Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung war Alphabetisiert[5] ) legitimierte die Rolle der Clans als Entscheidungsträger.

Der Modernisierungsprozess und die Alphabetisierung der Gesellschaft begünstigten die Verbreitung des aufkommenden arabischen Nationalismus und die Enstehung einer neuen Schicht von Intellektuellen und Gebildeten. Der neue Nationalismus stand einerseits im Konflikt mit der Mandatsmacht und dem europäischen Kolonialismus und sah seine Hauptaufgabe im antikolonialen Kampf gegen Großbritannien, um so politische Selbstbestimmung zu erlangen. Auf der anderen Seite hatte dieser Nationalismus, der noch in den Kinderschuhen steckte, keinen eindeutigen Charakter: ‘moderne’ Weltanschauungen, wie der Panarabismus sozialisitischer oder liberaler Prägung, konkurrierten mit ‘alten’ Ideologien wie etwa dem Islamismus.[6]

Auch ökonomisch waren während der Mandatszeit drastische Veränderungen zu verzeichnen: Aus dem landwirtschaftlichen Sektor und der bäuerlichen Gesellschaft, der die Mehrheit der arabischen Bevölkerung angehörte und die durch das Großgrundbesitzertum geprägt war, wanderten viele Landarbeiter auf der Suche nach besserer Entlohnung in urbane Gebiete ab. Dies wiederrum führte auf längere Sicht zu Gewinn- und Einflussverlust der Großgrundbesitzer. Im Zuge der kapitalistischen Modernisierung entwickelte sich nebem einem “Bildungs-Bürgertum” also fast zeitgleich eine (neue) städtische Arbeiterklasse. Hauptinvestoren der Wirtschaft waren der Jischuv und die britische Mandatsmacht. Eine eigenständige palästinensische Unternehmerschaft konnte sich nicht entwickeln.

2.2 Nashashibis, Husseinis und die Parteien Palästinas

Im Laufe der 1920er Jahre organisierte sich die palästinensische Gesellschaft auf politischer Ebene enorm. Neben der zur Lösung des “Palästina-Problems” gegründeten Arabischen Exekutive (1920), gründete sich 1923 die den Nashashibis nahestehende ‘National Party’ die in Opposition zu den Husseinis stand. Die britische Mandatsmacht war sich im Klaren darüber, dass sie über ihre Zusammenarbeit mit den Zionisten große Teile der arabisch-muslimische Bevölkerung nicht erreichen würde, diese die politischen Institution des Mandats höchstens tolerieren würde und der arabische Nationalismus auf Dauer eine Gefahr darstellen könnte. Durch die Etablierung und Förderung traditioneller, religiöser Strukturen wollte das Empire den aufkommenden Nationalismus schwächen. Als bekanntestes Beispiel einer solchen “neu” eingerichteten Institution sticht die Position des Mufit von Jerusalem heraus. Dieser sollte unter Einfluss der Briten die (religiöse) Führungsrolle der muslimischen Araber in Palästina übernehmen und der nationalen Bewegung Einhalt gebieten. Das Amt bekleidete 1920 Amin al-Husseini, ein religiöser Gelehrter und Teil des Husseini-Clans. Er bezog bis zu den Unruhen im Jahr 1929 nie öffentlich Stellung gegen die Briten und “verstand [...] es gut andere palästinensische, nationale Bewegungen zu schwächen, […] seine eigene Macht zu erhalten und auszubauen , d.h. sich nicht die Briten zum Feind zu machen.”[7] Der Fakt, dass er aus einem der einflussreichsten Clane (Husseinis) Palästinas stammte, sicherte ihm die Zustimmung in der arabischen Bevölkerung und, aufgrund des Großgrundbesitzes der Familie, die der Landarbeiter.

