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Frauen und Frieden. Ideologischer Hintergrund und Ziele der deutschen Frauenfriedensbewegung am Vorabend und während des Ersten Weltkrieges

Seminararbeit 2012 27 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort und Fragestellung

2. Die Sozialistinnen und der Berner Kongress

3. Die Pazifistinnen und der Kongress von Den Haag
3.1 Bertha von Suttner und die Deutsche Friedensgesellschaft
3.2 Helene Stöcker
3.3 Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg und der Frauenfriedenskongreß in Den Haag 1915

4. Sichtweisen auf den Krieg

5. Schlusswort und Schlussfolgerungen

6. Literaturliste und Selbstständigkeitserklärung

„Die Technik ist so weit vorgeschritten, daß es nur ein Entweder-Oder gibt: entweder die Menschen überwinden den Krieg, oder der Krieg überwindet die Menschheit. Wer die kosmischen Gesetze kennt, spürt deutlich, das letzteres nicht der Sinn des Lebens ist.“[1]

Lida Gustava Heymann

1. Vorwort und Fragestellung

Aus der Frauen-, der Friedens- und der Arbeiterbewegung heraus hat sich Ende des 19. Jahrhunderts eine Frauenfriedensbewegung gegründet, die während des gesamten Kaiserreichs und auch während der Weimarer Republik bis zu ihrer Verfolgung und ihrem Verbot im Dritten Reich unaufhörlich gegen Krieg und Militarismus protestiert hat. Die vorliegende Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, ob diese Frauenfriedensbewegung eine durch einheitliche Ideologie zusammengehaltene Bewegung gewesen ist und wenn nicht, welche vielschichtigen politischen Hintergründe und Ideen, welche Ziele und Forderungen ihren Protagonistinnen eigen waren.

Was wollten diese Frauen, wie handelten sie konkret gegen den Militarismus und wie sahen sie den Krieg und ihre Rolle darin? Wo lagen, wenn vorhanden, die Unterschiede der verschiedenen Strömungen und was waren die Beweggründe dieser Frauen, wie standen sie zur Frauenfrage? Und schließlich gilt auch, herauszuarbeiten, warum die Frauenfriedensbewegung letztlich wirkungslos geblieben ist.

2. Die Sozialistinnen und der Berner Kongress

Zunächst ist festzuhalten, dass die Frauenfrage in sozialistischen Kreisen bereits vor der Entstehung der sozialistischen Frauenbewegung, die überwiegend mit der Person Clara Zetkins assoziiert wird, diskutiert worden ist.[2] Der wesentliche Unterschied zwischen sozialistischer und bürgerlicher Frauenbewegung lag bereits in der Theorie begründet: während das sozialistische Konstrukt die Emanzipation der Frau im Hinblick auf die Befreiung des Arbeiters zum „Nebenwiderspruch“ erklärte und damit meinte, sie sei der Einzelanstrengungen nicht maßgeblich wert, sondern ergebe sich nach einer Revolution automatisch, strebten die bürgerlichen Feministinnen eine schrittweise Reform, keinen Umsturz, der Gesellschaft an, mit der ihre Emanzipation erreicht werden sollte. Ein Schulterschluss bürgerlicher Feministinnen mit Männern schien denselben nicht erstrebenswert, da sie eine unabhängige Organisation unter Wahrung ihrer Selbstständigkeit bevorzugten. Gegenteilig war die sozialistische Frauenbewegung in die Arbeiterbewegung integriert und wies somit im Vergleich weit weniger Selbstständigkeit auf, da sie die Befreiung der Frau so stark an die Befreiung der Arbeiterschaft vom kapitalistischen System knüpfte. Seit Ende 1860 wurden die Arbeiterinnen in sozialistische Organisationen integriert. Auf eigene Frauengewerkschaften wurde allerdings weitgehend verzichtet, weil das „Weibliche“, wie es derzeit interpretiert wurde, in sozialistischen Kreisen als „bürgerliches Konstrukt“ galt, ein Sprechen „nur als Frau“, ohne den Zusatz „Proletarierin“ galt als der Sache (istgleich der Revolution, dem Sieg des Proletariats und damit dem Endziel, dem alles unterzuordnen war) nicht dienlich. Auch auf Grund der Vereinsgesetze kam es dennoch zu einer Trennung weiblicher und männlicher Arbeitskräfte. Nennenswerte veröffentlichte Forderungen nach Rechten für Frauen (u. a. Mutterschutz, gleichen Lohn, Arbeiterinnenschutz, Wahlrecht etc. betreffend) stellen August Bebels 1878 veröffentlichtes Werk „Die Frau und der Sozialismus“ und ebenso Clara Zetkins seit 1891 herausgegebene Zeitschrift „Die Arbeiterin“ (später „Die Gleichheit“) dar.[3] Im Kampf um Frauenrechte betonten jedoch die bürgerliche wie auch die sozialistische Frauenbewegung stets ihre inhaltliche Trennung, die Clara Zetkin wie folgt beschrieb: „(…) daß die bürgerliche Frauenbewegung einen Kampf gegen die Männer der eigenen Klasse führe, während die Proletarierinnen im Verein mit den Männern ihrer Klasse für die Abschüttelung der Kapitalherrschaft kämpften.“[4]

