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Körperliche Fremdheit und daraus resultierende Grenzen der Partizipation. Organisierter Sport vor dem Hintergrund kultureller und religiöser Zugehörigkeit mit Blick auf den Islam

Bachelorarbeit 2016 47 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DER MIGRATIONSBEGRIFF
2.1 Definition
2.2 Entwicklung der Zuwanderung nach Deutschland

3. EINBLICK IN DIE MUSLIMISCHE RELIGION UND KULTUR UND IHREM BEZUG ZUM KÖRPER MIT BESONDEREM AUGENMERK AUF DIE FRAUEN
3.1 Dasrichtige Verhaltenim Islam
3.1.1 Erziehung nach muslimischer Margabe
3.2 Der Körper, Sport und Bewegung im Islam
3.2.1 Religiöse Bewegungspraktiken
3.2.2 Das Gebet
3.2.3 Die Pilgerfahrtnach Mekka
3.2.4 Rituelle Tänze
3.3 Sport aus islamischer Perspektive
3.4 Stellung der Frau im Islam und ihr Bezug zum Sport
3.5 Zusammenfassung

4. SPORT IN DEUTSCHLAND
4.1 Grundzüge des Christentums
4.2 Bezügeund Haltungen zum Köperaus christlicher Sicht
4.3 Sportaus christlicher Sicht
4.4 Stellenwert des Sports in Deutschland

5. FREMDHEITSBEGRIFF
5.1 Fremdheit-eine Begriffserklärung
5.1.1 Fremdheitals Beziehungserfahrung
5.1.2 Fremdheitals Ordnungsstifter
5.1.3 Fremdheitals Symbolträger
5.2 Körperliche Fremdheit im Sport

6. HABITUS-THEORIE VON BOURDIEU
6.1 Habitus
6.2 Geschmack
6.3 Symbolische Gewalt
6.4 Habitus und körperliche Fremdheit am Beispiel deutsch-türkischer Fubballspiele

7. FREMDHEIT IN DER ÖFFENTLICHEN WAHRNEHMUNG AM BEISPIEL DER OLYMPISCHEN SPIELE

8. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Verschiedenheit von muslimischen und nichtmuslimischen Menschen im organisierten Sport vor dem Hintergrund ihrer Religion und Kultur. Sie soll Aufschluss darüber geben, inwiefern religiöse und kulturelle Unterschiede im Sport relevant gemacht werden und welche Folgen sie für die einzelnen Personen selbst und in der Gesellschaft haben (Tauzimsky, 2010).

Im Sport ist der Körper Dreh- und Angelpunkt fast aller Handlungen und Aktivitäten. Aber gerade dieser ist es, der in den meisten Religionen als der Tempel Gottes verstanden wird, den es gilt zu pflegen und gesund zu halten (Steinbrecher, 2005). Diese wichtige Auslegung des Körpers innerhalb der verschiedenen Religionen und Kulturen bringt eine Vielzahl von Bedeutungen und Beziehungen zum Körper mit sich, die je nach Religion und Kultur anders aufgefasst werden.

So kommen ethnische und kulturelle Werte und Normen einer Religion gerade im Sport zum Tragen, da sie sich im Körper niederlegen und so im Sport zum Ausdruck kommen (Dahl, 2008). Zwar wird Sport als ein offenes Feld mit freiem Zugang für jede Religion und Kultur postuliert, jedoch bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass das Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft oftmals Zündstoff für Konflikte und Ausgrenzung mit sich bringt (Seiberth, 2012). Ausgehend von einem universellen Charakter des Sports, liegt es nahe, dass er eine zentrale Stelle in Integrationsplänen einnimmt und diese auch mit staatlichen Geldern gefördert werden. Zum Beispiel wirbt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit Slogans wie „Sport spricht alle Sprachen“ oder „Mein Freund ist Ausländer“ (Mutz, 2012). Sportvereine haben dieses Integrationspotenzial durch ihre leichte Zugänglichkeit, da es fürjeden möglich ist sich in einem Sportverein anzumelden. Außerdem bietet es die Möglichkeit in Kontakt mit einheimischen Menschen zu kommen und soziale Einbindung zu erleben (ebd.). Des Weiteren werden soziale Kompetenzen, so schreibt Christa Kleindienst-Cachay (2007), durch die Annahme von allgemeinen Regeln, dem Fairplay und dem daraus resultierenden Respekt dem Gegner gegenüber erworben (Cachay & Digel, 2012).

