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Altersbilder im Wandel zwischen Würde und Bürde: Kultur oder Anti-Kultur humanen Alterns

Studienarbeit 2017 26 Seiten

Gerontologie / Alterswissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

2. Ethnologische Aspekte der Gerontologie ... 4
Zusammenfassung ... 5

3. Altersbilder von der Antike bis zur Gegenwart ... 6
3.1 Griechische und römische Antike ... 6
3.2 Mittelalter und Neuzeit ... 8
3.3 Moderne und Gegenwartsdiskussion ... 9
Zusammenfassung ... 10

4. Anti-Aging oder Annahme eigener Endlichkeit ... 10
4.1 Zelluläre und molekularbiologische Grundlagen des Alterns ... 10
4.2 Anti-Aging-Medizin als neue Medizin- oder Alternskultur ... 11
4.3 Medikalisierung des Alterns ... 13
4.4 Verdrängung oder Annahme eigener Endlichkeit ... 14
Zusammenfassung ... 15

5. Ethik und Kultur humanen Alterns ... 16
5.1 Realisierung des Machbaren oder Medizin für den Menschen ... 16
5.2 Gutes Leben im Alter: Wunsch oder Wirklichkeit? ... 17
5.3 Grundlegende Aspekte einer Ethik des Alters ... 19
Zusammenfassung ... 21

6. Zusammenfassung ... 22

7. Literatur ... 25

1. Einleitung

Die Lebensphase des menschlichen Lebensalters hat sich von einer früher seltenen und zeitlich eher begrenzten Gnade hohen Alters zu einem heutzutage in der westlichen Welt gesellschaftlich fest etablierten Erwartungshorizont mit einem längeren, zunächst aktiven und später verlässlich umsorgten Lebensabschnitt entwickelt.

Die Begriffe Gnade und Erwartungshorizont lassen bereits erahnen, dass der Blick auf das Alter im Kontext verschiedener historischer und sozialer Bezüge mit hochgradig differenten Sichtweisen und dadurch geprägten Verhaltensweisen verbunden ist. Gelegentlich anklingende romantisierende Vorstellungen über ein in früheren oder antiken Zeiten zumeist sozial hoch geachtetes und gutes Alter werden sich in der vorliegenden Untersuchung als verfehlt erweisen. Bereits ethnologische Berichte über historische und noch heute existierende akephale Gesellschaftssysteme ohne implementierte zentrale politische Autoritäten lassen ein breites Spektrum tradierter Umgangsformen mit alten Menschen erkennen. Auch den Altersbildern der klassischen Antike kam eine ausgeprägt differente, systeminhärente Wertschätzung zuteil.

Während die betagten Bürger der athenischen Gesellschaft nach den Perserkriegen unter dem Einfluss der sophistischen Aufklärung zunehmend an den Rand gedrängt wurden, herrschte in der römischen Republik und der spartanischen Gerontokratie ein zumeist stabiler Zusammenhang zwischen Alter, politischer Stellung und Sozialprestige.

Die im Geiste des christlichen Fürsorgegedankens in Mittelalter und Neuzeit oftmals nur als Randgruppe wahrgenommenen alten Menschen erfahren in der Moderne und Gegenwartsdiskussion eine, allein durch die in den letzten 150 Jahren mehr als verdoppelte Lebenserwartung, zunehmende Aufmerksamkeit.

Doch der im Rückblick auf die Vergangenheit recht unvermittelt von einer Randgruppe zu einer gesellschaftlichen Größe mutierenden Gruppe der betagten Menschen mangelt es an historisch gewachsenen Vorbildern. Erst allmählich tritt die sich verändernde Gesellschaftsstruktur in das kollektive Bewusstsein.

