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Diplomatie in der Antike. Diplomatische Beziehungen Karthagos im Rahmen der Alpenüberquerung des Zweiten Punischen Krieges

von Magnus Roth (Autor)

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Diplomatie, Völkerrecht und Außenpolitik in der Antike
2.1. Diplomatie Roms
2.2. Diplomatie Karthagos

3. Kontakte während der Alpenüberquerung

4. Quellenlage bei Polybios und Livius im Vergleich

5. Fazit

6. Literatur- & Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diplomatie gehört in der Moderne zu den geläufigsten Handlungen und Verhandlungen in Konflikten und Projekten von modernen Staaten.[1] Dies zeigte sich in den vergangenen beiden Jahren im Ukraine-Konflikt. Doch was ist eigentlich Diplomatie? Wie sah die Diplomatie in der Antike aus? Gibt es Differenzen zwischen der Diplomatie von zivilisierten Völkern wie Rom und Karthago und wie fand diese zwischen den barbarischen Völkern statt?

Dabei ist die Kommunikation das zentrale Medium der Diplomatie, dazu gehören auch Treue und Freunde. Das zuvor genannte Zitat von Phaedrus Fabulea soll hierbei als Anlass dienen, zudem ich bei einem späteren Zeitpunkt nochmal näher eingehe.

Das sind alles Fragen die sich insbesondere in Kriegszeiten stellen. Wie konnte Hannibal Barkas im Rahmen des zweiten Punischen Krieges (218 v. Chr. bis 201 v. Chr.) mit einem riesigen Herr von 50.000 Fußsoldaten, 9.000 Reitern und 37 Elefanten [2] von dem heutigen Spanien durch Südfrankreich über die Alpenpässe nach Italien gelangen? Dies wäre womöglich nicht erfolgreich gewesen, wenn man nur auf kriegerische Aktionen gegen die lokalen Völker der Route setzt. Dies waren insbesondere Gallische und Keltische Stämme. Daher stellt sich mir die Frage wie Diplomatie während des zweiten Punischen Krieges, insbesondere vor, während und nach der Alpenüberquerung Hannibals stattgefunden hat? Die Alpenüberquerung fand während des Herbstes statt, somit wird die schon schwierige Überquerung durch meteorologische Ereignisse zusätzlich erschwert. Dabei stehen insbesondere die Alpenvölker im Fokus, da diese durch Ihre strategische günstige Position in den geographisch schwierigen Alpen ein großes Heer schnell aufhalten hätten können.

Aufgrund all dessen stellt sich mir die Frage: Welche Form der diplomatischen Beziehungen zwischen Hannibal und den lokalen Stämmen haben stattgefunden? Worin unterscheidet sich diesbzgl. die Quellenlage zwischen Polybios und Livius?

Um diese Frage zu beantworten muss zunächst die Diplomatie selbst definiert werden und Abweichungen vom heutigen Verständnis herausgearbeitet werden. Danach werden die institutionellen Ausprägungen der Diplomatie in der Antike betrachtet. Dies wird versucht zu fokussieren auf den temporären Raum um und im Ereignis des Zweiten Punischen Krieges.

Im Kern der vorliegenden Arbeit wird der Schritt der Betrachtung der diplomatischen Beziehungen während der Alpenüberquerung betrachtet. In diesem Teil werden auch die Widersprüche der Quellenlage betrachtet. Festzuhalten ist, dass das Ereignis der Alpenüberquerung lediglich in zwei Quellen bzw. Autoren beschrieben wird. Diese beiden sind Titus Livius (*59 v. Chr. - f 17. n. Chr.) und Polybios (*200 v.Chr. - |120 v.Chr.)[3].

Zunächst wird aber erst einmal Diplomatie betrachtet und deren Unterschiede zwischen Moderne und Antike.