Wie sieht nun aber die Kehrseite der Medaille aus? Besteht für Menschen mit anderem kulturellen und religiösen Hintergrund die Möglichkeit der Teilnahme am organisierten Vereinssport unter Berücksichtigung ihrer eigenen Werte und Normen?

Nicht nur religiöse Differenzen stellen eine Schwierigkeit für Menschen mit Migrationshintergrund dar, sondern auch kulturbedingte Andersartigkeit kann die Tür für Fremdheitserfahrungen öffnen. Diese kann unter anderem Bewegungsformen, Aussehen oder auch Sportspielformen mit anderen Regeln betreffen (Gieß-Stüber, 2005).

Fremdheit gibt es in einer Vielzahl von Erscheinungsformen. Was dem einen fremd erscheint, kann dem anderen vertraut Vorkommen. Die Interpretation von dem, was einem fremd erscheint, liegt oftmals im Auge des Betrachters und unterliegt individuellen Wissensordnungen und Erfahrungen (Seiberth, 2012).

Um diese Schwierigkeit verstehbar machen zu können, bedarf es eines fundierten Wissens über kulturelle und religiöse Zusammenhänge der immigrierenden muslimischen Gemeinschaft in Bezug auf Sport und Körper. In der vorliegenden Arbeit soll deshalb in einem ersten Schritt näher auf die Kultur und Religion muslimischer Migranten eingegangen werden und welche Stellung der Körper und Sport in ihrem Lebenskontext einnimmt. Dies bedarf auch einer klaren Unterscheidung des Geschlechts, da dieses erheblichen Einfluss auf die sportliche Ausübung hat. Weiter sollen das deutsche Sportverständnis und der Stellenwert von Sport in Deutschland beschrieben werden.

Soziologische Begriffe und Theorien, wie Fremdheit, körperliche Fremdheit, Habitus, Geschmack und symbolische Gewalt sollen erklärt werden und Entstehungsmechanismen von Exklusion und Ausgrenzung verstehbar machen. Diese theoretischen Begriffe sollen dann in einen sportlichen Kontext eingebettet werden, indem anhand von Beispielen bei sportlichen Interaktionen Fremdheitserfahrungen aufgewiesen werden sollen.

Diese Arbeit soll ein Gegenstück zu dem sonst so verbreiteten integrativen Charakter des Sports leisten. Dennoch soll darauf verwiesen werden, dass Sport durchaus das Potenzial hat, einen Beitrag zur Integration zu leisten.

Dieses Thema scheint im allgemeinen Interesse zu sein, da in der deutschen Gesellschaft ein hoher Anteil an muslimischen Mitbürgern lebt und die aktuelle Situation der Flüchtlingskrise noch mehr Menschen mit muslimischen Hintergrund nach Deutschland bringt. Diese Tatsachen und Geschehnisse stellen die deutsche Gesellschaft vor die große Aufgabe der Integration.

Besonders Sport wird gerne im Zusammenhang mit Integration erwähnt, da sprachliche Barrieren hier eher selten zum Tragen kommen. Andererseits ist aber auch der Körper kulturell geprägt und trägt kulturelle Charakteristika nach außen.

Diese unterschiedlichen Köperauffassungen werden im Sport reproduziert und führen zu Fremdheitserfahrungen (Seiberth, 2012).

2. Der Migrationsbegriff

ln einem ersten Schritt soll der Begriff der Migration etwas näher erläutert und die Migrationsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland kurz beschrieben werden. Es sei von vorneherein gesagt, dass die Begriffsdefinition und historischen Hintergründe nur soweit aufgegriffen werden, wie es für die vorliegende Arbeit von Nutzen ist, und somit nicht von einer Vollständigkeit des Begriffes und der Historie ausgegangen werden kann. Des Weiteren wird ausschließlich auf Migranten mit muslimischen Hintergrund Bezug genommen, da diese den Kern der Arbeit bilden.

