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Die moralische Vertretbarkeit von Babyklappen. Ethik und Moral in der Sozialen Arbeit

Studienarbeit 2015 16 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ethik und moralisches Handeln
2.1 Die Geschichte der Ethik
2.2 Ethik und Moral in der Sozialen Arbeit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein kleines Zimmer, angestrichen in einem kalten weiß, circa sechs Quadratmeter groß. Auf der einen Seite eine Tür und auf der Anderen eine Klappe, so ähnlich wie ein Fenster. Davor befindet sich eine Ablage, vergleichbar mit einem Brutkasten oder Babybett. In der oberen Ecke des Raumes filmt ununterbrochen eine Überwachungskamera. Sie ist genau auf das Bett gerichtet und überwacht die Geschehnisse im Raum. Auf der anderen Seite des Fensters, draußen an der Hauswand, ist ein Schild angebracht mit der Aufschrift „Babyklappe“. Wird diese Klappe geöffnet und wieder geschlossen, ist sie vorerst für ein erneutes Öffnen gesperrt. Die abgebende Mutter findet in dem beheizten Babybett ein Informationsblatt vor, in welchem alle wichtigen Dinge über die „Babyklappe“ niedergeschrieben sind.

Diese Beschreibung trifft auf die Babyklappe der Einrichtung des KARO e.V. in Plauen zu. Dieser Verein betreut eine von aktuell 95 Babyklappen in Deutschland. Aufgrund einer voran gegangenen Seminararbeit in meiner Schulzeit setzte ich mich mit dem KARO e.V. auseinander und kam somit erstmals in Kontakt mit der Babyklappe.

Als ich vor Ort war überkam mich ein eigenartiges Gefühl. Der Raum, in welchem Kinder abgegeben werden meist ohne jeglichen Angaben zu ihrer Herkunft, bedrückte und beschäftigte mich. Aus diesem Grund möchte ich mich in der folgenden Seminararbeit mit dem Thema der Babyklappen auseinandersetzen und erörtern, ob diese moralisch vertretbar sind.

Diesbezüglich möchte ich vorerst den Begriff der Ethik erläutern und einen kurzen Abriss zu derer Geschichte machen, um anschließend moralisches Handeln im Bezug auf die soziale Arbeit zu definieren. Infolgedessen werde ich die Babyklappen thematisieren. Ich möchte auf die Geschichte, sowie deren Funktion und Aufgaben eingehen. Abschließend sollen beide Themen miteinander verknüpfen und aus Sicht der moralischen Vertretbarkeit, Babyklappen analysiert werden. Heute scheiden sich die Meinungen zu diesem Thema enorm. Ich möchte die Babyklappen im Rahmen dieser Arbeit auf ihre moralische Vertretbarkeit hin überprüfen. Die Moral wird ethisch projiziert und ist auf der einen Seite geprägt von der Art und Weise menschlichen Handelns und auf der Anderen wird sie assoziiert mit moralischen Handlungsregeln, sozusagen bestimmten Ver- und Gebote. Im letzten Punkt meiner Arbeit wird bewertet, ob es sich um eine moralisch tragbare Tat handelt.

2 Die Ethik und moralisches Handeln

2.1 Die Geschichte der Ethik

Das Wort „Ethik“ leitet sich von dem griechischen Begriff „Ethos“ ab welcher durch die Begriffe „Herkommen“, „Sitte“ oder „Gewohnheit“ übersetzt wird. Ethik ist die philosophische Wissenschaft vom Sittlichen. Die Ethik als philosophische Disziplin entsteht aus guten Lebensführungen eines Menschen und dessen richtigen Handeln. Ethik fragt nach moralisch richtigen Handeln, Maßstäben des guten menschlichen Lebens und gerechten Institutionen und versucht diese methodisch zu reflektieren und zu bestimmen.

Ethische Denkweisen und die Frage nach der Definition der Ethik liegen mehrere hundert Jahre zurück.

Durch Platons Streit mit den Sophisten begann die ethische Besinnung über die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend nachzudenken. Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) verstand hingegen unter der Ethik eine sich konstruktiv und kritisch auf das Ethos beziehende Reflexionsleistung. Ethik entwickelt individuelle Eigenschaften der Beurteilung, mit deren Hilfe sie Gewohnheiten kontrolliert, verändert oder mit guten Bedingungen beibehält (vgl. Schumacher 2013, S.12). „Das aristotelische Ethikverständnis nimmt die Spannung zwischen dem traditionellen Ethos und seiner kritischen Bearbeitung zum Ausgangspunkt. Dies setzt bereits gewisse Zweifel an de Überlieferungen und traditionellen Einstellungen voraus. Andernfalls würden Menschen sich hierzu gar nicht in Distanz setzen.“ (Schumacher 2013, S.13).

