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Die Nachrichtenwert-Theorie - Ein Modell journalistischer Selektionsentscheidungen

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

Inhalt

Erklärung

1. Einleitung

2. Die Nachrichtenauswahl der Massenmedien
2.1. Die Notwendigkeit der Nachrichtenauswahl
2.2. Abgrenzung der Nachrichtenwert-Theorie zu anderen Forschungstraditionen

3. Die Nachrichtenwert-Theorie
3.1. Die Grundidee: Walter Lippmann
3.2. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Amerika
3.3. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Europa
3.3.1. Einar Östgaard
3.3.2. Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge
3.3.2.1. Der Nachrichtenfaktorenkatalog von Galtung und Ruge
3.3.2.2. Die fünf Hypothesen über das Zusammenwirken der Nachrichtenfaktoren
3.3.2.3. Die Überprüfung der Komplementaritätshypothese: Vier Feststellungen
3.3.3. Folgestudien und Akzeptanz

4. Kritiker der Nachrichtenwert-Theorie und Anfänge einer Verbesserung
4.1. Winfried Schulz
4.2. Karl Erik Rosengren

5. Forschungsteil: Wie wurde der Fußballwettbetrugsskandal zum Medienthema?
5.1. Die Erfüllung der Nachrichtenfaktoren nach Galtung und Ruge
5.2. Die Einbindung des Ereignisses in einen Gesamtkontext
5.3. Weitere Einflüsse auf die Berichterstattung der Medien

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis
7.1. Literatur
7.2. Zeitschriften, Gesetzestexte

Erklärung

Hiermit versichere ich, dass ich diese Arbeit selbstständig verfasst habe und keine anderen als die angegebenen Stellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Hamburg, den 28.02.2005

„News and truth are not the same thing, and must be clearly distinguished.”[1]

1. Einleitung

In Artikel 5 der Verfassung für die Bundesrepublik Deutschland vom 23.5.1949 wird Meinungsfreiheit als wesentliches Merkmal unserer Demokratie festgeschrieben. Das Recht,

„seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“,[2]

ist dem Gesetzgeber aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands derart wichtig, dass es sich hierbei sogar um ein Grundrecht [!] handelt. Das Angebot „allgemein zugängliche [r] Quellen“ übersteigt heute im Zuge mehrdimensionaler Mediennutzung bei weitem die zur Verfügung stehende Publikationskapazität traditionaler Medien. Sendezeiten sind kostspielig und knapp, und auch der Umfang von Printerzeugnissen ist nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich (Druckkosten) begrenzt. Aus dem garantierten Recht auf freiheitliche Meinungsäußerung leitet sich als Erfolgsformel daher auch die Verpflichtung der Produzenten ab, richtige Entscheidungen bei der Auswahl dessen, was als medial publikationswürdig betrachtet wird, zu treffen. Doch wie werden solche „richtigen“ Entscheidungen getroffen? Wer bestimmt, was richtig ist und wichtig wird? Können sich Rezipienten tatsächlich „ungehindert […] unterrichten“[3] ?

Die Unmöglichkeit, alle Weltereignisse in ihrer Gesamtheit erfahren zu können, greift auch die Publizistikforschung bei der Untersuchung der Nachrichtenauswahl von Massenmedien auf. Populär sind dabei seit den 1950er Jahren die drei Forschungstraditionen Gatekeeper-Forschung, News-Bias-Forschung und die Nachrichtenwert-Theorie. Anzumerken ist, dass sich diese Konzepte untereinander nicht ausschließen, sondern teilweise ergänzen, und darum eine trennscharfe Unterscheidung weder eindeutig noch notwendig ist.[4] Die gemeinsame Frage der Ansätze lautet, von welchen Faktoren journalistische Selektionsentscheidungen letztendlich abhängen.

Um eine Antwort darauf zu finden, wird die letztgenannte Nachrichtenwert-Theorie in den Fokus dieser Hausarbeit gerückt, wobei der Schwerpunkt auf die Darstellung der europäischen Forschungstradition nach Galtung und Ruge (1965) gelegt werden soll. Im einzelnen soll dabei untersucht werden, welchen Einfluss Nachrichtenwerte auf Selektionsprozesse bei Printmedien[5] ausüben. Wie werden Ereignisse zu Nachrichten, und ab wann besitzen Meldungen einen Nachrichtenwert?

