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Das Andalusische in der spanischen Gesellschaft. "El andaluz culto" als Beitrag zur Normalisierung der Modalität

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II El andaluz culto als Beitrag zur Normalisierung
II.I Sozialer Status des Andalusischen
II.II Nivellierung und das Schaffen eines andaluz culto nach Pedro Carbonero Cano
II.III Heterogenität des Andalusischen nach Antonio Narbona Jiménez

III Schlussbetrachtung

IV Literaturverzeichnis

I Einleitung

Die spanische Sprache ist eine der meist gesprochenen Sprachen weltweit und weist eine große Bandbreite an verschiedenen Modalitäten und Variationen auf. Zu ihnen gehören die hablas andaluzas, die in der spanischen Provinz Andalusien gesprochen werden.[1] Bei heterogenen Sprachen mit mehreren Variationen sollte laut Antonio Narbona Jiménez keine Varietät den anderen überlegen sein.[2] In dem Fall des Andalusischen jedoch gibt es neben positiven Aussagen wie die von Manuel Machado, der sagte: „[...] 'el mejor castellano, el más rico y sabroso castellano del mundo se habla en Andalucía y, sobre todo, en Sevilla, única verdadera capital del Imperio entre todas las españolas' [...]“[3] auch die weit verbreitete Ansicht, dass das Andalusische nur ein schlecht gesprochenes Spanisch sei.[4] Aus dieser letzteren Ansicht resultiert, was die Soziolinguistik als complejo de inferioridad [5] bezeichnet. Jedoch stammen diese negativen Vorurteile nicht nur von außen. Antonio Narbona Jiménez erklärt den Komplex in seinem Artikel Conciencia lingüística de los andaluces damit, dass jede kollektive Identität sich durch den Vergleich zu dem Anderen, der Alterität, bildet. Bei den Andalusiern ist es der Vergleich zu den Nordspaniern. Da aber diese Unterschiede vielen Andalusiern selbst nicht gefallen, oder es sogar Diskrepanzen innerhalb ihres Kollektivs gibt, fallen die Sprecher in eine Abwehr- und Opferhaltung gegenüber den Nordspaniern: „[...] una actitud circular Defensiva-Ofensiva, plasmada como Victimismo-Reivindicación [...]“[6] Um diesem complejo de inferioridad entgegenzuwirken und den Status des Andalusischen in der spanischen Gesellschaft zu verbessern, gibt es mehrere Ansätze und Diskussionen, die sich mit einer Normalisierung der Modalität durch das sogenannte andaluz culto befassen, welches Schwerpunkt dieser Arbeit ist. Die bekanntesten Vertreter sind Pedro Carbonero Cano, der sich für eine Normalisierung ausspricht und auf der Gegenseite Antonio Narbona Jiménez. Doch in wie weit ist das Andalusische wirklich anders als das Kastilische und wäre das andaluz culto ein möglicher und sinnvoller Beitrag zur Normalisierung des Andalusischen? Im folgenden wird die Diskussion um das andaluz culto untersucht, indem zunächst ein kurzer Blick auf den Status des Andalusischen in der spanischen Gesellschaft und die damit verbundenen Vorurteile und Klischees geworfen wird und auf den Begriff der Normalisierung eingegangen wird.

II El andaluz culto als Beitrag zur Normalisierung

II.I Sozialer Status des Andalusischen

Die Geschichte und Politik haben dazu beigetragen, dass das Andalusische sowohl von dem Rest der Iberischen Halbinsel als auch von den Andalusiern selbst als minderwertig und als schlechtes Spanisch angesehen wird. Auf den ersten Blick scheint es sehr einfach, einen Andalusier anhand seiner Sprache zu identifizieren.[7] Pedro Carbonero listet in einem seiner Werke mehrere Mythen auf, die sich um das andaluz und seine Sprecher ranken. So wird ihnen nachgesagt, dass wenn sie nicht mit einer „[...] 'claridad castellana' [...]“[8] sprächen, man sie nicht verstehen würde. Der Autor widerlegt dieses Vorurteil aber sogleich, indem er sagt, dass diese Schwierigkeit auch bei anderen Modalitäten des Spanischen auftreten könne und nicht nur das Andalusische betreffe.[9] Des Weiteren gibt es den Mythos der Orthographie, der besagt, dass die Andalusier die Schriftsprache nicht korrekt aussprächen, da sie einzelne Buchstaben verschluckten.[10] Ein Beispiel ist die Aspiration des implosiven -s: „historia“ → „[ihtórja]“[11] Dies als fehlerhaftes Sprechen zu bezeichnen, würde aber bedeuten, dass z.B. alle Franzosen ebenfalls ein 'inkorrektes' Französisch verwenden würden, „[...] cuya ortografía es mucho más 'etimológica' y mucho menos 'fonética' que el español.“[12] Carbonero geht sogar noch weiter, indem er behauptet, dass das Französische und das Andalusische von allen romanischen Sprachen bzw. Modalitäten, diejenigen sind, die sich am meisten weiter entwickelt haben.[13] Mit der Evolution von bestimmten Lauten, wie der Verlust der Unterscheidung zwischen /b/ und /v/, hat auch das Kastilische eine lautliche Entwicklung durchlaufen.[14] Ein weiteres Klischee, mit dem der Andalusier sich konfrontiert sieht, ist der Witz und der vulgäre Ausdruck; „[...] la gracia andaluza“[15]. Egal ob in Filmen, wie zum Beispiel dem Film „Ocho apellidos vascos“[16], in Serien oder bei Comedy Auftritten - der Andalusier wird oft als Witzfigur dargestellt und bringt durch seine „[...] incorrecciones lingüísticas […] [y su] 'humor grueso' [...]“[17] die Zuschauer zum Lachen. Dieser Mythos jedoch simplifiziert und verallgemeinert das Bild der Andalusier, denn wie Carbonero sagt: „Hablar andaluz no es, en definitiva, hablar contando chistes.“[18] Hinzu kommt, dass viele der vulgären Ausdrücke, die den Andalusiern zugeschrieben werden, genauso auch in anderen Modalitäten vorkommen und nicht Teil der hablas andaluzas sind, sondern nur Teil eines vulgären Registers.[19] Das Vorurteil, dass das Spanisch in Andalusien ein falsches Spanisch sei, ist in sofern nicht richtig, als dass zum Beispiel der leísmo, laísmo und loísmo, der in Kastilien weit verbreitet ist, in Andalusien nicht existiert.[20]