Ursprünglich forschte die antike Ethik nach dem höchsten Gut im außermoralischen Sinne des Menschen. Dieses Ziel wurde schließlich als das glückliche, gelungenen Leben definiert. Im Mittelalter entstand aus der Verbindung eines Naturgesetzes und der christlichen Offenbarung eine umfangreiche philosophisch- theologische Systematik die in gleicher Weise Glückseligkeit-, Güter-, Vollkommenheits-, Gesetzes- und Vernunftethik war. Der Grundsatz dieser Ethik blieb in unterschiedlichen Abwandlungen, unter sukzessiver Ausgliederung der theologischen Begründungen, bis hin zur Manifestation erhalten. Thomas Hobbes (1588 – 1679) stellte die Notwendigkeit gegenseitiger Rücksichtnahme und menschlicher Kooperation in den Mittelpunkt. Hobbes war der Meinung, das Staatsgründung und entsprechende bürgerliche Tugenden erforderlich sind, da ohne staatliche Ordnung und Kooperation die Menschen füreinander eine Bedrohung darstellen. Erst diese garantieren den Menschen Sicherheit und Verläßligkeit. Das menschliche Eigeninteresse an stabilen Lebensverhältnissen ist an diese Form gegenseitiger Rücksichtnahme motiviert. Die Theorie von Thomas Hobbes gilt als Grundmodell der Vertragstheorie in der Ethik. (vgl. Wyller 2004, S. 18 ff). Infolge von Hobbes Theorie entstand ein Diskurs über das Verhältnis von Verstand und Gefühl. David Humes (1711 – 1776) philosophierte, dass die Basis aller moralischen Urteile die moralischen Gefühle darstellen. Dabei kommt der Vernunft lediglich eine korrigierende und ordnende Funktion zu. Ergänzend wird Humes Aussage, dass sich aus empirischen Äußerungen keine normativen Bekundungen herleiten lassen, zu einem Muster für die moderne Ethik- Diskussion (vgl. Wyller 2004, S. 24 ff). Immanuel Kant (1724 – 1804) brachte eine epochale Wendung welche die Konzeption der Moralphilosophie erheblich beeinflusste. Er argumentierte, dass Nutzenerwägung und Glück unbrauchbar sind um moralische Verpflichtungen allgemein zu begründen. Laut Kant sind die Menschen dazu verpflichtet, ihr Handeln daran zu orientieren, wie ein autonomes Vernunftwesen handeln würde. Immanuel Kant sagte: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Zugleich bedeutet dies, dass die Menschen einen moralischen Wert besitzen der nahezu uneingeschränkt ist. Das Individuum hat demzufolge die Pflicht in seiner Person sowie Anderen nicht nur das Mittel sondern auch den Zweck zu gebrauchen, im Bezug zum materiellen Gehalt im Prinzip der Menschenwürde. (vgl. Wyller 2004, S. 28). Als abstrakte Vernunftkonstruktion kritisierte George Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) ein Konzept von Moralität. Er versuchte dagegen die Vernunft in deutlichen historischen Formen menschlicher Sittlichkeit wie zum Beispiel Familie, Ehe und Tradition zu entdecken und in Institutionen des bürgerlichen Verfassungs- und Rechtsstaats die Freiheit besonders zu schützen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die utilitaristische Ethik. Nach ihr ist die Handlung moralisch verpflichtet, nach der der Mensch den größten Nutzen erwarten kann (vgl. Wyller 2004, S. 51).

Im 19. und 20. Jahrhundert unterlag die Ethik ständigen Veränderungen. Sie hat sich weiterentwickelt. In der Neuzeit entstanden Veränderungen bezüglich der Selbstauffassung des Menschen. Die Loslösung des Menschen seiner Werte und Handlungsverantwortungen von seinem absoluten Aufhänger (Gott) trat in den Vordergrund. Ebenfalls war die Frage nach ethischer Reflexion und der Nützlichkeit unserer Handlungen von bedeutender Relevanz.

Früher befasste sich Ethik mit der Frage nach dem „höchsten Gut“, nach der „Freiheit des Willens“ und nach dem „richtigen Handeln“. Heute stellen sich die Menschen die Fragen nach ihrer Würde, ihrem Sinn des Lebens, was Ethik in der Wissenschaft bedeutet und wie ein gerechtes Wirtschaftssystem funktioniert. Der Fortschritt selbst ist zum Problem der Menschen geworden. Die Ethik behandelt längst nicht mehr die Gesellschaft sondern nur das einzelne Individuum.

