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Die Errichtung der Großwohnsiedlungen Berlin-Marzahn und das Märkische Viertel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 31 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundzüge der Stadtentwicklung in West- und Ost-Berlin nach Ende des zweiten Weltkrieges
2.1 Stadtentwicklung in West-Berlin
2.2 Stadtentwicklung in Ost-Berlin
2.3 Großwohnsiedlungen als Resultat der Stadtentwicklung

3 Die Großwohnsiedlung Märkisches Viertel in West-Berlin
3.1 Die Errichtung aus historischer Perspektive
3.2 Lokale Entwicklungen seit der Errichtung

4 Die Großwohnsiedlung Marzahn in Ost-Berlin
4.1 Die Errichtung aus historischer Perspektive
4.2 Lokale Entwicklungen seit der Errichtung

5 Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Großwohnsiedlungen in West- und Ost- Berlin

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Appendix

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

AWG Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

Der am 8. Mai 1945 beendete Zweite Weltkrieg hinterließ in weiten Teilen Deutschlands flächenhaft zerstörte Städte. Die Stadt Berlin verzeichnete zwischen 550.000 und 600.000 zerstörte Wohnungen1 beziehungsweise 250.000 Gebäude (COLOMB 2012, 51; PETERS 1995, 190; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 216f.; STADT BERLIN, o.J.), ein Viertel der lokalen Industrie lag in Trümmern (COLOMB 2012, 51). Im Westen der Stadt umfasste das Ausmaß der Zerstörung eine Fläche von 2.460 Hektar. Im Ostteil Berlins hatte diese Flä- che einen Umfang von 1.132 Hektar. Von ehemals 4,3 Millionen Einwohnern lebten mit Kriegsende noch 2,8 Millionen in Berlin (PETERS 1995, 184; STADT BERLIN, o.J.).

Einem raschen Wiederaufbau kam somit in Folge der lokalen Zerstörung eine immense Bedeutung zu. Nachdem zunächst in allen vier Besatzungszonen2 die Beseitigung der Trümmer und erste Aufbauarbeiten begonnen hatten, zeichneten sich zunehmende Kon- flikte zwischen den Alliierten ab. Diese endeten in der Spaltung Deutschlands in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) sowie die Deutsche Demokratische Republik (DDR) in den Jahren 1948 und 1949. Die politisch-administrative Trennung hatte auch in der Städte- und Wohnungsbaupolitik weitreichende Konsequenzen. Vor dem Hintergrund unterschiedlich geprägter Leitlinien erfolgte in beiden Teilen Berlins der Wiederaufbau zerstörter Stadtfläche, um der lokalen Wohnungsnot entgegen zu wirken. Um diese Wohnungsnot umfassend und schnell zu beheben, kam es in beiden Stadthälften zur Er- richtung großer, hochgeschossiger Wohnblöcke, im Folgenden als Großwohnsiedlung bezeichnet. Exemplarisch für diese städtebauliche Entwicklungsphase können die Großwohnsiedlungen Märkisches Viertel im Westen Berlins, sowie Marzahn im Osten Berlins benannt werden. Diese Wohngebiete werden in der vorliegenden Arbeit bei- spielhaft für die Stadtentwicklung der Nachkriegsjahre in West- und Ost-Berlin unter- sucht.

Dazu erfolgt zunächst eine Einführung in die wesentlichsten Stadtentwicklungsprozesse der Nachkriegsjahre in Kapitel 2. Hier wird die Errichtung der Großwohnsiedlungen in Berlin aus der lokalen Stadtentwicklung von BRD und DDR hergeleitet. Kapitel 3 und Kapitel 4 konkretisieren die Thematik anschließend, indem die Errichtungen der be- nannten Quartiere aufgegriffen und erläutert werden. Die politisch bedingte, unter- schiedliche Stadtentwicklung in West- und Ost-Berlin lässt anhand dieser Fallbeispiele Unterschiede und Parallelen der Entwicklung erkennen. Diese werden in Kapitel 5 auf- gegriffen und diskutiert. Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Schlussbe- trachtung in Kapitel 6.

