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Der Spiegel der Seele? Kleidung als nonverbales Medium

Hausarbeit 2012 41 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - „Kleider machen Leute“ !?

2 Theoretische Grundlagen - Kleidung als Medium nonverbaler Kommunikation
2.1 Voraussetzungen für medialen Charakter
2.1.1 Definition „Medium“
2.1.2 Modell des Encoding / Decoding nach Stuart Hall
2.1.3 „Geschmack“nach Pierre Bourdieu
2.1.4 Differenzierung in Signalräume
2.2 Geschichtlicher Wandel
2.2.1 Kleidung als Zeitindikator
2.2.2 Modelle des Mode wandels
2.2.3 Mode als Collective Selection bei Herbert Blumer
2.3 Bedürfnisbefriedigung durch Kleidung

3 Das Projekt - Tagebuch der Kleidungswahl
3.1 Vorbereitungen und Ideenfindung: Halo-Effekt bezüglich Stimmungslage !?
3.2 Konzeption der Tagebuch-Vorlage
3.3 Umsetzung des Projekts

4 Analyse
4.1 Auswertung der Tagebucheinträge
4.2 Feedback der Projekt-Teilnehmer
4.3 Persönliche Würdigung des Seminars

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung - „Kleider machen Leute“ !?

Gut gekleidet - schlecht gekleidet.

Schön - unschön.

Sympathisch - unsympathisch.

Wenn wir in unserem alltäglichen Leben einer fremden Person begegnen, setzen wir allein durch deren optische Merkmale ein Bild in unserem Kopf zusammen. Dieses speichert die rein äußerlichen Eigenschaften ab, bewertet diese jedoch gleichzeitig umgehend und konstruiert so gedanklich die Vorstellung des Menschen, der hinter der Fassade stecken mag - und inkludiert dessen potenzielle Persönlichkeit, Interessen und vorangegangene Lebensgeschichte.

Dieser kognitive Prozess der Assoziationen wird vor allem von einer Determinante bestimmt: der Kleidung. Denn Kleider machen Leute - ein Denkanstoß, zu dem der Schriftsteller Gottfried Keller bereits 1874 durch seine gleichnamige Novelle anregte.[1]

Die Tatsache, dass wir das Äußere eines Menschen unmittelbar als positiv oder negativ bewerten oder ihm zumindest eine gewisse Tendenz in eine der beiden Richtungen zuweisen, liegt in dem sogenannten universe of appearence, welches uns alle umgibt und automatisch eine, gewollte oder ungewollte, Wirkung auf unsere Mitmenschen erzeugt (vgl. Sommer, 2010, S. 242). Denn der erste Eindruck der äußeren Erscheinung, der sich bei einer Kontaktaufnahme unmittelbar ergibt, entscheidet über jene Meinungsbildung hinsichtlich des Gegenübers, die anschließend meist nur wenig revidiert wird. Die Signifikanz dieser einmaligen wichtigen, rein visuellen, Begegnung wird also durch die „Dominanz des ersten Eindrucks“ (ebd.) bestimmt. Schließlich beeinflusst das universe of appearence - die erste visuelle Konfrontation mit einem bisher unbekannten Menschen - die Art und Weise der sich anschließenden Interaktion, vor allem im privaten Bereich und entscheidet möglicherweise darüber, ob überhaupt ein universe of discourse zustande kommt. Das heißt, dass bei mangelnder Sympathie aufgrund des allerersten optischen Eindrucks, welcher maßgeblich von der Kleidung geprägt wird, die Möglichkeit besteht, dass keine weitere, sprachliche Kommunikation zustande kommt. Die Charakterisierung einer Person als sympathisch oder unsympathisch geht nämlich „in der Regel, bevor auch nur ein Wort gesprochen ist“ (ebd.) vonstatten.

