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Lehre dem Menschen das Denken und er bildet sich von selbst. Zu Adornos Theorie der Halbbildung

Essay 2016 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Vorwort

Die Debatte um die moderne Bildung ist seit circa zwei Jahrhunderten, mit der Entstehung des Bürgertums, ein stark umstrittenes Phänomen. Zahlreiche Sozialphilosophen, Bildungswissenschaftler, Soziologen und Anthropologen machten sich jeweils zur ihrer Zeit die verschiedensten Gedanken zum Bildungsbegriff, um sich dem Prozess, den Grundanlagen zur Fähigkeit einer möglichen Bildung des Menschen und den idealsten Rahmenbedingungen, anzunähern. Die Fragestellungen beziehen sich auf die individuelle, wirtschaftliche und gemeinschaftliche Relevanz, sowie auf die Vermittelbarkeit von Bildung. Wer Bildung als einen Prozess der plakativen Erziehung oder Ausbildung zu verwenden vermag, macht es sich leicht und lässt einen Hang zur Stagnation erahnen, indem Entwicklung, Fortschritt und Individuation keinen Platz findet. Mit dem Zeitalter der Aufklärung, deren Vertreter wie Jean-Jacques Rousseau, Voltaire, Theodor W. Adorno, Wilhelm von Humboldt oder Emanuel Kant sich kritisch mit der rationalen Vernunft, dem Kampf gegen Vorurteilen und der emanzipierten Handlungsfreiheit des Individuums hinsichtlich dem Gemeinwohl auseinander setzten, begann ein Umdenkprozess in dem man den Bildungsbegriff mehr aus einer pädagogischen Brille zu betrachten und einen generalisierbaren Universalschlüssel zu finden versuchte. Die Epoche der Aufklärung, die sich als historisch geprägter Begriff, mehr als ein Rückblick auf vergangene soziale Zustände deuten lässt, heute aber immer noch eine Geisteshaltung beschreibt, bezieht sich darauf, dass ein wirtschaftlich-ökonomisch geprägter Bildungsbegriff unter vorgehaltener Hand, diesem Prozess das Ziel war, den Menschen zu einem gewissen Funktionalismus und Produktivitätsleistung in seinem Dasein und seinem Reinzwecke zu unterstellen. Schon in den Anfängen der Aufklärung, forderte die Bildungstheorie eine Erziehung zur Mündigkeit und damit einen Rahmen für eine emanzipierte, aus sich selbst hervorkeimende Selbsttätigkeit und intrinsische Neugier, die zur reflektierten Wissens- und Erkenntniserlangung nötig sei. Danach bezieht sich Bildung in einer Gesellschaft auf ihre Möglichkeits- und Vorstellungskraft, sowie eine vielfältige Eigenbildung, womit das Selbst im Zentrum des eigenen Bildungsprozesses steht. In der folgenden Arbeit werde ich mich mit dem Bildungsansatz von Theodor W. Adorno, seiner Kritik gegenüber einer sozialisierten Anpassung, die daraus entstehende Unmündigkeit und seiner Theorie zur folgenhaften Halbbildung auseinander setzen. An manchen Stellen erscheint es mir sinnvoll, einige Ansätze Kants zum Bildungsbegriff hinzu zu ziehen, um einen runden Einblick meiner Gedanken zu vermitteln.

