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Eigentum und soziale Verantwortung im Christentum

von T. Woodpecker (Autor)

Hausarbeit 2016 27 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abgrenzung der ethischen Thematik
1.1 Persönliche Erfahrung mit dem Thema
1.2 Relevanz des Themas/ Abgrenzung der Thematik

2. Begriffsklärung: Eigentum
2.1 Eigentum in der Bibel
2.1.1 Eigentum im Alten Testament
2.1.2 Eigentum im Neuen Testament
2.2 Eigentum in nachbiblischer Zeit
2.3 Eigentum im deutschen Rechtssystem

3. Darstellung des Fragenkomplexes

4. Thesenhafte Auseinandersetzung mit den ethischen Standpunkten der Thematik
1. These: Menschen haben ein gottgegebenes Anrecht auf privates Eigentum über das sie frei verfügen können.
2. These: Privates Eigentum unterliegt immer auch Sozialpflichtigkeit
3. These: Der Mensch ist immer nur Besitzer seines Eigentums, welches er in der Verantwortung vor Gott verwalten soll.
4. Thesen: Umgang mit Eigentum
4.1. These: Die maßlose Vermehrung von Eigentum kann kein Ziel eines Christen sein. (Lk. 18,24)
4.2. These: Gemeinschaftsbesitz- Als Christ, der Teil einer christlichen Gemeinschaft ist, sollte das persönliche Eigentum allen in der Gemeinschaft zur Verfügung stehen.
4.3. These: Eigentum ist ein Segen Gottes und in der Fülle des Eigentums zeigt sich dieser Segen.

5. Folgerungen für biblisch- ethisch verantwortliches Handeln

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Abgrenzung der ethischen Thematik

1.1 Persönliche Erfahrung mit dem Thema

Überraschend bekommt meine Frau einen Brief ihrer Großmutter. Ihre Großtante ist verstorben und somit hat sie mehrere tausend Euro geerbt. So etwas war uns zuvor noch nie passiert und wir fragten uns, was wir mit diesem Geld anfangen sollten. Diese Frage stellten wir dabei nicht nur uns, sondern im Gebet auch Gott. Sollen wir es sparen für die Kinder, ein Auto kaufen oder einen richtig tollen Urlaub machen, den wir uns nie hätten leisten können? Vielleicht wäre es aber auch besser, das ganze Geld zu spenden - schließlich sind wir ja auch vorher gut ohne dieses Geld ausgekommen und wenn wir es nicht bekommen hätten, hätte es uns auch an nichts gefehlt. Wir brauchen es nicht zum Überleben, ja noch nicht mal zum Glücklichsein. Gleichzeitig könnte das Geld dafür sorgen, dass viele Menschen zu essen hätten und nicht hungern müssen. Ist es angesichts dieser Tatsache nicht sozial unverantwortlich, und auch unchristlich das Geld für sich persönlich auszugeben? In Sprüche 3,27 steht: Weigere dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag.

Die Aussage scheint klar, doch stellt sich die Frage, wie die Umsetzung in unserem Leben aussieht.
Uns wurde klar, dass wir in dem Moment wo wir etwas besitzen, auch die Verantwortung haben uns damit auseinanderzusetzen, wie wir es verwenden.

1.2 Relevanz des Themas/ Abgrenzung der Thematik

- Relevanz des Themas

[1] Im Januar 2016 veröffentlichte die Organisation Oxfam eine Studie über die Ungleichheit von Armut und Reichtum in der Welt, die in der Öffentlichkeit für Aufsehen sorgte. Laut dieser Studie besaßen im Jahr 2015 die 62 reichsten Personen der Welt genauso viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Die Kluft zwischen Armen und Reichen ist dabei in den letzten fünf Jahren extrem gewachsen. So wuchs das Vermögen der reichsten 62 Personen in diesem Zeitraum um 45 Prozent, während es sich bei der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um 38 Prozent reduzierte.