Die politische Spaltung der palästinensischen Gesellschaft basierte vorallendingen auf den unterschiedlichen Standpunkten der Nashashibi und Husseinis zur Frage der jüdischen Einwanderung und der Haltung gegenüber dem britischen Mandat.[8] Die Husseinis setzten sich für einen sofortigen Einwanderungstopp ein und lehnten das britische Mandat kategorisch ab, während die Nashashibis eine moderatere Politk verfolgten. Nur im Punkte der Ablehnung einer souveränen jüdischen Heimstätte bzw. eines jüdischen Staates stimmten die als arabisch-nationalistisch und westlich geltenden Nashashibis mit den Husseinis überein.

Nach den antijüdischen Unruhen von 1929 erkannte al-Husseini wie instabil die britische Verwaltung Palästinas war und sah sich nun in der Postiton, politische Forderungen an die Briten zu stellen und seine Führungsposition von einer “rein” religiösen hin zu einer politischen auszubauen , um somit die (politische) Macht in seiner Position zu bündeln. Husseini orientierte sich ideologisch an der Muslimbruderschaft und an deren Kopf und Ideologen Hassan al-Banna, der u.a als Begründer des modernen Islamismus gilt.

3. Die arabischen Aufstände von 1936-1939

Im Folgenden soll nun auf den Auslöser, Verlauf und die Geschichte der Aufstände von 1936-1939 eingegangen werden. Zuallererst ist festzuhalten, dass sich die Aufstände in zwei Phasen gliedern lassen: Streik und Boykott beginnen als eine von unabhängigen Komittees initiierte Maßnahme, die sich als solche hauptsächlich gegen die Briten , somit nur indirekt gegen die Juden richteten und zu Beginn nicht “von oben” organisiert wurde.

Nach dem Einsetzen der Peel-Kommision 1937 bis zum Ende der Aufstände im Jahr 1939 ist dann eine Übernahme durch radikale Gruppierungen unter dem Oberkommando des Muftis, der aus Angst vor Verfolgung durch die Briten im Herbst 1937 das Land verlässt, und den ihm nahestehenden islamischen Gelehrten zu verzeichnen[9], die den Charakter der Aufstände maßgeblich veränderten.

3.1 Die erste Phase: Der Generalstreik - Beginn der Aufstände & Peel-Kommission

Von 1931 bis 1935 stieg die Zahl der jüdischen Einwanderer, bedingt durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, von ca. 4000 auf 60.000.[10] Am 17. April 1936 begannen die sog. arabischen Aufstände mit einem ersten bewaffneten Überfall einer Gruppe von Arabern auf einen LKW in Nablus, dem zwei Juden zum Opfer fielen. Infolgedessen kam es durch Vergeltungschläge beider Seiten zu weiteren Opfern[11] und zu einer Protestwelle der Zionisten in den jüdisch dominierten Städten (Tel-Aviv, Jaffa). Als Reaktion auf die Proteste formierten sich in den größeren arabischen Städten spontan arabische Streikkommittees, die jedoch keine gemeinsame politischen Forderung stellten und kein gemeinsames Programm verfolgten. Durch die moderne Infrastruktur gelang es ihnen aber, beachtliches öffentliches Interesse und Teilnahme zu wecken.

Als zentrales Organisationsorgan wurde dann im April 1936 das überparteiliche Arab High Committee (AHC) gegründet, das den Streik koordinieren und die Interessen der Palästinenser vertreten sollte.[12] Al-Husseini, der sich spätestens seit 1929 nicht mehr mit seinen politischen Agitationen zurückhielt, wurde am 25. April zum Präsidenten den Kommittees ernannt. Am 15. Mai 1936 rief das AHC zum Generalstreik in Palästina auf und richtete sich mit drei zentralen Forderungen an die britische Mandatsregierung: “1.Verbot der jüdischen Einwanderung; 2. Verbot der Übertragung arabischen Bodens an Juden; [und] 3. Errichtung einer nationalen Regierung, die einem repränsentativen Rate verantwortlich ist.”[13]