In eben jener „Gleichheit“ räumte Clara Zetkin nicht nur der Frauenfrage, sondern auch dem Kampf gegen Militarismus und Krieg Raum ein. Auch Rosa Luxemburg äußerte sich zur zunehmenden Rüstung und verlangte auf dem Internationalen Sozialistenkongress in Paris 1900, Frauen seien in die Maßnahmen gegen den Krieg einzubeziehen; ein Appell, der auch auf der ersten sozialistischen Frauenkonferenz in Stuttgart 1907 Nachklang fand ebenso wie auf der zweiten Internationalen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen, auf der die Einführung eines Internationalen Frauentages beschlossen wurde, an welchem die Frauen nicht nur für ihre Rechte sondern auch für den Frieden kämpfen sollten. Ein weiterer Kongress der Arbeiterbewegung 1912 in Basel und der Frauentag 1913 beschäftigten sich auf Grund der drohenden, offensichtlichen Kriegsgefahr ganz massiv mit Fragen der Abrüstung und dem Kampf gegen den Militarismus. Im August 1913 kam es auf Grund der Zustimmung der SPD zu einem einmaligen Wehrbetrag im Reichstag zu Richtungskämpfen innerhalb der Partei, die mit ihrer Spaltung in SPD und USPD endeten, wobei erstere den Burgfrieden propagierte und Kriegskredite befürwortete – ganz nebenbei führte diese Abspaltung also auch zu einer Trennung innerhalb der sozialistischen Frauenbewegung in Bezug auf die Frage der Kriegsbefürwortung. Beinahe direkt nach der Gründung der USPD entstand auch ihr Frauenreichsausschuss, der das Recht auf Annexionen negierte und forderte, Frauen hätten an den Bedingungen für den Frieden mitzuentscheiden. Besonders hervorzuheben unter allen organisierten Aktionen gegen den Krieg, den sozialistische Frauen vor und während der Kriegsjahre ausführten, ist die Internationale Frauenkonferenz in Bern 1915; weiterhin kam es zu massiven Demonstrationen sozialistischer Frauen gegen den Krieg und seine unwürdigen Bedingungen. Während sich Rosa Luxemburg beinahe drei Jahre während des Krieges in „Schutzhaft“ befand und nur aus dem Gefängnis heraus agieren konnte, gelang es Clara Zetkin, einen Aufruf an alle sozialistischen Frauen mit der Forderung nach Frieden zu formulieren und zu verbreiten.[5]

Clara Zetkin[6] hatte bereits auf dem Außerordentlichen Internationalen Sozialisten-Kongress in Basel 1912 in einer Rede[7] gehalten, in der sie zwar ganz in ihrer sozialistischen Emanzipationstheorie verhaftet blieb, aber eben auch betonte, gerade Frauen, ganz besonders Mütter, seien überzeugte Kriegsgegnerinnen und notwendig im Kampf um den Frieden: „Erst wenn auch die große Mehrheit der Frauen aus tiefer Überzeugung hinter die Losung tritt: Krieg dem Kriege, erst dann kann den Völkern der Friede gesichert werden (…).“[8] Gegen den Militarismus führte Zetkin ins Feld, „(…) Rüstungsausgaben und hohe Steuern belasteten das Volk, Arbeitskraft und Erfindergabe würden sinnlos vergeudet, militärischer Drill lähme den Geist und breche den Charakter der jungen Soldaten, die Rüstungsausgaben seien wirtschaftlich unproduktiv, das Militär könne bei innenpolitischen Unruhe eingesetzt werden, Militarismus bedeute Kriegsgefahr und eventuell Massen- und Völkermord.“[9] Zudem betonte sie mehrfach, das Aufrüsten und die Kriegspropaganda verfolgten nur den Zweck, von innerstaatlichen Problemen abzulenken und empfahl als sicherstes Mittel zur Ausrottung von Kriegslüsternheit und Chauvinismus die Erziehung der eigenen Kinder zur Friedensliebe.[10]

