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Kompositionen mit identischen Gliedern. Wie kommt es zum kommunikativen Mehrwert?

Hausarbeit 2015 12 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Lesarten
2.1 Die „prototypische“ Lesart
2.2 Die „echte“ Lesart

3. Verstehensprozess

4. Kontextabhängigkeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit behandele ich die Komposition mit identischen Gliedern[1] (KIG), welche in der Forschung ein relativ neuartiges Phänomen darstellt und bis dato vorwiegend im englischsprachigen Raum untersucht wurde. Nach Hohenhaus (1996: 59; 2004: 319) kommen KIG im Deutschen allerdings mindestens so häufig vor wie im Englischen, wobei Finkbeiner dies relativiert (2014: 184). Formal gesehen besteht die KIG aus einer Konstruktion aus zwei angrenzenden, völlig identischen Wörtern, die ohne Verbindungselemente (z.B. Fugenelemente) miteinander verbunden[2] sind (Finkbeiner 2014: 186). Damit unterscheiden sie sich von der „normalen“ Komposition insofern, dass deren Verbindungen nur aus ungleichen Konstituenten bestehen (Haustür) (Hohenhaus 2004: 299). Dabei ist dieser Prozess nicht lediglich auf Nomen beschränkt (1); sondern wie Freywald (2013) konstatiert, auch mit Adjektiven (2), Adverbien (3) und vereinzelt mit Verben beobachtbar.

(1) Dann bin ich doch mal hier die langweilige Wurst, die ein Buch nach dem anderen liest. :-) Es ist höchstens drin, gleichzeitig eins auf meinem Reader und ein Buchbuch zu lesen und selbst das mach ich nicht so gerne.

(Freywald 2013: 10)

(2) Er hat Tagesdienste, das heißt er muss den ganzen Tag arbeiten, also von früh bis spät, also früh-früh bis spät-spät.

(Freywald 2013: 13)

(3) [Gespräch zwischen zwei Studentinnen:]

A: Ich war am Wochenende daheim.

B: Hier in Mainz oder daheim-daheim ?

(Finkbeiner 2014: 184)

Infolgedessen bezeichnet Finkbeiner (2014: 207) KIG im Deutschen als einen „existierenden und produktiven Wortbildungsprozess“ und grenzt sich damit von anderen Forschern ab, die die Existenz von KIG im Deutschen ausdrücklich ablehnen (vgl. Gomeshi 2004).

Betrachtet man nun bspw. (3), ergibt sich zwangsläufig die Frage nach dem Sinn dieser Ausdrucksweise. Warum verwendet man daheim-daheim (XX) statt des einfachen daheim (X), obwohl XX sowohl aufwendiger zu produzieren, als auch aufwendiger zu verarbeiten ist (Horn 1993: 49)? Anders ausgedrückt, muss ein kommunikativer Mehrwert dieses Wortbildungsprozesses vorhanden sein. Deshalb widme ich mich in meiner Hausarbeit speziell der Frage, wie der kommunikative Mehrwert dieser Äußerungen entsteht.

Diesbezüglich muss zunächst erörtert werden, in welcher Art und Weise der Hörer KIG überhaupt auffassen kann. Hierzu stelle ich kurz dar, welche Lesarten bzw. Relationen existieren. Dabei beziehe ich mich vorwiegend auf Finkbeiners Pilotstudie von 2014 und die darin enthaltenen Relationen „Prototyp“ und „Echt“[3]. Anschließend zeige ich auf, wie der Verstehensprozess bei KIG ablaufen kann. Mit anderen Worten: Wie kommt es dazu, dass der Hörer überhaupt etwas versteht und im Idealfall das versteht, was der Sprecher meint? Um dies zu veranschaulichen, arbeite ich einen möglichen pragmatischen Schlussprozess einer „echten“ Lesart heraus. Dabei berücksichtige ich besonders die Griceschen Konversationsmaximen (vgl. Grice 1993) und deren mögliche Verletzungen. Abschließend stelle ich dar, welche Rolle der Kontext zum Verständnis von KIG einnimmt. Innerhalb dieser Diskussion bestehen divergierende Meinungen bzgl. der Relevanz des Kontexts. Dazu stelle ich Huangs relativ extreme Position der von Finkbeiner und Hohenhaus gegenüber und gehe auch auf die jeweiligen Positionen bzgl. der Lexikalisierung von KIG ein. Im Fazit schildere ich die Ergebnisse meiner Arbeit und diskutiere, inwiefern eine Antwort auf die Forschungsfrage gefunden werden konnte.