2.1 Definition

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) definiert Menschen mit Migrationshintergrund wie folgt:

„Zu den Menschen mit Migrationshintergrund (im weiteren Sinn) zählen nach der Definition im Mikrozensus "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil" (Bundesamt für Migration)

Migration bezeichnet also das Phänomen der Zuwanderung nach Deutschland, die auf überdauernden, was nicht aus der Definition ersichtlich ist, Aufenthalt ausgerichtet ist (Boos-Nünning & Karakasoglu, 2006). Des Weiteren gilt diese Bezeichnung für Nachkommen, für dessen Vorfahren sie bereits die dritte Generation bilden. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass kulturelle Werte und Normen, die auch eng mit religiösen Werten verbunden sind, über Generationen hinweg weitergegeben werden und somit auch Migranten der dritten Generation betreffen. Denn genau diese Tatsache stellt Migranten vor Schwierigkeiten der Anpassung, da sie sich in einer „kulturellen Identitätskrise“ (ebd.) befinden. Zum einen entfernen sie sich von ihrer Herkunftskultur, durch Übernahme von Werten und Normen der Aufnahmegesellschaft und zum anderen wird die Aufnahmekultur noch nicht komplett übernommen. Sie stehen quasi zwischen den Kulturen (ebd.). Genau dieser Punkt ist für die Soziologie entscheidend. Sie versucht die Folgen der Migration für das Individuum und die Gesellschaft zu erfassen. Sowohl die Änderungen in der Aufnahmegesellschaft, wie auch das Verhalten der migrierenden Personen (Treibel,1999)

2.2 Entwicklung derZuwanderung nach Deutschland

Im Folgenden soll die Immigrationsentwicklung muslimischer Länder nach Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg skizziert werden.

Der wirtschaftliche Aufschwung und der daraus resultierende Arbeitskräftemangel begünstigte Migrationsbewegungen nach Deutschland. Von der Bundesregierung in Gang gesetzt gab es 1955 das erste „Abkommen über Anwerbung und Vermittlung von Arbeitskräften“ mit Italien. Verträge 1961 mit der Türkei, 1963 mit Marokko und 1965 mit Tunesien, welches vorwiegend muslimische Länder sind, führte viele Menschen nach Deutschland, die dem Islam angehören (DOMiD).

In einem ersten Gedanken waren angeworbenen Arbeiter nur für eine kurze Aufenthaltsdauer und zur vorübergehenden Beschäftigung geplant, jedoch der Anwerbestopp 1973 führte dazu, dass viele der bereits angeworbenen Arbeiter, aus Angst nicht nach Deutschland zurückkehren zu können, das Land nicht mehr verlassen wollten und über Familiennachzug Angehörige nach Deutschland holten (ebd.).

Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits fast 4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik Deutschland, was damals in etwa 7% der Bevölkerung entsprach (Münz, Seifert & Ulrich, 1997). Der Anwerbestopp und die Rezession 1974/75 reduzierten vorläufig die Zuwanderung, da die Bedingungen der Einwanderung in Form von rechtlichen Regelungen erschwert wurden. Vor allem aber der Anwerbestopp von ausländischen Arbeitskräften trug zu einem Rückgang bei. Jedoch war dies nur von kurzer Dauer, bereits 1978 wurde ein Wanderungsgewinn von 50.000 Ausländern verbucht (Stöber, 2016). Auch die Rezession in den Anfängen der 80er Jahre bewirkte kaum einen Rückgang, so lebten 1980 4,5 Millionen Ausländer in Deutschland und 1985 4,4 Millionen. Die Beschäftigung ausländischer Mitbürger aber ging zurück, so standen 1980 2,1 Millionen Ausländer in einem unselbstständigen

Arbeitsverhältnis und 1985 lediglich nur noch 1,6 Millionen. Ab 1987 gab es einen erneuten Aufschwung von Zuwanderung nach Deutschland, welcher durch Kriege im Ausland bedingt war. Zum einen gingen viele Asylanträge in Deutschland durch die kritische Situation in der kurdisch besiedelten Türkei ein und zum anderen brachten die Unruhen im Ausland viele dazu ihre Angehörigen nach Deutschland zu holen. Des Weiteren gab es eine erneute Zuzugswelle auf Grund des Wirtschaftsaufschwunges durch die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland (Münz, Seifert & Ulrich, 1997). Die folgenden Jahre waren durch stetige Zu- und Abwanderungen geprägt. Erst ab 2010 wurden wieder deutlich höhere Zahlen bei der Zuwanderung verbucht, was als Ergebnis von wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, Bürgerkriegen, vor allem in Syrien, und islamistischem Terrorismus geschuldet ist (Stöber, 2016).