Die Orientierungssuche betrifft jedoch auch die zunehmend älter werdenden betagten Menschen selber. Reduktionistische Sichtweisen und Menschenbilder der Anti-Aging-Medizin bieten scheinbar einfache Lösungen aus einer allen bekannten Scheinwelt der Jugendlichkeit, die es um jeden Preis zu erhalten gilt: zurück in die Zukunft.

An dieser Stelle gilt es, sich der trügerischen Regression bewusst zu werden, damit verbundene Blockaden eines notwendigen Selbstwerdungs- und Reifungsprozesses zu überwinden und im gesellschaftlichen Konsens ethische Konzepte für ein würdevolles Altern auch bei Angewiesenheit, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit zu entwickeln.

2. Ethnologische Aspekte der Gerontologie

Aus ethnologischer Perspektive repräsentieren Alter und Geschlecht wohl grundlegende Merkmale einer gesellschaftlichen Differenzierung. Vor der Beschäftigung mit den sich später im historischen Verlauf von der Antike bis zur Gegenwart darstellenden Altersbildern lohnt ein Blick auf prähistorische und noch heute existierende akephale Gesellschaftssysteme ohne implementierte zentrale politische Autoritäten.

Derartigen akephalen Gesellschaften zugrunde liegende soziale Ordnungssysteme orientieren sich an unterschiedlich ausgeformten Alters- oder Generations­klassen­ordnungen. Genealogische Systeme fokussieren auf verwandtschaftliche Bezüge der Generationenabfolge und Geburtenreihenfolge. Sie sehen Alter nicht an absolute Zeitmarken, sondern viel mehr an „chronologisch entkoppelte soziale Reifungs­zustände“ (24, S. 52) gebunden.

Die heute noch zumeist im östlichen Afrika anzutreffenden Altersklassensysteme stellen ein auf den öffentlichen sozialen Raum abzielendes und genealogische Konflikte minderndes Ordnungssystem dar. Die Zuordnung in bis zu sieben Altersklassen orientiert sich wiederum nicht am chronologischen Altern, sondern berücksichtigt unterschiedliche körperliche Befähigungen und soziale Reifegrade.

Alter stellt in akephalen Gesellschaften oftmals verbunden mit verbal akkumuliertem Wissen und mystischen Kräften ein sozialorganisatorisches Distinktionsmerkmal dar, das die Grundlage für ein darauf aufbauendes leitendes Senioritätsprinzip bilden kann (24, S. 32-35). Eine den Lebensunterhalt im Alter faktisch absichernde Ressourcenausstattung bedarf jedoch neben der traditionellen Positionierung auch der grundlegenden Früchte einer individuellen Lebensarbeit.

Obwohl traditionelle Werte und Strukturen mit ihren oral tradierten Wissensschätzen auch heute noch in vielen akephalen Gesellschaften hohe Akzeptanz und Orientierungskraft besitzen (16, S. 56), unterminiert der Kontakt mit modernen Gesellschaften die Status- und Machtpositionen des tradierten Senioritätsprinzips [1]. Die Literalität mit dadurch direkt zugänglichen, neuen kulturellen Sinnangeboten und Bewertungsmaßstäben transformiert die intergenerationellen Machtverhältnisse zu Gunsten der jüngeren Generation.

Ungeachtet dieser Entwicklungen wäre es jedoch ohnehin verfehlt, romantisierende Vorstellungen über ein sozial hoch geachtetes und gutes Altern in akephalen Gesellschaften zu entwickeln. Historische ethnologische Berichte von Herodot bis in die Neuzeit geben z. B. aus dem Kaukasus (Massagetai), von Turkvölkern und indianischen Stämmen (Ojibwa und Sirionó) Kunde von einem aus heutiger Sicht rücksichtslosen Umgang mit versorgungsbedürftigen alten Menschen. Derartige Berichte reichen von Vernachlässigung, Verstoßung, gesellschaftlich sanktioniertem und erwarteten Suizid bis hin zu aktiver Tötung und ritueller Opferung hilfsbedürftiger alter Menschen (17, S. 10-11).