Dass auch lediglich auf der Grundlage von Fotos unbekannter Personen beinahe einheitlich bestimmte Professionen, musikalische Präferenzen oder Freizeitgestaltungen durch eine Gruppe von Studenten zugeordnet werden, konnten wir im Rahmen unseres Referats im Seminar Medienhandeln, Medienbildung am 18. Juni 2012 feststellen. Die von uns kommentarlos präsentierten Aufnahmen von jungen Frauen und Männern führten bei den Kursteilnehmern zu übereinstimmenden, scheinbar naheliegenden, Assoziationen (vgl. Anhang 1). Aufgrund von nicht von der Hand zu weisenden Stereotypen wurden anhand auffälliger Äußerlichkeiten zu den Probanden Biografien erstellt, die von den Studenten erwartet, jedoch in der Auflösung der Realität nicht bestätigt wurden.

Doch wo lassen sich die Ursprünge dieser sich innerhalb einer Gruppe oder Gesellschaft deckenden Voreinstellungen gegenüber der Optik und der sich dahinter verbergenden Lebensentwürfe von fremden Menschen finden? Und welche Rolle spielt dabei der mediale Charakter sowie die geschichtliche Entwicklung von kulturell alternierenden Bekleidungsnormen?

Diesen Fragen wird in nachfolgender Arbeit auf den Grund gegangen.

Es soll aber auch in besonderer Weise der Halo-Effekt bezüglich Kleidung untersucht werden, da sich unser Projekt das Ziel gesetzt hat, herauszufiltern, inwiefern die Textilien, die täglich vor dem Kleiderschrank gewählt und zusammengestellt werden, die Stimmungslage seines Trägers widerspiegeln. Ob mit Hilfe von Tagebucheinträgen der weiblichen, studentischen Versuchspersonen tatsächlich eine Korrelation von Bekleidung und Wohlbefinden nachgewiesen werden kann, welche Aspekte dabei nicht aus den Augen gelassen werden sollten und wie sich letztlich die Reaktionen der Testpersonen innerhalb des Seminars auf unserer Ergebnisse äußerten, wird den Schluss der Ausführungen darstellen.

2 Theoretische Grundlagen - Kleidung als Medium nonverbaler Kommunikation

2.1 Voraussetzungen für medialen Charakter

2.1.1 Definition „Medium“

Ein Medium kann als „Mittel, als vermittelndes Element“ (Merten, 2007, S. 134) definiert werden. Wie eingangs dargelegt wurde, werden durch das visuell wahrnehmbare Erscheinungsbild - und daher in hohem Maße durch die Kleidung einer Person - nicht sichtbare Eigenschaften mitvermittelt. Aus diesen beiden Komponenten, der Optik und den darauf basierenden Assoziationen, die nicht abgeschaltet oder ausgeblendet werden können, ergibt sich schließlich das Bild, das bei der Begegnung mit einem Menschen automatisch kognitiv generiert wird.

Kleider treten demnach als Medium, als Mittel zur Meinungsbildung auf meist emotionaler Ebene - als vermittelndes Element zwischen zwei Personen - in Erscheinung.

Auch aus der Perspektive der Cultural Studies wird Mode als eine Form von Text verstanden, „der sich in menschlich produzierten Gütern niederschlägt“ (Haberler, 2012, S. 93). Als solche Güter können demzufolge neben anderen denkbaren Prestigeobjekten wie Automobilen oder Einrichtungsgegenständen auch Kleidungsstücke in Erscheinung treten. Diese sind gekennzeichnet durch einen bestimmten Text, also Inhalt, den sie dem Kleidungsstück zuweisen und welchen sie gegebenenfalls an Zweite vermitteln - bewusst oder unbewusst. Die „zeichenhafte, textuelle Beschaffenheit von Mode als Medium“ (ebd.) stellt daher ein essentielles Kennzeichen von Kleidern im Allgemeinen dar.

