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Die Bedeutung des Nischenmodells für die migrantische Ökonomie. Veralteter Erklärungsansatz oder bestehender Grund zur Selbstständigkeit?

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff Migrantische Ökonomie
2.1 Bedeutung und Verwendung von Migrantischer Ökonomie
2.2 Bedeutung und Verwendung von Ethnischer Ökonomie

3. Das Nischenmodell
3.1 Bedeutung und Verwendung des Nischenmodells
3.2 Nischenmärkte im Wandel
3.2.1 Generationen im Wandel
3.2.2 Strukturelle und rechtliche Faktoren im Wandel
3.3 Pull- und Pushfaktoren
3.3.1 Pullfaktoren
3.3.2 Pushfaktoren
3.4 Forschungsproj ekt des HWWI

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Selbstständigkeit bei MigrantInnen beziehungsweise migrantisches Unternehmertum ist heutzutage keine Seltenheit mehr. So haben bereits Einwanderer der ersten Generation in Deutschland Ihren Lebensunterhalt selbstständig bestritten und der Anteil dieser hat zudem seit den 1990er Jahren stetig zugenommen. Waren MigrantInnen anfangs noch in Branchen tätig, die eine vergleichsweise niedrige Qualifikation und einen niedrigen Bildungsstand benötigten, haben sich die Branchen, und damit auch die erforderlichen Kompetenzen zur Ausübung in diesen Branchen, zusätzlich verschoben. Jedoch darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass die strukturellen Rahmenbedingungen eines Landes, in diesem Fall Deutschland, und die gesetzlichen Regelungen ebenso für damalige Umstände und den Wandel verantwortlich sind, sodass ein verengter Blick auf die MigrantInnen unzureichend erscheint. Wenn hierbei die Rede von MigrantInnen ist, wird die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund ebenfalls in den Blick genommen. Dabei wird diese Gruppe nach dem Statistischen Bundesamt wie folgt definiert: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt“ (Statistisches Bundesamt 2017, S. 4). Die Definition umfasst dabei auch zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer und Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler und darüber hinaus die als Deutsche geborenen Nachkommen der bereits genannten Gruppen. In der Migrationsforschung haben sich dabei verschiedene Erklärungsansätze für Selbstständigkeit bei MigrantInnen herausgebildet, die zum Teil unterschiedliche Schwerpunkte setzen, doch finden sich auch Ansätze, die verschiedene Ansichten zu vereinen versuchen. In der folgenden Ausarbeitung wird der Fokus auf einen als veralteten deklarierten Erklärungsansatz genommen, und zwar der Nischenansatz. Dabei werden zunächst die Begriffe „Migrantische Ökonomie“ und „Ethnische Ökonomie“ definiert, erläutert und miteinander verglichen. Daraufhin wird der Nischenansatz in den Blick genommen. So wird auch hier zunächst das Nischenmodell als solches beschrieben, und wie sich die Nischenmärkte im Verlauf der Generationen von MigrantInnen geändert haben. Dabei werden auch strukturelle Rahmenbedingungen in den Blick genommen. Darauffolgend sollen Pull- und Pushfaktoren angeschnitten werden, welche MigrantInnen dazu bewegen können, in Nischen selbstständig zu werden. Abschließend wird noch auf das Forschungsprojekt des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, kurz HWWI, eingegangen, um die zuvor formulierten Annahmen des Nischenansatzes in Deutschland aufzuzeigen, falls sie sich dort widerspiegeln. Schlussendlich folgt das Fazit mit Ausblick, ob und inwiefern nun der Nischenansatz als veraltet bezeichnet werden darf beziehungsweise welche Nischenmärkte sich für die Zukunft aufzeigen. Zuletzt sei noch zu sagen, dass aufgrund des relativ kleinen Rahmens dieser Hausarbeit an gewissen Stellen, besonders bei den Punkten „Nischenmärkte im Wandel“, Generationen und strukturelle Rahmenbedingungen, nur Deutschland berücksichtigt wird.

