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Gewaltdarstellungen in den Medien und ihr Einfluss auf das menschliche Handeln

Examensarbeit 2000 125 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Problemaufriss
1.2 Forschungsstand
1.3 Gliederung und Gewichtung der Themenbereiche

2 Gewalt
2.1 Definitionen der Gewalt
2.2 Theoretische Formen der Gewalt
2.2.1 Personale Gewalt
2.2.2 Strukturelle Gewalt
2.3 Erscheinungsformen der Gewalt im Alltag des Menschen
2.3.1 Die familiäre Gewalt
2.3.2 Die alltägliche Gewalt (strukturelle Gewalt)
2.3.3 Der Krieg
2.4 Statistik der Gewalt

3 Die Medien
3.1 Was sind die Medien?
3.2 Warum existiert Gewalt in den Medien - Motive zum Gewaltkonsum

4 Ursachen der Gewalt
4.1 Gewalttätigkeit –– (k)ein Problem unserer Epoche? Zivilisationsgeschichtliches und Zivilisationskritisches zur Gewalt
4.2 Die ethnologische Untersuchung aggressiven Verhaltens
4.3 Die evolutionsbiologische Erklärung für die Aggression
4.4 Soziologische Ansätze
4.5 Psychologische Theorien der Aggression
4.5.1 Die psychoanalytische Triebtheorie Freuds
4.5.2 Die Frustrations-Aggressionstheorie
4.5.3 Lernpsychologische Theorien über aggressive Verhalten
4.6 Zusammenfassung zu den Ursachen der Gewalt

5 Die Medienwirkungsforschung
5.1 Zur Geschichte der Medienwirkungsforschung
5.2 Der Wirkungsbegriff
5.3 Forschungsannahmen und Forschungsstrategien
5.4 Die klassischen Wirkungstheorien
5.4.1 Die Katharsisthese
5.4.2 Die Inhibitionsthese
5.4.3 Die Stimulationsthese
5.4.4 Die Suggestionsthese
5.4.5 Erregungsübertragung
5.4.6 Die Habitualisierungsthese
5.4.7 Die These der Wirkungslosigkeit
5.5 Weitere Wirkungstheorien
5.5.1 Die Hypothese der Rechtfertigung von Verbrechen
5.5.2 Verstärkungshypothese
5.5.3 Die Kontroll- und Reflexionsthese
5.6 Die „Konfusion“ der Wirkungsforschung – ein Lösungsversuch
5.7 Die Lerntheorie
5.8 Zusammenfassung zu den Wirkungen

6 Littleton - neue Dimension der Medienwirkung ?
6.1 Die „offizielle“ Begründung?
6.2 Andere Begründungen
6.3 Veränderte Wertvorstellung
6.3.1 Werte in der heutigen Jugend
6.3.2 Die Moral von der Geschichte
6.4 Die öffentliche Anerkennung und die Medien

7 Fazit
7.1.1 Politisch Interventionen
7.1.2 Pädagogische Möglichkeiten
7.1.3 Pädagogische Grundeinstellungen

8 Anhang
8.1 Fälle von Gewalt an Schulen in Deutschland
8.2 Chronik der Gewalt an Schulen in den USA und GB

9 Erklärung

Vorwort

Nachdem ich zum wiederholten Male innerhalb kürzester Zeit in den Nachrichten von Jugendlichen erfuhr, die einige ihrer Mitschüler oder Lehrer töteten, beschloss ich, mich damit näher auseinander zu setzen. Ebenso wie die breite Öffentlichkeit und insbesondere als angehender Lehrer war ich schockiert über diese Taten und fragte mich, wie so etwas möglich sei. Auch wenn ich und vielleicht auch der Leser bestimmte vage Vorstellungen davon habe, wie es zu der Tat kommen konnte, bleibt eines doch für die meisten von uns emotional unbegreiflich und formuliert sich in dem Gedanken: Wieso haben die kein Mitleid? Wie können die so gefühlskalt sein?

Ich möchte an dieser Stelle kurz die weiteren Fragen wiedergeben, die ich mir zur Erklärung der Tat selbst stellte, denn ich denke, sie beinhalten auf eine subtile Weise einen zentralen Aspekt der Thematik, der ansonsten nur sehr versteckt in den wissenschaftlichen Ausführungen vorkommt. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass es eine sehr emotionale Sichtweise ist, und Emotionen lassen sich wissenschaftlich schlecht abbilden und als Erklärungen verwenden.

Ich konnte mir unmöglich vorstellen, wie die Jugendlichen zu so etwas fähig sein konnten. Mir fiel auf, dass ich mir das Verhalten von Kriegsverbrechern, Killern und Folterknechten besser begreiflich machen konnte als das Verhalten dieser Jugendlichen. Bei der zuerst genannten Personengruppe liegt das zum großen Teil daran, dass sich ihr Verhalten durch deren Lebensumstände begründet, die so extrem und mir so fremd sind, dass ich vielleicht einfach akzeptiere, dass ein Mensch in solchen Situationen zu solchen Handlungen fähig wäre. Aber in diesem Fall waren die Umstände, in denen die beiden Jungen lebten einfach zu vertraut, als dass es mir gelingen konnte, ihre Tat auf diese Umstände zurückzuführen und mich gewissermaßen in die Jugendlichen hineinzuversetzen. Ich konnte mir die Frage nicht beantworten, wie ein Mensch so ohne Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen handeln kann.

Ich versuchte dennoch einige hypothetische Antworten als Erklärung zu finden:

- Er ist schlichtweg zu dumm, um so weit zu denken/fühlen.
- Er kann sich an dem Leid anderer erquicken.
- Er glaubt, dass die Opfer kein Mitleid verdienten.
- Er glaubt, dass er etwas Gutes tut, indem er die Welt von diesen „bösen Menschen“ befreit.
- Er glaubt oder kann nicht wahrnehmen, dass jemand durch sein Verhalten leidet.
- Leid ist für ihn unwichtig, denn der Tod bringt Erlösung, nicht Leid.
- Hass überdeckt jedes Gefühl des Mitleids.
- Er ist einfach ein schlechter Mensch, der das Gefühl Mitleid nicht kennt.
- Er handelte ohne zu fühlen, sozusagen aus Routine bzw. im Affekt.
- Er ist nicht fähig, Mitleid zu empfinden!
- Er hat Mitleid, aber das Verlangen zu töten ist stärker!
- Er hat eigentlich niemanden töten wollen, aber der erste Schuss war ein Versehen und danach gab es kein Zurück.
- Es gibt psychologische Gründe, die dazu führten, dass er in einer Art Trance ohne wirklichen eigenen Willen handelte.
- etc.