2 GRUNDZÜGE DER STADTENTWICKLUNG IN WEST- UND OST-BERLIN NACH ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES

Ausgelöst durch die nach Kriegsende entstandene akute Wohnungsnot, setzte ein baldi- ger Wiederaufbau der zerstörten Stadt ein. In den Jahren 1945 und 1946 konnten 66.215 Wohnungen wiederaufgebaut oder instandgesetzt werden (PETERS 1995, 190; VOLL 1983, 74). Auch in der Wirtschaft begegnete man der Zerstörung durch umfangrei- che Aufbauarbeiten, sodass Ende des Jahres 1946 fast 5.800 Betriebe erneut ihre Tätig- keit aufnehmen3 und 1,6 Millionen Arbeitsplätze wieder hergestellt werden konnten (PETERS 1995, 190).

Diese „Stunde Null“ zu Kriegsende kann jedoch nicht als radikaler Neubeginn des Städ- tebaus bezeichnet werden. Man knüpfte zunächst nahtlos an die in der NS-Zeit begonne- nen Arbeiten zum Wiederaufbau an. Das Hauptaugenmerk galt dabei der Instandsetzung von Wohnraum sowie dem zeitnahen Neubau (COLOMB 2012, 57; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 218). So umfasste der erste Befehl des Stadtkommandanten von 1945, General- oberst Nikolai E. Bersarin, unter anderem die Herstellung der vollen Ordnung in der Stadt (PETERS 1995, 189). Die wichtigste Aufgabe bestand zunächst in der Beseitigung der Trümmer und der provisorischen Wiederherstellung der Verkehrs- und Wohninfra- struktur. Entsprechend des ersten Nachkriegsmagistrats sah ein Aufbauplan bis 1950 Instandsetzungsarbeiten an Wohnungen, Schulen, Krankenhäusern und Arbeitsstätten vor (PETERS 1995, 190). Weiterhin wurde 1946 von den Alliierten ein Kontrollratsgesetz verabschiedet, das die Zuweisung von Wohnraum an Kriegsheimkehrer, Ausgebombte und Flüchtlinge beinhaltete.

Zunehmende Differenzen zwischen West- und Ostalliierten, beispielsweise in der Wirt- schaftspolitik oder der zivilen Verwaltung, wirkten sich auch auf das lokale Bauklima aus. Alle Planungen der Jahre 1947 und 1948 blieben aufgrund der politischen Konfron- tation ohne bauliche Realisierung (PETERS 1995, 192). Baupolitische Weisungen wurden in der Osthälfte Berlins über die Generalsekretäre Ulbricht beziehungsweise Honecker getätigt. West-Berlin war geprägt von einer „spektakulären Verfilzung“ (PETERS 1995, 194) zwischen Baugeschäft und Politik. Im Mai 1948 zerbrach die politische Einheit der Stadt, nach einer getrennten Währungsreform für die westliche Stadthälfte, endgültig (COLOMB 2012, 51; PETERS 1995, 192). Es kam zur Gründung der BRD in den Westzonen Berlins (COLOMB 2012, 51; STADT BERLIN, o.J.) und der Ausrufung der DDR im Oktober 1949.

Mit der Spaltung der Stadt entstanden nun zwei gesonderte Planungs- und Baubehör- den. Im Westen Berlins wurde Walter Nicklitz, im Osten Arnold Munter zum Stadtrat und Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen ernannt (PETERS 1995, 194ff.). In beiden Teilstädten zeichneten sich die baulichen Hauptveränderungen bis in die 1970er Jahre in den Stadtzentren, dem Wohnungsbau und dessen unterschiedlichen Zielsetzun- gen, sowie im Gewerbe- und Industriebau und der Realisierung öffentlicher Bauten ab (PETERS 1995, 213). Für den Wohnungsbau wurden dabei in West-Berlin etwa 50 Prozent des Bauvolumens ausgegeben, im Osten waren es nur 20 Prozent.

Weitere Unterschiede der Stadtentwicklung in beiden Berliner Stadthälften werden in den folgenden Kapiteln 2.1 und 2.2 dargestellt, bevor in Kapitel 2.3 die Großwohnsiedlungen als Resultate dieser Entwicklungen in den Fokus der Arbeit rücken.