In Deutschland besitzen die reichsten 10 Prozent der Haushalte 63 Prozent des gesamten Vermögens. Auch in Deutschland geht dabei die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.
Die Ungleichverteilung führt dabei dazu, dass Gesellschaften auseinanderdriften und der soziale Zusammenhalt verloren geht. Die Folge sind Politikverdrossenheit, Spannungen und Gewalt, sowie ein schlechteres Wirtschaftswachstum. Jene Menschen, die in Armut leben, haben außerdem einen geringen oder gar keinen Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung.

Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt und seine Bürger verfügen im Vergleich zum Durchschnitt der Weltbevölkerung über eine hohes Pro-Kopf-Vermögen.
Im HDI (Human Development Index) von 2013 wird Deutschland auf Rang 6 der Welt geführt. Dieser Index berücksichtigt neben dem Bruttoinlandsprodukt auch Faktoren wie Bildung, Gesundheit und Ernährung eines Landes.[2]

Aufgrund der Tatsache, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird und wir als Deutsche in einem Land leben, das zu den reichen gehört, ist es wichtig, sich näher mit der Frage des Umgangs mit Vermögen und Eigentum zu beschäftigen. Dabei stellt sich zunächst die Frage, wie ich persönlich zu meinem Eigentum stehe und damit haushalten sollte.

- Abgrenzung der Thematik

In der Ausarbeitung des Themas „Eigentum und soziale Verantwortung“ ist eine Eingrenzung des Themenbereiches notwendig, um dem Rahmen der Arbeit gerecht zu werden. Unter Berücksichtigung, dass der Themenkomplex „Fair Trade“, also die Frage nach ethisch verantwortlichem Konsum und Arbeitsbedingungen, bereits Gegenstand einer Ausarbeitung war, wird dieser Bereich nicht mehr behandelt. Ebenfalls klang in jener Ausarbeitung auch schon die soziale Verantwortung von Unternehmen an, weshalb sich die vorliegende Ausarbeitung auf den persönlichen Besitz und die Verantwortlichkeit von Eigentum beziehen wird.
Damit einher geht auch die Entscheidung, die Rolle des Staates, der auch eine wichtige soziale Verantwortung im Einsatz von Eigentum zum Wohl seine Bürger hat, nicht näher zu betrachten.

2. Begriffsklärung: Eigentum

2.1 Eigentum in der Bibel

Die Bibel redet sowohl im Alten als auch im Neuen Testament an vielen Stellen über Eigentum, Besitz oder Geld. Sie beschäftigt sich dabei sowohl mit den negativen als auch positiven Eigenschaften und Begleiterscheinungen im Umgang mit Eigentum.

Alle Bibelzitate sind der revidierten Luther Bibel 1984 entnommen.[3]

2.1.1 Eigentum im Alten Testament

- Eigentum in den 10 Geboten

Das Alte Testament bietet keine explizite Theorie, bzw. eine Definition von Eigentum. Gleichwohl beschäftigt es sich doch ausführlich mit der Thematik. Dass das Thema Eigentum kein Randthema ist, zeigt sich schon dadurch, dass der Umgang mit Eigentum an zwei Stellen Eingang in die 10 Gebote gefunden hat. In Ex. 20,15: „Du sollst nicht stehlen“ und in Ex. 20,17: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus… und alles, was sein ist“.
Hieran zeigt sich, Gott ist der Schutz des persönlichen Eigentums ein Anliegen. Aus diesen Geboten heraus wurden Strafen entfaltet, die bei Diebstahl oder auch dem Zurückhalten von Lohn galten. Dabei wird auch deutlich, dass Gott persönliches Eigentum grundsätzlich befürwortet, da er es für schützenswert erachtet. [4]

- Das Erbrecht

Ein besonderes Kennzeichen im Alten Testament bei dem Gedanken des Eigentums ist die Vererbbarkeit. So spricht Gott das Land Abraham zu und zwar: „… dir und deinen Nachkommen für alle Zeit“ (Gen. 13,15). Naboth möchte sein Erbe nicht an König Ahab abtreten, wodurch ein Konflikt zwischen dem königlichen Anspruch und dem persönlichen Eigentumsrecht des einzelnen deutlich wird (1. Kön. 21,3).[5]