Der Forderung nach einem Einwanderungs- und einem Verkaufsstopp konnten die Briten jedoch nicht nachkommen, da sie sich mit Übernahme des Mandats und der Balfour-Deklaration dazu verplichtet hatten, die Verhältnisse für einen jüdischen Staat in Palästina zu schaffen; der Generalstreik war zum scheitern verurteilt und die Bilanz der ersten Phase der Aufstände fiel in erster Linie negativ für die palästinensische Seite aus: Der Streik verfehlte sein Ziel, die Wirtschaft in Palästina zum Erliegen zu bringen und wurde nach 173 Tagen eingestellt. Die etwa 400.000 Juden in den größeren Städten konnten genug wirtschafliche Kraft aufbringen, um die Ökonomie und das Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Außerdem war die arabische Wirtschaft weitestgehend an die jüdische gebunden. Der Streik und die mehrfachen Übergriffe auf Juden und Briten veranlassten das britische Mandat im August 1936 dazu, eine Kommission zur Untersuchung der Ursachen und zur Lösungsfindung einzusetzen. Diese sog. “Peel-Kommission” unter der Leitung von Earl Peel sammelte Zeugenaussagen von gemäßigten und radikalen Kräften aller Bevölkerungsteile; seitens al-Husseini wurde aber zum systematischen Boykott der Kommission aufgerufen. Noch im Jahr 1937 empfahl diese nach Auswertung der Ergebnisse die Teilung des Landes in einen arabischen und einen jüdischen Teil, jedoch wurde dieser Plan von der arabischen Seite, mit Ausnahme von König Abdallah von (Trans-) Jordanien, kategorisch abgelehnt und stieß auf massiven Widerstand. So wurde der gescheiterte Generalstreik zum Sprungbrett arabischer Radikaler (“Nationalgarde”) die die antisemitische und antibritische Propaganda des Muftis in die Tat umsetzten. Die “Maßnahmen” dieser zweiten, radikaleren Phase des Aufstandes, der durch die Alphabetisierung und die moderne Infrastruktur Palästinas ein viel größeres Ausmaß annahm, als von den Briten angenommen (“ Er dauerte viel länger, er dehnte sich viel weiter […] aus; und er war viel wirksamer organisiert.”[14] ), sollen im Folgenden genauer betrachtet werden.

3.2 Die zweite Phase: Bewaffneter Kampf – Ermordung politischer Gegener und antijüdische Maßnahmen

Als Reaktion auf den Teilungsplan der Briten und dem fehlgeschlagenen Generalstreik mobilisierte al-Husseini, vor allem in ruralen Gegenden, radikale Gruppen, die sich um regionale Führer scharten und einen Guerrilla-Krieg gegen die britischen Mandatstruppen und die Verteidigungskräfte der zionistischen Dörfer und Städte führten.[15] Diese Gruppen, die sich selber “Nationalgarde” nannten, sorgten bereits während des Generalstreiks dafür, dass Araber, die sich nicht beteiligten oder dem Mufti kritisch gegenüberstanden eingeschüchtert und unter Androhung von Gewalt zur Koorperation gezwungen wurden.[16] Mit äußerster Härte gingen diese nun auch gegen die politischen Gegener Husseinis, also vor allen Dingen die Nashashibis und den ihnen nahestehenden Parteien, vor.

