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Würde, Ehre und Ansehen. Eine begriffliche und philosophische Differenzierung

Seminararbeit 2015 24 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Würde des Menschen
2.1 Historie der Würde des Menschen
2.2 Menschenwürde nach Prof. Dr. Josef Wetz
2.3 Menschenwürde nach Prof. Dr. Jörg Hardy
2.4 Menschenwürde nach Prof. Dr. Ralf Stoecker
2.5 Gegenüberstellung

3. Ehre, Ansehen, Würde
3.1 Ehre – ein obsoletes Konstrukt?
3.2 Ansehen und Anerkennung
3.3 Überschneidung und Abgrenzung

4. Der Umgang der Rechtsprechung mit Würde, Ehre
4.1 Die Würde des Menschen nach gesetzlicher Kommentierung
4.2 Die Ehre nach der Rechtsprechung
4.3 Der Ehrenmord

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 23.05.1949 unterschrieb der damalige Präsident des Parlamentarischen Rates, Konrad Adenauer, das deutsche Grundgesetz. Dieses, so heißt es, ist das größte und wichtigste Gut, das Deutschland, insbesondere im Zusammenhang mit den Schreckenstaten des Zweiten Weltkriegs, hervorgebracht hat. Der ranghöchste Wert wird hier der Würde des Menschen zugesprochen. So heißt es in Art.1 Abs.1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Grundsätzlich identifiziert sich der deutsche Bürger mit den Werten Würde oder Ehre und strebt nach Anerkennung. Wenn man jedoch fragt, was Würde oder Ehre eigentlich konkret bedeuten, stellt dies einen vor eine Aufgabe, die zunächst nicht leicht zu lösen ist. Das hängt einerseits damit zusammen, das solche Begriffe ein Phänomen repräsentieren, der körperlos scheint und eher geistig fassbar wirkt und andererseits damit, dass sich eben solche Begriffe mit Werten befassen, die zunächst aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstehen und folglich mit der Zeit gehen. Also entsprechen die Begriffe der Würde oder Ehre aus der Antike oder dem Mittelalter in ihrer Bedeutung eben nicht zwangsweise dem heutigen Verständnis.

Der Verfasser nimmt sich in seiner Ausarbeitung der Aufgabe an, sich möglichen Bedeutungen anzunähern und die Probleme der modernen (20. Jahrhundert) Diskussion darzustellen. Zunächst wird der Diskurs um den Begriff Würde dargestellt, danach der Unterschied zwischen Würde, Ehre und Ansehen diskutiert und zuletzt die Bedeutung von Würde und Ehre für die Rechtsprechung beschrieben. Außerdem soll der Umgang der Rechtsprechung mit Ehre auf Basis zweier Beispiele dargestellt werden. Insbesondere Personen der Legislative wie Richter werden vor die Herausforderung gestellt, klare und möglichst allgemeingültige Definitionen für Begriffe zu finden. Verschiedene Auslegungen der Würde des Menschen könnten zu Missverständnissen in der Rechtsprechung führen.

2. Die Würde des Menschen

2.1 . Historie der Würde des Menschen

Um der Bedeutung der Würde Gestalt zu geben, sie besser einordnen zu können, soll ihr Verständnis zunächst historisch betrachtet werden. Im Folgenden wird generell zwischen zwei verschiedenen Erscheinungsformen der Würde unterschieden: Die Würde als Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag. Die Behauptung, die Würde wäre Bestandteil jedes Menschen, welche dieser eben schon durch sein Mensch-Sein erlangt, stellt diese als ein Wesensmerkmal dar. Die These, Würde entstehe durch unser Verhalten, unsere Lebensweise und Umgangsformen und wird so gesehen situativ geformt, begründet sie als ein Gestaltungsauftrag.[1]

In der Antike wurde die Würde als „dignitas et excellentia“ bezeichnet und wurde von den alten Römern und Griechen allein als Gestaltungsauftrag gefasst. Ihnen war es fremd, zu denken, jeder Mensch besäße eine Würde allein durch seine Existenz. Die Würde war das Ergebnis individueller Leistung und sozialer Anerkennung. Es war würdevoll, seine Gefühle zu beherrschen; weder extreme Freude, noch Missgunst zu zeigen. Außerdem spielte die äußere Erscheinungsform eine große Rolle: So galt die Körperpflege und Bekleidung als Zeichen eines würdevollen Lebens.[2]