Außerdem kommen ausgewählte Kritiker der Nachrichtenwert-Theorie sowie ihre Beiträge zu einer konzeptionellen Verbesserung zur Sprache, und anhand eines eigenen Forschungsteils wird die aktuelle Printmedienberichterstattung über den Fußballschiedsrichter-Wettskandal beleuchtet, sodass letztlich ein Diskurs darüber entstehen soll, ob die Nachrichtenwert-Theorie im Jahr 2005 überhaupt noch Gültigkeit beanspruchen kann.

2. Die Nachrichtenauswahl der Massenmedien

2.1. Die Notwendigkeit der Nachrichtenauswahl

Am Anfang jedes Zeitungsartikels und als eine der zentralen Aufgaben eines Redakteurs steht die Beschaffung von Nachrichten. Im journalistischen Alltag laufen im Sekundentakt neue Meldungen der Presseagenturen über den Ticker, unaufgefordert eingesandte Pressemitteilungen von Institutionen, Ministerien oder Unternehmen überfluten die Redaktionen. Losgelöst von diesen Nachrichtenlieferanten stehen eigene Recherchen, die Berichte zugehöriger Reporter oder das Live-Erlebnis eines Ereignisses zur Verfügung. Es gibt damit vielfältige Quellen, um am Ende des Tages eine Entscheidung, welche Meldungen zum Druck freigegeben werden. Durch dieses Überangebot an Nachrichten müssen ambivalente journalistische Selektionsentscheidungen getroffen werden. Einerseits soll die Nachrichtenauswahl die wichtigsten realen Geschehnisse eines Tages widerspiegeln, andererseits muss sie potenzielle Rezipienten zum Kauf anregen, was besonders bei Boulevardformaten ökonomisch bedeutsam ist.

2.2. Abgrenzung der Nachrichtenwert-Theorie zu anderen Forschungstraditionen

Die Publizistikforschung unterscheidet daher drei Forschungstraditionen, die journalistische Selektionsentscheidungen erklären. Der zentrale Gedanke der Gatekeeper-Forschung, die David Manning
White (1950) initiierte, besagt, dass Journalisten die Rolle eines „Pförtners“ wahrnehmen und nur wenigen Meldungen Einlass zur Veröffentlichung gewähren. White unterscheidet weiter in subjektive und objektive Selektionskriterien. Subjektive Selektion meint die individuell durch eigene Sozialisation bedingte Auswahlentscheidung und bezieht die persönliche Wirkung auf den Journalisten mit ein, während objektive Selektion die institutionellen Rahmenbedingungen, z.B. ein Ereignis, das erst nach Redaktionsschluss eintrifft und dessen Publikation nicht mehr realisierbar ist, umfasst.[6]

Einen zweiten Ansatz stellt die News-Bias-Forschung von Malcolm Klein und Nathan Maccoby (1952) dar, die sich kritisch mit der Tendenzberichterstattung von Printmedien auseinandersetzt. Hier werden Selektionsentscheidungen als Folge subjektiver Weltanschauungen von Journalisten gesehen. Auch die politische Einstellung und Positionierung von Herausgebern oder Verlegern kann die journalistische Einseitigkeit einer Zeitung bedingen, nach der sich die Redakteure richten müssen. Durch die Kritik an derartigen Selektionsentscheidungen fordert die News-Bias-Forschung journalistische Objektivität.[7]

Die dritte und dieser Hausarbeit zugrunde liegende Forschungstradition bildet die Nachrichtenwert-Theorie. Sie versteht Nachrichtenauswahl - in Abgrenzung zu den bereits genannten Konzeptionen - als unpolitisch und objektiv. Trotz ihrer Unterscheidung zur Gatekeeper- und News-Bias-Forschung sind Überschneidungen der Ansätze dennoch unvermeidbar, da es sich bei allen Ansätzen zugleich auch um Modelle zur Widerspiegelung von Ereignissen (Realität) in den Medien handelt.

