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Vergangenheitsbewältigung in den 50er Jahren. Ein Jahrzehnt der Verdrängung?

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Europa ab kaltem Krieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vergangenheitsbewältigung - eine begriffliche Annäherung

3. Politische Rahmenbedingungen im Kontext der Vergangenheitsbewältigung der 50er Jahre
3.1 Das Ende der Entnazifizierung
3.2 Die Begnadigungspraxis
3.3 Die Auslegung des Artikel 131 GG
3.4 Amnestiegesetzgebungen und deren Wirkungen

4. Fazit

1. Einleitung

„Auch wenn am 8. Mai 1945 die Waffen schwiegen, in Reims und Berlin- Karlshorst die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet und das „Dritte Reich“ liquidiert wurde, - die Geschichte der Hitler-Diktatur war damit nicht einfach zu Ende. Die zweite Geschichte des Nationalsozialismus hatte begonnen.“1 Das Zitat Reichels verweist zum einen auf die, dem Nationalsozialismus folgen- de Färbung die Bundesrepublik Deutschland betreffend, ebenso beinhaltend der steten Konfrontation mit dieser Thematik und der ihr zugehörigen Schuld- nerlast, welche das Dritte Reich vererbt hat. Zum anderen spiegelt dieses Zitat, konkret bezogen auf die „zweite Geschichte des Nationalsozialismus“ die Kom- plexität der auf den Nationalsozialismus folgenden Geschichte wieder, welche sich bis zum bzw. auf das „Heute“ in ihren verschiedenen Facetten bezüglich der Akteure, Ereignisse, Themen etc. auswirkt und nicht an Aktualität zu verlie- ren scheint.

Diese zweite Geschichte, welche auf der ersten basiert, auch unter dem allge- meingültigen und anerkannten Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ bekannt, umfasst somit einen Zeitraum, der den des Nationalsozialismus von zwölf Jah- ren weit überschreitet. Bezüglich dieser Zeitüberschreitung ist es Fakt, dass die Bewältigung des Nationalsozialismus bereits nach Kriegsende begann, auf- grund der Riesenhaftigkeit der Ereignisse und der damit in Verbindung stehen- den Folgen allerdings nur in kleinen Schritten vonstatten gehen konnte. Doch kann man sich ebenso an dieser Stelle die Frage stellen, ob diese kleinen Schritte nicht bzw. bewusst zu klein gehalten wurden, gar das Geschehen ge- rade zum Zeitpunkt der Ära Adenauer im Bereich der Vergangenheitsbewälti- gung verdrängt wurde?

Zur Klärung dieses Verdrängungsprozesses in den 50er Jahren gilt es ver- schiedene politische Faktoren wie politische Vorgehensweisen dieser Zeit nä- her zu betrachten, um Undurchsichtigkeit bzw. Verschleierung bezüglich der Vergangenheitsbewältigung, welche sich unter dem Deckmantel der Rechtferti- gung zu verbergen suchen, zu lichten. Zur angekündigten Klärung der Verdrän- gungsfrage ist allerdings eine Vorabklärung der Begrifflichkeit der „Vergangen- heitsbewältigung“ unerlässlich.

2. Vergangenheitsbewältigung - eine begriffliche Annäherung

„Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Gegenwart.“2 Richard von Weizsäckers Zitat gibt Aufschluss über dieses umstrittene, von Ungenauigkeit belastete Wort. Aufschluss dahingehend, dass Geschehenes, egal welche Bemühungen folgen werden, nicht bewältigt werden kann. Diese Einsicht darf allerdings auch nicht dazu verleiten, jeglichen Blick vor Vergange- nem, gerade bezüglich der Ereignisse des Nationalsozialismus zu verschließen. Dahingehend kann es nur eine legitime Form der Vergangenheitsbewältigung geben, und zwar diejenige, welche sich auf das Geschehene in seiner ganzen historischen Fragwürdigkeit einlässt, um es aufzuarbeiten, zu begreifen und daraus Konsequenzen zu ziehen, die eine Wiederholung des bereits Gesche- henen verhindern3. Wird Geschehenes folglich aufgearbeitet und verstanden, kann somit durchaus etwas bewältigt werden. Und zwar die, aus dem Gesche- henen resultierten Folgen, mit denen nachfolgende Generationen leben bzw. umgehen müssen. Das bedeutet, auch im Hinblick auf die folgende Thematik, dass das politische Vorgehen der Nachkriegszeit von Anfang einen beständigen Rückblick auf das bereits Passierte nehmen sollte, mit gleichzeitigem ausbalan- ciertem Blick nach vorne, der anfangs gerade erwähnten Begriffsdefinition nachkommend.

3. Politische Rahmenbedingungen im Kontext der Vergangenheitsbewältigung der 50er Jahre

Im Folgenden soll nun die oben gestellte Frage, inwieweit die Vergangenheit in den 50er Jahren bewältigt wurde bzw. inwieweit diese im Kontext politischer Vorgehensweisen gar verdrängt wurde, geklärt werden.