Der römische Philosoph und Politiker Marcus Tullius Cicero (196-43 v. Chr.) war die erste uns bekannte Person, die das Würdeverständnis revolutionierte, indem er behauptete, der Mensch als Vernunftwesen besäße grundsätzlich Würde. Dieses Verständnis setzte sich jedoch nicht gleich durch und wurde erst durch die Vorstellung des Christentums, die Würde sei metaphysischer Art, unterstützt. Nach der abendländischen Vorstellung von Würde entsteht sie durch Gottesebenbildlichkeit. Als Gott den Menschen schuf, übertrug er ihnen seine göttliche Vernunft, die Macht des aufrechten Ganges, Personalität, einen freien Willen und zuletzt die unsterbliche Seele.[3] Gleichzeitig gilt die Würde jedoch auch dadurch als Gestaltungsauftrag, dass ein ehrenhaftes und gottesfürchtiges Leben ein würdevolles Leben fördern. Somit besitzen alle Menschen grundsätzlich Würde, das Ausmaß eines würdevollen Lebens wird jedoch durch die Gestaltung bedingt. Es ist allerdings nicht möglich, die Würde durch die Lebensgestaltung komplett zu zerstören, sie kann jedoch durch Sünden verletzt werden. Hiernach lehnt Marcus Tullius Cicero als erster uns bekannte Philosoph sowie nachfolgend das Christentum Sklaventreiberei erstmalig ab.[4]

Im Gegensatz zum Mittelalter wurde in der Neuzeit, insbesondere im 18. Jahrhundert durch Immanuel Kant, die Würde weniger auf die Gottesebenbildlichkeit gestützt, sondern vielmehr auf die Fähigkeit zur Vernunft und moralischen Selbstbestimmung. Der Mensch erhebt sich dadurch aus der Natur, dass er keinen äußeren Wert, das heißt Preis, besitzt, sondern einen inneren, unbezahlbaren Wert. Er ist in der Lage, sich von seinen Trieben zu befreien und sich dadurch selbst zu bestimmen. Ein würdevolles Leben bedeutet zum einen gegenseitige Anerkennung, zum anderen jedoch auch Selbstachtung. Es gilt der Grundsatz: „Wenn jeder so handeln würde wie ich, entstünde kein Chaos, keine Ungerechtigkeit oder Leid.“[5] Demnach darf der Mensch niemals Mittel zum Zweck sein; er ist ein Vernunftwesen mit achtungswürdigem Wert.

Wie man sehen kann liegen die Wurzeln der Menschenwürde in weiter Vergangenheit, jedoch wurde sie erst im 20. Jahrhundert in eine Rechtsnorm gefasst. Insgesamt wurden die Menschenrechte in 57 Sitzungen durch den Grundsatzausschuss ausgehandelt. Besonders die Forderung nach einem Gottesbezug in Artikel 1 des Grundgesetzes wurde lange diskutiert und schließlich abgelehnt. Insgesamt erarbeiteten 65 Personen, darunter vier Frauen, vom 01.09.1948 bis zum 05.05.1949 den ersten Artikel des Grundgesetzes unter Leitung von Konrad Adenauer. In den Folgejahren wurde die Würde des Menschen weiter durch das Bundesverfassungsgericht und die Europäische Union geformt und inhaltlich gefüllt. Ein kritischer Streitpunkt bleibt bis heute noch die säkulare Betrachtungsweise der Würde: Das abendländische Verständnis und die daraus resultierende Bedeutung der Würde des Menschen als etwas von Gott erhaltenes, besitzt immer noch eine große Anzahl an Befürwortern.[6] Das Würdeverständnis der Moderne wurde zudem vor viele weitere Probleme, wie zum Beispiel die Vereinbarung mit der Ethik des Kapitalismus, gestellt. Es ist jedoch festzuhalten, dass soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Persönlichkeit eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Würde einnehmen. Der Mensch als Vernunftwesen, der fähig ist, seine Existenz zu reflektieren und Entscheidungen konstruktiv zu argumentieren, soll achtungsvoll gegenüber seinen Mitmenschen leben um ein würdevolles Leben zu führen. Diese Erkenntnis führt zu der Idee, dass menschenwürdiges Verhalten durch gegenseitige Achtung und rücksichtvolles Leben entsteht.[7] Wie wir sehen können hat die Gestalt der Würde eine lange Vergangenheit und wurde verschiedenartig argumentiert. Auch heute mündet die Diskussion um die Würde des Menschen nicht in einer einvernehmlichen Lösung; vielmehr existieren viele verschiedene Annäherungsversuche, welche im Folgenden dar- und gegenübergestellt werden sollen.

2.2 Menschenwürde nach Prof. Dr. Josef Wetz

Betrachten wir zunächst die ethische Selbstbehauptung nach Prof. Dr. Josef Wetz. Herr Wetz ist ein deutscher Philosoph, der Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gemünd lehrt. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten setzt er den thematischen Schwerpunkt auf die Notwendigkeit von Religion zur Begründung der menschlichen Existenz.