- Grenzen des Eigentumsrechts

So sehr das persönliche Eigentumsrecht in Israel auch geschützt wurde, zeigt doch das Alte Testament deutlich, dass dieses Recht kein absolutes ist. Diese Aussage meint, dass der persönliche Besitz im Verglich mit Gott betrachtet relativ ist und er gleichzeitig auch am Nächsten verpflichtet.[6]

1. Alles gehört Gott

Sämtlicher Besitz, sowohl der des Landes als auch der von beweglichem privatem Eigentum, gehört in erster Linie Gott. So heißt es z.B.:

- Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des HERRN, deines Gottes. 5. Mo. 10,14

- Denn mein ist das Silber, und mein ist das Gold, spricht der HERR Zebaoth. Hag. 2,8

Land oder Geld eines Menschen sind also im eigentlichen Sinne nicht sein privates Eigentum, sondern er ist lediglich der aktuelle Besitzer dessen, was er hat. Gott beschenkt dabei den Menschen aus seinem Reichtum, um seine Bedürfnisse zu stillen. Der Mensch soll dabei treuhändisch als guter Verwalter fungieren. Dabei empfängt nicht jeder Mensch auf die gleiche Weise von Gott, was zu Punkt 2 führt.[7]

2. Soziale Verpflichtung

Eigentum ist demnach sozial verpflichtend. Wem viel gegeben worden ist, der soll das seine mit den Armen teilen. Der Arme soll dabei nicht auf die willkürliche Barmherzigkeit des einzelnen angewiesen sein, sondern Gott macht die institutionelle Bekämpfung der Armut zur Pflicht. Dies wird z.B. in folgenden Bibelstellen deutlich:

- Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande. 5 Mo. 15,11
- Du sollst nicht zum Pfande nehmen den unteren und oberen Mühlstein; denn damit hättest du das Leben zum Pfand genommen. 5. Mo. 24,6
- Wer dem Armen gibt, dem wird nichts mangeln; wer aber seine Augen abwendet, der wird von vielen verflucht. Spr. 28,27[8]

Um dies zu gewährleisten gab Gott den Israeliten konkrete Anweisungen, wie sie dieses Grundprinzip der sozialen Gerechtigkeit umsetzen sollten.

Die wohl stärksten Formen, die sich mit den Eigentumsverhältnissen beschäftigen, bilden das Jubeljahr sowie das Sabbatjahr. Aber auch die Abgabe des Zehnten sowie zinslose Darlehen zählen dazu.

Beim Jubeljahr, das alle 50 Jahre stattfand, musste sämtliches von einem Eigentümer veräußerte Land ohne Ersatzleistung an die Sippe zurückgegeben werden, der es ursprünglich einmal gehört hatte (Lev. 25). Im Grunde wurden also immer nur die Nutzungsrechte verkauft werden, aber nicht das Land an sich.[9]

Beim Sabbatjahr, das alle sieben Jahre stattfand, wurde dieses System auf alle „bewegliche Habe“ angewendet. Jegliche Schulden wurden erlassen und alle hebräischen Sklaven kamen frei.[10]

Die Abgabe des Zehnten war für die Israeliten Pflicht. Dabei wurde von dieser Abgabe nicht nur Tempel und der Tempeldienst finanziert, sondern auch die Leviten, die kein eigenes Land besaßen, sowie die Waisen und Witwen. Wie es in 5. Mose 14,29 heißt:

„Dann soll kommen der Levit, der weder Anteil noch Erbe mit dir hat, und der Fremdling und die Waise und die Witwe, die in deiner Stadt leben, und sollen essen und sich sättigen, auf dass dich der HERR, dein Gott, segne in allen Werken deiner Hand, die du tust.“[11]

Das zinslose Darlehen war Gebot für das Volk Israel. Da sie selber alles von Gott aus Gnade empfangen hatten, sollten sie die Notlage einer Person nicht zu ihrem Vorteil ausnutzen.[12]

Das Volk Israel war somit das einzige im Altertum, bei dem die Eigentumsbildung und Verfügung erhebliche Grenzen kannte.

