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Der Zauberberg von Thomas Mann - Ein Zeitroman

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung
„Kann man Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?“

II Der Roman als Erzählung von der Zeit
Die Ewigkeitssuppe
Zeitphilosophische Aspekte
Wege aus dem zeitlichen Einerlei

III Der Roman der Zeitgeschichte

IV Ein Roman der Erzählzeit

V Resümee

VI Literatur

I Einleitung

„Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?“

Der Erzähler des Zauberbergs stellt sich diese Frage im siebenten Kapitel des Zauberbergs.[1] Sie fungiert als Aufgabenstellung für den gesamten Roman und nennt aber lediglich einen Aspekt der Zeitthematisierung. Thomas Manns Werk ist ein Zeitroman. Er selbst formuliert in seiner Princetoner Einführung in den Zauberberg:

Damit komme ich auf etwas schon Berührtes zurück, nämlich auf das Mysterium der Zeit, mit dem der Roman auf mehrfache Weise sich abgibt. Er ist ein Zeitroman im doppeltem Sinn: einmal historisch, indem er das innere Bild einer Epoche, der europäischen Vorkriegszeit, zu entwerfen versucht, dann aber, weil die reine Zeit selbst sein Gegenstand ist, den er nicht nur als die Erfahrung seines Helden, sondern auch in und durch sich selbst behandelt.[2]

Zu diesen zwei Aspekten der Zeit im Zauberberg gesellt sich noch ein dritter. Der Roman ist auch ein Roman der Erzählzeit. Thomas Mann thematisiert das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit. Es handelt sich also um einen Zeitroman im dreifachen Sinn.

Diese drei unterschiedlichen Perspektiven der Zeit sollen im Weiteren näher beleuchtet werden. Es soll gezeigt werden, wie Thomas Mann Zeit behandelt und welche Quellen und Bezüge er eventuell verwendet hat.

II Der Roman als Erzählung von der Zeit

Die Ewigkeitssuppe

Hans Castorp, noch nicht richtig im Sanatorium angekommen, wird von seinem Vetter belehrt. Castorp, in seiner flachländischen Ungeduld, kann die drei Wochen seines Besuches gar nicht schnell genug hinter sich bringen und nimmt an, dass sein Vetter ihn zurück ins Flachland begleiten wird. Aber Joachim entgegnet ihm folgendes:

„[...] Drei Wochen sind freilich fast nichts für uns hier oben, aber für dich, der du zu Besuch hier bist [...] ist das doch eine Menge Zeit.“[3]

In bezug auf den Begriff der Zeit gibt es auf dem Zauberberg gravierende Unterschiede zum Flachland. Hans Castorp und mit ihm der Leser lauschen Joachims Ausführungen.

„Die springen hier um mit der menschlichen Zeit, das glaubst du gar nicht. Drei Wochen sind wie ein Tag vor ihnen. Du wirst schon sehen. Du wirst das alles noch lernen“, sagt er und setzte hinzu: „Man ändert hier seine Begriffe.“[4]

Die Zeit im Flachland ist meist ausgefüllt durch Ereignisse, Tätigkeit und Veränderungen. Im Unterschied hierzu herrscht auf dem Zauberberg Ruhe, Untätigkeit und Gleichmaß bis hin zur Langeweile. Die Zeit ist praktisch inhaltslos. Der Besucher wird zeitlich entwurzelt.[5]

Es herrscht eine großzügige Zeitwirtschaft im Bergsanatorium. Helmut Koopmann spricht in diesem Zusammenhang von der Präsenz des asiatischen Prinzips, welches durch Auflösung, Unform, Lässigkeit, Gleichgültigkeit und einen verschwenderisch freien Gebrauch der Zeit gekennzeichnet ist. Vor allem Madame Chauchat, die ewige Nachzüglerin der Tischgesellschaft gehört zu den Vertretern dieses asiatischen Prinzips.[6]

Doch nicht nur Madame Chauchat geht nachlässig mit der Zeit um.

Die Insassen des Sanatoriums leiden auch auf zeitlichem Gebiet an einer Schwindsucht. Die Zeit vergeht wie im Flug, obwohl nicht wirklich etwas passiert. Der Zauberberg ist insgesamt ein handlungsarmer Roman.