2. Zum Begriff Migrantische Ökonomie

2.1 Bedeutung und Verwendung von Migrantischer Ökonomie

Bevor der Nischenansatz und das Nischenmodell näher erläutert werden, gilt es zunächst den Begriff „Migrantische Ökonomie“ zu definieren und abzugrenzen. Hilmann und Sommer merken in diesem Zusammenhang zu Recht an, dass es bei Selbstständigkeit von MigrantInnen zu Unstimmigkeiten kommt, da zuvor der Begriff der „ethnischen Ökonomie“ in der Literatur Fuß gefasst hat (vgl. 2011, S. 29). Wie der zuvor erwähnte Begriff seine eigene Existenz rechtfertigt und warum dieser kritisiert wird, wird im nächsten Punkt 2.2 näher erläutert. Es lassen sich jedoch im Allgemeinen einige Eigenschaften von selbstständigen MigrantInnen identifizieren, wodurch eine Abgrenzung von „einheimischen“ Selbstständigen sichtbar wird:

„[Zu nennen sind unter anderem eine, L.A] relativ starke horizontale und vertikale Vernetzung zwischen den Unternehmen gleicher ethnischer Minderheit sowie eventuell räumliche Häufung solcher (meistens kleiner) Unternehmen [,] meistens aus dem Herkunftsland stammende Zulieferer und Produkte [,] Beschäftigung der mithelfenden Familienangehörigen und Rekrutierung der Arbeitskräfte aus der eigenen Minderheit [,] vornehmlich co-ethnische Kundschaft [,] Identifikation mit der eigenen ethnischen Community [und] Beschaffung des Startkapitals in der eigenen ethnischen Community oder im Herkunftsland“ (ebd., S. 30).

Lässt sich „migrantisches Unternehmertum“ nun legitimerweise vom „einheimischen Unternehmertum“ trennen? Es kann festgestellt werden, dass MigrantInnen „ [...] auf eine andere Ausgangssituation und damit verbundene Rahmenbedingungen [...] treffen als „einheimische“ Unternehmerinnen“ (Hilmann/Sommer 2011, S. 30). Darunter fallen beispielsweise die im Land vorliegende Gesetzgebung oder die Anerkennung beziehungsweise der Bedarf an formalen Qualifikationsnachweisen. Aber auch die gesammelten Erfahrungen mit Institutionen, die Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahrnehmen, oder der Zugriff auf soziale Netzwerke bilden für selbstständige MigrantInnen eine andere Ausgangssituation, wodurch sich wiederum andere Handlungsmöglichkeiten für selbstständige MigrantInnen ergeben (können) (vgl. ebd., S. 30). Im Folgenden wird der Begriff der „Ethnischen Ökonomie“ näher erläutert und diskutiert.

2.2 Bedeutung und Verwendung von Ethnischer Ökonomie

In der Literatur lässt sich öfter der Begriff der „Ethnischen Ökonomie“ finden. So hat Yavuzcan bereits seine Studien zur Migrationsforschung mit den Worten „Ethnische Ökonomie“ betitelt (Yavuzcan, 2003). Aber auch in der internationalen Literatur ist der Begriff „ethnic entrepreneurship“ (Aldrich/Waldinger, 1990) mehrmals zu finden. Aus welchen Gründen wird aber nun das Wort „ethnisch“ dem Wort „migrantisch“ vorgezogen? Yavuzcan begründet beispielsweise den Gebrauch des Begriffs „Ethnie“ damit, dass „ [...] die Ausländer der 2. und 3. Generation sozial und politisch nicht mehr unter der Kategorie Gastarbeiter oder Migranten erfasst werden können [...]. Denn Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können weder 'Gäste', noch 'Migranten' sein, weil sie zum einen hier heimisch geworden sind und des weiteren [sic!] nicht nach Deutschland migriert sind“ (Yavuzcan 2003, S. 2). Dieser Begründung kann man jedoch entgegensetzen, dass zum einen Deutsche mit Migrationshintergrund ausgeklammert werden. Das heißt auch Nachkommen von MigrantInnen, welche zum anderen nicht alle hier „heimisch geworden“ sind, das heißt sich nicht vollständig der deutschen Kultur angepasst haben und auch der Kultur der Ausländer vorheriger Generationen seit der Geburt ausgesetzt sind und mit dieser aufwachsen beziehungsweise deren Werte und Eigenschaften verinnerlichen, was sich wiederum auf deren Handlungsstrategien bei einer Selbstständigkeit auswirkt. Weiterhin wird durch die Nutzung des Begriffs der „Ethnischen Ökonomie“ eine „ [...] Zuschreibung von vermeintlichen, auf die Herkunft bezogenen, Gruppeneigenschaften und damit die Ethnisierung heterogener