Die Bibel versteht den Menschen als das Ebenbild Gottes. Als solches hat der Menschen eine „Doppelpoligkeit von Individualität und Sozialität“[13], welche sich auch im Verhältnis zum Privateigentum ausdrückt. So ist es Ausdruck der Individualität des Menschen und ermöglicht ihm ein eigenes Leben. Auf der anderen Seite ist der Mensch auch immer Teil einer sozialen Gruppe und hat in dieser eine Mitverantwortung, der er auch durch sein Eigentum nachkommen muss.

Inwieweit diese Vorgaben jedoch auch eingehalten wurden, kann nicht sicher gesagt werden. Bezeugt ist jedoch, dass es oft nicht geschah und in der Folge von den Propheten angeprangert wurde (Am. 2,6ff; Jes. 5,8ff; Jer. 34,8ff).[14]

- Reichtum und Segen

Das Alte Testament äußert sich vor allem in den Vätergeschichten in Genesis auffallend positiv zum Thema Reichtum. So wird der Reichtum von Abraham, Isaak und Jakob hervorgehoben und ausdrücklich als Segen von Gott bezeichnet (Gen. 24,35; 26,12; 33,11).
Auch der Reichtum der Könige Israels wird später ähnlich betont und als Gabe Gottes bezeichnet. Zudem wird Salomo, gerade weil er nicht um Reichtum bittet, von Gott noch zusätzlich mit diesem gesegnet.
In den Sprüchen wird Reichtum auf der einen Seite als Segen Gottes bezeichnet (Spr. 10,22; 22,4), aber auch die Relativität materiellen Besitzes dargestellt (Spr. 3,13; 16,16).[15]

2.1.2 Eigentum im Neuen Testament

Das Neue Testament führt die Haltung von Schutz und Besitz von Privateigentum im Sinne der 10 Gebote selbstverständlich fort. Dabei zeigt sich, dass der Schutz des Privateigentums auch für Frauen galt, da es unter den Anhängern von Jesus auch wohlhabende Frauen gab, die die Gemeinde unterstützten (Lk. 8,2).

Am Beispiel der Bekehrung des Zachäus (Lk. 19) wird noch einmal deutlich, dass Besitz und ein wohlhabendes Leben nicht verurteilt werden. Zachäus zahlt zwar seinen zu Unrecht erworbenen Gewinn zurück, den Armen gibt er aber nur die Hälfte seines Vermögens. Er behält dabei sowohl seine lukrative Arbeit als auch die Hälfte seines Vermögens.

Im Gegensatz zum Alten Testament betrachtet das Neue Testament hingegen wesentlich nachdrücklicher den Umgang und den Erwerb von Eigentum. So wird an mehreren Stellen vor Habsucht und dem unbegrenzten Streben nach immer mehr Besitz gewarnt.

(Mk. 7,22; Lk. 12,15; Röm. 1,29; 1. Kor. 6,10f; Eph. 4,19; 1. Thess 2,5; 2. Petr 2,14)

Das Gegenteil von Habsucht ist dabei die Freiheit oder die Unabhängigkeit des Christen vom Besitz . Hierzu ist eine gewisse Distanz nötig, die auf der einen Seite eine Genügsamkeit schafft und auf der anderen Seite die Bereitschaft, das eigene zu geben. Gleichzeitig macht z.B. der Vers aus 1. Tim. 6,17f (Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen;) deutlich, dass reich sein nicht an und für sich abgelehnt wird, sondern es um die Einstellung zum Besitz geht.[16]

Dennoch findet sich auch die Aufforderung von Jesus zum völligen Verzicht auf Eigentum im Neuen Testament. So wird in Mt. 19,21 der reiche Jüngling aufgefordert, alles zu verkaufen, um Jesus nachzufolgen. Auch als Jesus die Jünger aussendet, sollen sie ohne Besitz und mit nicht mehr als dem, was sie am Leibe tragen, gehen (Mt10,9).

