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Die Kritik am öffentlichen Schulsystem in Montaignes "Essais"

Das Erziehungsideal des "honnête homme" vor dem Hintergrund seiner zeitgenössischen Schulkritik

Hausarbeit 2017 16 Seiten

Philosophie - Philosophie der Neuzeit (ca. 1350-1600)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Montaigne und die Pädagogik
2.1 Eigene Ausbildung: Die „pédagogie italienne“
2.2 Montaignes Kritik am zeitgenössischen Schulsystem

3. Montaignes Erziehungsideal des „honnête homme“
3.1 Weltweisheit
3.2 Bescheidenheit
3.3 Weltoffenheit
3.4 Beständigkeit

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die fundamentale Frage nach einer gelungenen Lebensführung beschäftigt die Menschen seit jeher und wird wohl auch immer eine ganz wesentliche Stellung in ihrem Denken innehaben. Auch Michel de Montaigne beschäftigt sich in seinem bedeutenden Hauptwerk, den „ Essais “, das in den Jahren von 1572 bis 1592 entstand und schon zu Lebzeiten des Autors vier Auf­lagen erfuhr, mit allerhand lebensrelevanter Themen; sein breites Interessenspektrum auf der Suche nach dem „guten Leben“ reicht hierbei von konfessionellen Streitfragen über die Medi­zin und Heilkunde über grundlegende Probleme menschlicher Erkenntnis bis hin zum menschlichen Zusammenleben, Aberglauben und die Macht der Fantasie.

Die Voraussetzungen für die Befähigung zu einem angemessenen Umgang mit all diesen – na­türlich aber auch noch vielen weiteren – Aspekten des menschlichen Lebens müssen für Mon­taigne schon unmittelbar nach dem Eintritt ins Leben geschaffen werden; es kommt also auf eine richtige Erziehung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen an. Als Skeptiker zeichnet er sich hierbei durch die Annahme einer grundsätzlichen Unbeständigkeit und Wan­delbarkeit allen Wissens und auch der menschlichen Natur aus, die es bei allen Erziehungs- und Bildungsvorhaben nicht nur zu akzeptieren, sondern zu schätzen und zum eigenen Vorteil zu nutzen gilt[1]. Weil er diese Vorstellungen im Schulsystem seiner Zeit nicht verwirklicht sah, entwickelte Montaigne in den „ Essais “ ein eigenes Bildungskonzept, das sich am besonders im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts populären Persönlichkeits- und Erziehungsideal des „honnête homme“ orientiert und das Thema dieser Arbeit sein soll.

Ausgehend von grundlegenden Betrachtungen zu Montaignes spezifischem Verhältnis zur Päd­agogik, die auch den Einfluss, den seine eigene Erziehung auf sein späteres Denken hatte, beleuchten sollen, soll dargelegt werden, warum und inwiefern er dem öffentlichen Schulsys­tem seiner Zeit sehr kritisch bis ablehnend gegenüberstand. Vor dem Hintergrund dieser zeit­genössischen Schulkritik wird ihr schließlich Montaignes eigenes, auch für viele spätere Den­kerinnen und Denker noch maßgebliche und inspirierende Konzept der Vorbereitung junger Menschen auf ein selbstständiges Leben in der Zukunft entgegengesetzt: die Erziehung gemäß dem Idealbild des „honnête homme“. Letztendlich steht die Beantwortung der folgenden beiden Fragen im Mittelpunkt meiner Betrachtungen: Was für ein Wesen und was für eine Grundhaltung befähigt uns nach Montaigne dazu, ein gutes und erfülltes Leben zu führen – und wie können wir eine solche Haltung entwickeln?

2. Montaigne und die Pädagogik

Die Pädagogik war zweifelsohne nicht das Hauptaugenmerk Montaignes bei der Abfassung seiner berühmten Essaysammlung; nur in drei der insgesamt 107 Essais, nämlich „ Über die Schulmeisterei “ (Bd. I, XXV[2] ), „ Über die Knabenerziehung “ (I, XXVI) und „ Über die Liebe der Väter zu ihren Kindern “ (II, VIII), geht er ausführlicher und zusammenhängender auf an­thropologisch-pädagogische, erzieherische sowie unterrichtliche Themen ein. Auch Montaig­ne selbst hatte an Kindererziehung und den Freuden der Elternschaft offenbar kein großes In­teresse: Immer wieder wird auf seine Gefühlskälte den eigenen Töchtern gegenüber verwie­sen, die, außer einer namens Eleonor, alle bereits im Säuglingsalter starben. Anstatt Montaig­ne seine „archaische Einstellung gegenüber der Kindheit“[3] jedoch ausschließlich als gravie­rende Charakterschwäche anzulasten, sollte sie unbedingt auch vor einem historischen Hinter­grund betrachtet und gegebenenfalls ein Stück weit relativiert werden, denn „diese Indifferenz teilte er freilich mit einer Epoche, in der das Kind als solches ausser Acht gelassen und eher als Last empfunden wurde“[4]. Sein Bild vom Kind ist dennoch keineswegs nur ein mittelalter­liches, denn während die Gesellschaft des Mittelalters de facto noch nicht zwischen Kind und Erwachsenem unterschied, verraten Montaignes Ausführungen – beispielsweise seine kritischen Darlegungen zum „Verhätscheln“ und „Verwöhnen“ der Kinder durch ihre Eltern – einen Eigenwert, den er damit immerhin indirekt dem Kindsein zuspricht.