Eine in Ruanda mündlich überlieferte Geschichte über einen kollektiven Stammesmord an allen „nutzlosen alten Männern“ (16, S.124-125) zeigt jedoch eindrucksvoll den auch für die Jugend in der Folge bedeutungsschweren und existentiell bedrohlichen Verlust dadurch vernichteter oral tradierter Wissensschätze auf [2].

Zusammenfassung

Der Umgang mit alten Mitgliedern akephaler Gesellschaftssysteme offenbart sehr unterschiedliche, von hochgradig ambivalenten Sichtweisen geprägte Verhaltens­weisen. Von leitenden Senioritätsprinzipien bis zur Vernachlässigung und aktiven Tötung versorgungsbedürftiger alter Gruppenmitglieder reicht das Spektrum tradierter Umgangsformen.

In welchem Umfang in der klassischen Antike manifestierte, zentralistische Staaten­gebilde Garanten des Schutzes von unterstützungs- und hilfsbedürftigen alten Menschen darstellten, wird im Folgenden zu klären sein.

3. Altersbilder von der Antike bis zur Gegenwart

3.1 Griechische und römische Antike

Mit Blick auf das Gilgamensch-Epos [3] aus der Zeit um 3000 v. Chr. scheint „Anti-Aging“ und die Suche nach „Jungbrunnen-Mitteln“ einem seit vielen Jahrtausenden währenden Grundbedürfnis menschlicher Existenz zu entsprechen. Während ein diesem Bedürfnis eher förderliches negatives Altersbild im Alten Ägypten [4] vorherrschte, wird im Alten Testament die Würde und Weisheit des Alters als Befähigung für höchste Ämter hervorgehoben (28, S. 33).

Der athenische Staatsmann und Lyriker Solon (640-560 v. Chr.) wies in seiner Lebens­alterelegie den 43- bis 57-Jährigen die größte Leistung an Verstand und Redekunst zu. Er befürwortete es, relativ viel Macht älteren Bürgern zuzuteilen, damit diese mit Weisheit und den im Laufe Ihres Lebens gesammelten Erfahrungen den staatlichen Institutionen bis hin zum höchsten Gerichtshof (Areopag in Athen) zum Wohl des Staates dienen konnten (28, S. 34). Solon bemühte sich in seinem Wirken zudem um die Integration und materielle Absicherung alter Menschen in der athenischen Gesellschaft.

Die im antiken Athen mit im Regelfall spätestens ca. 60 Jahren anstehende Übergabe des Hofes an den erbberechtigten Sohn markierte den Eintritt in das Alter und einen Generationenkonflikt, der 200 Jahre nach Solon die athenische Gesellschaft prägte und ihren Niederschlag auch in der zeitgenössischen Literatur fand (Drama Alkestis des Euripides, 438 v. Chr.). In der athenischen Gesellschaft hatten demnach die Alten nach erfolgter Besitzübergabe an die nachfolgende Generation ihre Aufgabe in Staat und Gesellschaft erfüllt und sollten der jüngeren Generation nicht mit ihren „ungerecht­fertigten Ansprüchen“ im Wege stehen [5]. Alle Alten, die ihre Lage nicht akzeptierten, seien schamlos und könnten daher von ihren Söhnen ausgesetzt werden (2, S. 69). Euripides skizzierte in seiner „Alkestis“ die gesellschaftlich erwartete Rolle der alten Männer und Frauen als Rückzugsdasein mit entsprechend angemessener Relativierung der eigenen Bedürfnisse. Die eigenen Wünsche als gleichwertig zu denen der jungen Generation zu vertreten, wurde als anmaßend erachtet (7, S. 67) und im zeitgenössischen Drama von Euripides auch entsprechend abfällig tituliert [6].