Durch den Kontakt al-Husseinis zur Muslimbruderschaft und deren Ablegern in Syrien und Irak war es der “Nationalgarde” möglich, vor der Verfolgung der britischen Mandatstruppen in die benachbarten Länder zu flüchten und sich dort neu aufzustellen.[17] In von den Aufständischen sog. ‘befreiten Zonen’ wurde die Scharia eingeführt, Rebellengerichte etabliert, der Schleierzwang eingeführt und die Koorperation mit Juden unter Androhung der Todestrafe gestellt. Das Tragen des Palästinensertuches (arab. Kaffiyah) wurde zur Pflicht eines jeden arabischen Mannes in den von den Truppen des Mufti kontrollierten Gebieten - und avancierte zum Symbol der nationalen Befreiung.[18]

Infolge der Übergriffe in den “eigenen” Reihen schlugen sich einige Araber auf die Seite der moderaten Kräfte und erstatteten den britischen Behörden Bericht. Eine weitere Folge der Gewaltakte war, dass viele der verbliebenen Intellektuellen (Ärzte, Richter, Beamte) aus Angst das Land verließen und die palästinensische Gesellschaft infolgedessen große Teile ihrer (“liberalen”) Elite verlor.

Neben den offensichtlich antijüdischen Forderung, den Verkauf von Land an Juden zu verbieten und die Einwanderung auf der Stelle zu stoppen, äußerte sich der Hass auf die Zionisten auch praktisch. So wurden Juden “in verschiedenen Teilen des Landes angefallen und mit Steinen beworfen [und] die Bäume der Juden und ihre Ernten [vernichtet].”[19] Dem Bericht der Peel-Kommission ist außerdem zu entnehmen, dass es weiterhin zur Ermordung von Juden (bis Oktober 1936 82 Tote) und zu massiver Sabotage von Brücken, Straßen, Pipelines und Zugstrecken kam.[20] Insgesamt kam es nach Schätzung der Jewish Agency zu einem Gesamtschaden von einer viertel Millionen Pfund-Sterling.

Da auch nach diesem Vorschlag kein Ende des Aufstandes, sondern vielmehr einer Ausweitung eben dieses in Sicht war, entschloss sich die britische Mandatsregierung 1938 dazu, diesen mit militärischer Gewalt zu unterdrücken und niederzuschlagen. Der Aufstande kostete nach den Erhebungen der Kommission 82 Juden, 133 Angehörige des Britischen Heeres und schätzungsweise 1000 Arabern das Leben.[21] Infolge des vorgelegten Teilungsplans drohte die Mobilisierung eines Großteil der arabischen Welt durch den Mufti gegen das britische Mandat. Im Mai 1937 veröffentlichte das britische Empire entgegen seiner Versprechungen durch die Balfour-Deklaration, ein sogenanntes. “Weißbuch”, das die Einwanderung bis 1942 auf 75.000 Juden beschränken sollte.[22] Bis zum entgültigen Ende des Aufstandes sollten die Todesopfer noch rapide ansteigen, bis 1939 verloren schätzungsweise 2850 Araber, 1200 Juden und 700 Briten ihr Leben.[23]

4. Zur Ideologie al-Husseinis als Kopf der Aufstände

Ausgehend von der vorangegangen Betrachtung der Ausgangsituation, des Verlaufes und der Maßnahmen der Aufstände soll im Folgenden knapp auf die durch den Mufti vermittelten ideologischen Einflüsse, als treibende Kraft hinter den Aufständen, eingegangen werden.

4.1 Einfluss des Nationalsozialismus

Kaum zu übersehen ist die Einflussnahme und das Interesse der Nationalsozialisten an den arabischen Aufständen: Die Ausbreitung der Aufstände, Organisation und Logistik (Waffen, Gelder etc.) wären ohne deutsche Gelder nicht möglich gewesen.[24]

Es ist dabei zu erwähnen, dass der Mufti als erstes Kontakt suchte – nicht die Nationalsozialisten. Bereits 1937 wollte er eine öffentliche Ablehnung des Peel-Plans und die Unterstützung eines rein arabischen Staates in Palästina durch die Nationalsozialisten erreichen und bot den Nazis im Gegenzug die Bekämpfung der Briten an. Die Nazis hatten dabei nicht nur militärisches Interesse in Palästina, sondern setzten auch auf eine Eskalation der Lage, im Hinlick auf einen sich dezidiert antisemitisch entwickelnden Aufstand. Die vor deutscher Verfolgung und Tod nach Palästina flüchtenden europäischen Juden sollten “vom Regen in die Traufe” kommen, wie es der Chefredakteur der nationalsozialistischen Zeitung “Angriff”, 1937 formulierte.