2. Lesarten

Grundlegend ist zu erwähnen, dass KIG nicht auf eine einzige, immer gleiche Art und Weise aufzufassen sind und man sie aufgrund dessen nicht auf eine bestimmte Lesart reduzieren kann. Vielmehr existieren zahlreiche unterschiedliche Arten, wie der Hörer eine KIG verstehen kann.

Finkbeiner (2014: 200 ff.) führt in ihrer Pilotstudie bspw. 15 verschiedene Lesarten bzw. Relationen zwischen den beiden Konstituenten auf, denen sie die Antworten der Teilnehmer zuordnet. Dabei wurden 40 StudentenInnen mit Deutsch als Muttersprache eine Auswahl von KIG isoliert vom Kontext vorgelegt (Finkbeiner 2014: 198). Anschließend wurden sie aufgefordert, diese zu paraphrasieren. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Teilnehmer die ihnen vorgelegten KIG - unter den 15 Lesarten - mit Abstand am häufigsten in einer „echten“ oder „prototypischen“ Lesart auffassen[4] (Finkbeiner 2014: 205). Andere Lesarten, die KIG bspw. als „diminutiv“ (Tiger-Tiger als Babytiger) oder „lokal“ (Haus-Haus als Haus im Haus) auffassen, sind in wesentlich geringerem Ausmaß vertreten (Finkbeiner 2014: 200 ff.). Aus diesem Grund beschränke ich mich in meiner Hausarbeit auf die kurze Darstellung der „prototypischen“ und der „echten“ Lesart. Während Hohenhaus (2004: 301) diese beiden in einem Schema „an XX is a proper/prototypical X“ zusammenfasst, betrachte ich beide Kategorien analog zu Finkbeiner (2014: 193) getrennt voneinander.

2.1 Die „prototypische“ Lesart

Diese Lesart beschränkt die lexikalische Einheit auf ihre jeweilige prototypische Bedeutung und grenzt sie somit von weitgehenderen oder stark spezialisierenden Nebenbedeutungen ab (Freywald 2013: 3; Gomeshi et al. 2004: 311). Finkbeiner (2014: 193) bezeichnet dies auch als „intensification“ in der Form „a very p X“, wobei p für die prototypische Eigenschaft der Kategorie X steht. Dies wird am folgenden Beispiel deutlich:

(4) [Gespräch zwischen zwei Freundinnen zur Vorbereitung einer Party.]

A: Ich bringe Omas Nudelsalat mit.

B: Okay. Dann haben wir bis jetzt einen Obstsalat, einen Kartoffelsalat und deinen Nudelsalat. Und wer macht den Salat-Salat ?

(eigenes Beispiel)

Im vorliegenden Beispiel wird somit auf das Prototypische eines Salates verwiesen. Der Sprecher bezeichnet mit Salat-Salat einen Salat, der ausschließlich aus Blattsalat besteht und grenzt diesen durch den Gebrauch einer KIG von anderen, nicht-prototypischen Salatsorten ab.

2.2 Die „echte“ Lesart

Hier wird die lexikalische Einheit auf ihre „echte“ bzw. wirkliche Bedeutung eingeschränkt. Finkbeiner (2014: 193) fasst dies unter dem Begriff „identity“, da das „X identisch zur Kategorie an sich ist“.

(5) Sind das dort am Mainz-Strand etwa Palmen-Palmen ?

(eigenes Beispiel)

In diesem Beispiel bezieht sich der Sprecher auf „echte“ Palmen. Er möchte also wissen, ob es sich bei den von ihm entdeckten Palmengewächsen um „lebende“ und Photosynthese betreibende Pflanzen handelt, oder um künstliche, dekorative Pflanzen.

Allerdings können auch die einzelnen Lesarten wiederum verschieden durch den Hörer aufgefasst werden. Dies lässt sich z.B. bei der Interpretation der „prototypischen“ Lesart feststellen. Huang (2009: 139) und Hohenhaus (2004: 312-313) zeigen auf, dass die Bedeutung der KIG auch „umkehrbar“ ist. So muss Drink-Drink[5] nicht zwangsläufig nach der prototypischen Lesart als ein alkoholhaltiges Getränk verstanden werden, sondern kann - je nach Situation - beispielsweise auch explizit als nichtalkoholisches Getränk interpretiert werden.