2.2 Ethik und Moral in der Sozialen Arbeit

„Eine selbstreflexive Profession Sozialer Arbeit erfordert ein klar kommunizierbares, legitimierbares und artikulierbares normatives Verständnis sozialarbeiterischen Wirkens. Ethische Prinzipien, mit deren Hilfe die Soziale Arbeit ihre Ziele begründet und ihre Fachlichkeit orientiert, besitzen allgemeinen Charakter.

Sozialarbeiterische Handlungsfelder unterliegen einer zunehmenden und stetigen Veränderungsdynamik. Angesichts dieser Entwicklung kann es keine endgültig umrissene und abgeschlossene Berufsethik geben. Stets neu auftretende berufsethische Fragen fordern immer wieder zu eigenständiger ethischer Reflexion heraus.

Ethik in der Sozialen Arbeit ist demzufolge ein fortwährender berufsethischer Verständnisprozess, der ethische Prinzipien in unterschiedlichen Handlungsfeldern zur Orientierung nutzt. Mit deren Hilfe lassen sich begründete und kontextuelle Regeln für die Praxis entwickeln.“ So lautet der Klappentext des Buches „Lehrbuch der Ethik in der Sozialen Arbeit“ von Thomas Schumacher . In diesem Lehrbuch werden zentrale Leitbegriffe, wie zum Beispiel Menschenrechte oder Verantwortung, in den Mittelpunkt gestellt und somit erhält der Ethikkodizes der Sozialen Arbeit eine besondere Bedeutung.

Das ethische Orientierungswissen ist laut Thomas Schumacher wie folgt zusammengefasst: “Ethik für die Soziale Arbeit zielt auf die kritische Durchdringung der verbreiteten Moralvorstellungen. Sie beinhaltet demzufolge die selbstkritische Bearbeitung moralischer Hintergrundüberzeugungen der Sozialarbeitersprofession.

Als kritische Reflexionsleistung löst sie durch produktive Irritationen zum einen Problematisierungen und Begründungsbedarfe aus, zum anderen stiftet sie gerade hierdurch Orientierung. Sie unterstützt damit die Selbstreflexivität der Profession, die ein artikulierbares, kommunizierbares und begründbares normatives Selbstverständnis erfordert, und fördert überdies den selbstständigen, stetigen Lernprozess eines Berufes, der sich stets neu auf die sozialen Herausforderungen einer dynamischen Gesellschaft einstellen muss.“

Eine erhebliche Rolle spielen moralische Überzeugungen in dem Professionsverständnis für Menschen in sozialen Berufen. Besonders deutlich wird dies, wenn diese Menschen Auskunft über ihren Beruf geben. Damit eng verbunden sind ihre moralischen Einstellungen bezogen auf ihre Lebensorientierung. Die eigene moralische Sozialisation und die angeeigneten Wirklichkeitssichten, Lebensvorstellungen und Menschenbilder begleiten das Berufsleben (vgl. Schumacher 2013, S. 11).

„Ethik Sozialer Arbeit bietet Hilfe durch begriffliche Klärung an. Erst wenn Menschen ihre moralischen Auffassungen von anderen in Frage stellen lassen und mit ihnen gemeinsam nach allgemein begründbaren Kriterien urteilen lernen, entsteht ein ethischer Diskurs. Wer in diesen Prozess eintritt, geht ein gewisses Risiko ein. Denn er erkennt an, dass seine gewohnheitsmäßige Alltagsmoral bei genauerer Betrachtung gar nicht selbstverständlich ist und der Begründung bedarf.“ (Schumacher 2013, S. 12)

Zusammenfassend kann man zu der Ethik und Moral folgendes beschreiben: „Jedes zwischenmenschliche Handeln hat einen moralischen Anteil. Die Ethik befasst sich mit Analyse, Begründung oder Kritik von Moral. In der Sozialen Arbeit spielt die Ethik eine wichtige Rolle, weil Entscheidungen, die Sozialarbeiterinnen treffen, stark in die Lebensführung ihrer Klienten eingreifen können. Sie verstehen ihre Arbeit als Hilfe, aber auch als Kontrolle. Ethisch klärungsbedürftig ist jedoch, wie diese Zielvorstellungen überhaupt zu rechtfertigen sind und inwieweit sie durch die Soziale Arbeit eingelöst werden.“ (Schmid Noerr 2012)

3 Die Babyklappe

3.1 Ein Abriss zu der Geschichte der Babyklappe

Die Thematik Kinder anonym abzugeben hatte bereits im Jahre 787 Relevanz. Damals gab es eine Einrichtung in Mailand für Findelkinder. Dort wurden Frauen aufgenommen, die nach der Geburt ihre Kinder abgeben wollten. Auch sogenannte Drehläden waren eine Option ungewollte Kinder in die Obhut Anderer zu geben. Viele mittelalterliche Klöster hatten solch eine Drehvorrichtung in welche das Baby gelegt wurde und so anonym ins Klosterinnere kam. Ähnlich wie bei einer heutigen Babyklappe (vgl Teubel 2009, S. 21).