„[D]ie Zeit [wird] so rasch und massenhaft durchtrieben.“[7] Dem Tag als zeitliche Einheit wird nicht ernsthaft Beachtung geschenkt. Das Sanatorium ist der „Tagedieb par exellence“[8]. Man rechnet hier in größeren Einheiten.

„Wir kennen das Wochenmaß nicht, wenn ich Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir rechnen im großen Stil – das ist ein Vorrecht der Schatten.“[9]

Dies gibt Herr Settembrini dem Neuankömmling Hans Castorp am ersten Tag zu bedenken und verwirft so schon zu Beginn die Absicht des Gastes nur drei Wochen zu bleiben. Hans Castorp gewöhnt sich schnell an die neue Zeitordnung. „Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre ich schon lange – lange bei euch hier oben.“[10] Diese zerdehnende Intensivierung des Zeitsinns ist ein wesentliches Merkmal des Lebens im Sanatorium. Und trotzdem kann die Zeit auch allzu schnell vergehen. Dies ist nur scheinbar paradox.

Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und langweilig machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit.[11]

Der Protagonist Castorp findet sich gut im Sanatorium ein. Ihm behagt das Leben hier, vor allem die Liegekur. Er ist sehr anfällig für die Zauberbergzeit. Das mag daran liegen, dass er die freie Zeit zu schätzen weiß. Die streng metrisierte Zeit der Arbeitswelt im Flachland scheut er. Er neigt dazu, die Zeit unausgefüllt verstreichen zu lassen, er ist arbeitsscheu.

Angestrengte Arbeit zerrte an seinen Nerven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß er eigentlich viel mehr die freie Zeit liebe, die unbeschwerte, an der nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die Zeit, die offen vor ihm gelegen hätte, nicht abgeteilt von zähneknirschend zu überwindenden Hindernissen.[12]

In einem Gespräch mit Herrn Settembrini sagt er einmal: „Recht gesund fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue -.“[13] Der Aufenthalt im Sanatorium ist genau das Richtige für ihn. Denn hier oben wird die Zeit totgeschlagen. Besser gesagt: „Es ist überhaupt keine Zeit.“[14] Und so bleibt Hans Castorp auch nicht nur drei Wochen im Berghof, sondern er „verlängert“ seinen Aufenthalt um sieben Jahre.

Ein Tag gleicht dem anderen. „Der Normaltag war klar gegliedert und fürsorglich organisiert, man kam rasch in den Trott [...].“[15] Die Zergliederung des Tages in kleine Einheiten macht ihn „künstlich kurzweilig“[16], obwohl sich nicht viel ereignet hat. Mahlzeiten, Liegekur und die täglichen Spaziergänge, eventuell ab und zu die Konsultationen bei Doktor Behrens oder dessen Assistenten, das sind die Dinge, die einen „Berghof-Normaltag“[17] ausfüllen. Vor allem im Speisesaal wird deutlich, in welchem Maße die Zeit vernichtet wird: „Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal [...].“[18] Die Uniformität der Tage erreicht einen erschreckenden Punkt.

Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer, und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als kurz erlebt werden.[19]

Die Wiederholungen lassen die Zeit immer wieder gleich erfahren. Schlussendlich schrumpft die Zeit zusammen zu einer „ewigen Gegenwart“[20]. Der Zeitverlauf wird zum kreisförmigen Einerlei:

Man bringt dir die Mittagssuppe, wie man sie dir gestern brachte und sie dir morgen bringen wird. [...] die Zeitformen verschwimmen dir, rinnen ineinander, und was sich als wahre Form des Seins dir enthüllt, ist eine ausdehnungslose Gegenwart, in welcher man dir ewig die Suppe bringt.[21]

Hans Castorp befindet sich mitten in dieser „Ewigkeitssuppe“. Nicht nur der Tag kreist in sich, auch die Woche der Monat und das Jahr. Sogar einzelne Augenblicke gleichen sich bis zur Identität, beispielsweise der Besuch beim Friseur[22]

oder wenn er sich die Nägel kürzte, - flog plötzlich mit einer Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn an, ein Schwindel in des Wortes schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige Nicht-mehr-Unterscheiden vom ‚Noch’ und ‚Wieder’, deren Vermischung und Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.[23]

