Lade Inhalt...

Die Prothetisierung des Menschen

Hausarbeit 2014 23 Seiten

Design (Industrie, Grafik, Mode)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Begrifflichkeit des Körpers

3. Die Entwicklung der Prothetik

4. Die Prothese

5. Körper – Mensch – Cyborg – Technik

6. Fazit

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars Mode – Körper – Technik setze ich mich mit dem Thema der Technisierung des Körpers und dem damit einhergehenden Prothesenkörper auseinander.

Dazu werde ich zunächst auf den Begriff des Körpers genauer eingehen. Wo liegen die Ursprünge dieses Begriffs, was bedeutet er und wie entwickelt sich das Bild des „Ideal-Körpers“ im Laufe der Zeit? Aus diesem Grund lege ich auch die historische Entwicklung der Prothetik dar. Wo sind die Anfänge der Prothetik zu finden und wie veränderte sich das Einsatzgebiet, die Funktion und Verwendung für die Menschheit?

Dadurch, dass die Wissenschaft immer weiter vorangetrieben wird, wird natürlich auch das Feld der Prothetik immer komplexer und fortschrittlicher. Mit dieser Entwicklung werden auch neue Fragen aufgeworfen. Wie viel Technisierung verträgt ein Mensch überhaupt?

Ich möchte auch auf die Verschmelzung zwischen Körpergrenzen und der Prothese aufmerksam machen. Diese Verschmelzung macht es schwer festzustellen, ob es sich um einen Menschen handelt, oder um eine Maschine, den Cyborg.

Außerdem stellt sich mir die Frage nach der Sinnhaftigkeit mancher Optionen, die sich dem menschlichen Körper bieten. So zum Beispiel die Transplantation eines bluetoothfähigen Geräts, das biometrische Daten an einen Computer sendet. Wann ist ein Mensch noch ein Mensch und wann hört er auf, durch implantierte Technik einer zu sein? Auf diese Frage werde ich wohl in dieser Hausarbeit keine richtige Antwort finden. Denn auch wenn jeder Mensch durch bestimmte Richtlinien normiert wird, will er doch auch immer einen gewissen Grad an Individualität beibehalten. So hat jeder Mensch, pauschal gesagt, eine eigene Äußerlichkeit, eine Seele und eine eigene Meinung.

2. Zur Begrifflichkeit des Körpers

Der Begriff ´Körper` kommt von dem lateinischen Wort corpus. Er kann mehrere Bedeutungen haben. So ist er zum Beispiel in der Physik eine begrenzte Menge eines bestimmten Stoffes.[1] Bildungssprachlich ist damit ein Gegenstand gemeint, den man sehen oder fühlen kann.[2] Für diese Hausarbeit ist unter dem Begriff ´Körper` jedoch die „physische (...) Konstruktion des Menschen in seiner geschlechtlichen Markierung, (...)“[3] gemeint. Also das was die Gestalt eines Menschen ausmacht, die äußere Erscheinung.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde von dem Ein-Geschlechter-Modell ausgegangen. Das heißt, dass der männliche Körper als Norm gesehen wurde, der weibliche Körper dagegen war lediglich eine Abweichung davon, also ein nicht fertig ausgebildeter Körper.[4] Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde allmählich über das Zwei-Geschlechter-Modell gesprochen. Es wurden also männliche und weibliche Geschlechtsorgane „in ein hierarchisches Verhältnis zueinander gesetzt.“[5]

Es wird nicht nur in männliche und weibliche Körper unterschieden, sondern auch in Sex und Gender. Dabei meint Sex das biologische Geschlecht und Gender das soziokulturell konstruierte Geschlecht.[6] Diese Unterscheidung ist vor allem in den Gender Studies von großer Bedeutung. Gender Studies fragt nach der Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft. Auf diese werde ich in dieser Hausarbeit jedoch nicht näher eingehen.