2.1 Stadtentwicklung in West-Berlin

Die in Kapitel 2 erwähnten Bauaktivitäten orientierten sich in West-Berlin in den 1950er Jahren zunächst an dem vorherrschenden Leitbild einer gegliederten und aufge- lockerten Stadt, das auf Johannes Göderitz, Roland Rainer und Hubert Hoffmann zurück- zuführen ist (HARTH 2012, 348f.; RIETDORF 1997a, 77; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 232). In Anlehnung an die Charta von Athen4, die Gartenstadtbewegung5, Planvorstellungen von Le Corbusier6 und weitere Strömungen entwickelte sich dieses Leitbild, das die räumliche Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten und Verkehr forderte (HEINE- BERG 2006, 130; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 221). Aufgrund eines Bodenpreisstopps, relativ niedrigen Bodenpreisen und einer intensiven Flächenvorratspolitik wurde die Umsetzung dieses Leitbildes begünstigt, das zur Herausbildung einer Stadtlandschaft führte, die in Nachbarschaftseinheiten von 1.000 Wohneinheiten untergliedert war (SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 232ff.). Einhergehend mit der Kritik über eine vermeint- liche Zersiedelung der Landschaft und immer neue Fehlentwicklungen, städtebaulicher Monotonie, einer zu seelischen Schäden führenden Unwirtlichkeit der Städte und der durch die Funktionsentmischung erzeugten neuen Verkehrsströme (DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 213; RIETDORF 1997a, 77; ZEHNER 2001, 96), gewann das Konzept der Urbanität durch Dichte an Bedeutung. Mit der Orientierung an diesem Stadtentwicklungskonzept erfolgte eine zunehmende Abkehr von der historischen Stadt und es kam zu einer über- stürzten Propagierung neuer Dichtemodelle, ungebremstem Wachstum und Fort- schrittsgläubigkeit (DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 213). Zugleich hatten sich die Bodenpreise mit dem Auslaugen staatlicher Reglementierungsmaßnahmen derart rasant entwickelt, dass geringe Siedlungsdichten wirtschaftlich nicht länger durchsetzbar waren (SCHRÖTE- LER-VON BRANDT 2008, 234).

Seine politische Umsetzung fanden die neuerlichen Entwicklungen im Ersten Stadter- neuerungsprogramm vom 18. März 1964, das nach dem Grundsatz „Abriss und Neubau“ reiner Wohnkomplexe umgesetzt wurde (HOFMEISTER 1996, 32; PETERS 1995, 224; STICHS 2003, 42f.). In zehn bis 15 Jahren sollten in acht Altbauquartieren rund 43.000 Wohnun- gen abgerissen, 24.000 neu errichtet und 10.000 modernisiert werden (STICHS 2003, 42f.). Die Arbeiten erfolgten in fünf Schritten: Ersatzwohnungsneubau, Abriss der nicht sanierungswürdigen Wohnhäuser, Entkernung, Modernisierung der Restbausubstanz und schließlich den Neubau nach modernen städtebaulichen Vorstellungen (PETERS 1995, 232f.; STICHS 2003, 43f.). Resultierend aus diesen modernen städtebaulichen Vor- stellungen entstanden im Süden, Norden und Westen Berlins Stadterweiterungen bisher unbekannten Ausmaßes: die Großwohnsiedlungen. Das angewandte Konzept der Flä- chensanierung versprach gestalterische Freiheiten ohne Altbausubstanzen aufwändig in die Stadtgestaltung eingliedern zu müssen. Auch eine Infrastrukturerweiterung schien sich problemfreier realisieren zu lassen (STICHS 2003, 43). Diese Art der Stadterweite- rung war besonders durch ihre Form der Finanzierung geprägt (PETERS 1995, 224). In der Bundesrepublik war seit den 1950er Jahren der Soziale Wohnungsbau die Haupt- form des öffentlich geförderten Wohnungsbaus7 (LIEBMANN 2004, 28). Dessen wichtigste Aufgaben waren die „Orientierung auf die Versorgung der breiten Masse der Bevölke- rung, die Festlegung von Mietrichtsätzen und Mindeststandards bei Wohnungsgrößen und -ausstattung“ (SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 227). Umgesetzt wurde dies durch die Standardisierung staatlicher Baumaßnahmen. Weiterhin fand eine staatliche Förderung „sozial schwacher Bevölkerungskreise“ (SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 228) statt. Diese Förderungen waren entsprechend des Einkommens und Familienstandes unterschied- lich ausgeprägt (RIETDORF 1997a, 77).