Auch das Interesse des Muftis am NS war nicht nur rein politscher Natur: Die Briefwechsel mit Hitler, seine positive Reaktion auf die Nürnberger Rassengesetze[25] und die Gründung der sog. “Nazi-Scouts” als Jugendorganisation in Palästina verdeutlichen die ideologischen Sympathien, die der Mufti für den Nationalsozialismus hegte. So sollte er im Jahr 1944 vor der muslimisch-bosnischen SS-Division offen den gemeinsamen Kampf des NS und des Islam gegen die Juden verlautbaren (“ […] 6. Verhältniss zu den Juden – In der Bekämpfung des Judentums näherns sich der Islam un der N.S. einander sehr”)[26] Der Hitlergruß war in den “befreiten Gebieten” in Palästina keine Seltenheit mehr und das Hakenkreuz diente als Erkennungsmerkmal der Fußtruppen des Muftis.[27]

[...]


[1] Küntzel, Matthias: Vor 80 Jahren: Arabischer Aufstand in Palästina.

[2] Vgl. Philipp, Thomas: Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des britischen Mandats

[3] ebenda

[4] Vgl. Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg,. S.42

[5] ebenda

[6] Vgl. Philipp, Thomas: Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des britischen Mandats http://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44991/gesellschaft-palaestinas (21.3.2017)

[7] vgl. Philipp, Thomas: Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des britischen Mandats

[8] vgl. Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg. S.42

[9] Vgl. Krämer, Gudrun: Geschichte Palästinas -Von der osmanischen Eroberung bis zur Staatsgründung Israels. S.316 f.

[10] vgl. Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg. S.43

[11] vgl. Küntzel, Matthias: Vor 80 Jahren: Arabischer Aufstand in Palästina.

[12] vgl.Gensicke, Matthias: Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten – Eine politische Biographie Amin el-Husseinis. S.24

[13] Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.111

[14] Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.119

[15] Rubin,Barry/ Schwanitz, Wolfgang G.: Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East. S.95

[16] vgl. Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.112

[17] vgl. Rubin,Barry/ Schwanitz, Wolfgang G.: Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East. S.96

[18] vgl. Küntzel, Matthias: Vor 80 Jahren: Arabischer Aufstand in Palästina.

[19] Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.112

[20] vgl. Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.112

[21] vgl. Königliche Palästina-Kommission, Bericht über Palästina. S.120 ff.

[22] vgl. Küntzel, Matthias: Vor 80 Jahren: Arabischer Aufstand in Palästina.

[23] Weingardt, Markus A.: Deutsche Israel- und Nahostpolitik: die Geschichte einer Gratwanderung seit 1949. S. 440

[24] vgl. Gensicke, Klaus, Der Mufti von Jerusalem und die Nationalsozialisten – Eine politische Biographie Amin al-Husseinis S.234

[25] vgl. Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg. S.37

[26] vgl. Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhaß – Über den neuen antijüdischen Krieg. S.39, zitiert nach Höpp, Gerhard (Hsg.) Mufti-Papiere: Briefe, Memoranden, Reden und Aufrufe Amin al-Husainis aus dem Exil, 1940-1945. S.219 ff.

[27] vgl. Küntzel, Matthias: Vor 80 Jahren: Arabischer Aufstand in Palästina.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668478053
ISBN (Buch)
9783668478060
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369432
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Israel Palästina Nationalismus Antisemitismus Aufstände Ideologie 1936 1939 Unruhen Arabisch Naher Osten

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Titel: Die Geschichte der arabischen Aufstände von 1936-1939. Zur Rolle des Antisemitismus als tragendes Element der Unruhen in Palästina