Folgerichtig war sie es, die die Internationale Konferenz sozialistischer Frauen vom 26. bis 28. März 1915 einberief, an der exemplarisch und stellvertretend sozialdemokratische und kommunistische Frauen aus Frankreich, Belgien, Österreich, Polen, Russland, Deutschland, Ungarn und der Schweiz teilnahmen. Ziel dieser Konferenz war die Stärkung der internationalen Solidarität ebenso wie eine Friedensaktion der sozialistischen Frauen.[11] Nach der Verständigung der Genossinnen über die grundsätzliche Haltung zur Friedensfrage kam es zu einer Debatte über die Mittel und Wege, wie weiter zu verfahren und zu handeln sei, um den Friedenswunsch der Frauen in Tat und Wirklichkeit umzusetzen.[12] Verabschiedet wurde ebenso ein von Clara Zetkin formuliertes Manifest, in dem sie sich an die Gesamtheit der proletarischen Frauen wendete und artikulierte, „die Männer haus[t]en in den Schützengräben“[13] und seien deswegen nicht in der Lage, ihren Wunsch nach Frieden in die Tat umzusetzen, weswegen dies nun eben die Aufgabe der Frauen sei. Sie prangerte die Schutzlosigkeit und Bedürftigkeit der alleingelassenen und arbeitstechnisch ausgebeuteten Mütter im Krieg an, die für ihre Kinder nicht mehr sorgen könnten und Gefahr liefen, Witwen zu werden und künftige Halbwaisen erziehen zu müssen, entlarvte den Burgfrieden als verlogenes Konstrukt und machte als Gewinner des Krieges nicht das „Wohl des Vaterlandes“[14] aus, sondern „(…) alle, die aus der Not der breiten Masse Reichtum schöpfen und ihre Herrschaft auf der Unterdrückung aufbauen. Wem nützt der Krieg? Nur einer kleinen Minderheit in jeder Nation. (…) Fabrikanten (…), Werftbesitzern (…), Lieferanten des Heeresbedarfs. (…) Der Krieg nützt den Kapitalisten überhaupt.“[15] Weiterhin stellte sie fest: „Die Arbeiter haben durch diesen Krieg nichts zu gewinnen, wohl aber alles zu verlieren, was ihnen lieb und teuer ist.“[16] und wendete sich mit dem Aufruf zum Handeln explizit an die Proletarierinnen, deren Väter, Ehemänner und Söhne in diesen Krieg hätten ziehen müssen, der nicht der ihre sei. Von ihnen forderte sie: „Die ganze Menschheit blickt auf euch, ihr Proletarierinnen der kriegführenden Länder! Ihr sollt die Heldinnen, ihr sollt die Erlöserinnen werden! Vereinigt euch in einem Willen, in einer Tat! (…) Nieder mit dem Krieg! Durch den Sozialismus!“[17] und artikulierte damit sehr deutlich, dass sie in diesem Krieg die sozialistischen Männer nicht als Täter (an Fremdvölkern bzw. explizit an der weiblichen Bevölkerung der Kriegsgegner) sondern als Verbündete sieht, deren Heimkehr notwendig ist, um den Kampf des internationalen Proletariats fortzuführen.

Abseits dieses Aufrufes wurde ebenso eine Grußadresse an die bevorstehende Frauenfriedenskonferenz in Den Haag gesandt, in der die unterschiedliche Motivation der beiden Frauenfriedensbewegungen allerdings auch noch einmal betont wurde. Weiterhin wurde das Manifest gedruckt und in allen Ländern, deren Delegationen teilgenommen hatten, verteilt[18], was die Verhaftung Clara Zetkins in Deutschland zur Folge hatte[19].