All diese Mythen und Vorurteile sind unter anderem Grund für den, schon in der Einleitung beschriebenen, complejo de inferioridad und dafür, dass sich einige Andalusier gezwungen sehen, in bestimmten Situationen ihren Akzent zu verändern. In einer Analyse von L.C.Díaz (2002) wurden mehrere Journalisten des Fernsehprogramms Canal Sur Televisión gefragt:“'¿Se ha visto usted obligado en alguna ocasión a cambiar de acento para poder realizar su trabajo?'“[21] Worauf 60% der Befragten mit Ja antworteten.[22] Dabei spielen die Medien eine wichtige Rolle bei der Verbreitung und der Prestigesteigerung einer Modalität. Auch in dem Estatuto de Autonomía ist in dem Artikel 213 festgelegt: „Los medios audiovisuales públicos promoverán el reconocimiento y uso de la modalidad lingüística andaluza, en sus diferentes hablas.“[23] Die Realität sieht aber, wie die Analyse zeigt, anders aus. Das Sprachbewusstsein der Andalusier zu definieren, erweist sich als kompliziert, da je nach Formulierung der Umfragen, die Antworten variieren. Auf die Frage „'¿Qué lengua habla usted?'“[24], gestellt von Forschern des ALEA „Atlas Lingüístico y Etnográfico de Andalucía“, antworteten nur 20% mit andaluz Bei einer Umfrage von M.Ropero sind es knapp die Hälfte (39%) bei der Frage: „'¿Qué modalidad lingüística habla usted?'“[25]. Auch wenn es schwierig ist festzustellen, wie die Andalusier über die hablas andaluzas denken, so kann man doch sehen, dass einige Merkmale des andaluz mehr Ansehen besitzen und in offiziellen Situationen häufiger verwendet werden als andere.[26]

II.II Nivellierung und das Schaffen eines andaluz culto nach Pedro Carbonero Cano

Nach Pedro Carbonero Cano passen sich die verschiedenen Modalitäten einer Sprache durch Gleichmachung, oder auch Nivellierung, an die Standardsprache an und haben diese als Vorbild: „[...] las lenguas de cultura tienden a una nivelación en la norma estandarizada.“[27] Die Standardnorm, oder Standardsprache, umschließt den Begriff der Normalität, ohne dabei die Konnotation des Korrigierens hervorzurufen. Coseriu beschreibt die Standardsprache wie folgt:

[...] no se trata de una norma en el sentido corriente, establecida o impuesta segun criterios de correccion y de valoracion subjetiva de lo expresado, sino de la norma que seguimos necesariamente por ser miembros de una comunidad linguistica, y no aquella segun la cual se reconoce que “hablamos bien” o de manera ejemplar, en la misma comunidad. Al comprobar la norma a la que nos referimos, se comprueba cómo se dice, y no se indica cómo se debe decir: los conceptos que, con respecto a ella, se oponen son normal y anormal, y no correcto e incorrecto.][28]

Carbonero beruft sich auf die Definition der Standardnorm von der Linguistic School of Prague und schreibt ihr die Eigenschaften der Intellektualisierung, der flexiblen Stabilität und der Verwurzelung zu. Die Intellektualisierung besagt, dass die Standartnorm dazu dient, sich in jeder Situation, ob umgangssprachlich oder nicht, korrekt ausdrücken zu können. Die flexible Stabilität stattet die Norm mit Regeln aus, an denen sich der Sprecher orientieren kann, die aber dennoch flexibel sind. Die Verwurzelung bedeutet, dass die Sprecher sich mit den Merkmalen und Eigenschaften der Standartsprache identifizieren können.[29] Zweck einer Norm ist es, den Merkmalen, aus denen sie besteht, ein höheres Ansehen zu verleihen und zu dessen sozialem Status zu verbessern.[30]