3. Einblick in die muslimische Religion und Kultur und ihrem Bezug zum Körper mit besonderem Augenmerk auf die Frauen

Der Islam ist im Vergleich zum Christentum eine eher jüngere Religion, die 622 n. Chr. durch das Verkünden des Propheten Muhammad entstanden ist. Sie wird verstanden als eine Klarheit bringende Schrift des Wortes Gottes, da die im Christentum und Judentum entstanden Schriften nach islamischer Vorstellung das reine Wort Gottes verfälscht haben sollen (Dahl, 2008).

Die Heilige Schrift im Islam heißt Koran, ist in 114 Suren geteilt, die wiederum in Verse unterteilt sind. Er wurde ursprünglich auf Arabisch verfasst und gilt nur in der Originalsprache als unverfälscht (Antes, 1991).

Der Islam ist eine monotheistische Religion, was bedeutet, dass es nur einen wahren Gott gibt (Küng, 2004). Um die Kultur eines Landes oder einer ethnischen Gruppe zu verstehen, ist es wichtig sich mit der Religion auseinanderzusetzen, da Kultur und Religion in einem engen Zusammenhang stehen (Stosch, Schmitz & Hoffmann, 2016). Sowie in anderen Religionen auch, gibt es im Islam verschiedene Ausprägungen und Auffassungen, dennoch lassen sich grundlegende Gemeinsamkeiten und Charakteristika herausarbeiten, die kennzeichnend für den Islam (Dahl, 2008) und „Grundlage allen theologischen Verständnisses der Wirklichkeit“ (Hofmann, 1993) sind. Hofmann (1993) nennt 6 Glaubensartikel, die grundlegend sind:

- Existenz Gottes
- Existenz von anderen geistigen Lebenswesen (»Seine Engel«)
- Existenz göttlicher Offenbarung (»Seine Bücher«)
- Entsendung von Propheten (»Seine Gesandten«)
- Letztes Gericht / Leben nach dem Tod
- Vorherbestimmung (Hofmann, 1993. S. 31)

3.1 Das richtige Verhalten im Islam

Betrachtet man das Wort Islam und seine Bedeutung, so lassen sich erste Verhaltenszüge bereits erkennen. Es ist abgeleitet von dem arabischen Verb aslama, was so viel bedeutet wie „übergeben, sich ergeben, sich hingeben“ (Dahl, 2008). Daraus kann man schließen, dass ein Muslim, wie es auch Hofmann (1993) beschreibt, sich dem Willen Gottes vollkommen unterwirft und den Koran als Lebensanleitung nutzt.

Des Weiteren wird das Verhalten durch die sogenannten 5 Säulen des Islams vorgeschrieben, welche Muslime zu gutem Handeln in allen Lebensbereichen veranlassen soll.

- das Glaubensbekenntnis (schahada)
- fünfmal tägliches Gebet zu festgelegten Zeiten (salat)
- Abführen einer jährlichen Vermögenssteuer/Almosen (zakat)
- Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang im Monat Ramadan (säum)
- Pilgerfahrt nach Mekka (haddsch) (Hofmann, 1993, S. 32)

Außerdem wird ein Muslim dazu angehalten, sich an die 10 Gebote des Alten Testaments und an das Gebot der Nächstenliebe aus dem Neuen Testament zu halten, was zum einen ein Beleg dafür ist, dass der Islam nach dem Christentum entstanden ist und zum anderen ein Zeichen für die Flexibilität im Bezug auf die Ausbreitung dieser Religion ist, da sie Elemente aus anderen Kulturen übernommen hat (Reader, 2001).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Verhalten im Islam durch eine Reihe Gesetze gelenkt ist und verstärkt auf soziales, zwischenmenschliches Verhalten und der Aufopferung zu Ehren Gottes Wert legt (Antes, 1991).

