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Posttraumatische Reifung. Eine Gegenperspektive zur posttraumatischen Belastungsstörung

Hausarbeit 2014 10 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhalt

1.Geschichte

2.Definition

3.Auslösende Traumata

4.Bereiche des posttraumatischen Wachstums

5. Der Posttraumatischer Wachstumsprozess

6.Empirische Ergebnisse

7.Abgrenzung zu anderen Konzepten

8.Resilienz

9.Ethische Aspekte

10.Klinische Praxis

11.Posttraumatische Reifung und Persönlichkeitsentwicklung

12.Literaturverzeichnis

1. Geschichte

Seit den Anfängen der Klinischen Psychologie hat diese ihren Schwerpunkt auf pathologische Beschreibungen und deren (oftmals symptomatischen) Behandlung gelegt. So verwundert es auch nicht, dass die klinische Traumaforschung sich ebenso auf die negativen Traumafolgestörungen, wie die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) konzentriert hatte. Dass traumatische Belastungen auch positive Folgen haben können, ist schon seit der Antike bekannt, im 20. Jhdt. wiesen vor allem psychologische Theoretiker des humanistischen Paradigmas auf dieses Phänomen hin, darunter Viktor Frankl, mit seinem Überlebensbericht (1982) „…trotzdem Ja zum Leben sagen“. Eingang in der Traumaforschung gelang das Phänomen der positiven Traumafolgen jedoch erst in den 1990er Jahren. Zu den Pionieren dieser Forschung gehören vor allem die beiden Autoren Tedeschi und Calhoun, von denen auch der Begriff „Posttraumatisches Wachstum“ stammt.

2. Definition

„Posttraumatisches Wachstum“ (aus dem Englischen „posttraumatic growth“) oder synonym auch „posttraumatische Reifung“ (geprägt durch die Übersetzung von Maercker, 1998) ist als Antithese zur posttraumatischen Belastungsstörung konzeptualisiert und bezeichnet positive Veränderungen, die Betroffene von traumatischen Ereignissen durchleben. Dabei erholen sich diese nicht nur vom Trauma, sondern erleben zusätzlich eine persönliche Entwicklung, welches aus dem Umgang mit der Erfahrung der extremen Belastung resultiert. Die Betroffenen berichten oft über ein Wachstum an innerer Reife, über einen neu definierten Lebenssinn und positive Veränderungen ihrer eigenen Person (Zöllner, Calhoun und Tedeschi, 2006, S. 37).

Das Adjektiv „posttraumatisch“ hebt hervor, dass die positiven Folgen im Anschluss traumatischer Ereignisse passieren und somit nicht Teil der persönlichen Entwicklung sind. Jedoch unterstreicht Fooker (2009, S. 74), dass für posttraumatische Reifung zwar extreme Belastungen, wie Traumata, Voraussetzungen sind, die positive Entwicklung jedoch im anschließenden durch die Art und Weise des Umgangs mit der Belastung resultiert. In anderen Modellen werden posttraumatische Reifungsprozesse als Bewältigungsstrategien aufgefasst, z.B. als Möglichkeit der Sinn- und Bedeutungsfindung, als Interpretationsmöglichkeit, warum das Trauma geschah oder als Form einer Selbstwerterhaltenden positiven Illusion (vgl. Zöllner et. al, 2006, S. 39).

3. Auslösende Traumata

Inzwischen wurde das Konzept der posttraumatischen Reifung vielfach untersucht. Es wurde eine Vielzahl an belastenden Auslösern gefunden (vgl. Zöllner et. al, 2006, S. 38): Trauer- und Verlusterlebnisse nach dem Tod von Familienangehörigen und Partnern, Krankheiten, wie rheumatische Artritis, Krebserkrankungen, Herzinfarkte oder HIV-Infektionen, sowie Unfälle, Hausbrände, sexuelle Angriffe und Missbrauch, Kriegserlebnisse und Geiselhaft.

Grundsätzlich unterscheidet Maercker (1998) zwischen „man-made disasters“ und andere, zufällige Traumata bzw. Katastrophen. Von Menschen verursachte Traumata haben dabei ein größeres Schädigungspotenzial. Auch die Dauer des Ereignisses spielt eine Rolle, wo offensichtlich lang andauernde Katastrophen schlimmere Auswirkungen auf den Menschen haben.

4. Bereiche des posttraumatischen Wachstums

Im Zuge der Entwicklung des Posttraumatic Growth Inventory (PTGI; Tedeschi & Calhoum, 1996) wurden fünf Bereiche des persönlichen Wachstums identifiziert, die jedoch nicht alle gleichzeitig bei einer Person auftreten müssen:

- Betroffene berichten über eine intensivierte Wertschätzung des Lebens, welche gekennzeichnet ist, durch das veränderte Bewusstsein für das Wesentliche und der erhöhten Wichtigkeit der „kleinen Dinge im Leben“.
- Weiters fühlen sie sich bestimmten Menschen näher und bestimmte Beziehungen gewinnen an Bedeutung (Intensivierung persönlicher Beziehungen). Gleichzeitig kann es vorkommen, dass Betroffene sich von anderen Beziehungen vermehrt distanzieren und abwenden, da sie erkennen, wer ihre „wirklichen“ Freunde sind. Zusätzlich wird oft berichtet, dass sie allgemein ein erhöhtes Mitgefühl für andere empfinden – vor allem für Not leidende Personen.
- Betroffene werden sich häufig ihrer eigenen Stärke(n) bewusst und paradoxerweise erkennen sie zudem gleichzeitig ihre eigene Vulnerabilität. Sie besitzen die Klarheit, dass die vermeintliche Sicherheit im Leben jederzeit angreifbar ist.
- Ein weiterer Bereich des persönlichen Wachstums ist die Entdeckung neuer Möglichkeiten im Leben. Als Beispiele nennen Tedeschi und Calhoun das Ergreifen eines neuen Berufs oder ein vermehrt soziales Engagement.
- Der letzte Wachstumsbereich beschreibt ein intensiviertes spirituelles Bewusstsein, von dem auch zuvor atheistische Menschen betroffen sein können.

5. Der Posttraumatischer Wachstumsprozess

(vgl. Zöllner et. al., 2006, S. 39ff.)

1. Wie oben bereits betont, ist grundsätzlich das Erleben eines schwer wiegenden Ereignisses Vorausetzung. Dieses Trauma stellt bisherige Grundannahmen der Betroffenen infrage und übersteigt die vorhandenen Bewältigungskompetenzen und verursacht somit psychisches und emotionales Leid.
2. Dieses Leid initiiert einen kognitiv-emotionalen Verarbeitungsprozess, welcher zu Beginn vor allem durch häufiges und automatisches Ruminieren (im Sinne eines konstruktiven Denkprozesses, welcher Situationsanalyse, Sinnfindung und kognitive Reinterpretation beinhaltet) über das Erlebte und dessen Folgen gekennzeichnet ist.
3. Es folgen anfängliche Bewältigungserfolge, welche sich in reduziertem emotionalem Distress äußern, sowie die Verabschiedung von unerreichbaren Zielen.
4. Das automatische Ruminieren wandelt sich allmählich in ein absichtliches Reflektieren über das Trauma und dessen Bedeutung.

Die aktive, kognitive Auseinandersetzung der betroffenen Person mit der Krise wird als zentrales Element für die positive Bewältigung des posttraumatischen Prozesses gesehen.

6. Empirische Ergebnisse

Die meisten Studien konnten keinen systematischen Zusammenhang zwischen posttraumatischer Reifung und psychischer Anpassung finden.

Einige fanden einen negativen Zusammenhang zwischen posttraumatischem Wachstum und psychologischer Gesundheit bzw. einen positiven Zusammenhang zwischen posttraumatischem Wachstum und psychischen Symptomen. Ebenso korrelierte in einer anderen Studie posttraumatisches Wachstum positiv mit PTBS-Symptomen.

Es finden sich jedoch Studien die einen positiven Zusammenhang zwischen posttraumatischen Wachstum und psychischer Anpassung, weniger Depressivität und höherer Sinnhaftigkeit im Leben demonstrieren. Einige der wenigen Längsschnittstudien konnten einen positiven Zusammenhang zwischen posttraumatischem Wachstum und psychischer Gesundheit ermitteln.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Querschnittstudien zu unterschiedliche Ergebnisse kamen, während Resultate von Längsschnittuntersuchungen die Existenz von einem posttraumatischen Wachstumsprozess vermuten lassen. Zudem wird über verschiedenste, zusätzliche Drittvariablen diskutiert, wie zum Beispiel das Vorhandensein eines unterstützenden, familiären Umfeld.

7. Abgrenzung zu anderen Konzepten

Wie Zöllner et. al. (2006, S. 39) darlegen, unterscheidet sich posttraumatische Reifung unter anderem von salutogenetischen Konzepten wie Resilienz, Hardiness, Optimismus und Kohärenzsinn deswegen, da diese persönliche Charakteristika bzw. Dispositionen beschreiben, die Personen dabei helfen, schwere und traumatische Erlebnisse zu bewältigen. Mit diesen Eigenschaften ausgestatteten Personen sollten besser mit Traumata umgehen können, als solche die diese Eigenschaften nicht besitzen.

Im Gegensatz dazu betont das Konzept des posttraumatischen Wachstums, dass die Veränderungen transformativer bzw. qualitativer Natur sind und den Entwicklungslevel der psychischen Funktionsfähigkeit bzw. des Bewusstseins der Person vor dem Trauma übersteigen. Die Veränderungen äußern sich vor allem in kognitiven und emotionalen Fähigkeiten und im Erleben der Person, welche wiederum Auswirkungen auf das Verhalten haben können.

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Details

Seiten
10
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668478916
ISBN (Buch)
9783668478923
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370375
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Psychologie
Note
1
Schlagworte
posttraumatic posttraumatic growth posttraumatische reifung posttraumatische belastungsstörung posttraumatisches wachstum traumaforschung positive psychologie

Autor

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Titel: Posttraumatische Reifung. Eine Gegenperspektive zur posttraumatischen Belastungsstörung