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Maske des Militarismus. Analyse und Interpretation von Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ in Bezug auf den Militarismus und die Uniform

Hausarbeit 2015 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Instrument des Militarismus
2.1 Der Militarismus im Kaiserreich
2.2 Die Uniform

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus. Aber der Mensch, der Mensch fängt erst beim Leutnant an […]“[1]. Diese Aussage Wormsers steht stellvertretend für die Denkweise der Gesellschaft, wie sie im Werk „Der Hauptmann von Köpenick. Ein deutsches Märchen in drei Akten“ von Carl Zuckmayer dargestellt wird. Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und Interpretation des Werkes in Bezug auf den Militarismus und die Uniform als „Kleider-machen-Leute“-Motiv. Thema des ersten Teiles meiner Analyse ist der Militarismus im Kaiserreich, wobei sich ausschließlich auf die Verhältnisse innerhalb des Werkes selbst bezogen wird. Auf diese Untersuchung folgt letztlich die Betrachtung der Uniform und des damit verbundenen Motivs.

Grund der Themenauswahl ist die Tatsache, dass auch noch zur heutigen Zeit ein gewisses „Kleider-machen-Leute“-Prinzip herrscht. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Beruf des Juristen. Erscheint dieser zu einem Mandantengespräch ohne Anzug, so vermittelt dies, unbeachtet der juristischen Qualitäten, ungewollt einen negativen Eindruck. Auch die im Werk aufgegriffene Obrigkeitshörigkeit ist für mich von Interesse, da Zuckmayer hiermit nicht nur die Ordnung im preußischen System anprangert, sondern zudem auch direkt auf die damals bevorstehende Machtergreifung der Nationalsozialisten anspielt.

2. Das Instrument des Militarismus

2.1 Der Militarismus im Kaiserreich

Disziplin und Gehorsam – zu Zeiten des Kaiserreiches gelten diese Tugenden als oberstes Gut der Gesellschaft. Der Militarismus durchzieht alle Lebensbereiche und schafft so eine Ordnung, die Obrigkeitshörigkeit und auch eine Klassifizierung dieser Gesellschaft hervorbringt. Zuckmayer schreibt sein Werk, um Kritik an genau dieser vom Militarismus durchzogenen Ordnung zu üben. Dazu benutzt er die Figur des Wilhelm Voigt, durch dessen Geschichte er direkt die Hierarchien des Militarismus und des Bürokratismus anprangert.[2]

Wilhelm Voigt, ein Schuster, der aufgrund von diversen Vergehen schon einige Male im Zuchthaus gesessen hatte, startet den Versuch, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Dazu benötigt er einen Pass, welchen er jedoch nicht ohne Arbeit erhält. Arbeit wiederum findet er aber nicht ohne Pass. Er befindet sich also in einem paradoxen Dilemma der Bürokratie, aus welchem er scheinbar keinen Ausweg findet. Doch eben aus dieser Not heraus beschließt er, den preußischen Militarismus mit seiner eigenen Waffe zu schlagen und sich gegen das System aufzulehnen.[3]

Er schart einige Soldaten, die aufgrund seiner Militäruniform Gehorsam leisten, um sich und stürmt mit ihnen das Rathaus. Dadurch gibt er die Uniformhörigkeit der Bürger der Lächerlichkeit preis. Er beweist, dass diese Ordnung den eigentlichen Wert des Menschen anhand seines Ranges berechnet.[4] Somit stellt Zuckmayer eine Ordnung dar, „die dem einzelnen Menschen und seinen Bedürfnissen nicht gerecht wird.“[5]

Diese Thematik gipfelt letztlich in der Diskussion zwischen Voigt und seinem Schwager Hoprecht (HK 97ff.), wobei Letzterer immer wieder davon redet, dass die bestehende Ordnung richtig sei und sich der Mensch dieser unterordnen sollte.

Im Gegensatz zu Voigt, der das Menschliche erst gewährleistet sieht, wenn der Mensch vor der Menschenordnung kommt, ist für Hoprecht das Menschliche nur in Form der Unterordnung gewährleistet. Er ist so von dieser Ordnung überzeugt, dass er lieber den Einzelnen dem System unterstellt, als dieses in Frage zu stellen.[6]

Diese das System verherrlichende Einstellung wird auch in der Person des Hauptmann von Schlettow deutlich. Aufgrund einer Prügelei muss er seinen Dienst quittieren und ist deshalb am Boden zerstört, da er sich nur schwer eine von der Militärlaufbahn abweichende Lebensform vorstellen kann. In einem Gespräch versucht ihn der Schneider Wabschke zu trösten:

Ick meine ja nur – det Militär is ja sehr scheen, aber es is nu wirklich

nich det einzige uff de Welt. De Welt is jroß, und jeden Morjn

jeht de Sonne uff. Wenn eener jung is – und jesund – und

grade Knochen hat – ick meine – wenn eener `n richtiger Mensch is,

det is doch de Hauptsache, nich? (HK 39)

Von Schlettow grübelt kurz über Wabschkes Aussage, kommt dann jedoch zu einer Ablehnung dieser Denkensweise. Er ist ein Opfer des Systemdenkens, hat sich so mit der Ordnung identifiziert, dass er nicht mehr außerhalb von ihr leben kann.[7]

Auch Kaiser Wilhelms Reaktion auf die Köpenickiade („[...] da kann man sehen, was Disziplin heißt! Kein Volk der Erde macht uns das nach!“[8] ), zeigt die verbissene Sicht des Systemdenkers, der den Betrug nicht als Vorführung des maroden Systems, sondern viel eher als dessen Bestätigung interpretiert. Aus allgemeiner Sicht wird sogar eine Art Klassifizierung vorgenommen, selbst die kleinsten Entscheidungen werden aus militaristischer Sicht gefällt. Voigt wird immer wieder mit der Frage „Wo hamse gedient?“ (HK 35) konfrontiert, wie auch zum Beispiel im Gespräch mit Knell, der Arbeiter für die Schuhfabrik einstellt. Für Knell ist es wichtig, dass Leute gedient haben, da man sich nur auf diese verlassen könne. Hier wird folglich eindeutig differenziert. Die Arbeiter werden nicht nach Können und Fleiß eingestellt, sondern einzig und alleine anhand ihrer militärischen Laufbahn. Dabei haben Arbeiter, die niemals gedient haben, sehr schlechte Chancen, wodurch ein weiteres Mal die Bürokratie in ihrer negativen Facette dargestellt wird.

Ein letztes Beispiel ist Bürgermeister Obermüller. Er lässt sich ohne große Gegenwehr von Voigt festnehmen, denn „er ist doch Hauptmann“ (HK 125). Jedoch nimmt Voigt den Bürgermeister in Schutz, als dieser vom Kriminal-Direktor als „schöner Trottel“ tituliert wird. „Sagense det nich, Herr Direktor! Der Mann is gar nich so uneben. Det wär Ihnen jenau so ergangen – det liecht in der Natur der Sache“ (HK 141). Voigt stellt hier also nochmals eindeutig klar, dass das Problem nicht bei den Menschen, sondern bei der Ordnung, deren Gesellschaft einem scheinbar allmächtigen Uniformgeist unterworfen ist, liegt.

[...]


[1] Die Textgrundlage bildet die 1996 erschienene Ausgabe des Fischer Verlags. Zitate aus dieser Ausgabe werden im Folgenden im laufenden Text durch Nennung der Sigle HK und der Seitenzahl belegt (hier HK 54).

[2] Vgl. Wiegmann, Hermann: Carl Zuckmayer. Der Hauptmann von Köpenick. In: Die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Hrsg.: Hermann Wiegmann. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005. S. 184 – 187, hier S. 184.

[3] Vgl. Wagener , Hans: Mensch und Menschenordnung. Carl Zuckmayers „deutsches Märchen“ `Der Hauptmann von Köpenick`. In: Deutsche Komödien: vom Barock bis zur Gegenwart. Hrsg.: Winfried Freund. München: Fink 1988. S. 226 – 240, hier S. 229.

[4] Vgl. Wiegmann, Hermann: Carl Zuckmayer. Der Hauptmann von Köpenick. In: Die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Hrsg.: Hermann Wiegmann. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005. S. 184 – 187, hier S. 185.

[5] Hans, Wagener: Mensch und Menschenordnung. Carl Zuckmayers „deutsches Märchen“ `Der Hauptmann von Köpenick`. In: Deutsche Komödien: vom Barock bis zur Gegenwart. Hrsg.: Winfried Freund. München: Fink 1988. S. 226 – 240, hier S. 233.

[6] Vgl. Wagener , Hans: Mensch und Menschenordnung. Carl Zuckmayers „deutsches Märchen“ `Der Hauptmann von Köpenick`. In: Deutsche Komödien: vom Barock bis zur Gegenwart. Hrsg.: Winfried Freund. München: Fink 1988. S. 226 – 240, hier S. 233.

[7] Vgl. Ebd. S. 236.

[8] Zuckmayer, Carl: Werkausgabe in zehn Bänden 1920 – 1975. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 1976. Band 7, S. 438.

Details

Seiten
9
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668502659
ISBN (Buch)
9783668502666
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v372821
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
maske militarismus analyse interpretation carl zuckmayers hauptmann köpenick bezug uniform

Autor

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