Dabei soll an dieser Stelle, mit dem Ziel der begrifflichen Klarheit, auf die semantische Differenzierung von Mode und Kleidung hingewiesen werden. Schließlich wird das Lexem Mode oft im engeren Sinn umgangssprachlich gleichwertig mit textiler Mode, also Kleidung, verwendet (vgl. Schütte, 2011, S. 11 oder Ebner, 2007, S. 11 ff). Jedoch wird in dieser Arbeit der Begriff Mode als Hyperonym, welches das Hyponym Kleidung beinhaltet, verwendet. Bekleidung soll also als Teil von Mode aufgefasst werden (vgl. Haberler, 2012, S. 24), da sich das Phänomen der „modische[n] Strömungen“ (ebd.) auch beispielsweise in der Musik, Literatur oder anderen konsumorientierten Branchen, wie der der Automobilindustrie zeigt.

Ob nun aber das Gut Automobil oder das Gut Kleidung - beide Produkte verlangen, wie die Begrifflichkeit verrät, nach einem Produzenten. Dieser kann zum einen durch einen Designer personifiziert werden, der dem Rezipienten, das heißt dem Kunden, der die Kleidungsstücke kauft, sein kreativ kreiertes Gut überlässt. Jene Personen, die dieses Gut käuflich erworben haben, können jedoch auch wiederum selbst als Produzenten in Erscheinung treten, sobald sie die Stücke anziehen, somit einen spezifischen Text wählen und ihren Mitmenschen (=Rezipienten) einen bestimmten Inhalt übermitteln.

In jedem Falle tragen in der Betrachtungsweise der Cultural Studies (in Anlehnung an die Kultursoziologie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu) sowohl Produzenten, als auch Rezipienten von medial fungierender Bekleidungsmode, beide gleichwertig zur Kulturproduktion bei (vgl. ebd., S. 93).

2.1.2 Modell des Encoding / Decoding nach Stuart Hall

So finden „beide kommunikationstheoretisch bedeutsamen Seiten - Produktion und Rezeption“ (ebd., S. 223) auch in Stuart Halls Modell des Encoding / Decoding Anwendung.

„Clothes change our view of the world, and the world’s view of us“

(Virginia Woolf[2] )

(Ebner, 2007, S. 8)

Wenn durch Kleidung die Welt und ihre Bewohner gesehen und von jedermann auf seine ganz eigene Weise gespürt und verstanden werden, dann liegt die Ursache dieser Mannigfaltigkeiten an persönlichen Assoziationen in dem Potential von Bekleidung, sich von jeder Person individuell entschlüsseln lassen zu können.

Der britische Soziologe Stuart Hall beschreibt diesen Prozess als Decoding. Dabei werden kleidungsspezifische Merkmale so interpretiert, wie es die jeweiligen persönlich gemachten Erfahrungen bedingen, bzw. je nachdem, welches kulturelle Wissen innerhalb eines bestimmten Teilbereiches von Gesellschaft abgespeichert ist.

Eine große Überschneidung bezüglich dieses gemeinschaftlichen Wissensschatzes ließ sich auch in unserer freien Assoziationsrunde innerhalb des Seminars feststellen (vgl. Anhang 1). Die von uns kommentarlos präsentierten Aufnahmen von jungen Frauen und Männern führten bei den Kursteilnehmern zu übereinstimmenden naheliegenden Vorstellungen von Beruf, Hobby und Musikgeschmack der fotografierten Personen, deren Ursprung in ihrem gemeinsamen kulturellen Wissen liegt. Denn: „Der Begriff ,kulturelles Wissen’ geht aus der ethnologischen Kognitionsforschung hervor und steht im Interesse folgender Fragestellung: ,[...] welche, kulturellen Modelle existieren in der untersuchten Gruppe oder Gesellschaft, wie sind sie aufgebaut, und welche Beziehung besteht zwischen kulturellem Wissen und Verhalten’“ (Willmann, 2007, S. 39). Als Zugehörige eines speziellen kulturellen Modells können demnach beispielsweise auch Punks angesehen werden, unter deren Paradigma sowohl äußerlich ein typischer Frisuren- bzw. Bekleidungsstil als auch ein innerliches Gefüge an Werten und Normen fällt. Aufgrund der individuell im Laufe des eigenen Lebens geprägten Assoziationen mit diesem Konstrukt eines Punks, kann zwar, je nach Erfahrung, das Verhalten des Betrachters, also die äußerliche wie innerliche Reaktion, in einem Erstkontakt mit dem Foto eines weiblichen Punks (vgl. Abb. 1) variieren, im Allgemeinen wird sich jedoch die Vorstellung bezüglich der Lebensgestaltung der jungen Frau - auf der Basis des gemeinsamen kulturellen Wissens - decken. So reagierten auch in unserem Kurs die Anwesenden einheitlich mit Überraschung, als ihnen offenbart wurde, dass es sich bei der abfotografierten Person um eine Journalistin bei der Frauenzeitschrift Bunte handelt Opposition zur gesellschaftlich propagierten Einstellung eines Punks zu stehen scheinen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: weiblicher Punk einem Magazin, dessen augenscheinliche Ideale in o^nsönnd^ Fotografie 2012)