Bereits in den 1960er Jahren mehrte sich auch am Großsiedlungsbau die Kritik. Zu die- sem Zeitpunkt waren in West-Berlin rund 850.000 Wohnungen vorhanden (VOLL 1983, 74). Eine Funktionalisierung der Städte für die kapitalistische Wirtschaft, die Automobi- lisierung und Verkehrsprobleme, sowie stark verdichtete und marode Gründerzeitquar- tiere waren zentrale Kritikpunkte (HARTH 2012, 350). Es folgte eine Abkehr von der Kahlschlagsanierung und eine Hinwendung zur behutsamen Stadterneuerung, bezie- hungsweise ein Wandel von der Flächen- zur Objektsanierung, insbesondere in nun fo- kussierten, innerstädtischen Gründerzeitgebieten (COLOMB 2012, 57f.; JESSEN 2012, 28f.; RIETDORF 1997a, 78; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 240). Ökonomische Rezessionen wie der Ölpreisschock 1973, ein sinkendes Bruttosozialprodukt und auch der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit begünstigten diese Entwicklungen und der Sozia- le Wohnungsbau wurde reduziert (HARTH 2012, 353; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 240). Bereits das Zweite Stadterneuerungsprogramm von 1973 zielte auf die bauliche Erneue- rung und eine soziale Verträglichkeit des Bauens ab (PETERS 1995, 234; RIETDORF 1997a, 78)8.

In der sowjetischen Besatzungszone war die Kahlschlagpolitik zu diesem Zeitpunkt nach wie vor das Kernstück der lokalen Sanierungsarbeiten.

2.2 Stadtentwicklung in Ost-Berlin

In der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR war es das Ziel, neben erforderlichen quantitativen Erweiterungen des Wohnungsbaus, vor allem städtebaulich ein Zeichen zu setzen9. Aus diesem Grund reiste im Frühjahr 1950 eine Delegation ostdeutscher Politiker, Stadtplaner, Architekten und anderer Baufunktionäre nach Moskau. Dort wurden ihnen die Kernelemente sozialistischer Architektur vermittelt:

„Monumentalbauten sollten den Sozialismus glorifizieren, großzügig angelegte Straßen und Plätze sollten Aufmärsche und Feiern ermöglichen und eine Bildung formenreicher historisierender Architektur sollte den volkstümlichen Charakter der Bauten betonen“ (HARTH 2012, 349).

Im Anschluss an diese Reise wurden in Ost-Berlin am 27. Juli 1950 die 16 Grundsätze des Städtebaus eingeführt, die man als Gegenentwurf zur Charta von Athen (vgl. Kapitel 2.1) im Städtebau verankerte (BERNHARDT 2005, 107; DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 179; LIEBMANN 2004, 35). Sie stellten ein ausdrückliches Bekenntnis zum wirtschaftlichen und sozialen Wert des sowjetischen Leitbildes einer kompakten Stadt dar und widersprachen dem Modell der sozialen und räumlichen Funktionstrennung (PETERS 1995, 196; SCHRÖTELER- VON BRANDT 2008, 235f.). Dieser neue sozialistische Städtebau folgte totalitären Prinzi- pien. Grund und Boden wurden verstaatlicht und gesellschaftlichen und staatlichen Ein- richtungen wurde in der Bautätigkeit Vorrang gegenüber der Privatsphäre eingeräumt (COLOMB 2012, 60; LICHTENBERGER 1998, 205). Einen freien Wohnungsmarkt gab es, der Planwirtschaft entsprechend, zu keinem Zeitpunkt (LIEBMANN 2004, 31). Aufgrund der staatlichen Lenkung konnten dauerhaft niedrige Mietpreise gewährleistet werden. Der Maxime „herrschaftliche Wohnungen für herrschaftliche Arbeiter“ (BERNHARDT 2005, 107; STICHS 2003, 66f.) folgend, sollten neue Wohnkomplexe als Ausdruck sozialistischen Lebens geschaffen werden. Wichtigste bauliche Komponenten waren die Ausrichtung der Stadt auf ein Zentrum sowie Blockrandbebauungen, die den Erhalt oder die Neufor- mierung eindrucksvoller Paradeplätze und -straßen gewährleisteten. Bauliche Neuerun- gen sollten außerdem regionale Stilelemente enthalten10 (BERNHARDT 2005, 107; COLOMB 2012, 62; HARTH 2012, 349; STADT BERLIN o.J.; STICHS 2003, 66f.). Das städtische Leben wurde als die höchste Form sozialistischen Lebens angesehen. Nur in der Stadt könne die Perfektion einer sozialistischen Gesellschaft erreicht werden, hieß es (LICHTENBERGER 1998, 204). So enthielt bereits §13 der 16 Grundsätze des Städtebaus den Hinweis: „Die vielgeschossige Bauweise ist wirtschaftlicher als die ein- oder zweigeschossige. Sie ent- spricht auch dem Charakter der Großstadt“ (DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 179).