Irmela Marei Krüger-Fürhoff unterscheidet zusätzlich noch in Leib und Körper. Sie beschreibt dabei den Leib als Innenwahrnehmung und die Selbsterfahrung, also auch die emotionale Verfassung, den Körper hingegen als objektiviert, instrumentalisiert und von außen wahrnehmbar.[7] Dabei ist für mich das Wort instrumentalisiert von Bedeutung. Hier wird am meisten auf die mögliche Technisierung des Körpers hingewiesen. Denn die Technik am oder im Körper, kann auch als Mittel oder als Werkzeug dienen.

Bei den verschiedenen Aufzählungen sind deutliche Abgrenzungen von innen und außen, von organisch und unorganisch, von physisch und psychisch erkennbar. Diese Abgrenzungen verlieren durch die Technisierung des Körpers und auch die Prothetik, allmählich an Trennschärfe. Das Unorganische beginnt ins Innere des Organischen vorzudringen und geht mit ihm eine Verbindung ein.[8]

Die Körpervorstellung ist zudem ständig im Wandel, denn was als gesund und was als krank verstanden wird verändert sich je nach den gesellschaftlichen Vorstellungen.[9] Unsere Gesellschaft hat eine gewisse Norm von einem Körperbild. Der menschliche Körper sollte, grob gesagt einen Kopf mit Haaren, zwei Arme und zwei Beine haben. Es gibt aber selbstverständlich Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen. So zum Beispiel setzte Alexander McQueen Ende der 1990er Jahre, als erster Modedesigner bei einer Modenschau, Aimee Mullins als Modell ein. Aimee Mullins kam, aufgrund eines seltenen Gendefektes, ohne Wadenbeine zur Welt. Ihr wurden noch im Säuglingsalter beide Beine unterhalb der Knie amputiert. Sie lief bei der Modenschau „Savage Beauty“ auf handgeschnitzten Prothesen von Alexander McQueen[10] (Abbildung 1). Diese Bilder gingen um die Welt und waren sehr viel diskutiert. In der heutigen Zeit wäre dieses Bild nicht mehr sehr ungewöhnlich, wo es doch Modenschauen gibt, bei denen die Kleidung sich mittels Technik am Körper verändert (Abbildung 2).[11] Man kann eine Entwicklung der Prothetik und eine Entwicklung der Körperbilder erkennen.

3. Die Entwicklung der Prothetik

„Einen (...) Blick in die Geschichte wie auf den derzeitigen Entwicklungsstand (oder gar in die Zukunft) der Körperprothetik zu wagen, ist ein schwieriges Unterfangen, weil bis heute systematische und umfassende historische Arbeiten (...) fehlen.“[12]

Es existieren jedoch original Fundstücke und Schriften, die es erlauben über die Vergangenheit zu berichten und Vermutungen über die Zukunft zu treffen. So beginnt die Geschichte der Prothese wahrscheinlich 600 vor Christus. In einem ägyptischen Grab einer Frau, haben Archäologen eine Prothese einer großen Fußzehe gefunden. Diese Prothese wurde aus Holz gefertigt und mit Hilfe einer Lederapparatur um den Fuß befestigt. Anhand vieler Gebrauchsspuren konnte nachgewiesen werden, dass diese Fußzehe tatsächlich verwendet wurde um besser laufen zu können und nicht nur als Körperschmuck genutzt wurde.[13]

Ebenfalls in einem ägyptischen Grab wurde eine künstliche Hand aus dem Jahr 300 vor Christus aus Leder gefunden. Diese Hand wurde wahrscheinlich jedoch als Schmuckhand genutzt. Sie hatte lediglich einen „kosmetischen Zweck“[14]. (Abbildung 3)