Akteure“ (Hilmann/Sommer 2011, S. 29) bestärkt. Dadurch bestehe die Gefahr, dass bestimmte Strategien bei selbstständigen MigrantInnen als Eigenschaften einer „ethnischen Ökonomie“ interpretiert werden (vgl. ebd., S. 30). Es lassen sich in diesem Zusammenhang im Allgemeinen Handlungsstrategien zwischen Klein- und Großunternehmern treffender unterscheiden und sollte nicht auf eine bestimmte Ethnie zurückgeführt werden. Aus den oben genannten Gründen und der Gefahr der Ethnisierung der Akteure wird in der weiteren Ausführung von migrantischer Ökonomie oder migrantischem Unternehmertum gesprochen, und dabei die Ethnie beziehungsweise Herkunftsregion weitestgehend vernachlässigt.

3. Das Nischenmodell

3.1 Bedeutung und Verwendung des Nischenmodells

Wie bereits in der Einleitung angemerkt, gibt es verschiedene Modelle und Erklärungsansätze, welche versuchen, die Gründe und die motivationalen Aspekte der selbstständigen MigrantInnen zu erklären. Einer dieser Erklärungsansätze ist der Nischenansatz beziehungsweise das Nischenmodell, welches als eines der Wichtigsten angesehen wird. Dem Modell nach bilden MigrantInnen Unternehmen innerhalb einer ethnischen Enklave, also eine räumliche Konzentration einer Ethnie, wo die „ [...] besonderen Bedürfnisse und die daraus resultierende Nachfrage der ethnischen Minderheit [...] durch heimische Anbieter nicht hinreichend befriedigt [werden, L.A.]“ (Loeffelholz/Gieseck/Buch 1994, S. 35). Hierbei können die genannten besonderen Bedürfnisse zum einen bestimmte Waren sein, darunter fallen aber zum anderen auch Dienstleistungen, die bestimmte Kompetenzen erfordern und welche die einheimischen Anbieter gar nicht oder nur unzureichend besitzen. Näheres zu den Kompetenzen wird im Punkt 3.3 behandelt. Aufgrund dieser „Lücke“ entstehen nach dem Nischenmodell nun Marktnischen, welche von MigrantInnen erkannt und schließlich mit Hoffnung auf entsprechende Umsatzchancen besetzt werden (vgl. Schaland 2009, S. 4/Yavuzcan 2003, S. 51). Da die Kunden der selbstständigen MigrantInnen zunächst die eigenen Landsleute sind, muss diese Gruppe dementsprechend eine Mindestgröße besitzen damit es zu entsprechenden Entstehungen von Betrieben und Unternehmen kommt (vgl. Loeffelholz et al. 1994, S. 36). Da die Anzahl der Landsleute meistens jedoch begrenzt ist, scheint eine

Öffnung des Marktes für die Einheimischen in den meisten Fällen unvermeidbar zu sein. Welche Nischen sich im Verlauf der Generationen für MigrantInnen öffnen können und wie diese sich im Verlaufe der Zeit ändern wird im Folgenden anhand Deutschland näher betrachtet.

