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Rassismus und antirassitische Erziehung. Strategien, Handlungsperspektiven und pädagogische Konzepte

Essay 2017 8 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Essay zum Thema „Rassismus“ und „Antirassistische Erziehung“

In der Auseinandersetzung mit Rassismus wird schnell deutlich, dass sich dieser mit der Herausbildung einer modernen (Dominanz-) Gesellschaft entwickelt hat. Unter anderem der Kolonialismus und die Entstehung moderner Nationalsaaten hat rassistische Klassifikationen, Ordnungs- und Reinheitslogiken entstehen lassen. Gekennzeichnet ist die Moderne zudem von einer enormen Bedeutung der Wissenschaften, einer Bürokratie sowie der Vorstellungen Eindeutigkeit und Klarheit zu schaffen. Diese Aspekte sowie die strukturelle Analogie zwischen den Vereindeutigungspraktiken des Rassismus und der Logik von Nationalstaaten - der Differenzierung zwischen Zugehörigen und Nicht-Zugehörigen - schließen auf eine Institutionalisierung rassistischen Denkens in der Moderne (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.160).

An dieser Stelle ist die Frage zu diskutieren, welche Strategien und Handlungsperspektiven angewendet werden können, um Rassismus entgegenzuwirken. Welche pädagogischen Ansätze und Konzepte existieren bereits?

Für die Diskussion dieser Fragen ist vorab eine Bestimmung des Begriffs „Rassismus“ sowie die Darlegung von grundlegenden Aspekten vorzunehmen. Rassismus konstruiert erkennbare Differenzen der Menschen voneinander und praktiziert somit Unterschiede zwischen diesen. Durch die Unterscheidung zwischen Individuen bringt Rassismus Benachteiligungen und Degradierungen hervor. Rassistische Unterscheidungen sind auf ein flexibles Erklärungssystem, welches je nach historischer und kontextueller Rahmung variiert, zurückzuführen. „Das stets interaktiv und diskursiv von Akteur/innen und Institutionen reproduzierte soziale Unterscheidungssystem, das rassistische Diskriminierung und Rassismuserfahrungen hervorbringt, operiert mit dem Code der »Rasse «“ (Mecheril; Melter 2010, S.150).

„Rassen“ sind keine natürlichen Gegebenheiten - sie existieren nicht einfach, sondern sind gesellschaftlich konstruiert. Unterscheidungen von Rassen unterliegen somit einem Konstruktionsvorgang, welcher in Abhängigkeit zu historischen und politischen Auseinandersetzungen steht. Deutlich wird, dass die Verwendung von Rassen als Praxis sozialer Ungleichheit fungiert, welche besonders von administrativen und politischen Interessen geleitet wird, um macht- und gewaltvoll zu differenzieren. Besonders mit geschichtlichen Rückblick ist zu erkennen, dass im Nationalsozialismus, Kolonialismus und Kapitalismus, Rassenkonstruktionen genutzt wurden, um jeweilige Ideologie durchzusetzen und Unterdrückung zu rechtfertigen (vgl. Lanig et al. 2005, S.39). Rassismus ist somit kein allgemeines Merkmal von Gesellschaft, sondern tritt in Form von historisch-spezifischen Rassismen auf (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.151-152).

Dabei bedienen sich rassistische Unterscheidungen nicht nur an körperlichen Merkmalen, sondern auch an sozialen und kulturellen Faktoren. Konstruierte Ausgangspunkte des Rassismus sind insbesondere Lebensweisen, Körper und Identitäten, welche im Rahmen von Ordnungsvorstellungen in Zusammenhang mit Territorien gebracht werden (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.153). Rassismus fungiert dahingehend als machtvolles Ordnungssystem, in dem Menschen bestimmen Plätzen und festen Positionen zugeteilt werden. Die im Rassismus definierten „Anderen“ erfahren eine negative Konnotation, als Minderwert - als Nicht-Zugehörig und deplatziert. Die eigene „Mentalität“ hingegen wird als Höherwertig (s.o.) angesehen. Ein- und Ausgrenzung werden somit durch die rassistische Unterscheidungspraxis, der Verteilung spezifischer Plätze im gesellschaftlichen Raum deutlich (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.155).

Rassismuskritische Untersuchungen im Bereich der Sozialwissenschaft beschäftigen sich damit, wie Rassenkonstruktionen in alltäglichen institutionellen Kontexten (willkürlich) angewendet werden. Diesbezüglich bedarf es einen Blick auf den institutionellen Rassismus, welcher in Strukturen, Gesetzen und in alltäglichen Denk- und Handlungsweisen von MitarbeiterInnen in Behörden, Institutionen sowie Organisationen zu finden ist. Anzumerken ist, dass hierbei nicht die persönlichen Einstellungen einzelner MitarbeiterInnen, sondern die Institutionen, in diesen das gesellschaftliche Miteinander reglementiert ist und nach diesen, Gruppenmitglieder entweder ein- oder ausgegrenzt werden, eine zentrale Rolle für rassistische Praxis darstellt. Das Differenzieren zwischen Anderen und Nicht-Anderen an Hand von ethnisch-kulturellen Unterscheidungskategorien ist möglich, da diese in der Praxis gesellschaftliche Anerkennung und Anschlussfähigkeit finden. In der Dominanzgesellschaft fungieren ethnische Unterscheidungskategorien, besonders im institutionellen Kontext als Auswahl-, Begründungs-, und Legitimationsmuster (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.151-154).