3. Die Nachrichtenwert-Theorie

Der Nachrichtenwert-Theorie liegt die Annahme zugrunde, dass Ereignisse bestimmte Eigenschaften aufweisen, die Nachrichtenfaktoren genannt werden. Je mehr (quantitativ) oder je intensiver (qualitativ) diese Faktoren mit einem Ereignis kongruieren, desto höher ist der Nachrichtenwert des Ereignisses und folglich seine Chance, veröffentlicht zu werden. Nachrichtenfaktoren stellen damit die neutralen Bausteine einer Meldung dar, und Selektionsentscheidungen werden heute nach dem Auswahlkriterium des höchsten Nachrichtenwertes folglich als objektiv verstanden.[8]

In der Entstehungsgeschichte dieses Modells entwickelten sich unabhängig voneinander ein amerikanischer sowie ein europäischer Forschungszweig, der als der jüngere und bedeutsamere Ansatz von beiden einzuordnen ist und beständig wuchs. Christiane Eilders sieht den eigentlichen Beginn der Nachrichtenwert-Theorie in der 1965 von Galtung und Ruge überarbeiteten Untersuchung Östgaards.[9] Diese Hausarbeit folgt in der Schwerpunktlegung der Sichtweise Eilders’, erwähnt aber auch die Anfänge.

3.1. Die Grundidee: Walter Lippmann

Als gedanklicher Pionier der Nachrichtenwert-Theorie gilt der Amerikaner Walter Lippmann mit seinem Buch „Public Opinion“ aus dem Jahr 1922. Über die Nachrichtenselektion stellt er fest, dass es wegen der Größe und Komplexität der Realität nicht möglich sei, Wirklichkeit in seiner Gesamtheit zu erfassen. Vielmehr erfolgt eine mediale Aufbereitung durch Selektion, die er auch als stereotype Interpretation von Realität charakterisiert[10], sodass sich schließlich

„ein geordnetes, mehr oder weniger zusammenhängendes Bild der Welt [ergibt], an das sich unsere Gewohnheiten, unsere Geschmacksvorlieben, […], unsere Bequemlichkeiten und unsere Hoffnungen angepasst haben.“[11]

Mit dieser Äußerung macht Lippmann deutlich, dass Auswahlentscheidungen „nicht auf objektiven Regeln, sondern auf Konventionen [Gewohnheiten, Vorlieben; d. Verf.] beruhen“[12], und versteht den von ihm eingeführten zentralen Begriff des Nachrichtenwertes (news value) nicht als unabhängiges Selektionskriterium, sondern als Identifikationsschema für Rezipienten, das die Publikationsmöglichkeit eines Ereignisses durch die Existenz bestimmter Ereignismerkmale signifikant erhöht.

3.2. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Amerika

Wenngleich Lippmann amerikanischer Wissenschaftler war, so bildet sich der amerikanischer Forschungszweig weitestgehend unabhängig von seiner theoretischen Annahme über die Nachrichtenselektion heraus. Vielmehr handelt es sich um Praktikerdefinitionen, die für den journalistischen Alltag konzipiert werden und journalistische Leitfäden zur Nachrichtenauswahl darstellen. Die erste empirische Untersuchung datiert aus dem Jahr 1925, als Charles Merz unter der Leitfrage „What is the greatest common divisor divisible into these varied happenings?”[13] zehn „front page stories“ auf ihre gemeinsamen Merkmale hin untersucht und daraus schlussfolgert, welche davon eine Nachricht wichtig machen, nämlich Konflikt, Personalisierung, Prominenz und Spannung.[14] Auch Carl Warren systematisiert diese Merkmale praxisorientiert für ein Journalistik-Lehrbuch und führt erstmals die Bezeichnung Nachrichtenfaktoren (news factors) ein. Insgesamt entdeckt Warren acht Nachrichtenfaktoren. Weitere Vertreter wie Porter, Luxon, Rosten, Schramm oder Buckalew modifizieren und stellen jeweils ihre eigenen Nachrichtenfaktorenkataloge zusammen, sodass sich in der amerikanischen Forschung letztlich sechs Faktoren herauskristallisieren. Diese sind Unmittelbarkeit (Aktualität), räumliche Nähe, Prominenz, Ungewöhnlichkeit, Konflikt und Relevanz.[15]