3.2 Nischenmärkte im Wandel

3.2.1 Generationen im Wandel

Wie oben bereits angedeutet, ist der Kundenkreis der eigenen Gruppe oder Ethnie zunächst bei Nischenökonomien zwar gegeben, wird sich aber im Verlaufe der Zeit und Generationen tendenziell immer weiter reduzieren. Die Gründe dafür sind unter anderem veränderte (Konsum)Bedürfnisse sowohl bei den eigenen Landsleuten als auch bei den Einheimischen. Eine betroffene Branche ist hier beispielsweise die des Lebensmittelhandels: Sind anfangs Konsumbedürfnisse der MigrantInnen nach heimischen Waren noch existent, verringert sich im Verlaufe der vor allem nachwachsenden Generationen die Nachfrage nach diesen Nischenprodukten, da Letztere in den betroffenen Ländern sozialisiert wurden und somit das Konsumverhalten an die Einheimischen angepasst wurde (vgl. Schaland 2009, S. 4). Auf der anderen Seite steigt die Nachfrage der Einheimischen, was einerseits zur Integration der Nischenprodukte in den allgemeinen Markt führt und sich andererseits selbstständige MigrantInnen dem allgemeinen Kundenkreis öffnen (müssen), um konkurrenz- und überlebensfähig zu bleiben. Mit Blick auf Deutschland ist solch eine Verschiebung der Nischenmärkte vor allem in Branchen zu beobachten, welche eine vergleichsweise niedrigere Qualifikation und einen niedrigeren Bildungsstand erfordern (vgl. ebd., S. 6). Darunter fallen beispielsweise Lebensmittelgeschäfte, Cafés, Restaurants oder der Versandservice, aber auch Buchhandlungen oder Übersetzungsbüros. Konnte man dort in den 1970er Jahren noch von Nischenbranchen der ersten Generation von MigrantInnen sprechen, wird man den „ [...] Großteil der Betriebsgründungen, die seit den 1990er Jahren [...] erfolgten, nicht mehr als Nischengründungen bezeichnen, da die ehemaligen Nischenprodukte und -dienstleistungen zunehmend in den allgemeinen Markt integriert wurden“ (ebd., S. 4). Doch sieht man gleichzeitig in Deutschland andere Branchen, die sich in den nachfolgenden Generationen von MigrantInnen und Nachkommen der ersten Generation bildeten und ebenfalls mit dem Nischenansatz erklären lassen. Hier finden sich vor allem Branchen wieder, welche eine vergleichsweise höhere Qualifikation und einen höheren Bildungsstand benötigen und auch als „wissensintensive Dienstleistungsbranchen“ (vgl. Schaland 2009, S. 6) bezeichnet werden. Damit sind unter anderem Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte oder Pflegedienstleiter gemeint, welche aufgrund bestimmter (interkultureller) Kompetenzen in diesen Nischen selbstständig wurden (näheres dazu siehe Punkt 3.3.1) und damit zurecht als Nischenmärkte bezeichnet werden. Der Wandel der Nischenmärkte lässt sich jedoch anhand struktureller Faktoren und gesetzlicher Veränderungen ebenfalls erklären und sollte nicht übersehen werden. Diese Punkte werden im folgenden Abschnitt kurz beleuchtet.

3.2.2 Strukturelle und rechtliche Faktoren im Wandel

Der Schritt zur Selbstständigkeit in bestimmten Branchen und Nischen lässt sich neben dem bereits angesprochenen Bildungsstand auch an strukturellen Faktoren, beispielsweise anhand des Arbeitsmarktes, aber auch an gesetzlichen Rahmenbedingungen demonstrieren. Dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt direkt mit der Bereitschaft an einer selbstständigen Tätigkeit zusammenhängt, scheint außer Zweifel zu stehen, so auch in der Literatur (vgl. Hilmann/Sommer 2009, S. 42/Leicht et al. 2009, S. 19/Yavuzcan 2003, S. 27f.). Demnach ist die Bereitschaft an einer selbstständigen Tätigkeit umso größer, wenn das Arbeitsplatzrisiko gleichzeitig steigt und umgekehrt. Verbunden mit den (damaligen) rechtlichen Rahmenbedingungen war es praktisch vorherbestimmt, dass die erste Generation von MigrantInnen in Deutschland ab den 1970er Jahren kaum Chancen besaß, sich in umsatzstarken Branchen selbstständig zu machen. Die in der Literatur passenden Beispiele beziehen sich beispielsweise auf die Gründung eines selbstständigen Handwerksbetriebs, bei welchem die benötigte Meisterprüfung im Handwerk im Ausland erworben wurde, in Deutschland aber nicht anerkannt wird. So auch bei Schneider, die aufgrund rechtlicher Rahmenbedingungen in Deutschland nur eine Änderungsschneiderei gründen dürfen (vgl. Yavuzcan 2003, S. 28).

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Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668499218
ISBN (Buch)
9783668499225
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371625
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Soziologie Migration Migrantische Ökonomie Migrantische Ökonomie Nischenmodell Selbstständigkeit

Autor

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