Dies waren keine befriedigenden Antworten, insbesondere nicht bezüglich der Frage, inwieweit die Medien für solcherart Verhalten verantwortlich sein könnten. Denn anders formuliert müssten die Fragestellungen dann etwa so lauten.

- Können die Medien die Menschen verdummen lassen?
- Können die Medien einem Menschen die Fähigkeit zum Mitleid rauben?
- Können die Medien den Hass in einem Menschen schüren?
- Können die Medien die Fähigkeit zur Freude am Leid anderer bewirken?
- Können die Medien einen Menschen zum schlechten Menschen ohne Moral machen?
- Können die Medien einen Menschen davon überzeugen, dass es gut ist „die Bösen“ zu töten?
- Können die Medien bewirken, dass jemand sozusagen ohne eignes Bewusstsein andere Menschen in einer Art Trance tötet?

Ich behaupte nicht, dass all diese Fragen besonders sinnvoll sind oder uns einer Antwort näher bringen. Aber wenn sich der Leser an dieser Stelle überlegt, inwieweit er persönlich die Wirkung von Gewaltdarstellung in den Medien eingeschätzt hätte und wie er die obigen Fragen beantworten würde, dann wird er vielleicht eine Diskrepanz feststellen, zwischen seiner Grundeinstellung in Form eines „Gefühls“ hinsichtlich einer Medienwirkung und den Antworten, die er auf etwas konkretere Fragen, in der Art der oben gestellten, geben würde. In dieser Ambivalenz spiegeln sich vielleicht die ebenfalls widersprüchlichen Aussagen der Medienwirkungsforschung wieder, die sich im konkreten Fall auf keine direkte Wirkung einigen können, im Allgemeinen aber schon eine Wirkung annehmen.

Ich möchte hier noch einmal auf die Aussage zurückkommen, dass die Frage nach dem nicht vorhandenen Mitleid vielleicht einen zentralen Aspekt des Themas beinhaltet. Wenn wir erklären könnten, was dieses Gefühl ist, wie es wirkt und warum es existiert bzw. wie die Fähigkeit es zu fühlen entsteht, dann könnten wir womöglich auch erklären, warum es bei bestimmten Menschen in bestimmte Situationen nicht so wirkt, wie man es vermuten würde. Ich denke, es existieren in diesem konkreten Fall hauptsächlich zwei Faktoren, welche die Handlung „normalerweise“ verhindert hätten. Zum einen die Angst vor Sanktionen, die hier wegfällt, da die Jungen bereits vor der Tat geplant hatten sich zu töten und eben das Mitleid mit den Opfern. Man könnte nun einfach so argumentieren, dass Menschen nun einmal unterschiedlich seien und einige Mitleid hätten und andere nicht, so wie einige Menschen geizig seien und andere spendabel. Aber wenn man nicht davon ausgeht, dass dies angeborene Verhaltensweisen sind, dann stellt sich eben genau die Frage, warum der eine Mensch oder in diesem Fall die zwei Menschen kein Mitleid haben, und in wie weit hier der Einfluss der Medien ursächlich ist. Das Leben in unserer Gesellschaft setzt ein Wertesystem und ein Normensystem voraus, welches in seiner Konsequenz dazu führt, dass wir bestimmte Handlungen ausführen, andere nicht. So folgt ein Mensch im allgemeinen nicht seinem Verlangen nach sexueller Befriedigung, indem er den nächstbesten Menschen anderen Geschlechts vergewaltigt. Auch das Töten eines Menschen, der eigenen Interessen im Weg steht, wird so verhindert. Wenn nun also dieses System versagt, beziehungsweise seine hemmende Wirkung nicht mehr eintritt, dann muss man sich meiner Meinung nach nicht fragen, was eine Handlung bedingt hat, sondern was dazu geführt hat, dass ein gesellschaftlicher Regelungsmechanismus außer Kraft gesetzt wurde, der die Handlung verhindern sollte. Die meisten der wissenschaftlichen Untersuchungen scheinen aber auf der Annahme zu basieren, dass Medienwirkung etwas erzeugen könnte und nicht welche Hemmungsmechanismen sie möglicherweise aufhebt. Implizit ist dies zwar in einigen Forschungsansätzen enthalten. Explizit wird aber in keiner der vorliegenden Arbeiten darauf hingewiesen. Ich vermute, dass eine intensivere Forschung in diese Richtung Erkenntnisse bringen könnte und zu besseren Erklärungsmodellen führen würde. Zumindest scheint mir dies in Bezug auf Littleton der Fall zu sein. So ist es mein Anliegen anzumerken, dass die im Kapitel 6 erfolgende Auseinandersetzung mit dem Fall Littleton zu einem großen Teil nicht wissenschaftlich belegen lassen. Ich bin hier oftmals darauf angewiesen Annahmen zu machen und Vermutung anzustellen. Dieser Abschnitt ist somit als Anregung zu verstehen, den darin geäußerten Gedanken vielleicht in anderen Arbeiten nachzugehen. In Ansätzen aufgegriffen werden diese in der Arbeit von LUKESCH, KISCHKEL, AMANN, BIRNER, HIRTE, KERN, MOOSBURGER, MÜLLER, SCHUBERT & SCHULLER (1990), hier behandelt ein Kapitel audiovisuelle Medien und Moralität, sowie bei DOEBLER, STARK & SCHENK (1999), die sich mit den sozialen Netzwerken Jugendlicher beschäftigen. Diese Arbeiten lagen mir leider zu spät vor, als dass sie in diese Arbeit noch größere Beachtung hätten finden können. Weitere Forschungsansätze in dieser Richtung erscheinen wünschenswert. Ein Ansatz, der zum Ziel hätte, die Entwicklung von individuellen handlungsleitenden Wert- und Normsystemen zu skizzieren und konkret mediale Einflüsse auf diesen Prozess zu untersuchen, wäre möglicherweise vielversprechend, ebenso wie eine Untersuchung der Bedeutung von Gefühlen für diesen Prozess.