Für eine lange Zeit hat Montaignes pädagogische Seite – nicht zuletzt aus den oben genannten Gründen – kaum Forschungsinteresse geweckt. Dieser Trend änderte sich jedoch spätestens mit der Aufnahme Montaignes in die „Klassiker der Pädagogik“, die ihm nun neben der Aner­kennung als Schriftsteller und Philosoph auch durchaus und offiziell das Attribut des Pädago­gen einbrachte. Die eingehendere Auseinandersetzung mit diesem Aspekt des montaignischen Werkes zeigt hierbei einerseits eine gewisse Verankerung in der zeitgenössischen Tradition, die vor allem im Bezug auf die allgemeine Ausrichtung beziehungsweise Adressierung seines Bildungs- und Erziehungskonzeptes deutlich wird: Montaigne hatte es eindeutig auf eine feudale oder fürstliche Standeserziehung abgesehen; folglich und „[d]em Zeitgeist folgend beschränken sich seine Ausführungen auf die männlichen Nachkommen adliger Familien“[5]. Er hatte also zweifelsohne die Ausbildung einer adligen Elite, genauer gesagt den künftigen Sohn der Gräfin Diane de Foix, der er seinen EssaiÜber die Knabenerziehung “ widmet, im Blick. Und genau als eine solche Erziehungsschrift für Edelleute, für „Knaben aus adligem Hause, [die] sich Wissen und Bildung zu erwerben trachte[n]“[6], sind die betreffenden Essais damals auch verstanden worden. Es ist hierbei jedoch absolut unabdingbar, zu erwähnen, dass auch dieser Trend sich geändert hat, was letztendlich sogar als Hauptgrund dafür anzusehen ist, dass Montaignes pädagogische Überlegungen auch heute noch aktiv rezipiert werden:

„Freilich reicht [ihre] Bedeutung über solche ständische Beschränkung genau in demselben Maße hinaus, wie die um diese Zeit entstehende Idee des honnête homme über ihre ritterlichen und höfischen Ursprünge hinausreicht.“[7]

Wie weiter unten noch sehr viel deutlicher werden wird, ließ auch Montaigne sich bei der Konzeption seines Bildungs- und Erziehungsideals von dieser Idee des honnête homme leiten. Es waren sowieso hauptsächlich solche „neuen“ beziehungsweise neu auflebenden Visionen und Vorstellungen, die Montaigne als wichtige Antworten auf bedeutende Fragen seiner Zeit hervorbrachte. Dieses Zusammenspiel von einer deutlichen Priorisierung der Interessen des Adels auf der einen Seite und dem gleichzeitigen Eintreten für eine „neue“ Pädagogik auf der anderen Seite lassen Michel de Montaigne als eine „typische Übergangsfigur“[8] erscheinen:

„Seine Lebensprinzipien wie die daraus resultierenden erzieherischen Vorstellun­gen für den Adel sind einerseits geprägt von traditionellen, antiken und christli­chen Vorstellungen; sie zeugen aber gleichfalls von dem „Triumph des Individu­ums“ der Renaissance.“[9]

2.1 Eigene Ausbildung: Die „pédagogie italienne“

Schon Montaigne selbst hat eine zum damaligen Zeitgeist konträr stehende Erziehung genos­sen. Sein Vater, der als Soldat an den Feldzügen Franz I. gegen Karl V. in Italien teilgenom­men hat, lernte ebendort neuartige pädagogische Ideen kennen, die er in der Ausbildung sei­nes eigenen Sohnes sofort in die Praxis umsetzte. Dieses Konzept der „pédagogie italienne“, maßgeblich geprägt durch den niederländischen Gelehrten Erasmus von Rotter­dam, zeichnet sich aus durch individuelle Förderung und einen besonderen Sanftmut im Um­gang mit dem Kind, den Montaigne selbst wie folgt reflektiert:

„[M]einem Vater war unter anderem geraten worden, mich aus eigenem Willen und Antrieb Geschmack an Wissenschaft und Pflichterfüllung gewinnen zu lassen und meine Seele in aller Milde und Freiheit heranzubilden, ohne Härte und Zwang.“[10]

Aus diesem neuen pädagogischen Ideal, das eine freie und gewaltlose Erziehung zumindest für männlichen adligen Nachwuchs vorsieht – auch hier kann und muss aber natürlich, damit das Potenzial dieses Konzeptes auch heute noch voll zur Geltung kommen kann, diese Be­schränkung des Adressatenkreises überwunden werden – sowie aus seiner sich daraus erge­benden sorgfältigen Erziehung „erwuchsen sowohl Montaignes spätere Gedankenvielfalt wie auch sein ungewöhnlicher Charakter“[11]. Freilich beeinflusste es später auch seine eigenen Vor­stellungen von einem fortschrittlichen Bildungs- und Erziehungswesen ganz enorm.