3. Die Pazifistinnen und der Kongress von Den Haag

3.1 Bertha von Suttner und die Deutsche Friedensgesellschaft

Die Geschichte der bürgerlichen Frauenfriedensbewegung erweist sich in ihren Anfängen nicht als frauenspezifisch, sondern als aus der allgemeinen Friedensbewegung hervorgegangen[20], während sie sich später mit den Forderungen der Frauenbewegung vermischte.[21] Als erste auch von der Öffentlichkeit stark wahrgenommene Figur der Frauenfriedensbewegung erwies sich die österreichische Baronin Bertha von Suttner[22], deren Antikriegsroman „Die Waffen nieder“ 1889 veröffentlicht wurde und auf ein erhebliches Echo stieß. Auch ihre später herausgegebene Zeitschrift trug den Titel „Die Waffen nieder!“ und war das offizielle Sprachrohr der Österreichischen wie auch der Deutschen Friedensgesellschaft, deren Mitbegründerin ebenfalls Bertha von Suttner war, zumindest aber hat sie dem Pazifisten Hermann Fried die Anregung dazu gegeben.[23] Auf der I. und der II. Haager Friedenskonferenz (1899 und 1907), auf denen Frauen die aktive Teilnahme versagt war, richtete Bertha von Suttner inoffizielle Salons ein, in denen Pazifisten einander begegnen konnten um sich zu beratschlagen. Erst mit der Änderung des Preußischen Vereinsgesetzes 1908 wurde Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen erlaubt und die Aktivitäten der Frauen- und Frauenfriedensbewegung blieb nicht länger auf Veröffentlichungen von Schriften und Vorträge begrenzt.[24]

1892 ins Leben gerufen, kam die Deutsche Friedensgesellschaft zunächst ohne Frauen aus, 1893 erfolgte dann die erste Aufnahme von Frauen, die jedoch zumeist nicht als vollwertige Mitglieder – eher als „Kulturträgerinnen“ oder „schmückendes Beiwerk“ - wahrgenommen wurden und erst sechs Jahre nach der Revidierung des Preußischen Vereinsgesetzes, im Mai 1914 und anlässlich eines Deutschen Friedenskongresses in Kaiserslautern, konstituierte sich ein Frauenbund innerhalb der DFG. Bertha von Suttner selbst starb wenige Tage vor Beginn des Ersten Weltkrieges, sendete zu dieser Zeit allerdings noch eine Grußadresse an den Frauenbund des DFG (den diese kurz darauf als Flugschrift unter dem Titel „Empörung des Verstandes und unserer Herzen“ veröffentlichte), in der sie die intensivierte Teilnahme von Frauen an pazifistischen Aktivitäten außerordentlich begrüßte.[25]