1 Einleitung

1.1 Problemaufriss

Zur Zeit werden weltweit, besonders in den USA und nun auch in Deutschland, gewalttätige Straftaten von Jugendlichen verübt (siehe Anhang), die an Brutalität noch nicht da gewesen zu sein scheinen. Als eine Ursache für diese Verbrechen wird mitunter das gehäufte Auftreten von Gewaltdarstellungen in Filmen und Computerspielen gesehen. Herausragendes Beispiel und „Beweis“ hierfür ist das „Schulmassaker in Littleton“, wo zwei Jugendliche schwer bewaffnet durch die Gänge ihrer Schule gingen und Mitschüler und Lehrer erschossen, die ihnen dabei über den Weg liefen. Eine Handlung wie sie nahezu identisch in ihrem Lieblingscomputerspiel Doom und dessen Nachfolgern Quake I-III vom Spieler am Bildschirm praktiziert wird. Hier läuft der Spieler durch die Gänge virtueller Gebäude und schießt, unter Zuhilfenahme eines reichhaltigen Waffenarsenals, auf alles, was sich bewegt.

Ursprüngliche Motivation dieser Arbeit war es, zu klären, inwieweit die Darstellung von Gewalt in den Medien für solch ein Verhalten verantwortlich sein könnte. Mit anderen Worten, ob mediale Darstellungen von Tötungen und anderen Gewalttaten wirklich einen solchen Einfluss auf Menschen haben, dass Menschen durch diesen Einfluss zu Mördern werden.

Bei den ersten Überlegungen zeigte sich, dass eine Eingrenzung der Untersuchung auf Gewalt bzw. Mord als Wirkung von Gewaltdarstellungen der Thematik nicht gerecht wird. Möglicherweise würde ein entsprechend dieser ursprünglichen Motivation gewählter Titel eine direkten Wirkung der Gewaltdarstellungen auf menschliches Handeln implizieren. So sollte hier zunächst keine Eingrenzung stattfinden. Während des weiteren Verlaufs der Recherchen hat sich aber herausgestellt, dass die nun gewählte offen Fassung des Titels einen Rahmen von einer Breite setzt, dem die Arbeit nicht gerecht werden kann.

Da das Hauptmotiv dieser Arbeit der Erklärungsversuch der jüngsten Fälle jugendlicher „Amokläufe“ ist, fokussiert die Arbeit ihre Untersuchungen auf die prinzipielle Möglichkeit eines gewaltfördernden Effektes, welchen Darstellung von Gewalt mittels Bild und Ton als Wirkungsquelle haben könnten. Im Mittelpunkt stehen dabei die beiden Aspekte des Zuschauers als passiver Rezipient vor einem wie auch immer gearteten Bildprojektor und des Viedogame-Spielers, der darüber hinaus als aktiver Mitgestalter des Geschehens auftritt und als Person die selbst die fiktive Gewalt ausführt.

In Bezug auf eine zukünftige Entwicklung der Medien kommt hierzu noch der Ausblick auf die möglichen Effekte einer „cybermedialen“ Darstellung, die der Realität so nahe kommen könnte, dass der Zuschauer sie nicht mehr hinreichend von ihr unterscheiden kann. Hieran soll der Aspekt der Wechselwirkungen zwischen fiktiver Welt und realer Welt, der zum Teil auch bei „einfachen“ Filmen zum tragen kommen kann, erörtert werden.

1.2 Forschungsstand

Wenn man die Wissenschaft danach befragt, ob denn die Darstellung von Gewalt gewalttätiges Verhalten bei einem Menschen auslöst, wird man keine klare Antwort erhalten. Das Spektrum der Ergebnisse reicht von einer direkten nachahmenden, über eine aggressionsvermindernde, bis hin zu gar keiner Wirkung. Ein Ergebnis das selbst eine tendenzielle Einschätzung schwer macht. Und das, obwohl nun seit den 20`er Jahren und mit gesteigerter Intensität ab den 50`er Jahren zu diesem Thema geforscht wird und schon Tausende von Forschungsergebnissen vorliegen. Selbst in den Ausführungen desselben Forschungsberichtes tauchen mitunter widersprüchliche Aussagen auf. Dabei treten diese Widersprüche nicht nur, wie man vielleicht vermuten mag, zwischen den von den Medieninstitutionen finanzierten und den unabhängigen Forschungen auf. So änderte selbst so mancher Wissenschaftler seine ehemals, oft voller Überzeugung, dargelegte Wirkungstheorie ab und kommt heutzutage zu teilweise gänzlich anderen Schlüssen. Als Beispiel sei hier nur die Katharsishypothese und Seymor FESHBACH als einer ihrer Vertreter genannt. Dies ist in der wissenschaftlichen Forschung sicherlich kein ungewöhnlicher Vorgang, dennoch scheint es in diesem Forschungsgebiet vermehrt der Fall zu sein. Ursächlich hierfür ist wahrscheinlich die Komplexität des Forschungsgegenstandes. So erstreckt er sich über unterschiedliche geisteswissenschaftliche und auch naturwissenschaftliche Disziplinen und reicht innerhalb dieser in Teilbereiche hinein, zu denen noch keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen. So kommt dann auch die DFG-Kommission Wirkungsforschung hinsichtlich der Qualität der Forschungen zu dem Resümee, dass man über den Zusammenhang zwischen Massenkommunikation und Gesellschaft, über die Wirkungsgesetze der Medien, zu wenig wisse (KUNCZIK, 1995, S. 127f). Einen Konsens in der Forschungsliteratur gäbe es laut KUNCZIK allerdings, was die Wirkung von Gewaltdarstellungen auf bestimmte Individuen und Problemgruppen angeht. Hier bestände durchaus Anlass zur Sorge, denn auf diese könne Mediengewalt aggressionssteigernd wirken.

Der geschilderte Sachverhalt macht auch eine Problematik dieser Arbeit deutlich. Denn durch die Vielzahl der Forschungsansätze und –bereiche und der Widersprüchlichkeit der Erkenntnisse ist eine umfassende Wiedergabe aller Aspekte der Thematik in dem vorgegebenen Rahmen unmöglich. Ziel dieser Arbeit kann es deswegen nur sein, einen Überblick über das Thema zu geben und durch die individuelle Gewichtung einiger besonders prägnanter Aspekte dennoch nicht oberflächlich zu sein, so dass ein brauchbares Fazit in Form möglicher pädagogischen Konsequenzen als Ziel dieser Arbeit erreicht werden kann.