Seit Jahrtausenden werden Kinder getötet und ausgesetzt. In Europa lag die statistische Hoch- Zeit im 15. bis 18. Jahrhundert. Aus diesem Grund wurde das 18. Jahrhundert als das „Jahrhundert des Kindsmordes“ bezeichnet. Die Zahl der Aussetzungen sank seit dem zweiten Weltkrieg stetig. Gründe dafür waren zum Beispiel die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen oder die Innovation der Antibabypille (vgl. Swientek 2001, S. 11).

Der Anstoß für Babyklappen in Deutschland erfolgte Ende 1999. Damals wurde ein toter Säugling auf dem Fließband einer Recyclingfirma beim Sortieren von Altpapier gefunden. Daraufhin nahm der Hamburger Jugendhilfe- Verein „SterniPark e.V.“ am 08. März 2000 die erste Babyklappe in Betrieb. Bis heute gibt es in Deutschland aktuell 95 Babyklappen (vgl. Teubel 2009, S. 21).

3.2 Funktion und Aufgabe der Babyklappe

Meist befinden sich Babyklappen an Seiteneingängen von Häusern. Die angrenzenden Straßen sind wenig befahren und der Ort vor fremden Blicken so gut als möglich geschützt. Der Mutter soll so die Möglichkeit geboten werden, ihr Kind „in Ruhe“ und ohne das Gefühl beobachtet zu werden, abgeben zu können. Liegt das Kind in der Klappe wird den Mitarbeitern der betroffenen Einrichtung nach kurzer Zeit ein Signal gegeben. Die Mutter hat somit noch ausreichend Zeit, sich von der Babyklappe zu entfernen. Unmittelbar danach kontaktieren die Arbeiter der Einrichtung das ortsnahe Krankenhaus um eine Krankenschwester der Geburtshilfe hinzuzuziehen. Diese holt das Neugeborene, welches sofort untersucht und versorgt wird. Wenn die Mutter ihr Kind in eine Babyklappe legt findet sie für gewöhnlich einen Brief vor. Den Einrichtungen ist es wichtig, dass die Frauen die niedergelegten Briefe mitnehmen. In ihnen sind wichtige Informationen niedergeschrieben welche die Abgabe ihres Kindes betreffen. Zusätzlich befinden sich in den Briefen die Aufforderung, ihrem Kind noch ein „Zeichen“ über seine Herkunft mit auf den Lebensweg zu geben. Diese Briefe liegen für gewöhnlich in mehreren Sprachen vor (vgl. Teubel 2009, S. 22). Außerdem finden die abgebenden Mütter ein Stempelkissen in der Babyklappe vor. Mit diesem sollen sie einen Fuß- oder Handabdruck ihres Babys machen um diesen mitnehmen zu können. Im Falle der Entscheidung, ihr Kind doch behalten zu wollen ist dieser Abdruck von großer Bedeutung um das Neugeborene zuordnen zu können.

Wichtigster Aspekt der Einführung von Babyklappen war, dass durch sie die Zahl der Kindstötungen- und Aussetzungen reduziert werden sollte. Den abgebenden Müttern sollte eine Möglichkeit der Problemlösung geboten werden, mit welcher sie nicht unter Druck durch Kenntnisnahme über ihre Person gelangen. Desweiteren war es das Ziel die Rate der Abtreibungen zu verringern und somit unerwünschte Säuglinge an kinderlose Paare mit dem Wunsch einer Adoption zu vermitteln. Hinzukommend hat die Babyklappe heute den Stand, als Instrument gegen soziale Verwahrlosung sowie kurzfristige Notfallhilfe verstanden zu werden.

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668498624
ISBN (Buch)
9783668498631
Dateigröße
718 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371695
Institution / Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thüringen in Eisenach)
Note
1,9
Schlagworte
Moral Ethik Soziale Arbeit Babyklappe

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Titel: Die moralische Vertretbarkeit von Babyklappen. Ethik und Moral in der Sozialen Arbeit