Am 23. August 1950 wurden auf dieser Grundlage die Grundsätze für die Neugestaltung Berlins und am 6. September 1950 das Aufbaugesetz verabschiedet (PETERS 1995, 196). Die architektonische und städtebauliche Glorifizierung endete bereits 1953 mit dem Tod Stalins. Dessen Nachfolger Chruschtschow „geißelte den Konservatismus der Architek- tur“ (HARTH 2012, 349) und leitete eine Phase ausgeprägter Industrialisierung und Stan- dardisierung des Bauens ein, die gekoppelt war an serielle Vorfertigungen und industri- elle Montagearbeiten (LADD 2001, 584; RIETDORF 1997a, 80). 1955 wurde ein Bruch mit den 16 Grundsätzen des Städtebaus und ein Paradigmenwechsel zum Sozialistischen Wohnkomplex eingeleitet (SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 237). Unter der Losung besser, schneller und billiger bauen fand 1955 die erste Baukonferenz in Berlin statt, die den Paradigmenwechsel forderte. Grundlage des neuen Bauens war eine funktionalistisch- technologische Konzeption industriell gefertigter Wohnungen (BERNHARDT 2005, 110; HARTH 2012, 349f.; LIEBMANN 2004, 28), die an eine erhöhte Wirtschaftlichkeit des Woh- nungsbaus gebunden war. Der Wohnungsneubau entstand nun als komplexer Woh- nungsbau,

„der als staatlich stark subventionierter Neubau auf der Grundlage zentral vorgegebener staatlicher Kostennormative, verbindlicher städtebaulicher Planungsrichtlinien und nach typisierten Gebäudelösungen mit hohem Anteil industriell gefertigter Bauelemente, vorwiegend in Großtafel- bzw. Plattenbauweise, errichtet wurde“ (RIETDORF 1997a, 77).

Charakteristisch für diese industriell entstehenden Bauten waren eine hohe Populati- onsdichte und eine ungewollte funktionelle Segregation (BERNHARDT 2005, 112). Der komplexe Wohnungsbau umfasste einschlägige Gemeinschaftseinrichtungen, verdichtete Wohnbebauungen, geplante Grün- und Freiflächen, verkehrsinfrastrukturelle Erschlie- ßungsmaßnahmen von Neubaugebieten, um diese Gebiete funktional zu gestalten, sowie einen flächenhaft staatlichen Grundstückserwerb (BERNHARDT 2005, 112; HANNEMANN 1996, 96; RIETDORF 1997a, 77f.; RIETDORF & LIEBMANN 1998, 178). Damit entsprach der Ansatz des komplexen Wohnungsbaus zumindest konzeptionell internationalen Leitbil- dern der modernen, funktionalen Stadt, die eine Verknüpfung der Funktionen Wohnen, Versorgung, Bildung, Freizeit und Verkehr umfassten (HOHN & HOHN 1993, 146). Die grundsätzliche Finanzschwäche Ostdeutschlands zwang dabei jedoch von Beginn an zu Minimallösungen bei der Wohnungsgröße, Ausstattung, Gebäudevielfalt und -gestaltung (RIETDORF 1997a, 80). Allgemein verzögerte sich der Wiederaufbau aufgrund dieser Fi- nanzschwäche in Ost-Berlin um acht bis zehn Jahre gegenüber dem Westen der Stadt (BERNHARDT 2005, 105; PETERS 1995, 196).