1.3 Gliederung und Gewichtung der Themenbereiche

Es erscheint sinnvoll, zunächst zu versuchen, die „Natur“ der Gewalt zu klären, bevor die Wirkung von Gewaltdarstellungen betrachtet werden können. Ein Versuch, die Gewalt ins Licht der wissenschaftlichen Betrachtung zu rücken, offenbart nämlich komplexe Verschränkungen sehr unterschiedlicher Aspekte der Gewalt in Bezug auf die menschliche Existenz. Dieses spiegelt sich in den Versuchen vieler unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen wieder, Aussagen über die Gewalt zu machen. Es liegt somit nahe diese vorab genau zu betrachten, bevor versucht wird, nicht nur die Wirkung ihrer Darstellung zu ergründen, sondern gleichfalls ja auch das Resultat dieser Wirkung. Von diesem wird ja angenommen, dass es wiederum Gewalt sein könnte.

Das soll an einer vereinfachten, schematisch Darstellung der Thematik dieser Arbeit veranschaulicht werden.

Darstellung durch die Medien Handlung durch den Menschen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund dieser doppelten Relevanz der Gewalt für die Thematik dieser Arbeit, wird in dieser Arbeit ein Zugang über die Gewalt gesucht. Diese Vorgehensweise lehnt sich gleichfalls an eine Aussage der Arbeit von SHORB & THEUNERT (1984, S.31) an, die dort mit folgenden Worten zusammengefasst wird: „nicht ein Medium generiert die Gewalt, sondern die Gesellschaft deren Bestandteil das Medium ist.“ Im Laufe der vorliegenden Arbeit hat sich zudem gezeigt, dass aus diesem Zugang über die Gewalt deutlich wird, dass soziales Lernen und Gewalt sowie soziales Lernen und mediale Wirkungen in hohen Maße miteinander zusammenhängen. Für ein Fazit in Form pädagogischer Maßnahmen scheint dieser Zugang somit treffend gewählt.

Die Arbeit gliedert sich nunmehr wie folgt:

Im Kapitel 2 wird zunächst der Begriff Gewalt definiert und erklärt, wie er in dieser Arbeit Verwendung finden soll. Daran anschließend werden die Formen der Gewalt aufgezeigt, in denen sie in der heutigen Gesellschaft auftritt. In Kapitel 3 wird gleichermaßen, zunächst der Bergriff Medien beschrieben um dann in Kapitel 4 zu der Frage nach den Ursachen für Gewalt zu gelangen. Hier wird ausführlich versucht zu ergründen, wodurch, das Vorhandensein von Gewalt überhaupt bedingt sein könnte. Diese wird in dieser Arbeit als ein wichtiger Aspekt angesehen, da dabei bei der Erforschung der Ursachen auch die Entstehung von Gewalt ein zentraler Aspekt ist. Aufschlüsse über die Entstehung von Gewalt lassen wiederum auch Erkenntnisse über den Einfluss von medialen Gewaltdarstellungen erwarten.

Im fünften Kapitel werden diese und weitere Aussagen der Medienwirkungsforschung genauer betrachtet. Das sechste Kapitel widmet sich, wie im Vorwort angesprochen, der konkreten Auseinandersetzung und Anwendung der Erkenntnisse auf den Fall Littelton. Im Kapitel 7 soll abschließend erörtert werden, inwieweit diese Ausführungen der Arbeit Aussagen hinsichtlich eines pädagogischen Umgangs mit der Thematik aufzeigen.

2 Gewalt

Die Beschäftigung mit der Thematik der Arbeit bedingt eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Begriff Gewalt. Einerseits um umreißen zu können, was denn überhaupt mit Gewaltdarstellungen gemeint ist, andererseits um sagen zu können, inwieweit die, möglicherweise durch sie bedingten, menschlichen Handlungen in Gewalt resultieren.

Die „Gewalt“ wird hier zunächst betrachtet, ohne einen direkten Bezug zur medialen Gewalt herzustellen. Dies wird erst in Abschnitt 5 geschehen. Vor dem Hintergrund der Thematik scheint dies aber notwendig zu sein, da jeder Versuch Einflüsse auf Gewalthandeln zu bewerten, ohne die vielschichtige Natur der Gewalt ausreichend dargestellt zu haben, nur unzureichend vage Schlüsse zulassen würde.

2.1 Definitionen der Gewalt

In der deutschen Sprache existieren Worte wie Gewalttat und Gewaltherrscher und der Ausdruck, „dass jemandem Gewalt angetan wird“. Dabei implizieren diese Ausdrücke Unrecht. Im Gegensatz dazu werden aber auch Worte wie Erziehungsgewalt, Befehlsgewalt, und Verfügungsgewalt nicht mit Unrecht assoziiert.

In dieser bis heute erhaltenen Ambivalenz des Wortes ist noch seine Geschichte lebendig. Gewalt hatte ursprünglich die Bedeutung „Verfügungsfähigkeit haben“, entsprach dem lateinischen „potestas“ und lag mit dieser Bedeutung der bloßen Potentialität nahe bei dem von lateinisch „potentia“ herkommenden Wortes „Macht“ (NIERAAD, 1994, S. 18).

Im alltagsprachlichen Gebrauch wird „Gewalt“ für unterschiedliche soziale Handlungsweisen und Phänomene gebraucht (ZEITTER, 1997, S. 3). Dabei ist es überwiegend negativ besetzt (MELZER, 1998, S. 6), obwohl dies nicht immer so war. So ist der Satz „Alle Gewalt geht vom Volke“ aus, auf welchem unser demokratischer Staat basiert, sicherlich nicht negativ gemeint, und auch das Attribut „gewaltig“ ist eher positiv als negativ besetzt. Auch besitzt Gewalt als Handlungsform für einen bestimmten Personenkreis, insbesondere unter den Heranwachsenden, eine gewisse Attraktivität (MELZER, 1997, S. 6). So ist es schon aufgrund der unterschiedlichen emotionalen und umgangsprachlichen Disposition notwendig, den Begriff Gewalt einzugrenzen.

In der Literatur der unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit Gewalt beschäftigen, findet man immer auch einen Querverweis auf Aggression. So findet sich beispielsweise in „Gewalt Macht Schule“ (HURRELMANN, 1994, S. 23) folgende Aussage:

Heute wird Gewalt meist parallel zum Begriff Aggression verwendet. Aggression und Gewalt sind wissenschaftliche und umgangssprachliche Begriffe für dieselben Vorgänge, wobei der Begriff Gewalt den der Aggression wegen seiner größeren Anschaulichkeit mehr und mehr verdrängt.