Im 6. Jahrhundert nach Christus berichtet eine alte Sage von den Zwillingsbrüder und Ärzteheiligen Cosmas und Damian. Sie behandelten unentgeltlich Kranke um sie so zum Christentum zu bekehren. Der Sage nach gelang ihnen eine Beintransplantation, dabei diente das Bein eines verstorbenen farbigen Menschen als Ersatz eines vom Krebs zerstörten Beines.[15] (Wenn ich von einem farbigen Menschen schreibe, meine ich das in keinster Weise wertend.) Diese Sage ist jedoch in Frage zu stellen, denn es gibt keinen Nachweis darüber, dass es sich tatsächlich so zugetragen hat. Jedoch gibt es einige Künstler, die diese Sage nachgestellt haben. So zum Beispiel in diesem Altarbild (Abbildung 4). Auf diesem sind Cosmas und Damian dargestellt, wie sie das kranke Bein mit dem Bein des farbigen Menschen ersetzen. Außerdem sind zwei Mädchen mit blonden Haaren im Bild zu sehen, die durch die Flügel aussehen als wären es Engel. Es sieht danach aus, dass das eine Mädchen Weihrauch schwenkt und das andere Mädchen Medizin zusammen mischt. Cosmas und Damian stehen rechts und links neben dem Krankenbett. Wer genau Cosmas und wer Damian ist kann nicht bestimmt werden. Da es sich um Zwillingsbrüder handelt hat der Maler sie sehr ähnlich gemalt. Sie haben beide goldene Ringe über den Köpfen, die nach einem Heiligenschein aussehen. Diese Heiligenscheine verweisen darauf, dass es sich um Heilige handeln soll. Viele Merkmale in diesem Altarbild, zum Beispiel die Heiligenscheine, die Mädchen die durch die Flügel nach Engeln aussehen, oder auch das Weihrauchschwenken deuten auf religiöse Charakteristika hin. Dass auf diesem Altarbild Engel abgebildet sind, lässt darauf schließen, dass es eine Sage beziehungsweise eine Legende sein muss, denn Engel sind nach dem deutschen Duden „Bote(n) Gottes (...) meist mit Flügeln gedachtes, überirdische(s) Wesen.“.[16]

In der Antike beziehungsweise im Altertum wird kaum von Prothesen oder Amputationen berichtet. Wenn, wurde meist von einfachen Holzstelzen berichtet. Die seltene Nutzung von Prothesen lässt sich dadurch begründen, dass viele Menschen eine Amputation überhaupt nicht überlebt haben. Denn die meisten Patienten starben entweder an den Schmerzen (die Narkose wurde erst um 1880 entwickelt), erlagen dem hohen Blutverlust oder fielen einer Wundinfektion zum Opfer.[17]

Das nächste Ereignis, auf das ich eingehen möchte ist die Geschichte um 1500 von Gottfried „Götz“ von Berlichingen. Er war ein Ritter, der seine Hand als junger Mann in einer Schlacht verlor. Seit vielen Jahrhunderten gibt es Versuche die menschliche Hand zu ersetzen. Zunächst wurden einfache Haken genutzt, später gelang es dann Greifwerkzeuge zu fertigen. Für die damalige Zeit wurde ihm ein wahres Meisterwerk aus Metall gefertigt, das ihm auch in weiteren Schlachten nützlich war.[18] (Abbildung 5) Auf dieser Abbildung ist der Mechanismus der Eisenhand von Götz von Berlichingen zu erkennen. Man kann erkennen, dass es ein sehr komplexer Mechanismus ist. Mit dieser Eisenhand konnte Götz von Berlichingen sogar einzelne Finger bewegen, was bis heute sehr selten in der Prothetik gelingt, weil die menschliche Hand eines der komplexesten Glieder darstellt, die es nachzustellen gilt.[19] (Abbildung 6). Ab dem 19.Jahrhundert gelang es künstliche Hände so anzufertigen, „dass sie mit Kraft der an der Prothese ansetzenden Unterarmmuskulatur (...) bewegt werden konnten.“.[20]