An die Stelle des Sozialistischen Wohnkomplexes traten unter Erich Honecker ab Mitte der 1970er Jahre staatliche Komplexrichtlinien für die städtebauliche Planung und Gestal- tung von Wohngebieten (BERNHARDT 2005, 115). Zwischen den Jahren 1976 und 1990 setzte außerdem das Programm zur Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990 ein. Zweck dieser Vorgaben war eine weitere Ökonomisierung der Ablaufprozesse (LADD 2001, 585f.; LIEBMANN 2004, 28; STICHS 2004, 69). Das Programm sah Neubauten und Modernisierungsmaßnahmen in einem Umfang von knapp drei Millionen Wohnun- gen vor (HANNEMANN 1996, 96; LIEBMANN 2004, 26; RIETDORF 1997a, 78ff.), sodass die Errichtung zahlreicher Großwohnsiedlungen der DDR auf diesen Zeitraum datiert wer- den kann (HANNEMANN 1996, 93). Einhergehend mit der Errichtung dieses Siedlungstypus, kam es zu einem verstärkten Verfall baulicher Substanzen der Stadtzentren (DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 213; HOHN & HOHN 1993, 146; LIEBMANN 2004, 41).

Dieses städtebauliche Konzept wurde, mit verschiedensten Anpassungen, bis zum Niedergang der DDR verfolgt und genoss eine vorbehaltlose Priorität (DÜWEL & GUTSCHOW 2005, 260; LIEBMANN 2004, 23).

2.3 Großwohnsiedlungen als Resultat der Stadtentwicklung

„Die Nachkriegsgeschichte der städtebaulichen Leitbilder ist in ihren wesentli- chen Teilen die Geschichte der Leitbilder für den Bau von Großsiedlungen11. […] Der Bau von Großsiedlungen zur Bewältigung der Wohnungsnachfrage in den Ballungsräumen war ein europaweites Phänomen der Nachkriegszeit; sie gal- ten als die „Experimentierfelder der Moderne“, auf die sich der professionelle Ehrgeiz und Gestaltungsanspruch von Städtebauern in den ersten Nachkriegs- jahren richtete“ (JESSEN 2012, 30).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Großwohnsiedlungen mit mehr als 1.000 Wohnungen in der heutigen BRD (verändert nach RIETDORF & LIEBMANN 1998, 179)

Sowohl Kapitel 2.1 und Kapitel 2.2, als auch das eingangs aufgeführte Zitat und Abbil- dung 1 verdeutlichen die Bedeutung des städtebaulichen Siedlungstyps der Großwohn- siedlungen. Die außergewöhnlich dichte Ballung jener Siedlungen in und um den Ver- dichtungsraum Berlin (HEINEBERG 2006, 238) ist eindeutig aus Abbildung 1 abzulesen. Bis Anfang der 1980er Jahre entstanden in Deutschland 239 Großwohnsiedlungen (ZEH- NER 2001, 96).

Nach BREUER (1997, 593) werden „unter dem städtebaulichen Gebietstyp der Großwohnsiedlungen solche Teilräume verstanden, die eine Größe von mehr als 1.000 Wohnungen12 haben, nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden sind, [und] auf einheitlichen Städtebaukonzepten basieren.“

Des Weiteren zeichnen sich Großwohnsiedlungen durch eine baulich-räumliche Monostruktur aus. Dies resultiert aus der vielgeschossigen Bauweise (HANNEMANN 1996, 88). Ebenfalls charakteristisch sind vernetzte Infrastruktursysteme lokaler Fuß- und Radwege (ZEHNER 2001, 97). In der Regel wurden die Siedlungen mit jeweils einem neuen Hauptzentrum und mehreren Nebenzentren, nicht aber mit ausreichenden Arbeitsplatzangeboten, geplant (HEINEBERG 2006, 238). Aufgrund des sozialistischen Gesellschaftsgedanken beziehungsweise des Sozialen Wohnungsbaus stellten Großwohnsiedlungen vielfach ein für breite Bevölkerungsschichten bezahlbares Wohnumfeld dar (HANNEMANN 1996, 91; HUNGER 2012, 40). Diese Großwohnsiedlungen wurden häufig auf Basis rationalisierter Fertigbauweisen errichtet (RIETDORF 1997a, 77).