Diesem Hinweis folgend findet sich dann auch in dem oft zitierten Buch: „Die Psychologie der Aggressivität“ die Anmerkung:

Vielleicht ist es zweckmäßig, Gewalt mit angedrohter oder ausgeübter Aggression gleichzusetzen, sofern sie mit zumindest relativer Macht einhergeht. Wenn ein kleiner Junge wütend nach seinem Vater schlägt, werden wir kaum von Gewalt sprechen, wohl aber im umgekehrten Fall (SELG, 1988, S. 16).

Mit dem Gewaltbegriff einher geht also der Begriff der Aggression. Für ihn gibt es ebenso wie für den Terminus „Gewalt“ keinen einheitlichen Wortgebrauch. SELG definiert Aggression folgendermaßen:

Eine Aggression besteht in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichtetes Austeilen schädigender Reize („schädigen“ meint beschäftigen, verletzen, zerstören und vernichten; es impliziert aber auch wie „iniuriam facere“ oder „to injure“ schmerzzufügende, störende, Ärger erregende und beleidigende Verhaltensweisen, welche der direkten Verhaltensbeobachtung schwerer zugänglich sind); eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein (SELG, 1988, S. 12).

Dabei weist der Autor ausdrücklich darauf hin, dass Aggression zwar oftmals eine Absicht beinhaltet, man diese aber nicht als Vorraussetzung für den Gebrauch des Wortes sehen sollte, da eine eindeutige Absichtsfeststellung weder von Täter noch vom Wissenschaftler zweifelsfrei geleistet werden kann. Ebenfalls hebt er besonders hervor, dass der Begriff von seiner negativen Besetzung, vom „Ruch des Bösen“, befreit werden muss, insofern ja auch positive und sogar gesellschaftlich legitimierte Aggression existiert. Als Beispiel gibt er hier die Verteidigung eines schuldlos von anderen angegriffenen Menschen an.

Die Erweiterung auf das Organismussurrogat (Stellvertreter oder Ersatz) wird von dem Autor so erklärt, dass er als Aggression zwar ausschließlich eine auf ein Lebewesen gerichtete Handlung ansieht, dass aber auch eine beispielsweise auf das Bild eines Menschen gerichtete Handlung für ihn als Aggression gilt.

Diese Arbeit folgt zunächst der von SELG definierten Begrifflichkeit, da sie einen relativ offenen Gewaltbegriff ermöglicht, der sich nicht auf eine allzu enge Eingrenzung einlässt und so Freiraum bietet für die Spielarten der Gewalt, welche in der Realität vorkommen. An Stellen, an denen eine Verengung des Gewaltbegriffes notwendig erscheint, wird dieses erwähnt. Die menschliche Handlung, die Gewalt verursacht, wird im Folgenden als gewalttätiges Handeln bezeichnet.

2.2 Theoretische Formen der Gewalt

In diesem Abschnitt sollen verschiedene Formen der Gewalt genannt werden. Dabei findet zunächst eine grobe Kategorisierung in personale und strukturell Gewalt statt, um dann innerhalb dieser Kategorien eine weiter Unterscheidung vorzunehmen.

2.2.1 Personale Gewalt

HURRELMANN (1994, S. 23f) unterscheidet folgende Formen personaler Gewalt:

- Physische Gewalt, die Schädigung und Verletzung eines anderen Menschen durch körperliche Kraft und Stärke.
- Psychische Gewalt, die Schädigung und Verletzung eines anderen durch Abwendung, Ablehnung, Abwertung, durch Entzug von Vertrauen, durch Entmutigung und emotionales Erpressen.
- Verbale Gewalt, die Schädigung und Verletzung eines anderen durch Beleidigung, erniedrigende und entwürdigende Worte.
- Sexuelle Gewalt, die Schädigung und Verletzung eines anderen durch erzwungene intim Körperkontakte und andere sexuelle Handlungen, die dem Täter eine Befriedigung eigener Bedürfnisse ermöglichen.
- Frauenfeindliche Gewalt, die physische, psychische, verbale oder sexuelle Form der Schädigung und Verletzung von Mädchen und Frauen, die unter Machtausübung und in diskriminierender und erniedrigender Absicht vorgenommen wird.
- Fremdenfeindliche und rassistische Gewalt, die physische, psychische und verbale Form der Schädigung und Verletzung eines anderen Menschen aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit, seines Aussehens oder seiner Religion.

2.2.2 Strukturelle Gewalt

Ausgenommen bleibt im vorherigen Abschnitt zunächst eine Form von Gewalt, die nicht so einfach zu beobachten (SCHORB & THEUNERT, 1984, S. 30) ist: Die strukturelle Gewalt. Ihr zu eigen ist, dass sie nicht von einem Individuum ausgeht, sondern von der Gesellschaft bzw. den ihr innewohnenden Strukturen, und dass sie aus ungleichen Herrschafts- oder Machtverhältnissen resultiert. Für GALTUNG (1970, S. 57, zit. n. SCHWIND, ROITSCH, AHLBORN, GIELEN, 1997, S. 5), der diesen Begriff prägte, ist bereits jede Form der Verhinderung von freien menschlichen Verhaltensmöglichkeiten Gewalt, wie beispielsweise die Ablehnung eines Bauantrages (SCHWIND et al, 1997, S. 5).

Sie kommt in unserer Gesellschaft natürlich aber auch in wesentlich stärkeren Formen vor, wie zum Beispiel in Form von ungleichen Bildungschancen. Die strukturelle Gewalt ist subtiler als „offene Gewalt“ in Form von aggressivem Handeln, aber nicht minder einflussreich auf den Menschen. Auch sie kann Schädigungen oder Leiden erzeugen sowie sich zusätzlich in „sozial-interaktiven“ Schädigungen ausdrücken, z. B. im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation.

Im Verlauf der Arbeit wird sich auch zeigen, inwieweit gerade sie ausschlaggebend dafür sein kann, ob und wie Gewaltdarstellungen in den Medien das Handeln eines Individuums beeinflussen können.

2.3 Erscheinungsformen der Gewalt im Alltag des Menschen

Die Gewalt bzw. Aggression war und ist schon immer ein vielgeachteter Aspekt des menschlichen Daseins gewesen. So hat Freud sie gar als einen der beiden Grundtriebe des Menschen gesehen, aus denen sich jedes menschliche Verhalten erklären lasse. Aggression ist ihm zufolge eine Auswirkung des Todes- und Destruktionstriebes als Gegenstück zum Lebenstrieb, der mit dem Begriff der Sexualität einhergeht (MARTIN, 1999, S. 8). Und auch in der Bibel reiht sich Geschichte an Geschichte über menschliche Aggression. So beginnt nach ihr die gesamte Menschheitsgeschichte mit einem Akt der Aggression. Als nämlich Gott in seinem Zorn über das gebrochene Verbot Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt (SELG, 1988, S. 11), sozusagen gewaltsam.