Im deutschsprachigem Raum sind bisher einige antirassitsische Ansätze konzipiert worden. Zu betonen ist jedoch, dass diese Strategien bisher nur geringe institutionelle Etablierung gefunden haben und kaum empirische Untersuchungen über die praktische Umsetzung im pädagogischen Rahmen existieren. Diesbezüglich ist für die Auseinandersetzung mit der Thematik „Antirassismus“ der Blick auch auf andere europäische Länder und dessen Diskurse über antirassistische Ansätze zu richten, um den Wissensstand zu erweitern. Anzuführen ist die „Antirassist Education“ (ARE), welche sich auf politischer Ebene mit der Benachteiligung der „Schwarzen“ Bevölkerung in Großbritannien auseinandersetzt. Gegründet wurde dieser Ansatz aufgrund des Anstiegs des jugendlichen Rechtsextremismus, der zunehmenden Rassendiskriminierung und der Rassenkonflikte Ende der 80er Jahre. Diese nahmen immer mehr Raum im öffentlichen Diskurs ein und es bestand die Notwendigkeit einer pädagogischen Initiative. Nach der ARE gilt es allen Formen der Ausbeutung sowie Unterdrückung im Interesse der Mehrheit entgegenzuwirken. Erst im Laufe der Jahre kam es zur Bezeichnung der „antirassistische Erziehung“ (vgl. Auernheimer 2010, S. 150).

Die ersten pädagogischen Vorschläge und Ideen für Projekte und Unterrichtsgestaltungen der ARE wurden bereits Ende der 80er Jahren konzipiert. Für die praktische Umsetzung waren diese jedoch zunächst nicht präzise genug. Erst in den 90er Jahren wurden die didaktische Methoden konkreter und vielfältiger. Zum Einsatz kamen unter anderem Bildmaterialien, spezielle Literatur für Kinder sowie Lesebücher. Diese wurden verwendet, um bspw. Kinder zur Nachforschung über ihre Herkunft anzuregen. Besonders im Fokus der Projekte steht, dass die Kinder einen kritischen Blick auf die öffentlichen Medien, Trivial- und Jugendliteratur sowie Schulbücher entwickeln, um versteckte Rassismen, Stereotypen, Vorurteile, kulturalistische Erklärungen für Armut - eindimensionalen Bildern jeder Art, aufzudecken und zu analysieren. Im kreativen Umgang, dem Experimentieren mit Fotos, wird angestrebt, dass die Lernenden die Produkte der Kulturindustrie und dessen Botschaften selbst entdecken und ihre Wahrnehmung gegenüber diesen kritisch reflektieren. Im Vordergrund steht, dass die Kinder ihre eigenen Gefühle, Erwartungen und Sorgen wahrnehmen, sich diese ins Bewusstsein rufen und im nächsten Schritt versuchen mit eigenen Worten zu artikulieren. Nach der These „Erfahrungen sind wirkungsvoller als Belehrungen“, sind den Lernenden anhand von verschiedenen Methoden Sozialerfahrungen im pädagogischen Rahmen einzuräumen. Die Partizipationsmöglichkeit und das Sozialklima sind dabei von essenzieller Bedeutung. Eine angemessen Lernatomsphäre sowie geeignete institutionelle Strukturen sind zu ermöglichen, damit eine Übereinstimmung der Lernbedingungen mit der intendierten Zielsetzung erreicht werden kann (vgl. Auernheimer 2010, S. 150-156).

Des Weiteren ist darauf zu verweisen, dass die Diskurse und Konzeptionen der antirassistischen Pädagogik seit Beginn stets unter strenger Beobachtung stehen. Die kritischen Gesichtspunkte sind in drei zusammenhängenden Aspekten dargelegt: Moralismus, Essentialismus sowie Reduktionismus (vgl. Mecheril; Melter 2010, S.170-172). „Eingedenk des Wissens um die skizzierten Probleme und die paradoxen Effekte antirassistischer Ansätze bietet es sich mit Blick auf pädagogisches Handeln und Deuten an, von rassismuskritischen Perspektiven zu sprechen“ (Mecheril; Melter 2010, S.173).

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Details

Seiten
8
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668498488
ISBN (Buch)
9783668498495
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v371785
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,4
Schlagworte
Rassismus Antirassistische Erziehung Erziehung Pädagogik

Autor

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Titel: Rassismus und antirassitische Erziehung. Strategien, Handlungsperspektiven und pädagogische Konzepte