3. Verstehensprozess

Nach Finkbeiner (2014: 191) werden KIG üblicherweise verwendet, um eine bestimmte Lesart aus einer Reihe von möglichen Lesarten einer lexikalischen Einheit hervorzuheben. Zugleich soll damit einem potentiellen Missverständnis bzw. einer Doppeldeutigkeit entgangen werden, welches aufgetreten wäre, wenn die Konstituente allein verwendet wird (Hohenhaus 2004: 302).

Um den Verstehensprozess aufzuzeigen, muss zunächst erwähnt werden, dass man bei der Sprecherbedeutung nach Grice zwischen dem explizit Gesagten und dem Gemeinten differenziert (Rolf 1991: 110 ff.). Die Bedeutungsaspekte, die nicht unmittelbar aus dem Gesagten hervorgehen, die also vom Sprecher nur angedeutet, aber nicht kommuniziert werden, bezeichnet Grice als Implikaturen (Finkbeiner 2015: 21). Diese kommen u.a. „durch gezieltes Mißachten einzelner [Konversations-]Maximen[6] “ (Grewendorf/ Hamm/Sternefeld 1999: 403) zustande und werden durch einen pragmatischen Schlussprozess ermittelt. Damit im Falle der Nichterfüllung von Konversationsmaximen trotzdem von einem bedeutungshaltigem Verhalten des Sprechers ausgegangen werden kann, „muß angenommen werden können, daß dieses Verhalten trotz allem kooperativ ist“ (Rolf 1991: 106). Somit kann ein Verstoß gegen die Konversationsmaximen dazu führen, dass der Hörer über zusätzliche Bedeutungsaspekte reflektiert.

Überträgt man diese Annahmen auf KIG, ist auch hier auf Seiten des Hörers ein pragmatischer Schlussprozess nötig. Dabei muss angemerkt werden, dass es entsprechend der verschiedenen Lesarten bzw. Relationen nicht einen einzigen, universellen Schlussprozess gibt, der auf alle derartigen Komposita zutrifft. Vielmehr variiert der Schlussprozess und damit der Weg, wie der Hörer eine KIG erschließen kann, von KIG zu KIG.

Um dies zu verdeutlichen, zeige ich exemplarisch einen möglichen Schlussprozess auf. Dieser pragmatische Schlussprozess einer „echten“ Lesart könnte folgendermaßen aussehen[7]:

(6a) [Dialog zwischen den Vätern zweier Kindergartenkinder]

A: Ich habe meinem Sohn Tom gestern einen Hund geschenkt.

[...]


[1] Im Englischen als „identical constituent compounding“ (Finkbeiner 2014; Hohenhaus 2004), „contrastive focus reduplication“ (Gomeshi et al. 2004), “double construction” (Horn 1993) oder “lexical cloning” (Huang 2009) bezeichnet.

[2] Dies geschieht vorwiegend durch Bindestrich (Finkbeiner 2014: 188).

[3] Neben diesen beiden führt Finkbeiner (2014: 200 ff.) in ihrer Studie diverse weitere Relationen auf und teilt diese in die zwei Hauptlesarten „determinative readings“ und „reduplicative readings“ ein.

[4] Wobei die „prototypische“ Lesart doppelt so häufig vorkam, als die „echte“ Lesart (Finkbeiner 2014: 202).

[5] Das Beispiel stammt von Huang (2009: 139) und wurde von mir auf das Deutsche übertragen und somit als entlehntes Nomen aufgefasst.

[6] Bezüglich der Konversationsmaximen beziehe ich mich auf Grice (1979: 248 ff.).

[7] Dabei habe ich mich am allgemeinen Schema konversationeller Implikaturen von Grewendorf/Hamm/Sternefeld (1999: 409) orientiert.

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668505254
ISBN (Buch)
9783668505261
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372552
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Wortbildung Pragmatik Komposition mit identischen Gliedern Morphopragmatik Linguistik Komposition Schnittstelle der Pragmatik Grice Reduplikation identical constituent compounds

Autor

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Titel: Kompositionen mit identischen Gliedern. Wie kommt es zum kommunikativen Mehrwert?