Vor allem zur Bewältigung der erwähnten Wohnungsnot bot sich der Bau dieser Siedlungen in den Ballungsräumen (vgl. Abbildung 1) an (ZEHNER 2001, 97) und stellte in beiden deutschen Staaten ein zeitgemäßes siedlungs- und wirtschaftspolitisches Instrument der Nachkriegsjahre dar.

Die unterschiedlichen Ausgangssituationen zum Bau der Großwohnsiedlungen entspre- chend der verschiedenartigen Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme (Kapitel 2.1 und Kapitel 2.2) resultierten in einem ebenfalls verschiedenartigen Bau der Siedlungen (HEI- NEBERG 2006, 229). Im Folgenden wird daher ein kurzer Überblick über die städtebauli- chen Grundlagen der Großwohnsiedlungen West- und Ost-Deutschlands geliefert.

CHARAKTERISTIKEN DER GROßWOHNSIEDLUNGEN IN WEST-DEUTSCHLAND

Großwohnsiedlungen West-Deutschlands wurden primär in den 1960er und 1970er Jahren errichtet (FANGOHR 1988, 26; HEINEBERG 2006, 237; HUNGER 2012, 43). In diesem Zeitraum wurden 500.000 bis 600.000 Wohnungen in Großwohnsiedlungen mit mehr als 500 Wohneinheiten (WE) gebaut (FANGOHR 1988, 26). Die größten dieser Siedlungen waren mit 26.700 WE Neu-Perlach in München und mit 17.000 WE das Märkische Vier- tel in West-Berlin (HOHN & HOHN 1993, 147). Die Großwohnsiedlungen der BRD bestan- den überwiegend aus Mietwohnungen des Sozialen Wohnungsbaus. Sie wurden nach einheitlichen Bebauungsplänen mit vorgesehenen Infrastruktureinrichtungen, Grünund Freiflächen geplant und besaßen einen homogenen Charakter (HANNEMANN 1996, 104; HEINEBERG 2006, 237). Dennoch wurde nur ein geringer Anteil der Wohngebäude in Fertigteilbauweise errichtet (HANNEMANN 1996, 89). Den ideologischen Hintergrund West-Deutscher Großformen bildeten die eingangs aufgeführte Charta von Athen, sowie Wohnformen Le Corbusiers (vgl. Kapitel 2.1) (ZEHNER 2001, 96).

CHARAKTERISTIKEN DER GROßWOHNSIEDLUNGEN IN OST-DEUTSCHLAND

Insgesamt wurden in der DDR bis 1990 1.140.000 WE in Großwohngebieten von min- destens 2.500 WE gebaut und weitere 560.000 WE in Wohngebieten mit mehr als 500 WE (GRUNZE 2012, 39; LIEBMANN 2004, 45). Wegen ihrer Flächenausdehnung wurden sie zumeist als eigenständige Stadtbezirke geplant und erbaut (HAß 2001, 195; HOHN & HOHN 1993, 147). Charakteristisch für die Großwohnsiedlungen Ost-Deutschlands ist die Bauweise in Form des industriellen Plattenbaus. Vielfach wurden Gebäude der Woh- nungsbauserie 70, industriell vorgefertigte Wohnblöcke, gebaut (HANNEMANN 2001, 89). Diese industrialisierte Großtafelbauweise galt als Ausdruck technischen Fortschritts in der Bauindustrie der DDR (HANNEMANN 1996, 100) und verfolgte das Ziel einer Effizienz- steigerung im Bauen (HOHN & HOHN 1993, 146). Typischstes Merkmal ist die nahezu identische Struktur aller Siedlungen (GRUNZE 2012, 39; HANNEMANN 1996, 95), sodass „man lange Zeit auch als Fachexperte nicht in der Lage war, auf Fotos eine vom anderen zu unterscheiden“ (RIETDORF 1997a, 80). Entsprechend des sozialistischen Systement- wurfes lagen sämtliche infrastrukturelle Einrichtungen in staatlichem Besitz (HOHN & HOHN 1993, 146). Die Siedlungen entsprachen bevorzugten Wohngebieten der sozialisti- schen Mittelschicht, wurden vielfach von jungen Familien bewohnt (HANNEMANN 1996, 98; HÄUßERMANN 1997, 94) und boten mit der Existenz von Fernheizungen, Warmwasser, Kinderspielplätzen und einer guten ÖPNV-Anbindung die Erfüllung eines primären Le- benstraumes (LIEBMANN 2004, 51; RIETDORF 1997a, 78). Ebenfalls herrschte eine hohe, mit Eigentumsverhältnissen vergleichbare Wohnsicherheit in der DDR, die eine emotio- nale Identifikation mit dem lokalen Wohnumfeld ermöglichte (FRITSCHE 2011, 123). Die Realisierung ideologisch motivierter, gleicher Lebensbedingungen war ein markantes politisches Ziel, das der Großsiedlungsbau unterstützen sollte (HOHN & HOHN 1993, 146).