Aus dieser persönlichen Besitzlosigkeit der Jünger entstand in der Folge in der Urgemeinde in Jerusalem der gemeinsame Besitz der Gläubigen, den sie Koinonia nannten (Apg. 2,44f; 4,32).[17]

Paulus bezeichnet die Sammlung und das Geben der Kollekte für Jerusalem nicht als Pflicht sondern als „Liebeswerk“. Das Teilen ist für ihn keine Pflicht, kein Gesetz, sondern viel mehr eine Möglichkeit barmherzig zu sein.[18]

2.2 Eigentum in nachbiblischer Zeit

In der Antike war der Gedanke weit verbreitet, dass von Natur aus alle Dinge für alle Menschen gemeinsam zur Verfügung stehen sollten. Erst im zweiten Schritt sei dann das private Eigentum entstanden. Das Privateigentum entstand dabei durch Inbesitznahme.[19]

Die alte Kirche griff diese Theorie auf und wertete sie. Demzufolge entstand Eigentum in der Folge des Sündenfalls. Im Urzustand wurde die Erde dem Menschen von Gott zur gemeinsamen Nutzung anvertraut. Die Sünde (Habsucht) aber führte zur Bildung von privatem Eigentum, also faktisch dem Diebstahl an dem was eigentlich für alle war. Dem Priester und Prediger Chrysostomus (354-407 n. Chr.) nach gäbe es ohne Eigentum auch keinen Streit oder Kampf unter Christen. Positiv steht in diesen Ansätzen die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Blick. An eine gesetzliche Aufhebung des privaten Eigentums dachte die alte Kirche dabei aber nicht.

Eigentum sollte sich auf das Nötigste beschränken und der Überschuss den Armen zur Verfügung gestellt werden. Gemeinschaftlich umgesetzt wurde der Verzicht auf Eigentum nur im Mönchstum.[20]

In der Zeit der Hochscholastik knüpft Thomas von Aquin an diese These an, wenn er sagt, dass ursprünglich der Gemeinbesitz galt. Er sagt jedoch dann weiter, dass das Eigentumsrecht nützlich ist. Denn es schützt vor der Willkür des Einzelnen am Recht zur Nutzung der Natur, dass für alle gilt. Der Mensch hat demnach ein indirektes Recht an Eigentum, darf es aber nicht selbstsüchtig missbrauchen.

In der Zeit der Reformation rückte das Ideal vom Gemeindebesitz, mit dem Einzug von Privateigentum, in den Fokus. Ein Befürworter für diesen Umgang mit Eigentum war z.B. Melanchtohn. Wirklich umsetzen konnten dies aber in einer festen Form der Gütergemeinschaft nur die Hutterischen Brüder.

Im 17. Jahrhundert entwarf der Philosoph John Locke (1632-1704) den Ansatz, dass der Mensch als Vernunftwesen Eigentümer seiner selbst sei. Als solcher habe er die Aufgabe sich die Erde durch Arbeit zu eigen zu machen und sie zu beherrschen. Mit dieser Theorie wurde der Grundstein für eine vorbehaltlos positive Einstellung zum uneingeschränkten Eigentumsrecht gelegt. Da der Mensch durch Arbeit das Eigentum quasi selber geschaffen hat, kann er, auch losgelöst von einem Gott als Schöpfer, frei darüber verfügen. Aufbauend auf diesem individualistischen Verständnis von Eigentum gab es auch keine Sozialpflichtigkeit des Eigentums mehr.

Im 19. Jahrhundert führte dieses Verständnis von Eigentum zu großen Spannungen und unmenschlichen Zuständen in der Arbeiterschaft. In der Folge kam es zu radikaler Kritik am Eigentumsverständnis, aus welcher sich dann der Kommunismus entwickelte in dem jegliches Privateigentum verschwinden sollte.