Als ihre Aufgabe betrachteten die Frauen im Frauenbund der DFG vornehmlich, ihre Pflichten als Mütter wahrzunehmen und ihre Kinder zu unerschütterlichem Friedenswillen zu erziehen ebenso wie dazu, die Geschichte der Menschheit an sich nicht mehr als Abfolge von Kriegen wahrzunehmen. In diesem Sinne sind von ihnen auch schriftliche Proteste gegen allzu nationalistische, Kriegshetze betreibende Geschichtslehrer verfasst worden und Versuche, friedenspolitische Versatzstücke in den Schulunterricht mit einzubringen. Ebenso Ziel war das Gewinnen weiterer Frauen für die Friedensbewegung und den Gedanken der Abrüstung und Völkerverständigung.[26] Eine autonome Organisation stellte der Frauenbund des DFG nicht dar, er unterstellte sich im Gegenteil unter Vorsitz zunächst Emilie Endriß´ der Schirmherrschaft der DFG, bildete eine Untergliederung und übernahm auch deren Struktur, um die wenigen pazifistischen Kräfte Deutschlands, die kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges noch geblieben waren (nach Kriegsausbruch dezimierte sich die Anzahl männlicher Pazifisten weiter, während die Zahl weiblicher Pazifisten zunahm[27] ) zu bündeln statt weiter zu zersplittern. Eine gemeinschaftliche Arbeit von Männern und Frauen war nicht gewünscht, sondern die Erfüllung „geschlechtsspezifischer“ Pflichten, heißt, der Einsatz von Frauen auf Gebieten, die ihnen von der biologistischen Sichtweise zugeteilt wurden.[28] Kurz vor Kriegsbeginn sandte der Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft ein Telegramm an den Kaiser, in dem es hieß: „Der Frauenbund der Deutschen Friedensgesellschaft bittet Eure Majestät als den mächtigsten und für den Frieden aus innigster religiöser Überzeugung gesinnten Monarchen Europas im Namen von Million deutscher Mütter, uns den Frieden zu erhalten.“[29] Das Bekanntwerden dieser kurzen Nachricht erregte erhebliches Aufsehen in der mental bereits auf den Krieg eingestellten deutschen Bevölkerung – auch und gerade von weiblicher Seite wurde das Telegramm als „Schmach“ und „Schande“ empfunden. Auch nach Kriegsbeginn widmete sich der Frauenbund weiter der Aufklärung gegen Militarismus und Nationalismus, eine Etablierung vor Ort fand allerdings wegen der zahlenmäßigen Begrenzung seiner Mitglieder und der Woge der Kriegsbegeisterung, die die Bevölkerung erfasst hatte, nicht statt. Jedoch ist festzuhalten, dass der Frauenbund eine teilweise andere, strenger standfestere und straffer pazifistischere Haltung zum Kriegsausbruch vertrat als seine Mutterorganisation, die DFG, die sich zu passiver Neutralität bekannte und dann doch wieder zögerlich äußerte, der Krieg sei Deutschland aufgezwungen worden und müsse derenthalben geführt werden, auch Friedensfreunde hätten das Vaterland zu verteidigen, sei es in Gefahr. Während sich die DFG selbst mit Hilfsmaßnahmen gegenüber der Bevölkerung – zum Beispiel Anlaufstellen für in Deutschland lebende Ausländer zu schaffen – dem Vorwurf aussetzte, kriegsverlängernde Maßnahmen ergriffen zu haben, sah sich der Frauenbund bemüßigt, mit öffentlichen Vorträgen über das wahre Wesen des Krieges, der kein Mittel zum Rechtsentscheid sei noch der Kultur förderlich, aufzuklären. Auch wandte Frida Perlen vom Frauenbund sich im Oktober 1914 an den Reichskanzler und forderte seinen Einsatz für den sofortigen Frieden unabhängig vom Kriegsverlauf. An der wesentlichen Zusammenkunft von Pazifistinnen während des Ersten Weltkriegs 1915 in Den Haag nahm der Frauenbund jedoch auf Beschluss der DFG nicht teil; es sollte keine Delegation geben, gleichwohl Emilie Endriß und Frida Perlen das Sekretariat des DFG von der Relevanz der Frauenfriedenskonferenz zu überzeugen suchten. Frauen des Frauenbundes, die dennoch die Reise zur internationalen Frauenfriedenskonferenz unternahmen, hatten dies als Privatpersonen zu tun. Mit dieser Entscheidung stellte die DFG ihren Frauenbund ins Abseits und beschloss seine zukünftige Bedeutungslosigkeit.[30]

3.2 Helene Stöcker

Helene Stöcker kann dem radikalen bürgerlichen Spektrum der Frauenbewegung zugerechnet werden. Sie war Vorsitzende des Bundes für „Mutterschutz und Sexualreform“, der sich gegen die Diskriminierung lediger Mütter einsetzte und für die seinerzeit revolutionäre Ansicht, Frauen ein Recht auf ihren eigenen Körper sowie auch über ihr Sexualleben zuzugestehen. Zugleich trat die Vereinigung um Helene Stöcker für die Gleichsetzung freier Partnerschaften ein. Ihre zu derzeit als radikal angesehenen Anschauungen gedachte sie jedoch nicht in reinen Frauenorganisationen, sondern unter Mithilfe von Männern mit dem Ziele echter Gleichberechtigung selbstbewusster Charaktere zu erreichen. Ihrer Friedensarbeit widmete sich Helene Stöcker in mehreren Gemeinschaften, vornehmlich an führender Stelle im Vorstand des „Bundes Neues Vaterland“ von November 1914 bis zum Verbot seiner Aktivitäten.[31] Dieser erstrebte, das außenpolitische Recht auf Annexionen zu negieren und setzte sich für eine innenpolitische Demokratisierung ein. Es müsse, so die Satzung des Bundes, mit dem bisherigen Brauch, „wonach einige Wenige [sic] über Wohl und Wehe von Hunderten Millionen Menschen zu entscheiden haben (…) [gebrochen werden, Anm. d. V.] um eine politische und wirtschaftliche Verständigung zwischen den Kulturvölkern herbeizuführen.“[32]