Hierzu gilt es aber vorerst zu beachten, dass die Zeit des damaligen Bundes- kanzlers Konrad Adenauer auch als Zeit des Kompromisses gesehen werden kann. Kompromiss dahingehend, dass Adenauer stets das Bestreben verfolgte, den noch jungen demokratischen Staat - die BRD - am Leben zu halten, indem er mit den belasteten Deutschen einen Handel schloss, bei dem er sich in Be- zug auf die NS-Vergangenheit zurückhielt, und diese entgegenkommend die neue Demokratie akzeptieren bzw. versuchen diese zumindest nicht zu stören bzw. zu zerstören4. Dieser Kompromiss seitens Adenauers kann sogleich als einer Verdrängung anmutendes Verhalten gesehen werden, doch darf keines- falls als dieses interpretiert werden. Diesbezüglich bietet es sich eher an, dieses Vorgehen als eine Art Erhaltungstrieb zu sehen um die, wie bereits beschrie- ben, noch junge Demokratie in einem ebenso jungen Staat zu wahren. Gleich- wohl können und dürfen nicht alle weiteren politischen Schritte in der Ära Ade- nauer hinter der Deckung der Staatserhaltung betrachtet bzw. rechtfertigt wer- den. Daher werden im Folgenden ausgewählte politische Vorgehen und Rah- menbedingungen (seitens der Adenauer Regierung) auf Verdrängungstenden- zen die Vergangenheit der 50er Jahre betreffend untersucht.

3.1 Das Ende der Entnazifizierung

Bereits im September 1949 brachten die Deutschen Parteien, die WAV und die FDP einschlägige Anträge in Sachen Ende der Entnazifizierung, wobei hier vor- erst und vorrangig das Ziel dieser Parteien darin begründet war, die entspre- chende Kompetenzlage bezüglich der Entnazifizierungsthematik zu klären5. Auch wenn der Fokus dieses Ziels zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu stark auf das tatsächliche Beenden der Entnazifizierung gerichtet war, sondern wie beschrieben auf der Klärung der Kompetenzfrage, so war dennoch der Stein durch verschiedene Gesetzesentwürfe, Debatten und Diskussionen ins Rollen gebracht, welcher folgenreiche Veränderungen nach sich ziehen sollte. Vorerst fand eine Unterteilung, der von der Entnazifizierung Betroffenen statt. Differen- ziert wurde dahingehend zwischen den Gruppen III bis V, zu welchen Mitläufer, Minderbelastete und Entlastete gezählt wurden und den Gruppen I und II, wel- chen Hauptschuldige und Belastete angehören sollten6. Das Vorhaben der Gruppenunterteilung in allen Ehren, war es allerdings nicht von Klarheit durch- zogen und rief eine weitere Problematik hervor. Diese Problematik lag in der laufenden „Herabstufung“ etwaiger, für schuldig befundener Angehöriger des vorangegangenen NS-Regimes7. Das bedeutet in letzter Instanz, dass der Kreis der Hauptschuldigen und Belasteten bis zur eigentlichen Beschlussfassung, das Ende der Entnazifizierung betreffend, sich fortlaufend verkleinerte und die- se Personen als Minderbelastete oder gar Entlastete keine bzw. wenn nur ge- ringe Strafmaße zu befürchten hatten. Dahingehend galten sie dank der Entna- zifizierung als rehabilitiert und von allen weitergehenden Vorwürfen entlastet und somit auch wieder in vollem Maße für staatliche Aufgaben einsatzfähig8.

Im Oktober 1950 präsentierte der Ausschuss zum Schutze der Verfassung dem Bundestag konkrete Vorschläge zum Abschluss der Entnazifizierung, wobei an dieser Stelle festgehalten werden muss, dass die darin involvierten Parteien keinen Konsens bezüglich der „Gruppenentnazifizierung“ finden konnten - die Liberalen forderten ein generelles Ende der Entnazifizierung, alle Gruppen be- treffend, während beispielsweise CDU/CSU und SPD das Ende der Entnazifi- zierung für die Gruppen III bis V sinnvoll hielten9. Trotz allem verabschiedete am 15. Dezember 1950 der Deutsche Bundestag schlussendlich die für die Entnazifizierungs-Schlussgesetzgebung der Länder beschlossenen „Richtlinien zum Abschluss der Entnazifizierung“, hiervon ausgenommen Hauptschuldige und Belastete, wobei auch jenen, die in den zurückliegenden Jahren von den Spruchkammern als Hauptschuldige und Belastete eingruppiert worden waren, die Möglichkeit eingeräumt wurde, auf Antrag in eine für sie günstigere Gruppe eingestuft zu werden10. Bis 1954 wurden dann von den einzelnen Landtagen entsprechende Entnazifizierungsschlussgesetze gefasst11.

[...]


1 Vgl. P. REICHEL, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland - Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001, S. 9.

2 http://www.goethe.de/ges/pok/ein/de5023188.htm, Stand 29.01.2014.

3 Vgl. http://www.goethe.de/ges/pok/ein/de5023188.htm, Stand 29.01.2014. 2

4 Vgl. J. HERF, Zweierlei Erinnerung - Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Wien 1997, S. 460.

5 Vgl. N. FREI, Vergangenheitspolitik - Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, S. 54.

6 Ebenda, S. 60.

7 Ebenda, S. 60 f.

8 Vgl. D. GARBE, Äußerliche Abkehr, Erinnerungsverweigerung und „Vergangenheitsbewältigung“: Der Umgang mit dem Nationalsozialismus in der frühen Bundesrepublik, in: A. SCHILDT, A. SYWOTTEK, Modernisierung im Wiederaufbau - Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 693-716, hier: S. 700.

9 Vgl. N. FREI, Vergangenheitspolitik, S. 61.

10 Vgl. D. GARBE, Äußerliche Abkehr, S. 700.

11 Fritsche S. 59

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668511842
ISBN (Buch)
9783668511859
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v373926
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
vergangenheitsbewältigung jahren jahrzehnt verdrängung

Autor

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Titel: Vergangenheitsbewältigung in den 50er Jahren. Ein Jahrzehnt der Verdrängung?