Zudem ist der Koran das wegweisende Wort, welches zwischen Recht und Unrecht bzw. erlaubten und verbotenen Handlungen unterscheidet (Hofmann, 1993). Dennoch sind in der heutigen Zeit, bis auf in einigen Ländern, wie zum Beispiel in dem Iran, der sich als Islamische Republik Iran bezeichnet, in vielen muslimisch geprägten Ländern Religion und Staat getrennt (Dahl, 2008).

3.1.1 Erziehung nach muslimischer Maßgabe

In dem vorangegangenen Kapitel über das richtige Verhalten lassen sich bereits Ansätze erkennen, die für die Erziehung der Kinder von Bedeutung sind. So sollen den Kindern Grundsätze der muslimischen Lehre nahegebracht werden, wie beispielsweise die Säulen des Islams und die zuvor angesprochenen Gebote (Antes, 1991). Außerdem gibt der Koran Hinweise für richtiges Verhalten, nachdem sich die Erziehung richtet. So heißt es zum Beispiel in der Sure 31, Vers 19:

„Wende deine Wange (dein Angesicht) nicht verächtlich von den Menschen ab und gehe nicht hochmütig im Land umher; denn Allah liebt anmaßende und prahlerische Menschen nicht.“ (Der Koran, 1959).

So wird auch in der Sure 16 Vers 24 von der Verachtung Allahs von hochmütigen Menschen berichtet. Die Erziehung soll einheitsbildend sein. Sie soll Kindern helfen sich in einer Gemeinschaft einzuordnen und nicht abzugrenzen bzw. herauszuragen, was in Bezug auf den Sport den Leistungsgedanken in Frage stellen würde (Antes, 1991). Hingegen dieser Annahme sagt Irmgard Pinn (1999), dass „die türkische Erziehung [...] durch Respekt, Gehorsam, Religiosität Leistungsbestreben und nationale Identität(Pinn, 1999) geprägt sei. Sie betont, dass die familiäre Ausrichtung auf die väterliche Autorität und die Wahrung der Familienehre befremdliche Faktoren seien, die einer Integration im Wegen stehen könnten (ebd.).

3.2 Der Körper, Sport und Bewegung im Islam

Sowohl der Islam wie auch das Christentum gelten als eine Religion, in welcher Gott der Schöpfer ist, der die Erde erschaffen hat und dem Menschen seinen Körper gegeben hat. Der Körper als Geschenk Gottes erhält eine gewisse Wertschätzung, da er die Seele und den Geist beherbergt. Sie werden allerdings nicht als einzelne Komponenten verstanden, sondern als eine Einheit (Dahl, 2008). Deshalb ist es auch eine sehr wichtige Aufgabe eines jeden Muslims, seinen Körper zu pflegen und gesund zu erhalten, denn ohne gesunden Körper gibt es auch keinen gesunden Geist. Aufgrund dessen begrüßt der Islam auch sportliche Aktivitäten, da sie der Gesunderhaltung des Körpers dienen. Aber nicht nur die Gesunderhaltung, sondern auch die Hygiene ist ein wichtiger Punkt, da sie mit zur Pflege des Körpers gehört. Die positive Stellung des Islams gegenüber sportlicher Aktivität findet sich auch im Koran und in religiösen Riten wieder (Naciri, 1973).

3.2.1 Religiöse Bewegungspraktiken

Im Folgenden werden das Gebet, die Pilgerfahrt nach Mekka und rituelle Tänze als religiöse Bewegungspraktiken näher beschrieben

3.2.2 Das Gebet

Als erstes ist mit Sicherheit das Gebet zu nennen, welches bestimmten Bewegungsabläufen unterliegt. Das Gebet ist in verschiedene Positionen gegliedert. Man steht, man verneigt sich und wirft sich nieder. Fünfmal täglich wird diese Bewegung von einem Moslem durchgeführt und füllt so seinen Tag bereits mit sportlichen Aktivitäten. Das Gebet geht auch immer einher mit einer Waschung, um rein vor Gott zu treten (Dahl, 2008).