Da neben grundsätzlich bestehenden Gemeinsamkeiten auch einige grundlegende, sys- temisch bedingte Verschiedenheiten bei der Errichtung der Großwohnsiedlungen in West- und Ost-Deutschland erkennbar sind, ist es naheliegend die exemplarische Ent- wicklung eines solchen Gebietes sowohl für West- als auch für Ost-Deutschland nachzu- zeichnen. Aus diesem Grund wird in den folgenden Kapiteln 3 und 4 die Errichtung der Berliner Großwohnsiedlungen Märkisches Viertel und Marzahn geschildert.

[...]


1 Die exakte, nummerische Anzahl der zerstörten Wohneinheiten variiert je nach Publikation. Vergleiche hierzu COLOMB 2012, 51; HAß 2001, 194; SCHRÖTELER-VON BRANDT 2008, 216f.; STADT BERLIN o.J.

2 Am 12. September 1944 trafen die Alliierten eine Vereinbarung über die Zuteilung von Besatzungszonen. Dieser Vereinbarung zufolge betrug der Anteil des amerikanischen, britischen und französischen Sektors 48.712 Hektar der Berliner Stadtfläche. Die sowjetische Besatzungszone umfasste eine Fläche von 40.282 Hektar (PETERS 1995, 185).

3 Im Jahr 1939 waren dies 26.000 Betriebe (PETERS 1995, 190).

4 Die Charta von Athen propagiert eine räumliche Funktionstrennung, sowie den Leitsatz Licht, Luft, Sonne.

5 Die auf Ebenezer Howard zurückzuführende Gartenstadtbewegung befasst sich mit der Neugründung von Satellitenstädten in Stadtrandlage, die durch eine gut ausgebildete Verkehrsinfrastruktur mit den jeweiligen Zentren in Verbindung stehen.

6 Le Corbusier war ein schweizerisch-französischer Architekt, dessen Planvorstellungen sich an zweckmäßigen, funktionalen und wirtschaftlichen Baumaßnahmen orientierten.

7 Der soziale Wohnungsbau existierte bis 1990 nur in den alten Bundesländern (RIETDORF 1997a, 77).

8 Informationen zur nun folgenden Stadtentwicklungsphase sollten der Ausarbeitung Nr. 7: „Die Entwicklung der Gründerzeitviertel Kreuzberg SO36 und Prenzlauer Berg“ zu entnehmen sein.

9 Dabei war von Beginn an die Konzentration der Neubautätigkeiten charakteristisch (Liebmann 2004, 25)

10 Als beispielhafte Umsetzung dieser Leitlinien ist die ehemalige Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) zu nennen.

11 Die Begriffe Großsiedlung und Großwohnsiedlung werden in der Literatur synonym verwendet.

12 Großwohnsiedlungen in Ost-Berlin werden allerdings meist durch eine Siedlungsdichte von 2.500 Wohnungen pro Siedlungen abgegrenzt (Rietdorf 1997a, 77).

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668471184
ISBN (Buch)
9783668471191
Dateigröße
4.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369496
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
errichtung großwohnsiedlungen berlin-marzahn märkische viertel

Autor

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Titel: Die Errichtung der Großwohnsiedlungen Berlin-Marzahn und das Märkische Viertel