2. Diplomatie, Völkerrecht und Außenpolitik in der Antike

Diplomatie wird als Teil der Außenpolitik eines Staates betrachtet. Dabei ist diese der „sichtbarster Ausdruck, besteht sie doch nicht nur aus einem immateriellen Teil, den Gesprächen und Verhandlungen der Diplomaten, sondern aus einem materiellen Teil, dem diplomatischen Apparat.“[4] Bei einer normativen Betrachtung ist Diplomatie ein Mittel damit Staaten mit anderen Staaten friedliche Beziehungen pflegen.[5] Dies alles involviert ständige Gesandtschaften bzw. Botschaften in den anderen Ländern, dabei besteht die Möglichkeit einen direkten Ansprechpartner bei zwischenstaatlichen Zwischenfällen zur Verfügung zu haben.

Dabei wird deutlich, dass Diplomatie Staaten benötigt, welche miteinander Diplomatie führen können. Dies ist in der Antike nicht als Grundlage gegeben. Dies gründet darauf, dass es sich in der griechisch, römischen Antike zentral um Stadtstaaten (Polis) handelte und nicht um Territorialstaaten. Ein weiterer Punkt ist, dass sich der moderne Territorialstaat erst mit den Westfälischen Frieden 1648 durchsetzt und durch den Wiener Kongress 1815 fest etablierte.

Die Diplomatie in der Antike kann als ein „grauer Fleck“ im Bezug auf systematisierte Untersuchungen betrachtet werden. So ist bezeichnend das bspw. der Sammelband „Antike Diplomatie“ hrsg. von Eckart Olshausen (1979) einen Fokus auf die hellenistische Welt legt und lediglich ein Aufsatz zum Römischen Reich in der Spätantike vor liegt, Somit wurde fast 500 Jahre die Bedeutung gewürdigt der Diplomatie nicht. Es werden Kontakte lediglich im Rahmen zeitlich beschränkter Ereignisse wie Kriege und Krisen betrachtet und nie strukturell erfasst.

Dieser Bezug bzw. Fokus auf die griechischen Stadtstaaten ist womöglich geschuldet, dass das Römische Reich auch im Bereich der Diplomatie einiges von den Griechen übernahm. Allerdings ohne die Proxenie, welches die Vertretung fremder Städte durch eigene Bürger bezeichnet.[6] Das eben beschriebene bezieht sich im Wesentlichen auf das griechische Gesandtschaftswesen. Dieses bezog sich nur auf Völker, denen man es eigens zugestanden hatte.[7] Die genaue Anzahl der Personen antiker Gesandtschaften wurde nicht genau geregelt. Auch ob und welche Höhe Geschenke Gesandtschaften hatten ist von Fall zu Fall verschieden.[8]

Im Gegensatz zu heutigen dauerhaften Vertretungen in Botschaften und Konsulaten, waren die Gesandtschaften auf einen temporären Zeitraum beschränkt. Eine großzügige Behandlung wie besonderen Schutz und Unterkunft in separaten Häuser wurden ihnen gewährt.[9]

Baltrusch[10] betrachtet die Diplomatie in ihrer außenpolitischen Facette samt Völkerrecht. Die Termini Diplomatie, Außenpolitik sowie Völkerrecht bilden auf die Antike angewendet Anachronismen, jedoch sind diese auch nützlich für wissenschaftliche Systematisierungen. Unter diesen Begriffen werden ähnliche Subjekte wie gegenwärtig betrachtet. So ist das Völkerrecht, sofern davon zu sprechen möglich ist, auf ähnlichen Fundamenten basierend:

1. Es benötigt Völkerrechtssubjekte, die miteinander in Kontakt treten.
2. Rechtsquellen zu Kriegsrecht, Vertragsrecht, Gesandtenrecht.
3. „Völkerrecht“ als Bezeichnung für die Erkennung zwischenstaatlicher Strukturen.[11]

So ist eine Diskussion vom römischen Völkerrechtsverstoßen nicht nur eine Über- Thematisierung bzw. Übertragung gegenwärtiger Ereignisse auf Antike Ereignisse, sondern durchaus legitimierte Untersuchungen.