2.3 Eigentum im deutschen Rechtssystem

In Deutschland finden sich grundlegende Aussagen zum Eigentum schon im Grundgesetz. Aussagen zum Eigentum einer Person sind dabei aber in vielen Verfassungen anderer Staaten als Grundrecht geschützt. Gleichwohl kennt weder das Grundgesetz (GG) noch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) eine Definition des Eigentums. Vielmehr ist der Eigentumsbegriff aus der Summe der, das Eigentum betreffenden, Regelungen und Gesetze zu bestimmen.[21]

Im BGB wird das Thema Eigentum im Buch 3, Abschnitt 3 in den §903 -1011 geregelt. Dazu heißt es in §903 des BGB:

Befugnisse des Eigentümers

Der Eigentümer einer Sache kann, soweit nicht das Gesetz oder Rechte Dritter entgegenstehen, mit der Sache nach Belieben verfahren und andere von jeder Einwirkung ausschließen. Der Eigentümer eines Tieres hat bei der Ausübung seiner Befugnisse die besonderen Vorschriften zum Schutz der Tiere zu beachten.[22]

Hierbei zeigt sich also zunächst, dass der Eigentümer einer Sache nach Belieben mit seinem Eigentum verfahren kann. Es besteht also eine umfassende rechtliche Herrschaftsgewalt. Dies gilt jedoch nur soweit es nicht dem Gesetz oder den Rechten von Dritten entgegensteht. Auch in Notsituationen kann nach §904 der Eigentümer einer Sache den Gebrauch durch Dritte nicht verbieten, wenn es zu Abwendung einer gegenwärtigen Gefahr notwendig ist. In diesem Paragrafen zeigt sich damit auch die soziale gesellschaftliche Verantwortung, die dem Eigentümer obliegt. Gleichzeitig regelt das BGB aber auch den Schutz des Eigentums, in dem es unrechtmäßige Aneignung verbietet.[23]

Das Grundgesetz äußert sich bereits in den Grundrechten in Artikel 14 zum Eigentum. Dort heißt es:

Art. 14

(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.[24]

Das Grundgesetzt stellt zunächst einmal fest, dass es einen Anspruch auf privates Eigentum gibt. Das Eigentum gilt dabei als unerlässliche Voraussetzung um die persönliche Freiheit des Menschen zu verwirklichen.

Aus Absatz 2 und 3 des Artikel 14 geht hervor, dass das private Eigentum zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen bzw. ihm nicht entgegenstehen soll. Hierzu hat das Bundesverfassungsrecht bekräftigt, dass darunter nicht jedes Eigentum dieser Bestimmung unterliegt, sondern nur solches, welches sozial relevant ist. Eine genauere Definition über diesen Absatz hinaus macht die Gesetzgebung nicht. Eine konkrete Anwendung findet dieser Verfassungsgrundsatz der Sozialpflichtigkeit z.B. in der Frage der Vermögensteuer bzw. der angemessenen Maximalbesteuerung.[25]

- Eigentum und Besitz

In der Praxis werden die Begriffe Eigentum und Besitz oft gleichgestellt oder verwechselt. Das deutsche Rechtswesen trennt diese Begriffe jedoch strikt voneinander.
Der Besitzer einer Sache ist derjenige, der grundsätzlich die tatsächliche Sachherrschaft besitzt.

Der Eigentümer hingegen besitzt die rechtliche Sachherrschaft. Durch diese Unterscheidung können also Besitz und Eigentum bei zwei Personen liegen. Auf dieser Basis haben sich eine Fülle von Rechtsformen entwickelt, wie etwa Miete, Leasing oder Leihe.