Helene Stöcker nahm 1915 am Frauenfriedenskongress in Den Haag teil. Da für sie ein sicherer Frieden nur entstehen konnte wenn jedweder Dienst am Krieg verweigert wurde – worunter sie nicht nur den Wehrdienst verstand -, arbeitete sie zudem führend im „Bund Deutscher Kriegsdienstverweigerer“ mit.[33] Den Kriegsausbruch erlebte Helene Stöcker, trotz oder gerade wegen der vorangegangenen permanenten einschlägigen Propaganda als überraschend. Sie konstatierte: „Ganz Europa beschuldigt sich gegenseitig der grausamsten Verbrechen. Siegen wird vielleicht der stärkste, der rücksichtsloseste Verbrecher.“[34] und stellte weiterhin fest: „Das ist das Niederschmetternde: Kirche, Wissenschaft, die geistige Elite, die sozialistischen Parteien, kurz, alle die Mächte, die man als Bollwerk gegen Krieg und Haß, gegen sinnlose gegenseitige Zerstörung angesehen hatte – sie haben in der Stunde der Prüfung versagt. Mir scheint, das ist der Zusammenbruch unserer Kultur.“[35] Der Weg zum Frieden führte für Helene Stöcker nicht allein über außenpolitische Wege sondern über innenpolitische, innerstaatliche Veränderungen, sie konzentrierte sich in ihren Publikationen – wohl auch wegen der Zensur – meistenteils auf die gesellschaftlichen, innerstaatlichen, moralischen und ethischen Auswirkungen bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Staaten. Ihre Kritik war unbedingt und grundsätzlich und lies einen Standpunkt erkennen, der zu dieser Zeit als „radikaler Pazifismus“ galt: „Der Krieg ist das Ergebnis des Vorhandenseins mehrerer souveräner Staaten und Nationen. Ohne Krieg kein Staat; jeder Staat ist Macht und strebt nach Erweiterung der Macht (…).“[36]

[...]


[1] Lida Gustava Heymann, in: Twellmann, Margrit (Hg.), Lida Gustava Heymann in Zusammenarbeit mit Dr. jur. Anita Augspurg: Erlebtes und Erschautes. Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden. 1850 – 1940, S. 132

[2] Niggemann, Heinz, Emanzipation zwischen Sozialismus und Feminismus, Wuppertal 1981 liefert hier einen guten Überblick und geht auch auf den anfänglichen, von der durch Lohndrückerei entstandenen Schwemme weiblicher Fabrikarbeiter ausgelösten „proletarischen Antifeminismus“, der entstanden sei aus einem „theorielosen Gefühlssozialismus“, ein. Aus Platzgründen soll hier allerdings auf eine ausführliche zeitliche Überblicksdarstellung der organisatorischen Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung verzichtet werden.

[3] Vgl. Nave-Herz, Rosemarie, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1997, S. 27 - 31

[4] Thönessen, W., Die Frauenemanzipation in Politik und Literatur der deutschen Sozialdemokratie (1863 – 1933), Diss., Frankfurt 1958, S. 49, hier zitiert nach Nave-Herz, Rosemarie, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1997, S. 31

[5] Vgl. Hering, Sabine und Wenzel, Cornelia, Frauen riefen, aber man hörte sie nicht. Die Rolle der deutschen Frauen in der internationalen Frauenfriedensbewegung zwischen 1892 und 1933, Kassel 1986, S. 15 – 21 und Niggemann, a.a.O., S. 169 – 181. Zur Spaltung der Sozialdemokraten bzw. der sozialistischen Frauenbewegung auch Evans, Richard J., Sozialdemokratie und Frauenemanzipation im deutschen Kaiserreich, Bonn 1979, S. 284 - 290

[6] Verwiesen sei hier exemplarisch auf die Kurzbiographie Zetkins in Brändle-Zeile, Frauen für den Frieden, Schorndorf 1983, S. 12 – 19, wobei hinzuzufügen ist, dass dieser Band weitere Lebensbilder pazifistischer (Vor-)Kämpferinnen enthält

[7] Ein Abdruck dieser Rede befindet sich in: Brinker-Gabler, Gisela, Frauen gegen den Krieg, Frankfurt / Main 1980, S. 139 - 144

[8] Ebd., S. 142

[9] Niggemann, a.a.O., S. 169 f.