Seiner Meinung nach bedarf eine ethische Selbstbehauptung eine säkulare Betrachtung der Würde, da sie auch ohne eine abendländische, metaphysische Vorstellung im irdischen Sinn möglich sein muss. Wetz behauptet, dass wir gerade dann eine Idee von Würde haben, wenn wir uns Leid und Erniedrigung vorstellen. In anderen Worten gesagt wird Würde durch Bewusstwerden ihrer möglichen Missachtung erst transparent. Dies bringt uns nach Wetz zu der Erkenntnis, dass der Mensch ein hilfs- und schutzbedürftiges Lebewesen ist, das einen Anspruch auf würdevolle Behandlung besitzt. Dies wird durch eine gelingende Lebensführung, freiheitliche Selbstbestimmung und ungestörte Selbstentfaltung erreicht. Eine solche physische Bedürftigkeit spiegelt ein ethisches Ideal dar, jedoch keine metaphysische Idee der Würde.[8] Herr Wetz verdeutlicht seine Annäherungsweise durch Shakespeares Komödie „Kaufmann von Venedig“. In dieser heißt es:

„Ich bin ein Jud. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?“[9]

Dieses Zitat wird durch Dr. Wetz eben nicht so ausgelegt, dass der Würde des Menschen eine gewisse Größe und Erhabenheit zugesprochen wird, sondern vielmehr so, dass er eine kreatürliche Bedürftigkeit besitzt. Wetz schlussfolgert insgesamt drei wesentliche Erkenntnisse zu den Fähigkeiten des Menschen, die die Würde als ethisches Ideal begründen:

1. Die Fähigkeit „einen Schritt“ neben seine Psyche zu treten und damit zwischen sich und seiner Psyche eine gewisse Distanz zu schaffen,
2. Aus der neuen Position heraus zu erkennen, dass der Mensch, also man selbst, wie auch andere, leidfähig sind,
3. Und deshalb zu erkennen, dass wir durch ethische Grundsätze Leid vermeiden können.

Diese Auffassung der Würde des Menschen bedeutet, dass die Würde tatsächlich antastbar ist und auch oft angetastet wird – was wiederum die Qualität der Unantastbarkeit in Frage stellt. Schließlich argumentiert Wetz, dass die Würde als metaphysische Vorgabe nicht antastbar sein kann, sie als ethische Aufgabe hingegen nicht angetastet werden darf.[10]

Auf die Frage, ob ein Mensch nach dieser Auffassung ein würdeloses Leben führen kann, was nun vollkommen gegen die Auffassung der Würde als Wesensmerkmal sprechen würde, antwortet er: „Niemand soll seine Würde aberkannt werden – doch, wer in würdelosen Verhältnissen ein kümmerliches Leben ohne Selbstachtung führt, von dessen Dasein kann man tatsächlich nicht mehr sinnvollerweise sagen, dass er Würde besitzt, falls es die angeborene Wesenswürde nicht gibt.“[11] Nun ist es in erster Linie schwer sich ein solches „kümmerliches“ Leben vorzustellen, in welchem sich die Person selbst nicht achtet oder achten kann. Hermann Hesse nähert sich diesem Thema in seinem Buch „Steppenwolf“ mittels des Protagonisten Harry Haller an. So schreibt Hesse:

„Sollte ich all dies nun wirklich noch einmal durchleben? All diese Qual, all diese irre Not, all diese Einblicke in die Niedrigkeit und Wertlosigkeit des eigenen Ich. (…) Mochte der Selbstmord dumm, feig und schäbig, mochte er ein unrühmlicher und schmachvoller Notausgang sein – aus dieser Mühle der Leiden war jeder, auch der schmählichste Ausgang innig zu wünschen, hier gab es kein Theater des Edelmuts und Heroismus mehr, hier war ich vor die einfache Wahl gestellt zwischen einem kleinen, flüchtigen Schmerz und einem unausdenklich brennenden, endlosen Leid.“[12] (Hesse 1974)

Hesse beschreibt in seinem Roman eine Reihe von Umständen welche ein von Leid geplagtes Leben bedingen und schließlich in einem Todeswunsch des Protagonisten münden. Nach der Auffassung von Prof. Dr. Wetz kann ein solches Leben keine Würde mehr besitzen.

[...]


[1] Wetz, Franz Josef (2002): Die Würde des Menschen: antastbar?, Hannover: Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Materialiensammlung zur politischen Bildung), S. 5

[2] Ebd. S. 5

[3] Ebd. S. 6

[4] Ebd. S. 6

[5] Wetz, Franz Josef (2002): Die Würde des Menschen: antastbar? Hannover: Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Materialiensammlung zur politischen Bildung), S. 7

[6] Ebd. S. 8

[7] Ebd. S. 9-10

[8] Wetz, Franz Josef (2002): Die Würde des Menschen: antastbar? Hannover: Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Materialiensammlung zur politischen Bildung) S.13

[9] Ebd. S. 14

[10] Wetz, Franz Josef (2002): Die Würde des Menschen: antastbar? Hannover: Niedersächsische Landeszentrale für Politische Bildung (Materialiensammlung zur politischen Bildung) S. 15

[11] Ebd. S. 16

[12] Hesse, Hermann (1974): Der Steppenwolf. Erzählung. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Surkamp Taschenbuch, 175), S.98

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668489264
ISBN (Buch)
9783668489271
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370268
Institution / Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Köln
Note
1,3
Schlagworte
Würde Ehre Ansehen Philosophie Ethik Ehrenmord Grundrechte Freiheit Rechtsprechung Bundesverfassungsgericht Werte Immanuel Kant

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