Im nachfolgenden Punkt soll zunächst die Diplomatie Roms zur Zeit des Zweiten Punischen Krieges betrachtet werden. Dies wird in einem Vergleich mit der karthagischen Diplomatie durchgeführt, und anschließend auf die Alpenüberquerung konkretisiert.

2.1. Diplomatie Roms

Die Diplomatie Roms basierte im Wesentlichen auf der der griechischen Polis. Wie bereits genannt, übernahmen die Römer das Gesandtschaftssystem. Für das umfangreiche System der Gesandtschaften (lateinisch: legationes) existieren differenzierte Aufgabenfelder und Bevollmächtigungen. Die Gesandten waren durch das Völkerrecht geschützt für die An- und Rückreise sowie der Dauer des Auftrages. Sie durften auch nicht gefangen genommen werden und auch nicht verletzt oder getötet werden.[12] In Rom bekamen Gesandte anderer Gemeinden das öffentliche Gastrecht (lateinisch: hospitium publicum).

Widmer stellt heraus, das sich die römische Diplomatie vorwiegend auf militärische Macht stützte und das sie “es nicht für nötig, mit anderen Völkern auf gleicher Augenhöhe zu verkehren“[13]. Dies ist für den Zeitraum der in der hier vorliegenden Arbeit betrachtet wird, zu relativieren. Zum Zeitpunkt des Zweiten Punischen Krieges war Rom noch keine Großmacht, sondern hatte nach dem Ersten Punischen Krieg Süditalien mit den anliegenden Inseln Sizilien, Korsika und Sardinien unter Kontrolle gebracht. Der Einflussbereich Roms war schon im keltischen Norden Italiens beschränkt. Der Kriegsgrund für den Zweiten Punischen Krieg, der Ebro-Vertrag scheint ein nachträglich vorgeschobenes Ereignis zu sein, welches zur Legitimation des Krieges diente.[14] Das militärische Selbstverständnis scheint erst nach dem Zweiten Punischen Krieg plausibel zu sein, in deren sich Rom zur Macht im Mittelmeerraum entwickelte.

Die Diplomatie Roms diente hierbei als Referenzpunkt im Vergleich zu Karthago. Dies ist begründet aufgrund der guten Quellenlage und Beleuchtung des römischen Reiches.

2.2. Diplomatie Karthagos

Die Diplomatie Karthagos ist schwer zu rekonstruieren, es ist bedingt durch die wenig existierenden Quellen, zudem sind die vorhandenen Quellen zumeist aus einer römischen Perspektive. Dabei werden fremde Völker, in diesem Falle Karthago, zumeist barbarisch dargestellt und weniger zivilisiert. Dies ist bei einer Beurteilung römischer Quellen relevant zu beachten.

Die Karthager nutzten ebenso Gesandtschaften wie das römische Reich. Zudem ähnelte sich auch ihr Umgang mit lokalen Stämmen. So betrachtete sich Karthago als Schutzherrschaft befreundeter Stämme auf der Iberischen Halbinsel.[15] Auch waren Verträge ein anerkanntes Mittel zur Festlegung von Übereinkünften, dabei konnte dies auch von Rom ein „aufgezwungenes“ Mittel sein, so der Präliminarvertrag.[16]

Der Umgang der Karthager mit Kriegsgefangenen war am Nutzen orientiert. So wurden keltische Kriegsgefangene wieder freigelassen, in der Hoffnung sie stellten sich im späteren Kriegsverlauf auf die Seite Karthagos.[17] Dies war auch ein Mittel der Propaganda, in der Karthago als Milde dargestellt wurde.

Nachdem die jeweiligen Verständnisse, der Karthager und der Römer, zur Diplomatie betrachtet wurden, wird im nachfolgenden der diplomatische Kontakt während der Alpenüberquerung der Karthager betrachtet um daraus Schlüsse zu ziehen.

3. Kontakte während der Alpenüberquerung

Vor, währenddessen und nach der Alpenüberquerung gab es zwischen Hannibal und den lokalen Stämmen eine Vielzahl von Kontakten. Diese werden nachfolgend mit Bezug auf Diplomatie versucht systematisch zu erfassen. Dabei wird chronologisch nach der Quelle Polybios vorgegangen und diese mit Livius verglichen.