Essay

Theodor W. Adornos Aussagen nach, zu seiner Theorie der Halbbildung, veröffentlicht 1959, befinden wir uns in einem Zeitalter in dem sich gesellschaftliche Zusammenhänge zu einer sozialisierten Halbbildung entwickelt haben. Seiner Meinung nach, wird die menschliche Entwicklung und Bildung von einer Zweckmäßigkeit bestimmt, die einem Funktionalismus gleich kommt, in dem die Bildung eines Menschen gesellschaftlich, als eine Summe von qualitativen, nützlichen und zweckmäßigen Fähigkeiten betrachtet wird. Und damit eben keinen Bildungsansatz, welches das Individuum mit seinen von der Natur gegebenen Anlagen, seinen sozialen Einflüssen und Entwicklungserfahrungen mit einbezieht. Es geht um die Formung und Förderung des Menschen hinsichtlich seiner geistigen Anlagen, um damit seine sozialen und kulturellen, lebenspraktische Fähigkeiten zu schulen. Weiter ist es wichtig, dass der Mensch lernt selbstreflektiert seiner Umwelt gegenüber zu denken, um auch kritischen Hinterfragungen sämtlicher Dogmen nicht aus dem Weg zu gehen. Widersprüchlich dessen, vermutet Adorno, dass dem menschlichen Dasein ein instrumenteller Zweck zugeordnet wird. Ob er mit seiner Annahme so weit geht, die Würde des Menschen damit zu objektivieren, kann ich hier nur erahnen. Was aber deutlich wird, ist das seiner Meinung nach, Bildungsprozesse nach Prinzipien der Anpassung und wachsender angezogener Unmündigkeit geschehen und sie allein auf ihre Funktionsmechanismen ausgerichtet sind. Deswegen meint Adorno, dass Grundsätze der Bildung selbst aus gesellschaftlichen Prozessen abgeleitet werden müssen und sie immer Ausdruck dessen sind, wie Gesellschaft sich konstituiert. Er beschreibt damit einen Vermittlungszusammenhang zwischen Bildung und sozialen Faktoren, wenn es um kollektive Krisen und Missstände geht und kritisiert gleichzeitig die unreflektierte Aufnahme von Bildungsinhalten, die unhinterfragt hingenommen werden. Damit skizziert er Symptome des Verfalls von Bildung und geht im Umkehrschluss aber davon aus, dass es Zeiten gegeben haben muss, in denen Bildung reflektierter ins Bewusstsein eingedrungen ist und nicht wie von heutigen gesellschaftlichen Massenstandards und deren folgenhafte Halbbildung geprägt ist. Ideologische Vorstellungen von Bildungsreformen drängen sich auf anderer Seite zwischen die Realität und des Subjekts selbst, während die totalitären Profitmotive der Bildung individuelles Potenzial rauben. Er nennt gerade die soziale Mittelschicht, die sich als hoch gebildet ausgibt, nur weil es sich in einer zunehmenden Status- und Konsumgesellschaft schickt, Eloquenz und das sogenannte Fachwissen allseits zu demonstrieren, diese allerdings nahezu von einem gewissen Fachidiotismus lebt und ihr Bewusstsein auf rein oberflächliche Motive ausgerichtete ist. „Die perennierende Statusgesellschaft saugt die Reste von Bildung auf und verwandelt sie in Embleme des Status“ (T. W. Adorno, 1959; S. 101). Welche Rolle ökonomisches, kulturelles oder soziales Kapital bezüglich den Chancen von Bildung spielen, kann ich an dieser Stelle aus platzgründen nicht näher erläutern[1]. Adorno geht sogar so weit und umfasst den Zustand der Halbbildung mit einer missratenen Identifikationsbildung, die eine Gefahr bedeutet, dass das soziale Anpassungsverhalten allherrschend und maßstäblich zu einer Unmündigkeit führt. Halbbildung umfasst eine wissenschaftlich, fundierte und hochwertige Schul- und Universitätsbildung, der allein Maßstäbe der Nützlichkeit und produktiver Zweckhaftigkeit zu Grunde liegen. Der Traditionsverlust der Massengesellschaft, dass Abwerten kultureller Güter durch die mediale Kommerzialisierung, bei gleichzeitigem Drang nach immer stärker werdender Individualität und Einzigartigkeit, führt zu verdinglichten, kapitalistischen Produktionsprozessen auf der einen Seite, während subjektive Wichtigkeiten und Sinnlichkeit im Erleben in eine Vergesellschaftung münden, in der Besonderheit, konventionellen Stand und Status ersetzt.

Für Adorno bedeutet die Mündigkeit, sich nach intrinsischen Motiven heraus zu bilden und nach Aspekten der Reflexivität, Autonomie und Selbstverwirklichung eine Geisteskultur zu schaffen. Er sieht die Mündigkeit eines Menschen als eine herangezogene Fähigkeit an und beinhaltet die Begabung des eigenständigen Handelns und Denkens, frei von äußerer Beeinflussung. Die Selbstbestimmung sollte hier durch kritische Hinterfragungen, Vorurteilen oder Verblendungen keinen Platz mehr bieten. Bildung sollte daher nur einen Zweck haben und zwar seinen Selbstzweck und damit selbstreferenziell sein. „Soweit in der Bildungsidee zweckhafte Momente mitklingen, sollten sie ihr zufolge allenfalls die Einzelnen dazu befähigen, in einer vernünftigen Gesellschaft als vernünftige, in einer freien Gesellschaft als freie sich zu bewähren, und eben das soll, nach liberalistischem Modell, dann am besten gelingen, wenn jeder für sich selbst gebildet ist“ (T. W. Adorno, 1959; S. 95 f.). Damit wird die verbreitete Annahme der Zweckhaftigkeit von Bildung weit verfehlt, wenn man sich ausschließlich für die Adaption bildet. Die aus sozialen Mechanismen resultierende Tendenz, dass Wissen nur noch auf das Nützlichste reduziert wird, ist groß und schafft einen Nährboden für eine gefährliche Halbbildung, die unter konventionellen Maßstäben als Allgemeinbildung tituliert wird. Die Gesellschaft unter der Einwirkung von Ökonomie und Wirtschaft verlangt somit einen schnellen und effizienten Bildungsprozess, um junge Menschen eilig zu funktionierenden, fixierten Teilen einer Gesellschaft auszubilden, um den vorgegebenen Status quo aufrecht zu erhalten und eine „harmonisierende“ Gleichförmigkeit zu sichern und nicht-konforme Individuen präventiv zu vermeiden.

[...]


[1] Pierre Bourdieu 1983. Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Soziale Welt, Sonderband 2: Soziale Ungleichheiten, Hrsg. R. Kreckel, S. 183-198

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668518216
ISBN (Buch)
9783668518223
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374058
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,3
Schlagworte
Aufklärung Bildungswissenschaften Sozialphilosophie T. W. Adorno I. Kant Bildungsbegriff Erziehung zur Mündigkeit Sozialkritik

Autor

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