Doch auch die Produktionsseite trägt in Form der Kleidungswahl zur nonverbalen Kommunikation bei. Stuart Hall betitelt diese Seite als Encoding. Denn: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Pürer, S. 67). Jenem Ausspruch zufolge fordert eine \nformationsaufnahme stets eine - gewollte oder auch nicht beabsichtigte - Informationsabgabe (vgl. ebd.). Kommunikationsforscher wie Paul Watzlawick, Janet Beavon oder Don Jackson bringen mit diesem metakommunikativem Axiom demnach auch zum Ausdruck, dass die intentionale oder nicht-intentionale Informationsabgabe durch Kleidung einen Ansatz für zahlreiche Interpretationsansätze seitens der Rezipienten darstellt. „Wir teilen nicht nur eine bestimmte Aussage mit, sondern bieten unserem Kommunikationspartner eine Fülle weiterer Informationen, aus denen er Schlüsse ziehen kann“ (ebd). Eben gerade diese Schlüsse können sehr persönlich sein (z.B. „Die junge Punkerin erinnert mich an meine große Schwester. Das macht sie für mich sympathisch.“) oder aber auf kulturellem Wissen basieren (z.B. „Die junge Punkerin hat wahrscheinlich keinen Job. Das macht sie für mich unsympathisch“). In jedem Fall wird aber eine Botschaft codiert, die als medial aufzufassen ist, da sie in einem Medium (=Kleidung) transportiert wird.

Dabei ist Mode- und Kleidungswissen Alltagswissen, das heißt, in der Regel weiß jeder, wie man seinen Körper sozial und kulturell adäquat kleidet - also so, wie es den gesellschaftlichen Normen entsprechend üblich und angesehen ist (vgl. Haberler, 2012, S. 93). Wenn sich ein Mädchen, wie sie in Abb. 1 abgebildet wurde, kleidet, dann ist davon auszugehen, dass sie sich ihrer allgemeinen Wirkung als Punk bewusst ist, da sie selbst Teil der - in diesem Fall westeuropäischen - Kultur ist und deren Paradigmen kennt. Ihre genaue Intention der Kleidungswahl ist jedoch unklar.

Die Bekleidung der Mehrheit der Menschen innerhalb eines Kulturkreises ist jedoch durch weniger auffällige Merkmale gekennzeichnet, sodass das, was in den meisten Fällen in Kleidern gelesen werden kann, höchst divergent ist (vgl. ebd.). Mode- „Experten“, welche über einen Wissensschatz aktueller und historischer Entwicklungen der Bekleidungsindustrie verfügen, interpretieren beispielsweise tendenziell mehr in das Aussehen ihrer Mitmenschen hinein. Sie erkennen etwa eine Hommage an Persönlichkeiten der Modegeschichte (z.B. Twiggy oder Marilyn Monroe), wodurch sich ihnen eine „vielschichtigere und bedeutungsvollere Welt“ (ebd.) erschließt - währenddessen durchschnittlichen Modekonsumenten lediglich Offensichtliches wie Farbe und Schnitt benennen würden und könnten.