Die radikale Demokratisierung und die außenpolitischen Erfolge seit den Perserkriegen hatten unter dem Einfluss der sophistischen Aufklärung zu einer Dominanz der Jugend in der athenischen Gesellschaft geführt. Die ältere Bevölkerung wurde nach Verlust ihrer gesellschaftlichen Aufgaben und Besitzübergabe an die nächste Generation an den Rand gedrängt.

Platon erkennt diese Missstände und begegnet ihnen in seiner Utopie eines Ideal­staates mit alternativen Entwürfen eines gerechten und gemeinsamen Staatswesens aller Gesellschaftsglieder und Altersklassen. In seinem Werk Politeia lässt er Sokrates und Kephalos auf den zentralen Punkt kommen (19, S. 85, 1,329d): Das Alter werde erst durch Streit und Missgunst zwischen den Generationen zu einer wirklichen Last [7]. In Platons Staat bekommen alte Männer und Frauen herausgehobene Rechte und Pflichten. Eine Besitzübergabe an die Kinder zu Lebzeiten der Eltern wird von Platon nicht mehr gefordert und an die in der Praxis wohl häufig eingeleiteten Entmün­di­gungsverfahren legt Platon bei grundsätzlich offen thematisierter Altersdemenz eine hohe juristische Hürde durch Beteiligung älterer Bürger an den zuständigen Behörden.

In Sparta galt über die Vorstellungen Platons hinausgehend ein strenges Senioritäts­prinzip, welches dem Alter als sozialen Wert an sich unmittelbare Autorität verlieh. An der Spitze der spartanischen Gerontokratie stand mit der Gerusia ein „Rat der ab 60-Jährigen“, der über die in Altersgrade strukturierte spartanische Gesellschaft wachte. Dadurch waren alle Lebensbereiche des Staates von der höheren Autorität der Betagten durchdrungen. Sie trugen die Verantwortung und waren die Garanten für die Stabilität der politischen und sozialen Ordnung Spartas (26, S. 87-112).

[...]


[1] Wenn in Afrika ein Alter stirbt, verbrennt eine ganze Bibliothek“, Amadou Hampâté Bâ (1900-1991) in Marzi, Hiltrud (Hg.): „Alter in Afrika“, (16, S. 56).

[2] „Der König von Bwidishyi“ erzählt nach Cyprien Rugamba in Marzi, Hiltrud (Hg.); „Alter in Afrika“, (16, S. 124-125)

[3] Gilgamensch-Epos, ca. 3000 v. Chr.: Mythos von der verlorenen Unsterblichkeit der Menschheit und der Suche nach dem Geheimnis der Unsterblichkeit (28, S. 33)

[4] Ägyptischer Gelehrter Ptahothep, ca. 2500 v. Chr.: „Wie qualvoll ist das Ende eines Greises! Er wird jeden Tag schwächer (…). Seine geistigen Fähigkeiten nehmen ab und es wird ihm unmöglich, sich heute daran zu erinnern, was gestern war (28, S. 33)

[5] „Sie sollten, da sie doch keinen Nutzen mehr der Erde bringen, sterben und fortgehen und den Jungen nicht mehr im Wege stehen.“ (2, S. 69).

[6] „Hört, hört: wie ist das Greisenalter voller Unverschämtheit!“ (7, S. 67: Vers 727-728).

[7] „Aber an alldem, auch an der üblen Behandlung durch die Verwandten, ist nur eines schuld – nicht das Greisenalter, Sokrates, sondern der Charakter des Menschen;“ (19, S. 85: 1,329d)

Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668491014
ISBN (Buch)
9783668491021
Dateigröße
854 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v369734
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Geschichte, Theorie und Ethik in der Medizin
Note
1,0
Schlagworte
Altersbilder Ethik im Alter Anti-Aging Gerontologie Menschenwürde Medikalisierung Ethnologie Enhancementkultur

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Titel: Altersbilder im Wandel zwischen Würde und Bürde: Kultur oder Anti-Kultur humanen Alterns