[10] Vgl. ebd., S. 170

[11] Vgl. Hering, a.a.O., S. 50 f.

[12] Nachzulesen im Bericht Clara Zetkins über die Verhandlungen der Konferenz in Bern, Abdruck in: Brinker-Gabler, a.a.O., S. 151 - 158

[13] Das Manifest „Frauen des arbeitenden Volkes!“ befindet sich abgedruckt in Brinker-Gabler, a.a.O., hier S. 158

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 159

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 160

[18] Vgl. Hering, a.a.O., S. 51- 57

[19] die Aussage Clara Zetkins vor dem Untersuchungsrichter am 30. Juli 1915 befindet sich abgedruckt in Brinker-Gabler, a.a.O., S. 161 - 164

[20] Zur Geschichte der Friedensbewegung vermitteln einen guten Überblick Benz, Wolfgang, Pazifismus in Deutschland. Dokumente zur Friedensbewegung 1890 – 1939, Frankfurt / Main 1988 ebenso wie Holl, Karl (Hg.), Ludwig Quidde. Der deutsche Pazifismus während des Weltkrieges 1914 – 1918, Boppard am Rhein 1979

[21] Zur Geschichte der Frauenbewegung auch Greven-Aschoff, Die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland 1894 – 1933, Göttingen 1981

[22] Zu Bertha von Suttner ausführlich die Biographie von Hamann, Brigitte, Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden, München 1986

[23] Die Angaben hierzu in der Forschungsliteratur sind widersprüchlich, vgl. Lischewski, Heike, Morgenröte einer besseren Zeit. Die Frauenfriedensbewegung von 1892 bis 1932, Münster 1995, S. 23 - 31 und Hering, Sabine und Wenzel, Cornelia, Frauen riefen, a.a.O., S. 6

[24] Vgl. Hering, Sabine und Wenzel, Cornelia, Frauen riefen, a.a.O., S. 5 -7

[25] Vgl. ebd. S. 7

[26] Vgl. Lischewski, a.a.O., S. 80 ff.

[27] Vgl. Hering, a.a.O., S. 7

[28] Vgl.Lischewski, S. 99 ff.

[29] Zitat nach ebd., S. 101

[30] Vgl. ebd., S. 102 - 111

[31] Helene Stöcker war zudem Herausgeberin von Zeitschriften, Mitglied in mannigfaltigen Vereinen und nahm aktiv an mehreren Bewegungen teil. Aus Platzgründen kann eine detaillierte Aufzählung all ihrer Ämter, Ansichten und Aktivitäten hier nicht erfolgen, ein guter (knapper) Überblick in Form einer Kurzbiographie lässt sich finden in Brändle-Zeile, a.a.O., S. 34 – 39, eine ausführliche Biographie hat geschrieben Wickert, Christl, Helene Stöcker. 1869 – 1943. Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin. Eine Biographie, Bonn 1991

[32] § 1 der Satzung des Bundes, zitiert nach Holl, a.a.O., S. 68. Ludwig Quidde widmet dem Bund Neues Vaterland ebd. Ein Kapitel auf S. 66 ff.

[33] Vgl. Brändle-Zeile, a.a.O., S. 36

[34] Zitat Helene Stöckers nach Wickert, a.a.O., S. 95

[35] Zitat Helene Stöckers nach ebd., S. 97

[36] Zitat Helene Stöckers nach ebd., S. 101

Details

Seiten
27
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668488014
ISBN (Buch)
9783668488021
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v370943
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Schlagworte
frauen frieden ideologischer hintergrund ziele frauenfriedensbewegung vorabend ersten weltkrieges erster weltkrieg frauenbewegung lida gustava heymann

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