2.1.3 „Geschmack“ nach Pierre Bourdieu

Wonach aber stets jedermann die Kleidung der Anderen bewertet, ist der mutmaßlich als unerklärlich erscheinende, eigene, ganz persönliche Geschmack.

Trotz temporal variierenden, allgemein beobachtbaren Modeerscheinungen ist es nämlich so, dass Menschen ganz unterschiedlich Dinge nach ihrer Schönheit bewerten. Dabei ist Schönheit „ein ,nicht vollendetes Projekt’, ein Begriff, den man nicht fassen und auf den man noch weniger verzichten kann“ (Haustein, 2006, S. 9). Als schön anerkannt werden jedoch all jene optischen Reize, welche als positiv empfunden und daher dem immanenten Geschmack entsprechend ausgewählt werden. So bezeichnet auch Pierre Bourdieu „das Entstehen von Geschmack als Prinzip der von der Rezipierendenseite getroffenen spezifischen Selektion“ (Haberler, 2012, S. 95). Diese Selektion, die sich im Laufe des Lebens immer wieder verändert kann daher nie vollendet sein kann.

Doch - in Erinnerung an die Worte der Schriftstellerin Virginia Woolf - der Geschmack ist es maßgeblich auch, der darüber entscheidet, wie wir die Welt sehen und wie wir wiederum von der Welt gesehen werden (vgl. Ebner, 2007, S.8).

2.1.4 Differenzierung in Signalräume

Hinzu kommt, dass sich die Wahrnehmung von Kleidung immer dann verändert, wenn ein sogenannter ,„Signalraum’ des vestimentären Codes“ (Sommer, 2004, S. 246) betreten wird. So wird zum Beispiel der Farbe Schwarz im Kontext einer Beerdigung sicherlich das Konnotat ’Trauer’ zugewiesen, im Alltag - außerhalb dieses Signalraumes - findet diese semantische Aufladung wohl jedoch weniger Anwendung.

Der vestimentäre Code, also die Botschaft der Kleidung, die vom Betrachter gelesen wird, besteht aus „Variationen von Material, Farbe und Schnitt“ (ebd.). Daher können nicht nur Farben, sondern auch bestimmte Kleiderformen von dem Betrachter decodiert werden, insofern der Code arbiträr-konventionell, das heißt ein Ergebnis soziokultureller Übereinkunft ist (vgl. ebd.). Als Beispiel einer typischen Beschränkung des Arbiträren kann hierbei die Burka im muslimischen Raum genannt werden, deren besonderer Schnitt auf religiöse Hintergründe verweist.

Demnach gilt: „Kleidung ist [zwar] ein globales Phänomen, das über die Jahrtausende eine eigene Formensprach entwickelt hat, mit der ein gewünschter Ausdruck plakativ [z.B. Burka] aber auch höchst subtil vermittelt werden kann. Alle beherrschen die grundlegende Semantik und die Regeln der Bekleidung“. (ebd.)

In manchen Fällen kann der vestimentäre Code möglicherweise aber auch nur von Eingeweihten entschlüsselt werden, deren Wissensbestände spezielle örtliche, kulturelle und zeitliche Differenzierungen beinhalten. Bestimmte Vereinsfarben, Stammeskleider oder historisch festzuhaltende Bekleidungsstile werden so nicht von jedem gleichermaßen gelesen - schließlich handelt es sich bei Kleidung um ein Medium, dessen Text im Sinne eines nonverbalen Kommunikationsaktes decodiert wird. „Der individuelle und kollektive Wissensvorrat bedingt also die Interpretation, insbesondere aber den Tiefgang der Interpretationsfähigkeit mit“ (Haberler, 2012, S. 93).

Geprägt wird der vestimentäre Code aber letztlich auch durch den besonderen Faktor der Trägheit. Das bedeutet, dass einmal gesendete Botschaften durch die textuelle Beschaffenheit von Kleidung kaum zurückgenommen werden können.