2.3.1 Die familiäre Gewalt

Nach HURRELMANN(1994, S. 32) werden die ersten Gewalterfahrungen in der Familie gemacht. Er sagt, dass ein Großteil der Gewalt, die einem Mensch wiederfährt, ihm zunächst oft in einem hohen Maß in der Familie begegnet. Obwohl versucht wurde, diese Gewalt in Familien einzudämmen, indem beispielsweise Kindesmisshandlungen vermehrt verfolgt wurden, existiert in den Familien laut HURRELMANN immer noch ein hohes Ausmaß an Gewalt. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in Deutschland immer noch das sogenannte „Züchtigungsrecht“ existiert (HURRELMANN, 1994, S. 31).

Aber körperliche Züchtigung ist nicht die einzige Form von Gewalt, die Kinder in ihrer Familie erfahren. Daneben existieren auch sexueller Missbrauch, emotionale Ablehnung, seelische Quälung, verbale Demütigung und soziale Vernachlässigung.

HURRELMANN behauptet, dass Kinder aus gewalttätigen Familien ihre Gewalterfahrungen weitergeben und ihrerseits häufig gewalttätig werden (HURRELMANN, 1994, S. 32).

Dabei ist dies vermutlich nicht hauptsächlich ein Problem bei sozial schlechter gestellten Familien. Die Erziehung eines Kindes ist eine schwere Aufgabe mit der die meisten Menschen konfrontiert werden, ohne zuvor auf sie adäquat vorbereitet worden zu sein. Auch oder manchmal gerade, wenn der Wille da ist, alles besser zu machen als die eigenen Eltern, versagen Eltern an dieser Aufgabe.

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Eltern heutzutage die schwierige Gratwanderung eines wahrscheinlich wünschenswerten Erziehungsstils, auf der einen Seite die eindeutigen Grenzen zu setzen und auf der anderen Seite zum Erzwingen der Einhaltung dieser Grenzen körperliche Gewalt in Form von Schlägen nur sehr bedacht einzusetzen, nicht meistern. Zumal die meisten Eltern auch selbst mit den eigenen Problemen in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben und oft nicht die „Kraft“ aufbringen, welche für eine gute Erziehung notwendig wäre. Das Resultat dieses Missstandes ist, dass ein Kind, das sich nicht auf ein einheitliches und verlässliches Erziehungsverhalten einstellen kann, die Maßnahmen der Eltern als Willkür, als Vergewaltigung empfindet.

2.3.2 Die alltägliche Gewalt (strukturelle Gewalt)

Anita (15) und Martin (17) sprangen gemeinsam in den Tod. Von der Dachterrasse eines zwanzigstöckigen Hochhauses stürzten sie sich in die Tiefe. Weder Liebeskummer, Schwangerschaft oder Angst vor schlechten Noten, noch ein Streit mit den Eltern ging diesem Tod voraus. Eltern und Lehrer der beiden konnten sich den Selbstmord nicht erklären (KIEFER, 1985, S. 3).

Sicherlich ist dieser tragische Vorfall nicht die Regel, aber wenn man versucht, die Gründe für diese Tat zu verstehen, wird sehr schnell klar, dass das, was die Beamten als Grund für diesen Selbstmord in den Akten vermerkten, nämlich „allgemeiner Weltschmerz“, auch eine Folge von Gewalt, nämlich der strukturellen Gewalt, ist. Sie ist ein Teil des Alltags. Und auch wenn sie nicht so offensichtlich ist wie die Gewalt in Form einer Schlägerei, so ist sie doch oftmals von größerer Wirkung als eine solche.

Besonders den jüngeren Mitgliedern unserer Gesellschaft macht diese zu schaffen: „Wer noch keinen dicken Panzer hat, wer noch nicht abgestumpft ist, der leidet unter der Brutalität und der Grausamkeit, die überall stattfindet.“ (KIEFER, 1985, S. 3). Ein Schlüssel zu dieser Gewalt liegt in den kulturellen und rechtlichen Vorgaben unserer Gesellschaft. Ein Teilaspekt ist die sich vergrößernde Kluft zwischen den sozialen Schichten, die durch höhere Arbeitslosigkeit und ungleiche Verteilung der materiellen Ressourcen bedingt ist (MANSEL & NEUBAUER, 1998, S. 19f). Da die Menschen sich zusätzlich durch individualisierenden gesellschaftliche Entwicklungen voneinander entfremden, und so der Rückhalt untereinander immer weiter zurückgeht, kommt es vor allem bei Jugendlichen zu einer Orientierungs- und Hilflosigkeit. Diese führt zum einen zu Frustrationen, zum anderen zur Erhöhung der Gewaltbereitschaft. Begünstigt wird dieses zusätzlich durch die Erfahrung, „dass viele mächtige gesellschaftliche Gruppen eigennützig und zynisch handeln und eine egoistische Auslegung des Rechts nach den eigenen Interessen betreiben“ (HURRELMANN, 1994, S. 31).

2.3.3 Der Krieg

Eine der herausragendsten Erscheinungsformen der Gewalt ist der Krieg. Trotzdem sich die Arten der Kriegsführung verändert haben mögen, hat Gewalthaltigkeit und Brutalität trotz der Bemühungen von Frieden- und Menschenrechtsorganisationen, Schriftstellern und Politikern, nicht unbedingt abgenommen. Im Krieg wird die Gewalt instrumentalisiert. Sie wird oft als Mittel zum Zweck bezeichnet, um zu befrieden, befreien und verteidigen. Dabei übt nicht, wie bei den personalen Gewaltformen, ein einzelnes Individuum oder eine kleine Gruppe die Gewalt aus, sondern vielmehr eine anonyme Masse mittels Waffen, die einen menschlichen Täter für die Opfer oftmals gar nicht mehr erkennen lassen.

Für den mediatisierten Menschen gehört der Krieg zum Alltag. Auch wenn er ihn selbst nicht persönlich erlebt, ist er doch allgegenwärtig, denn täglich sehen wir in den Nachrichten Berichte über Opfer und Leiden des Krieges.