3. Darstellung des Fragenkomplexes

Jeder Mensch besitzt in irgendeiner Form Eigentum - egal ob es Geld, Immobilien, Kleidung, Nahrung oder sonstige Dinge sind. Dabei besitzt bei weitem nicht jeder Mensch gleich viel Eigentum, wie auch schon die Einleitung gezeigt hat. Daraus ergibt sich die Frage ob, und wenn ja, welche soziale Verantwortung der einzelne Mensch im Umgang mit diesem Eigentum hat.

Aus christlicher Sicht stellt sich zunächst die Frage, inwieweit es überhaupt ein vom biblischen Standpunkt her erstrebenswertes Ziel ist, persönliches Eigentum anzuhäufen.

Die Frage nach dem Besitz von Eigentum steht dabei also noch vor der Frage, inwieweit sich aus dem persönlichen Besitz auch eine persönliche soziale Verantwortung des einzelnen ergibt.

Diese Punkte sind unter der Forschungsfrage zusammengefasst:

Inwieweit darf ein Christ Eigentum besitzen, und welche soziale Verantwortung entsteht dadurch?

Diese Fragestellung wird in der Folge in verschiedenen Thesen betrachtet werden. Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen, die in einzelnen Leitlinien für ein biblisch- ethisch verantwortliches Handeln zusammengefasst werden.

4. Thesenhafte Auseinandersetzung mit den ethischen Standpunkten der Thematik

1. These: Menschen haben ein gottgegebenes Anrecht auf privates Eigentum über das sie frei verfügen können.

Menschsein bedeutet nicht einfach nur Vorhandensein im biologischen Sinne. Jeder Mensch ist ein nicht auswechselbares Individuum und nimmt sich als solches war. In der Wahrnehmung seiner eigenen Identität und der Verantwortung für sein eigenes Leben erfährt der Mensch Freiheit. Um dieser Freiheit aktiv in seinem Leben Ausdruck zu verleihen braucht der Mensch die freie Verfügung über Gegenstände oder Geldmittel, die seinem Lebensunterhalt dienen und somit zu seiner Selbstwerdung beitragen.[26]


Darüber hinaus ist es sogar Aufgabe des Menschen, sich selbst zu versorgen. So schreibt H. Cremer in seinem Buch „Arbeit und Eigentum in christlicher Sicht“, dass „sein Leben von ihm selbst abhängig sein und durch seine Selbstbestimmung und Selbstbestätigung behauptet und erhalten werden soll.“[27]

Wenn ein Mensch den Verzicht auf Eigentum bis zu seiner Vollständigkeit treiben würde, hätte dies zur Folge, dass er vollständig von anderen Menschen abhängig werden würde. Dies wäre somit gleichzeitig Verzicht auf die, dem Menschen als eigenständige Person beauftragte und geschenkte, Freiheit.[28]

Eigentum ist also nicht eine negative Entwicklung, wie die antike Philosophie oder die altkirchliche Theologie annahm, die aufgrund des Sündenfalls entstand. Das Eigentumsbedürfnis ist, im Gegenteil, schon von Beginn der Schöpfung im Menschen angelegt. Da es ihn, wie schon beschrieben, zur Freiheit und Selbstbestimmung führt. Folglich wird das Eigentum des Menschen auch von Gott her geschützt. Dies zeigt sich am Unmittelbarsten in der Bibel im Gebot des Dekalogs, wenn es in 2 Mose 20,15 heißt „ Du sollst nicht stehlen.“ und in Ex. 20,17: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus… und alles, was sein ist“.

Persönliches Eigentum ist also vor Gott nichts Verwerfliches oder Schlechtes. Dies zeigt sich sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament. Zwar lebten Jesus und seine Jünger weitestgehend ohne Besitz, jedoch macht Jesus diese Haltung an keiner Stelle zu einem allgemeingültigen Gebot. So ist über Zachäus in Lukas 19 zwar zu lesen, dass er seinen zu Unrecht erworbenen Besitz zurückgibt und einen Teil den Armen gibt, jedoch immer noch die Hälfte seines, wohl im Verhältnis nicht kleinen Vermögens, behält.