„Diese Trägheit legt den Sender auf das anfangs von sich vermittelte Bild fest und liefert somit eine weitere Erklärung für die große Bedeutung der Kleidung bei der Identitätspräsentation. Eine solche Verpflichtung hat auch angenehme Seiten: Für alle Interaktionsteilnehmer sichert die stabile Botschaft der Kleidung die Kontinuität der Identität [...]. So sind alle Beteiligten der Mühe einer permanenten Konstruktion bzw. Sicherung der Identitäten enthoben“ (Sommer, 2004, S. 247).

Die Dominanz des ersten Eindrucks ist also nicht zu unterschätzen - setzt sich einmal ein Bild über eine andere Person zusammen, bleibt dieses meist manifestiert (vgl. ebd.). Auch wenn nicht außer Acht gelassen werden soll, dass der rein optische Eindruck des universe of apperance, vielmals durch das universe of discourse korrigiert, bzw. revidiert werden kann - nämlich dann, wenn die verbale Kommunikation über neu gewonnene Sympathie oder Ablehnung entscheidet. Denn sobald ein Gespräch eröffnet wird, ergibt sich nicht selten ein völlig anderes Bild einer Person.

2.2 Geschichtlicher Wandel

2.2.1 Kleidung als Zeitindikator

„Mode und Veränderung sind untrennbar miteinander verbunden“

(Haberler, 2012, S. 17)

Denn: „Ständiger sozialer Wandel, heißt ständiger Wandel von Kleidungsnormen“ (ebd., S. 98). Schließlich durchlebt die moderne Gesellschaft immer schneller voranschreitende Veränderungen und Modernisierungsmechanismen (vgl. Weymann, S. 155).

„Modische Objekte verweisen in ihrer Codierung auf ein bestimmtes Modephänomen und darüber hinaus auf das grundlegende soziale Phänomen, das sich in Moden manifestiert“ (Haberler, 2012, S. 98). Betrachtet man also bestimmte Kleidungsstile rückblickend, dann lässt sich mit heutigem Wissensstand auf die parallel herrschenden gesellschaftlichen Gegebenheiten schließen. Sogar zu dieser Zeit gegenwärtige Werteeinstellungen und Weltbilder, sowie soziale Zugehörigkeiten können anhand von vestimentären Merkmalen analysiert und interpretiert werden. „Um den Code von Mode zu dekodieren, ist [dabei] spezifisches kulturelles Wissen notwendig, das eine zeitliche Indexikalisierung trägt“ (ebd.). Das heißt, die Kleidung einer historisch einzuordnenden Person muss mindestens ein spezifisches visuelles Kennzeichen vorweisen, welches einem bestimmten Zeitabschnitt, bzw. einer Epoche (z.B. Barock) zugeordnet werden kann. Meist ist es jedoch das Zusammenspiel von mehreren Indizes, die die Repräsentanten eines historischen Entwicklungsstandes entlarven. Festzuhalten bleibt in jedem Falle: „um Mode als soziales Phänomen zu deuten, muss man die Dimension der Zeit berücksichtigen“ (ebd.).

Sobald sich ein Unterschied im allgemeinen Kleidungsstil zwischen ähnlich oder gleich lokalisierten Gesellschaftsgruppen zu verschiedenen Zeitpunkten ausfindig machen lässt, kann dieser als Veränderung des gemeinsamen Hyper-Codes bezeichnet werden (vgl. Sommer, 2010, S. 12). Dieses sozial allgemein feststellbare Bündel an Kleidungsnormen des Hyper-Codes wird dadurch ausdifferenziert, dass jede Gesellschaft auch über Hypo-Codes verfügt. Denn auch wenn die zeitliche Herkunft von Personen anhand von visuellen Merkmalen eindeutig festzustellen ist, kann dennoch in Zugehörigkeiten zu sozialen Milieus, Rollen und Lebensphasen unterschieden werden.