3.3. Die Entwicklung der Nachrichtenwert-Theorie in Europa

3.3.1. Einar Östgaard

Die europäische Forschungstradition begründet 1965 der Norweger Einar Östgaard mit der Feststellung des Nichtvorhandenseins eines „free flow of news“ im internationalen Nachrichtenwesen. Östgaard unterscheidet dabei interne Nachrichtenfaktoren, die einem Ereignis von sich aus innewohnen, und externe Nachrichtenfaktoren, womit die Einflussnahme von außen aus politischen oder wirtschaftlichen Motiven gemeint ist, beispielsweise durch Institutionen, Herausgeber oder Eigentümer von Massenmedien, Regierungen oder Nachrichtenagenturen.[16] Die Vorstellung von externen Nachrichtenfaktoren erinnert dabei stark an die News-Bias-Forschung, jedoch gewichtet Östgaard die internen Nachrichtenfaktoren innerhalb dieser Ambivalenz wesentlich stärker, sodass trotz der gedanklichen Überschneidung mit einem anderen Konzept zur Nachrichtenauswahl eine klare Positionierung in Richtung Nachrichtenwerte feststellbar ist. Nur wenn ein Ereignis bedeutend genug (newsworthy) ist, wird es berichtet. In diesem Zusammenhang spricht Östgaard auch von einer „Nachrichtenbarriere“, die nur durch das Wirken interner Faktoren überwunden werden kann.[17] Abermals wird hier für ihn der niedrige Stellenwert externer Faktoren deutlich.

[...]


[1] Lippmann, Walter (1922), zit. nach: Schulz, Winfried (1997): Politische Kommunikation: Theoretische Ansätze und Ergebnisse empirischer Forschung zur Rolle der Massenmedien in der Politik. Westdeutscher Verlag. Opladen/Wiesbaden, S. 68

[2] o.V. (1949): Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 5, Absatz 1

[3] ebd.

[4] Vgl. Staab, Joachim-Friedrich (1996): Nachrichtenwert-Theorie. Formale Struktur und empirischer Gehalt. Verlag Karl Alber. Freiburg/München, S. 11ff.

[5] Wie bei den ersten Entwürfen der Nachrichtenwert-Theorie sollen auch hier Printmedien (resp. Tageszeitungen) Gegenstand der Untersuchung sein.

[6] Vgl. Staab (1996), S. 12-13; S. 202

[7] Vgl. ebd., S. 203

[8] Vgl. Staab, Joachim-Friedrich (1990): Entwicklungen der Nachrichtenwert-Theorie. Theoretische Konzepte und empirische Überprüfungen. In: Wilke, Jürgen (Hrsg.) (1990): Fortschritte der Publizistikwissenschaft. Verlag Karl Alber, Freiburg/München, S. 161-172, S. 161

[9] Vgl. Eilders, Christiane (1997): Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Eine empirische Analyse zur Auswahl und Verarbeitung politischer Information. Westdeutscher Verlag. Opladen, S. 19

[10] Vgl. ebd., S. 19

[11] Lippmann, Walter (1922), zit. nach: Zschunke, Peter (2000): Agenturjournalismus: Nachrichtenschreiben im Sekundentakt. 2. Auflage. UVK Medien. Konstanz, S. 123-124

[12] Staab (1996), S. 41

[13] Merz, Charles (1925), zit. nach: Staab (1996), S. 43

[14] Vgl. Staab (1996), ebd.

[15] Vgl. ebd., S. 49

[16] Vgl. ebd., S. 56

[17] Vgl. ebd., S. 57

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638365208
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37068
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Angewandte Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Nachrichtenwert-Theorie Modell Selektionsentscheidungen Kommunikation Medien Einführung Theorie Geschichte

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