Auch die Forderung von Jesus an den reichen Jüngling aus Markus 10,17-27 auf seinen Besitz zu verzichten, sollte nicht als Ablehnung gegen Eigentum im Allgemeinen gedeutet werden. Vielmehr fordern diese Worte von Jesus zur konkreten Umsetzung des Doppelgebotes der Liebe in der Nachfolge. Die Betonung dieser Aussage liegt in diesem Ruf zur Nachfolge.[29]

Auch das deutsche Grundgesetz stellt sich in diese Linie, wenn es in Artikel 14 Absatz 1 schreibt: „ Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.“

[...]


[1] Vgl. Soziale Ungleichheit, verfügbar über: https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/themen/soziale-ungleichheit, Datum des Zugriffs 02.03.2016.

[2] Vgl. Human Development Index, verfügbar über: https://de.wikipedia.org/wiki/Human_Development_Index Datum des Zugriffs 02.03.2016.

[3] Die Bibel, Nach der Übersetzung Martin Luthers, Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984. Verfügbar über http://www.bibleserver.com. Datum des Zugriffs: 30.05.2016.

[4] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 137-138.

[5] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 138.

[6] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 138.

[7] Vgl. T. Geddert, Verantwortlich Leben, Großburgwedel 22007, 162.

[8] Vgl. T. Geddert, Verantwortlich Leben, Großburgwedel 22007, 163.

[9] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 139.

[10] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 139.

[11] Vgl. T. Geddert, Verantwortlich Leben, Großburgwedel 22007, 164.

[12] Vgl. T. Geddert, Verantwortlich Leben, Großburgwedel 22007, 164.

[13] H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 140.

[14] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 140.

[15] Vgl. Reichtum (AT) verfügbar über: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33027/ Datum des Zugriffs: 31.05.2016.

[16] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 141.

[17] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 142.

[18] Vgl. T. Geddert, Verantwortlich Leben, Großburgwedel 22007, 168.

[19] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 144-145.

[20] Vgl. A. F. Utz, Ethik und Politik, Stuttgart/ Degerloch 1970.

[21] Vgl. Eigentum, verfügbar über: http://www.wipr-recht.de/Eigentum-als-umfassende-rechtliche-Herrschaftsmacht-%C3%BCber-Sachen--%3E-%C2%A7903-BGB_506 Datum des Zugriffs 25.05.2016

[22] Grundgesetzt, verfügbar über: https://dejure.org/gesetze/BGB/903.html Datum des Zugriffs 25.05.2016.

[23] Vgl. Eigentum, verfügbar über: http://www.wipr-recht.de/Eigentum-als-umfassende-rechtliche-Herrschaftsmacht-%C3%BCber-Sachen--%3E-%C2%A7903-BGB_506 Datum des Zugriffs 25.05.2016

[24] Grundgesetzt, verfügbar über: https://dejure.org/gesetze/GG/14.html Datum des Zugriffs 25.05.2016.

[25] Vgl. Sozialpflichtigkeit des Eigentums, verfügbar über: https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpflichtigkeit_des_
Eigentums Datum des Zugriffs: 25.05.2016.

[26] Vgl. H. Burkhardt, Ethik, Teil II, Das gute Handeln, Gießen 2008, 146.

[27] H. Cremer, Arbeit und Eigentum in christlicher Sicht, Gießen 1984, 18.

[28] Vgl. A. Schlatter, Die Christliche Ethik, Stuttgart 51986, 423.

[29] Vgl. W. Schrage, Grundrisse zum neuen Testament, Ethik des Neuen Testaments, Göttingen 1982,105.

Details

Seiten
27
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668501270
ISBN (Buch)
9783668501287
Dateigröße
639 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372044
Institution / Hochschule
Theologisches Seminar Adelshofen
Note
1,25
Schlagworte
eigentum verantwortung christentum

Autor

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    T. Woodpecker (Autor)

    7 Titel veröffentlicht

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Titel: Eigentum und soziale Verantwortung im Christentum