2.4 Statistik der Gewalt

Nachdem nun eingehend unterschiedliche Aspekte der Gewalt dargelegt worden sind, soll an dieser Stelle die, durch die bisherigen theoretischen Beschreibungen der Gewalt nicht hinreichend beschriebene, real vorkommende Gewalt dargestellt werden. Hiermit ist vor allem eine Aussage zur Häufigkeit des Auftretens von Gewalt in Form von Verbrechen gemeint. Eingegangen werden soll dabei gleichfalls auf die Diskrepanz, die in der Öffentlichkeit herrscht, zwischen Vorstellungen über die Häufigkeit von Gewalttätigkeit in der Gesellschaft und der wirklich existierenden Gewalt. Es muss darauf hingewiesen werden, dass es in letzter Zeit eine Entwicklung gab, die dafür sorgte, dass die Gewalt in der Öffentlichkeit bzw. in den Medien ein vieldiskutiertes Thema ist. So wird vor allem stark vermehrt von einem Anstieg der Gewalt in den Schulen und bei Jugendlichen berichtet. Hierbei sind nicht vornehmlich besonders herausragende Einzelfälle gemeint, sondern ein unspezifisches Gewaltpotential und eine allgemeine Gewaltbereitschaft. Diese vermehrte Berichterstattung ist nun aber nicht zweifelsfrei auf einen realen Anstieg zurückzuführen, sondern könnte daraus resultieren, dass, in einer Art selbst erfüllender Prophezeiung, sich nur die Gewaltwahrnehmung und -besorgnis erhöht hat und dadurch mehr Gewalt in der Berichterstattung erscheint, zur Anzeige gebracht wird und vielleicht sogar ermittelt wird. Zumindest ist an den offiziellen Statistiken zunächst nicht eindeutig abzulesen, dass ein Gewaltzunahme stattgefunden hat.

Dabei ist bei der Interpretation der Statistik zu berücksichtigen, dass die Justizstatistik (der Straftaten) hier viele kleinere Delikte gar nicht beinhaltet, da die Verfahren eingestellt wurden Die Polizeistatistik (der Tatverdächtigen) auf der anderen Seite schließt auch diejenigen „Täter“ mit ein, die später gar nicht eines Verbrechens überführt werden. Außerdem wird nicht zu jeder Straftat vorher ein Verdächtiger ermittelt. Versucht man unter Berücksichtigung dieser statistischen Feinheiten dennoch eine Entwicklung abzusehen, so ist teilweise sogar eine Abnahme oder Stagnation von bestimmten Gewaltdelikten erkennbar (KÜBLER, 1995, S. 69; SCHÜLER-SPRIGBORIUM, 1990, S. 51f). Das gilt auch, wenn man die Anzahl von jugendlichen Tatverdächtigen im Verhältnis zur gesamten Täterschaft sieht: 1984 = 12.5%, 1991 = 9.5%, 1998 = 13%. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man die Anzahl der jugendlichen Gewalttäter von 14-17 Jahren in Bezug setzt zu deren gesamten Einwohnerzahl dieser Altersgruppe. Bezogen auf alle Delikte verdoppelte sich diese Zahl von 1984 bis 1998 von 4000 auf 7825 pro 100 000 Jugendliche. Bezieht man sie allerdings auf Gewaltkriminalität (Tötungsdelikte, Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung), dann hat sich der Anteil der tatverdächtigen Jugendlichen von 1984 bis 1998 um 232 Prozent erhöht, von 292,5 auf 971,9. Es wurden also im Jahr 1998 unter 1000 Jugendlichen fast zehn ermittelt, die im Verdacht standen, eine Gewalttat begangen zu haben. Einen geringen Anteil haben dabei allerdings die vorsätzlichen Tötungsdelikte. Insgesamt waren hier 1998 genau 236 Jugendliche verdächtigt. Anders hingegen bei den Raubtaten, hier ist ein Anstieg von 387,3 % auf 3474 Tatverdächtige zu verzeichnen gewesen (HOLZHAIDER, 1999, S. 24). Auch wenn ein überwiegender Anteil der jugendlichen Delikte immer noch in den Bereich der Kleinkriminalität fällt, könnte man anhand des Zahlenmaterials vermuten, dass sich insgesamt eine Entwicklung zu immer größerer Gewaltbereitschaft von Jugendlichen abzeichnet. „Mit Faust und Waffe schnell bei der Hand“, so lautet der Titel des Artikels, aus dem dieses Zahlenmaterial stammt und charakterisiert damit wahrscheinlich recht trefflich diese Entwicklung. Bezogen auf den Fall im amerikanischen Littleton lässt sich zwar feststellen, dass auch früher schon jugendliche Täter zu der Brutalität mit der diese Gewalttat verübt wurde fähig waren (KUNCZIK, 1995, S. 130), allerdings ist das häufige Auftreten solcher Taten (siehe Anhang) in der letzten Zeit besorgniserregend und man könnte befürchten, dass dieses mit der oben nahegelegten Entwicklung einhergeht. Es soll in dieser Arbeit unter anderem versucht werden aufzuzeigen, inwieweit es Indikatoren Seitens eines Wandels medialer Einflussgrößen gibt, die mit so einer Entwicklung einhergehen und sie vielleicht bewirken.

3 Die Medien

Wenn in dieser Arbeit der Einfluss medialer Gewaltdarstellungen beschrieben werden soll, so bedarf es zunächst einer genaueren Beschreibung der Medien, die diese Gewaltdarstellung liefern. Des Weiteren ist es auch naheliegend, den Zusammenhangs zwischen Medien und Gesellschaft, mithin also auch die Bedeutung, welche die Medien für den Menschen haben, zu detaillieren. Dazu ist hier die folgende Anmerkung zu machen. Von einer genauen Analyse der Medien im Gesellschaftlichen Kontext kann man sich erhoffen, den Einfluss der Medien besser abschätzen zu können und zwar zum einen in Abhängigkeit von der Häufigkeit, mit der mediale Darstellungen angeboten und rezeptiert werden und zum anderen bezüglich der Bedeutung, die der Einzelne den Darstellungen beimisst, einschließlich der hieraus resultierenden Intensität der Nutzung des Medienangebotes. Eine solche Betrachtung ist für die Erforschung von Medienwirkungen also von hoher Relevanz, ihre detaillierte Darlegung ist allerdings auch sehr umfangreich. Diese Arbeit muss sich aber, in Bezug auf die Medienwirkung, auf die Betrachtung eines Teilbereichs der Thematik beschränken. Somit wird der gesellschaftliche Kontext und einige andere durchaus bedeutungsvolle Aspekte im Folgenden zwar angesprochen, aber nicht vertieft dargelegt. Die Einhaltung des vorgegebenen Rahmens macht hier abermals eine Eingrenzung und Beschränkung notwendig. Sehr detaillierte Ausführungen zu Medien und Gesellschaft finden sich beispielsweise bei FRÜH (1994) und THEUNERT (1987).