2.2 Montaignes Kritik am zeitgenössischen Schulsystem

Unter diesem direkten Einfluss der „pédagogie italienne“ stand Montaigne der öffentlichen Bildungs- und Erziehungspraxis seiner Zeit sehr kritisch bis ablehnend gegenüber. Die franzö­sischen Collèges des 16. Jahrhunderts zeichneten sich durch eine eher formale Bildung aus und sollten ihre Absolventen hauptsächlich auf ihre spätere Profession, etwa die Juristerei, Medizin, Theologie oder das Lehramt, vorbereiten. Für Montaigne kann dieses System, das mit der Vermittlung von Inselwissen und reinem Spezialistentum einhergeht, den Kindern und Jugendlichen keine angemessene Schulbildung bieten, bei der vielmehr die Ausbildung von praktischer Weltweisheit im Mittelpunkt allen Handelns stehen sollte.

Als die wohl größte Schwachstelle im öffentlichen Schulsystem erkannte Montaigne die sei­ner Ansicht nach völlig unqualifizierten Schulmeister der damaligen Zeit; mit seinem EssaiÜber die Schulmeisterei “ widmet er ihnen ja sogar ein eigenes Kapitel in seinem bedeuten­den Hauptwerk. Zwar gesteht er diesen Männern zu, sich ausgiebig mit Studium und „Stoff­huberei“ zu befassen; es ist aber genau dies für ihn eine zu passive und somit „falsche Weise […], sich mit den Wissenschaften zu befassen“[12], die letztendlich darin resultiert, dass „das Wissen unsrer Schulmeister auch ihren Nestlingen und Schülern nicht zum inneren Wachstum und Gedeihen dienen kann“[13]. Eine Wesensbildung, das ist „eine Lebenskunst und Urteilsfähigkeit des einzelnen aus eigenen Kräften“[14], die Montaigne in seinem Bildungskonzept der an den Collèges vorherrschenden Formalbildung klar überordnet, ist auf diese Weise nicht möglich; er warnt vor diesem Hintergrund vor einem „Untergang des Geistes im Fachwissen“[15]. Der jeweiligen Lehrperson sollte also immer vielmehr die Rolle des Freundes und Helfers als der des gewaltsam zum stumpfsinnigen Auswendiglernen unzeitgemäßer Theorien und Lehrsätze anleitenden Pedanten zukommen; seine Aufgabe ist das „Beobachten und Abhorchen der individuellen Natur des Zöglings, um die Hemm­nisse zu beseitigen, die ihrem Vermögen zur Selbstformung im Wege ste­hen.“[16]

[...]


[1] Als ein weiterer sehr offensichtlicher Ausdruck einer solchen skeptischen Grundhaltung und Vorliebe für das Individuelle kann die von Montaigne begründete und in seinem Hauptwerk konsequent eingesetzte literarische Ausdrucksform des Essays angesehen werden: Es handelt sich hierbei immer nur um Denk versuche, also um kurze und inhaltlich vollkommen individuell gestaltbare Abhandlungen, deren Autor sich der Unmöglichkeit einer vollständigen und vor allem abschließenden Betrachtung seines Themas bewusst ist und folglich höchstens eine Momentaufnahme einer sich ständig im Wandel befindlichen Welt schaffen will.

[2] Alle Kapitel- und Seitenangaben beziehen sich auf folgende Ausgabe der Essais: Montaigne, Michel de: Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stillet, Frankfurt am Main 1998.

[3] Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. 3. Aufl., München 1980, S. 210.

[4] Soëtard, Michel: Michel de Montaigne: Les Essais. In: Winfried Böhm (Hrsg.): Hauptwerke der Pädagogik, Paderborn 2011, S. 294-295, hier S. 294.

[5] Enders, Angela: Montaigne und die Pädagogik. In: Hans-Otto Mühleisen (Hrsg.): Anthropologie und kulturelle Identität. Friedemann Maurer zum 65. Geburtstag, Beuron 2005, S. 57-74, hier S. 57.

[6] Montaigne: Essais, S. 82.

[7] Friedrich, Hugo: Montaigne. Tübingen [u. a.] 1993, S. 87.

[8] Enders, S. 72.

[9] Ebd.

[10] Montaigne: Essais, S. 95.

[11] Rattner, Josef/Danzer, Gerhard: Die Initialzündung europäischer Moralistik – Montaignes Skepsis und Epikureismus. In: dies.: Europäische Moralistik in Frankreich von 1600 bis 1950. Philosophie der nächsten Dinge und der alltäglichen Lebenswelt des Menschen, Würzburg 2006, S. 9-24, hier S. 9.

[12] Montaigne: Essais, S. 74.

[13] Montaigne: Essais, S. 74.

[14] Friedrich, S. 88.

[15] Ebd.

[16] Friedrich, S. 87.

Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668504547
ISBN (Buch)
9783668504554
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372527
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
honnete homme Montaigne Essais Pädagogik Schulsystem Kritik Erziehung Schulkritik

Autor

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