Im Fall des Andalusischen ist die einzige Norm die des Kastilischen, denn es gibt noch keine andalusische Norm. Nichtsdestotrotz ist die sprachliche Modalität von Sevilla mittlerweile so weit verbreitet, dass sie die Rolle einer Norm neben der kastilischen einnehmen könnte.[31] Auch M. Alvar ist der Meinung, dass das Andalusische nicht mit anderen meridionalen Varietäten, wie die Gran Canarias oder Südamerikas zusammengefasst werden kann.[32] Perdo Carbonero Cano schlägt daher vor, eine solche Norm, das andaluz culto, zu schaffen. Dafür hat er, um zu untersuchen, welche Merkmale des Andalusischen mehr Prestige haben als andere, die Resultate einer Studie vom Departamento de Lengua Española de la Universidad de Sevilla zusammengefasst, die die Häufigkeit und Akzeptanz bestimmter Merkmale untersucht. Befragt wurden gebildete Sprecher, sowohl Männer als auch Frauen unterschiedlichen Alters, aus der andalusischen Hauptstadt Sevilla. Ein paar Merkmale, die unter anderem untersucht wurden sind:

1. Aspiración o pérdida de -s implosiva, con consecuencias fonéticas diversas.
2. No distinción del par s/Ɵ, también con consecuencias diversas, generalmente 'seseo'.
3. Neutralización de r/l en posición implosiva, con realización general de [r], y pérdida de las mismas en final de palabra.[33]

[...]


[1] Vgl. http://grupo.us.es/ehandalucia/que_es_el_andaluz/01_una_primera_mirada.html

[2] Vgl. A. Narbona Jiménez (2009): La identidad lingüística de Andalucía. Sevilla, S. 28.

[3] A. Narbona Jiménez (2003) : „Sobre la conciencia lingüística de los andaluces“, in: Boletín de la Real Academia Sevillana de Buenas Letras 31, S. 83-126, hier S. 89.

[4] Vgl. A. Narbona Jiménez/R. Morillo-Velarde Pérez (1987): Las hablas andaluzas. Córdoba, S. 36.

[5] A. Narbona Jiménez (2012): „Conciencia de identidad lingüística de los andaluces“, in: Boletín de la Real Academia Sevillana de Buenas Letras 40, S. 269-278, hier S. 1.

[6] Ebenda, S. 2.

[7] Vgl. A. Narbona Jiménez (2009), S. 29.

[8] P. Carbonero Cano (2003): Estudios de sociolingüística andaluza, Sevilla, S. 123.

[9] Vgl. Ebenda, S. 123.

[10] Vgl. Ebenda, S. 126.

[11] Ebenda, S. 24.

[12] Ebenda, S. 126.

[13] Vgl. P. Carbonero Cano (1982): El habla de Sevilla, Sevilla, S. 42.

[14] Vgl. F. García Marcos (2000): Bases de planificación lingüística para Andalucía. Almería, S. 103.

[15] P. Carbonero Cano (2003), S. 126.

[16] E. Martínez-Lazaro (2014): Ocho apellidos vascos. (Spielfilm)

[17] P. Carbonero Cano (2003), S. 127.

[18] Ebenda, S. 127.

[19] Vgl. P. Carbonero Cano (1982), S. 40.

[20] Vgl. M. Alvar (1988): „¿Existe el dialecto andaluz?“, in: Nueva Revista de Filología Hispánica 36, S. 9-22, hier S. 29.

[21] A. Narbona Jiménez (2009), S. 53.

[22] Vgl. A. Narbona Jiménez (2009), S. 53.

[23] http://www.juntadeandalucia.es/html/especiales/NuevoGobiernoVIII/
images/17estatuto.pdf.

[24] A. Narbona Jiménez/R. Morillo-Velarde Pérez (1987), S. 35.

[25] P. Carbonero Cano (1982), S. 79.

[26] Vgl. P. Carbonero Cano (2003), S. 117.

[27] Ebenda, S. 21.

[28] E. Coseriu (1973 [1952]): Sistema, norma y habla. Montevideo, S. 90.

[29] Vgl. P. Carbonero Cano (2003), S. 21.

[30] Vgl. Ebenda, S. 22.

[31] Vgl. P. Carbonero Cano (1982), S. 74.

[32] Vgl. M. Alvar (1988), S. 26.

[33] P. Carbonero Cano (2003), S. 23.

Details

Seiten
17
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668497108
ISBN (Buch)
9783668497115
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369487
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Soziolinguistik El andaluz Das Andalusische Sprecherbewusstein Andalusien Normalisierung

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Titel: Das Andalusische in der spanischen Gesellschaft. "El andaluz culto" als Beitrag zur Normalisierung der Modalität