„Mode hat etwas mit Ideen zu tun, damit, wie wir leben“

(Oscar Wilde[3] )

(Schütte, 2011, S. 11)

Wenn gesellschaftliche Veränderungen neue Ideen mit sich bringen, werden diese vielmals in der Kleidung der Menschen widergespiegelt. Mode lässt sich schließlich im Weitesten definieren als eine „auf einen bestimmten Zeitraum begrenzte Art, Dinge zu tun, eine Sitte, einen Brauch“ (ebd.) - also auch eine spezielle Weise, sich zu kleiden. Denn durch Mode können vorherrschende Einstellungen repräsentiert werden, sie kann aber auch dazu dienen, den Ausdruck von gewünschten Veränderungen in der Gesellschaft zu plakatieren. Hierbei fungiert Kleidung „etabliert aus einer bestimmten Weltsicht heraus“ (ebd.).

Als besonderes Beispiel soll an dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Hosenmode für Frauen in der westlichen Welt Anwendung finden, die so erst seit ca. 100 Jahren besteht. Im 18. Jahrhundert, zur zeit der französischen Revolution, durften Frauen nämlich noch lediglich in Besitz einer polizeilichen Erlaubnis männliche Kleidung tragen. Hosen, die den Schritt und die Beine sichtbar machten, galten als frivol. Fischerinnen oder Landarbeiterinnen, die (wahrscheinlich) schon damals Hosen trugen, hatten im Gegenzug keinerlei gesellschaftlichen Status inne. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich allmählich das sogenannte Radfahrerkostüm - eine Art Pumphose - das in der allgemeinen Bevölkerung anfänglich jedoch wenig Anklang fand. Weiblichen Personen, die kein Fahrrad bei sich hatten, war es untersagt, eine Hose zu tragen (vgl. Schütte, 2011, S. 34 f). Doch der Designerin Coco Chanel[4] missfiel die gesellschaftliche Rolle der Frau. Ihr schwebte eine neue Idee - die Vision eines geradlinigeren und weniger mädchenhaft ausgeschmückten, emanzipierteren Frauenbildes vor. Daher entwarf sie schlicht elegante und funktionale Mode und gilt heute als eine der Vorreiterinnen der Hosen-Trägerinnen (vgl. ebd.).

Durch das Beispiel der Hosenmode lässt sich also zeigen, in welcher Weise sich gesellschaftliche Veränderungen, wie die Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in der Modifikation von Kleidung widerspiegelt.

Dass derartige Umbrüche in Bekleidungsnormen nicht selten auf anfänglich starkem gesellschaftlichen Widerstand basieren, wird auch in folgendem historischen Auszug deutlich:

„Als Paul Poiret[5] 1911 den Hosenrock lancierte und mit einigen Mannequins im neuen, von ihm entworfenen Gewand auf der Rennbahn von Auteuil erschien, musste er seine Models mit dem Stock gegen die aufgebrachte Menge verteidigen. Ganz Paris war in Aufruhr. Dabei hatte Poiret nur eine bei türkischen oder persischen Frauen vollkommen üblich Kreation für westliche Ansprüche adaptiert. Denn im Orient waren Hosen, anders als bei uns, für Frauen durchaus üblich - Pumphosen als Unterkleidung trugen Frauen schon im Osmanischen Reich“ (ebd., S. 35).

Auffallender und wegweisender Modewandel geht also meist nicht so eben nebenbei einher. Oftmals zeigt sich durch ihn ein weitgreifender Wandel der Lebensverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft.

Und trotzdem: „Mode spiegelt die Grundbedingung unseres Lebens, die Vergänglichkeit“ (ebd., S. 11) wider. Schließlich wird sich Kleidung sicher auch in Zukunft verändern - in kleinen, sowie in großen Schritten. Denn: „Mode erwächst aus dem Geist ihrer jeweiligen Zeit“ (ebd.).