3.1 Was sind die Medien?

Als einfache Definition der Medien soll hier die Aussage, dass sie Träger von Informationen sind, als ausreichend erachtet werden. Unterschieden werden können sie auf einfache Weise durch die Art des Trägermaterials, mit dem sie die Informationen übermitteln. Dies geschieht im Allgemeinen mittels Schrift, Ton und/oder Bildern. Hiernach werden die Medien in Printmedien sowie auditive, visuelle, und audiovisuellen Medien unterteilt. In jüngster Zeit sind hierzu noch die sogenannten multimedialen Medien hinzugekommen, die sich gleichzeitig aller oben beschriebenen Informationsträger bedienen. Sie sind erst durch die rasante Entwicklung der Computertechnik in den letzten 20 Jahren entstanden, und ihre Möglichkeiten erweitern sich zusehends, so dass nunmehr bereits auch der Tastsinn als Möglichkeit zum Informationsaustausch eingeschlossen wird. Anhand der oben gemachten Auflistung der unterschiedlichen Medien, wird auch die Reihenfolge ihrer Entstehung deutlich, und es zeichnet sich eine Entwicklung zu immer größerer Realitätsnähe ab. Wo zunächst nur das geschriebene Wort dem Rezipienten der Information noch jegliche Umwandlung des Gelesenen in eigene Sinnesvorstellungen überließ, werden immer mehr Informationen in Form von Bildern oder Geräuschen angeboten, die quasi eine Kopie des Originals sind und in zunehmendem Maße immer weniger von diesem unterschieden werden können. Der derzeitige Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Erzeugung einer sogenannten Cyberwelt, die mittels eines Brille mit zwei Miniaturbildschirmen und eines sensorischen Anzuges für den Rezipienten dargestellt werden kann, so als würde er sich räumlich in ihr bewegen. Dabei kann er sogar mittels taktiler Reize mit dieser in Interaktion treten. Eine Medienform, die vielleicht nicht nur als konsequente Weiterentwicklung der bisherigen gesehen werden kann, sondern auch als etwas gänzlich Neues mit ebenfalls neuen Wirkungen, nämlich als eine Ersatzrealität, wie sie schon in vielen Science-Fiction Romanen als Konsequenz des technisch-medialen Fortschritts angesehen wurde. Dabei wurden als gravierende Folge dieser Entwicklung meist eine Entfremdung des Menschen von seinem Körper und der Realität postuliert. Eine weitere „Eigenschaft“ der Medien sei hier noch erwähnt, die ihre gesellschaftliche Bedeutung für den Menschen betrifft. Als Mitte des Jahrhunderts das Fernsehen Einzug ins Wohnzimmer hielt, ahnte kaum jemand, wie sich dadurch unser Alltagsleben verändern würde, so dass das Fernsehen beispielsweise zur zeitintensivsten Freizeitbeschäftigung weiter Bevölkerungsteile und in vielen Familien zum Kommunikationsersatz wurde (THEUNERT, 1984, S. 7). Aber die Medien sind sogar noch viel mehr als das. Anhänger eines reflexiv-kritischen Ansatzes der Medientheorie begreifen sie sogar als festen Bestandteil kapitalistischer Gesellschaftsordnung, dessen Folge sie zugleich seien (THEUNERT, 1987, S. 94). Sie seien untrennbar mit dem historischen Entwicklungsprozess der Gesellschaft selbst verknüpft. Von Relevanz für ein Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung der Medien ist mithin, dass sie mittlerweile für fast alle Menschen zu einem zentralen Aspekt ihres Lebens geworden sind, der sich nicht mehr wegdenken lässt. So dienen die Medien dem Menschen als Informationsquelle über seine Umwelt, der Meinungsbildung und nicht zuletzt als Inhalt eines großen Teils der Freizeitgestaltung. Es scheint naheliegend, dass die Medien dadurch einen, wahrscheinlich nicht unbedeutenden, Einfluss auf den Menschen und sein Handeln haben.

3.2 Warum existiert Gewalt in den Medien - Motive zum Gewaltkonsum

Es stellt sich die Frage, warum überhaupt Gewaltdarstellungen in den Medien existieren. Und einige Menschen würden wahrscheinlich so weit gehen, zu fragen, wer diese Gewaltdarstellungen überhaupt brauche, und wenn schon nicht klar sei, ob sie einen negativen ja geradezu zerstörerischen Einfluss auf unsere zivilisierte Gesellschaft haben könnten, warum dann ihre Herstellung bzw. Verbreitung nicht einfach verboten würde, um jedwede mögliche Schädigung von uns bzw. unseren Kindern abzuwenden!

Als Einstieg hierzu soll an dieser Stelle doch noch einmal kurz etwas zu den Printmedien angemerkt werden. Wahrscheinlich ist die Wirkung der Printmedien nicht so erschreckend realistisch und wahrscheinlich anders geartet als die ihrer Kollegen, da es dem einzelnen Rezipienten obliegt, sich die beschriebenen Handlungen vorzustellen. Sie belegen aber, durch die in ihnen vorkommenden Gewaltdarstellungen (RATHMAYER, 1994, S. 29f; SELG, 1984, S. 11; KUNCZIK, 1998, S. 19f), dass diesen schon „immer“ das Interesse der Menschen geweckt haben und verhindern somit die falsche Vorstellung, dass die heutigen Medien für eine etwaige „Gewaltgeilheit“ allein verantwortlich wären. Gefallen an Gewaltdarstellungen hat der Mensch schon immer gefunden. Es ist also nicht die „Schuld“ der heutigen Medien, dass die Menschen Gewaltdarstellungen nicht nur akzeptieren, sondern geradezu zu sehen wünschen. Man denke nur an die Menschenaufläufe bei öffentlichen Hinrichtungen und Hexenverbrennungen im Mittelalter. Vielmehr passen sich die Medien diesem Wunsch der „breiten Masse“ aufgrund kommerzieller Interessen an. Woher kommt aber dieser Wunsch nach gewalthaltigen Darstellungen.

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Details

Seiten
125
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638102681
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – FBI
Note
sehr gut

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Titel: Gewaltdarstellungen in den Medien und ihr Einfluss auf das menschliche Handeln