3.2.3 Die Pilgerfahrt nach Mekka

Eine der fünf Säulen des Islams bezieht sich auf die Pilgerfahrt nach Mekka, welche auch mit bewegungsintensiven Phasen einhergeht. Der schwarze Stein muss zu Beginn sieben Mal umrundet werden und daraufhin folgt das siebenmalige hin und her Wandern zwischen den Hügeln Safar und Marwa. Dieses Ritual geht auf die Geschichte von Hagar und Ismael zurück, die sieben Mal an derselben Stelle vorbeikamen, während sie auf der Suche nach Wasser waren (Knödler, 2004).

3.2.4 Rituelle Tänze

Des Weiteren sind noch die rituellen Derwischtänze zu nennen, die durch ihre Komplexität bezüglich Einsatz von Beinen, Hüfte, Kopf und Armen herausfordernd sind, Körperbeherrschung verlangen und geübt werden müssen (Hassan & Schwendemann, 2005).

3.3 Sport aus islamischer Perspektive

Wie schon erwähnt, steht der Islam dem Sporttreiben generell positiv gegenüber und fordert sogar ausdrücklich die Erziehung in bestimmten Sportarten. So betont Hasir (2014), „dass der Prophet und zweite Kalif, Omar Ibn Khattab, empfohlen hätte, Kindern das Schwimmen, Bogenschießen und Reiten beizubringen, sowie Wettkämpfe zu veranstalten, die körperliche Anstrengung und Disziplin verlangen.“ (Hasir, 2014)

Zudem wird auch von einem Wettrennen zwischen dem Propheten Muhammad und seiner Frau Aisha berichtet, was zum einen ein Beleg für den Wettkampfgedanken ist und zum anderen auch ein Beleg dafür ist, dass Frauen das Laufen gestattet ist (ebd.). Das Thema über die Stellung der Frau im Islam und das Sporttreiben wird im nächsten Kapitel behandelt. Auch wenn der Islam grundlegend dem Sport positiv gegenüber steht, ist es immer eine Frage des richtigen Maßes wie und wie viel Sport betrieben wird. So sollten die sportlichen Aktivitäten zum Beispiel nicht im Konflikt mit der Ausübung religiöser Pflichten stehen (Mutz, 2015). Außerdem kritisiert Afzal Ismail, Mitglied der„Jamiatul Ulama Transvaal - Council of Muslim Theologians“ in Johannesburg/Rep. Südafrika „die Kommerzialisierung des Spitzensports, die bewusste Schädigung des Körpers im Sport (z.B. durch Doping)“ sowie „eine übertriebene Vergötterung von Sportidolen“ (ebd.).

3.4 Stellung der Frau im Islam und ihr Bezug zum Sport

Grundlegend kann in einem ersten Gedanken von einer Gleichstellung von Mann und Frau im Islam ausgegangen werden, schließlich sind sie, wie es im Koran in der Sure 4 Vers 2 gesagt wird, aus ein und demselben Wesen geschaffen und unterliegen somit „mit gleicher Potenz und Bestimmung den gleichen existentiellen Bedingungen“ (Hofmann, 1993. S. 163). Dies betonen auch Khoury, Hagemann und Heine (1991), die hervorheben, dass vor Gott alle gleich sind und denselben Pflichten bezüglich Glaube und Wohltaten unterliegen und vor Gott Buße tun müssen. Hofmann (1993) misst den Frauen im Islam sogar eine besondere Wertschätzung zu, was er damit begründet, dass eine Sure nur den Frauen gewidmet ist. Die vierte Sure heißt „Die Frauen“ und befasst sich mit ihren „Rechten und ihrem Familienleben“ (Hofmann, 1993. S. 163). Gleich der erste Vers beschreibt die Gleichheit, begründet in derselben schöpferischen Herkunft, und Gleichwertigkeit der Frau (ebd). Auf der anderen Seite lassen sich durchaus Koranstellen finden, die den Mann, sowohl in biologischer wie auch ökonomischer Sicht, über die Frau stellt (Walther, 1991). So heißt es in Sure 4 Vers 35:

„Männer sollen vor Frauen bevorzugt werden (weil sie für diese verantwortlich sind), weil Allah auch die einen vor den anderen mit Vorzügen begabte und auch weil jene diese erhalten. Rechtschaffene Frauen sollen gehorsam, treu und verschwiegen sein, damit auch Allah sie beschütze. Denjenigen Frauen aber, von denen ihr fürchtet, daß sie euch durch ihr Betragen erzürnen, gebt Verweise, enthaltet euch ihrer, sperrt sie in ihre Gemächer und züchtigt sie. Gehorchen sie euch aber, dann sucht keine Gelegenheit, gegen sie zu zürnen; denn Allah ist hoch und erhaben“ (Der Koran)

Dennoch wird in verschiedenen Büchern darüber berichtet, dass die vorislamische Zeit weit aus diskriminierender Frauen gegenüber war und die Verkündung des Korans die Stellung der Frau in der Gesellschaft durchaus verbessert hat (Dahl, 2008; Hofmann, 1993).

Trotz dessen ist die Frau im Islam dem Mann im Erb-, Familien- und Eherecht deutlich nachgestellt, was aber nicht weiter ausgeführt werden soll, da es dem Thema dieserArbeit nicht dienlich ist (Dahl, 2008)

Bezüglich des Sports sind es eine Vielzahl von Regelungen und Vorschriften, die es den Frauen erschweren am Sport teilzunehmen. Die dazu im Koran erwähnten

Textstellen lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren. Eine weit verbreitete Auffassung unterstützt die folgenden Verhaltensregeln und würde mit der muslimischen Erziehung der Töchter und den Verhaltensnormen der Frauen kollidieren (Kleindienst-Cachay, 2007):

- Gebot der Geschlechtertrennung
- Gebot der Beaufsichtigung
- Gebot der Körperverhüllung
- Gebot des Nacktheitstabus
- Gebot der Keuschheit und Virginität (Kleindienst-Cachay, 2007)

Das Gebot der Geschlechtertrennung bedeutet, dass Mädchen und Jungen bzw. Männer und Frauen nicht gemeinsam Sport treiben dürfen. Dies hat auch Auswirkungen für den zweiten Punkt, denn Frauen sollten beim Sport auch nur von Frauen angeleitet werden und am besten auch nur von Frauen, die derselben Religion angehören. Der Raum sollte auch nicht für Männer einsehbar sein (Dahl, 2008). Das Gebot der Körperverhüllung sieht vor, dass eine Frau ihren Körper so bedeckt, dass erogene Bereiche verdeckt bleiben. Wie oben schon angesprochen ist dies eine Frage der Interpretation und Auslegung. Das Tragen des Kopftuches ist demnach mehr eine kulturelle Erscheinung als eine religiöse (Hofmann, 1993). Das Nacktheitstabu geht im Prinzip einher mit der Körperverhüllung. So ist es nach dem Koran nicht richtig, sich nackt vor anderen zu zeigen (Kleindienst-Cachay, 2007).

Des Weiteren sind viele der Meinung, dass Anstand und Ehre der Frauen bewahrt werden müsse. Dies bedeutet auch, als Jungfrau zu heiraten. Hierbei liegt die Angst darin, dass das Hymen, der Beweis der Jungfräulichkeit, bei bestimmten sportlichen Aktivitäten zerstört werden könnte. Es wird auch befürchtet, dass Frauen durch das Ausüben bestimmter Sportarten zu sehr vermännlicht werden (Dahl, 2008).

3.5 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Islam eine Religion ist, die sehr weit in das Leben des Menschen eingreift und für jede Situation im Leben eine Antwort für das richtige Verhalten parat hält. Es wird auch oft in diesem Zusammenhang von einer Gesetzesreligion gesprochen (Radtke, 2005). Allerdings sei an dieser Stelle erwähnt, dass es keine Zwänge gibt in der Religion.

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Details

Seiten
47
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668505476
ISBN (Buch)
9783668505483
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373045
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Sport
Note
1,85
Schlagworte
körperliche Fremdheit Islam Grenzen der Integration Sport Integration Muslime Kultur Religion

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Titel: Körperliche Fremdheit und daraus resultierende Grenzen der Partizipation. Organisierter Sport vor dem Hintergrund kultureller und religiöser Zugehörigkeit mit Blick auf den Islam