Nach dem ersten Weltkrieg wurde nach einer Lösung gesucht, den Kriegsveteranen ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Außerdem benötigte man die wenigen Überlebenden als Arbeitskräfte. Lange Zeit waren aber nur rein mechanische Bewegungen möglich. Die damalige Prothese war für den Normalbürger jedoch unerschwinglich. Nach Ende des 2.Weltkrieges experimentierte man mit sogenannten myoelektrischen Hand- und Armprothesen, bei denen Muskelaktionspotentiale elektrisch verstärkt und zur Steuerung der Prothese genutzt werden. Vorallem Ferdinand Sauerbruch trieb die Forschung in Richtung Prothetik voran. Er Entwickelte den sogenannten „Sauerbruch-Arm“, der mit Hilfe eines Elfenbeinstiftes in der Lage war die Hand zu schließen und zu Greifen. (Abbildung 7)

Die Palette der Ersatzteile der heutigen Medizin ist beeindruckend. Es reicht von der Luft- bzw. Speiseröhre über Blutgefäße und Knochenimplantate bis hin zum Innenohr und der Netzhaut des Auges. Sogar große Teile des Schädelknochens können nachgebaut werden. Im Moment gibt es ca. 100 Forschungsgruppen auf der ganzen Welt, die an einer Bio-Chip-Prothese arbeiten. Sie könnte bewirken, dass ein Querschnittsgelähmter wieder etwas in den Beinen fühlen könnte, denn sie würde einen „eigenständigen Part im zentralen Nervensystem“[21] einnehmen. Doch die größte Herausforderung für die Prothetik ist bis heute der Ersatz des Herzens.[22]

„Eine solche Prothesentechnik auf der Basis von Neurobionik zielt (...) in ihrem Selbstverständnis darauf, Technik zum integralen Bestandteil des Organismus zu machen – Technik, Seite an Seite mit dem neurobiologischen System des Menschen.“[23]

[...]


[1] Vgl. Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Körper. S. 66.

[2] Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Koerper zuletzt abgerufen am 21.03.2014.

[3] Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Körper. S. 66.

[4] Vgl. ebd. S. 67.

[5] Ebd. S. 67.

[6] Vgl. ebd. S. 68.

[7] Vgl. ebd. S. 70.

[8] Vgl. Berr Marie-Anne: Technik und Körper. S. 32.

[9] Vgl. Schulze, Annett, Schäfer, Thorsten. Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. S. 23.

[10] Vgl. Harrasser, Karin: Körper 2.0 – Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen. S. 19 f.

[11] Vgl. Jefferies, Janis: Fashioning the Future: Das reisende Selbst.

[12] Schneider, Werner: Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem. S. 378 f.

[13] Vgl. http://www.haz.de/Nachrichten/Wissen/Uebersicht/Forscher-entdecken-in-Aegypten-aelteste-Prothese-der-Welt
zuletzt Abgerufen am 18.03.2014.

[14] Schneider, Werner: Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem. S. 379.

[15] Vgl. Schnalke, Thomas: Das Fremde im Dienst des Eigenen: Die Prothese. S..134.

[16] http://www.duden.de/rechtschreibung/Engel zuletzt abgerufen am 18.03.2014.

[17] Vgl. http://www.planet-wissen.de/natur_technik/anatomie_mensch/prothesen zuletzt abgerufen am 18.03.2014.

[18] Vgl. Schnalke, Thomas: Das Fremde im Dienst des Eigenen: Die Prothese. S. 135.

[19] Vgl. Schneider, Markus: Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem. S. 380.

[20] Ebd. S.380.

[21] Schneider, Markus: Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem. S. 381.

[22] Vgl. Kessler/Dreblow/Oliver: Die geheimen Grenzen der Wissenschaft. S.17.

[23] Schneider, Markus: Der Prothesen-Körper als gesellschaftliches Grenzproblem. S. 381.

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668504400
ISBN (Buch)
9783668504417
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372542
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Humanwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Prothesenkörper Cyborg

Teilen

Zurück

Titel: Die Prothetisierung des Menschen