Ulrich Karthaus fasst dies in seinem Aufsatz folgendermaßen zusammen: „Die kreisende Zeit ist nicht mehr ein eindimensionales lineares Kontinuum, sondern zyklische Wiederkehr des gleichen; sie ist die in immer neuen Augenblicken erfahrene Ewigkeit.“[24]

Hans Castorp verliert den Halt in der Zeit, er ist hoffnungslos verloren. Vergangenheit und Zukunft sind verwischt, haben sich aufgelöst. Im Sanatorium hat man keine Verpflichtungen, muss keine Fristen einhalten und macht auch keine Pläne. Hofrat Behrens beispielsweise hat Hans Castorp bezüglich seines Aufenthaltes keine bestimmte Frist gesetzt und „Was nützte es auch, wenn er mir einen Termin setzte?“[25] Kalendarische Begriffe sind auf dem Zauberberg bedeutungslos. „Hans Castorp hat auch keinen Kalender auf seinen Ausflug genommen“[26], er würde ihm ja doch nicht nützen. Er versucht die Orientierung nicht zu verlieren, indem er sich an den Feiertagen des Jahres „festhalten“ will. Doch auch die Festtage verfolgen einander in beträchtlichem Tempo, so dass man den Überblick verliert.

Da haben wir nun Weihnachten gehabt und wussten, daß Neujahr war, und nun kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt es hier Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später ist, und dann ist ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende, verstehen Sie, und es geht auf den Herbst...[27]

Dieses rasende Verschlingen der Zeit geht Herrn Settembrini zu schnell und auch der Leser möchte am liebsten „Halt! halt! halt!“[28] rufen.

[...]


[1] Mann, Thomas: Der Zauberberg. Roman. Frankfurt am Main 2000, S. 741.

[2] Mann, Thomas: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden, Band XI. Frankfurt am Main 1990, S. 611f. Im Folgenden werden alle Angaben aus den Gesammelten Werken durch Nennung des Bandes und der Seite angeführt.

[3] Mann: Zauberberg, S. 16.

[4] ebenda, S. 16.

[5] vgl. Hick, Christian: Vom Schwindel ewiger Gegenwart. Zur Pathologie der Zeit in Thomas Manns Zauberberg. In: Die Welt der Wissenschaften in Thomas Manns Roman, hg. v. Dietrich von Engelhardt und Hans Wisskirchen. Stuttgart 2003, S. 77.

[6] vgl. den ausführlichen Aufsatz von Koopmann, Helmut: Über den asiatischen Umgang mit der Zeit in Thomas Manns Zauberberg. In: H.K.: Der schwierige Deutsche. Studien zum Werk Thomas Manns. Tübingen 1988.

[7] Mann: Zauberberg, S. 373.

[8] Sprecher, Thomas: Davos im Zauberberg. Thomas Manns Roman und sein Schauplatz. München 1996, S. 19.

[9] Mann: Zauberberg, S. 84.

[10] ebenda, S. 117.

[11] ebenda, S. 146.

[12] ebenda, S. 52.

[13] ebenda, S. 86.

[14] ebenda, S. 28.

[15] ebenda, S. 148.

[16] ebenda, S. 267.

[17] ebenda, S. 502.

[18] ebenda, S. 373.

[19] ebenda, S. 146.

[20] vgl. hierzu Hick: Schwindel ewiger Gegenwart.

[21] Mann: Zauberberg, S. 256.

[22] vgl. Mann: Zauberberg, S. 746.

[23] ebenda

[24] Karthaus, Ulrich: Der Zauberberg – ein Zeitroman. Zeit, Geschichte, Mythos. In: DVjs 44 (1970), S. 275.

[25] Mann: Zauberberg, S. 445.

[26] ebenda, S. 281.

[27] ebenda, S. 445.

[28] ebenda

Details

Seiten
23
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638366908
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37307
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
Zauberberg Thomas Mann Zeitroman Hauptseminar

Autor

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Titel: Der Zauberberg von Thomas Mann - Ein Zeitroman