2.2.2 Modelle des Modewandels

„Der aktuelle Stand der Forschung kann nicht in einem Modell befriedigend darauf Antwort geben, wie Moden entstehen, entworfen werden und ferner, wie sich der Wandel von Moden faktisch vollzieht und wie die Moden einer Epoche zu Stil­Markern in den Archiven der Zeit werden“ (Haberler, 2012, S. 99). Jedoch lassen sich sechs große Theorien herauskristallisieren, anhand derer allgemeine Veränderungen im Bekleidungsverhalten erklärt werden sollen.

Den Pendel- oder Oszillationsmodellen zufolge lösen sich Trends in der Bekleidungsindustrie zyklisch gegenseitig ab. Mode wird demzufolge als ein „von kulturellen oder sozialen Faktoren relativ unberührtes periodisches Muster“ (Sommer, 2004, S. 249) verstanden. So folgt einem von der Mehrheit der Frauen bevorzugter kurzer Rock bald wieder ein längeres Modell, je nachdem, was gerade in oder out ist. Der Wechsel ist stetig und kann keiner genaueren Ursache zugeschrieben werden.

Dass Vorstellungen hinsichtlich aktueller Bekleidungsästhetiken von einer Gesellschaftsschicht an die anderen weitergegen werden, ist der Ausgangspunkt der Trickle-Ansätze.

Die Trickle-Down-Hypothese besagt zum einen, dass die Ideale bezüglich Kleidern der höher gestellten Schicht von den niedrigeren kopiert werden. Die Mode .„tröpfelt’ [...] nach unten“ (ebd.).

Die Trickle-Across-Vermutung geht hingegen davon aus, dass sich Kleidungsvariationen von den mittleren Schichten in beide Richtungen ausbreiten. Demnach wären die Zugehörigen der oberen und unteren Gesellschaftsbereiche als diejenigen auszuorten, welche die Mode nachahmen (vgl. ebd.).

Die Theorien dieser Prozesse der Imitation vertrat auch Georg Simmel[6]. Seiner Ansicht nach gilt: „die Nachahmung befreit das Individuum von der Qual der Wahl [...] Für das neuzeitliche Leben mit seiner individualistischen Zersplitterung ist dieses Homogenitätsmoment der Mode besonders bedeutsam“ (Geiger, 2008, S. 21). Das heißt also, dass in der heutigen pluralen Gesellschaft einem Einheitsgefühl, welches durch Assimilation im Kleidungsverhalten ausgedrückt werden kann, besondere Bedeutung innewohnt. Den modischen Entwicklungen kommt Simmels zufolge letztendlich aber auch „die Doppelfunktion von Egalisierung und Individualisierung“ (ebd.) zu. Diese beiden Anforderungen - Anpassung und Unterscheidung - scheinen in einem widersprüchlichen Verhältnis zu stehen.

[...]


[1] In Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute verliebt sich ein Mädchen in einen arbeitslosen Schneidergesellen, der aufgrund eines kostbaren Mantels für einen reichen Grafen gehalten wird (vgl. Keller, 2009).

[2] Virginia Woolf war eine 1882 geborene und 1941 gestorbene britische Schriftstellerin.

[3] Oscar Wilde war ein 1854 geborener und 1900 gestorbener irischer Schriftsteller.

[4] Coco Chanel war eine 1883 geborene und 1971 gestorbene französische Modedesignerin.

[5] Paul Poiret war ein 1879 geborener und 1944 gestorbener französischer Modedesigner.

[6] Georg Simmel war ein 1858 geborener und 1918 gestorbener deutscher Philosoph und Soziologe.

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668506596
ISBN (Buch)
9783668506602
Dateigröße
1008 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373342
Institution / Hochschule
Universität Passau – Medienpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Medienpädagogik Kleidung Kleidung als Medium nonverbale Kommunikation Seelenleben Halo Effekt Modewandel Zeitindikator Collective Selection Sprache Eindruck Meinung

Autor

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Titel: Der Spiegel der Seele? Kleidung als nonverbales Medium