Die Alpenüberquerung von Hannibal im Rahmen des Zweiten Punischen Krieges erscheint nur auf den ersten Blick abenteuerlich. Das Heer startete in Neu Karthago mit 90.000 Fußsoldaten und 12.000 Reitern.[18] Nach der Überquerung der Pyrenäen wurde das Heer bereits erheblich kleiner, aufgrund von notwendiger Sicherung der Nachschublinie und kleineren Gefechten bzw. Scharmützeln mit lokalen Völkern.

Die Variante die Route über nach Norditalien via Landweg und über die Alpen zu nehmen hatte diverse strategische Gründe. Zum einen hatten die Karthager nach der Niederlage keine große Flotte mehr, die die Truppenmenge hätte transportieren können. Der andere Weg entlang der Mittelmeerküste war bereits unter römischer Kontrolle, aufgrund der geographischen Gegebenheiten war es den Römern möglich dort die Karthager entscheidend zu besiegen.[19] Zusätzlich bedingt, war noch eine Vielzahl der Völker Norditaliens nicht unter römischer Kontrolle und teilweise mit diesen verfeindet. [20] Eine Überwindung der Alpen mit einem Heer im Herbst wäre ohne Kontakte und Hilfe lokaler Stämme nicht logistisch umsetzbar gewesen. Außerdem bestand in den engen Wegen immer die Gefahr des Hinterhaltes, welche die zahlenmäßigen Unterschiede ausglich.

Am 19. August des Jahres 218 v. Chr. erreichte Hannibal mit seinem Heer die Rhone in der Nähe von Messalina.[21] Bereits vor Beginn der Alpenexpedition gab es Kontakte zwischen Karthager und Kelten aus Oberitalien:

„Hierauf also baute er und machte den Häuptlingen der Kelten diesseits der Alpen und in den Alpen selbst durch Boten, die er nicht müde wurde an sie zu schicken, alle nur möglichen Versprechungen, da er glaubte, nur dann den Krieg gegen die Römer in Italien führen zu können.“[22]

Wie Polybios beschreibt, baute Hannibal frühzeitig ein System aus Boten auf, um mit den Häuptlingen der Kelten Kontakt aufzunehmen und sich deren Unterstützung zu sichern. Worin die Versprechungen lagen bleibt jedoch ungeklärt.

Die Ergebnisse der Versammlungen ließ Hannibal vor seinem Heer verkünden:

„..stellte ihr Magilos und andere Häuptlinge, die aus den Ebenen um den Po zu ihm gekommen waren, und ließ der Menge durch einen Dolmetscher die Beschlüsse der gallischen Stämme bekanntgeben, daß sie sie durch Gegenden führen würden, durch die sie, ohne an irgendetwas, was sie brauchten, Mangel zu leiden“[23]

Somit sicherte sich Hannibal die Ortskenntnisse der lokalen Stämme und erreichte schon mehrere Bündnisse, welche ihm in den Po ebene Unterstützung gegen die Römer zusicherten. Polybios berichtet von rebellierenden Bojer und Insubrer gegen die römische Besatzungsmacht, noch bevor Hannibal die Alpen überquerte. [24]

[...]


[1] Geschlechtsneutrale Sprachverwendung: In dieser Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit auf die parallele Nennung von Personen männlichen und weiblichen Geschlechts („Gesandten und Gesandtinnen") verzichtet, wenn nicht gezielt auf ein Geschlecht Bezug genommen werden soll. Mit „Gesandten" werden sowohl Männer als auch Frauen bezeichnet.

[2] Vgl. Serge Lancel: Hannibal. Eine Biographie, Paris 1996. S.48-50.

[3] Näheres zu den Autoren und eventuelle Authentizitätsprobleme zu einem späteren Zeitpunkt der Arbeit.

[4] Paul Widmer, Diplomatie. Ein Handbuch, Zürich 2014. S.25.

[5] Vgl. Ebd. S.25.

[6] Vgl. Ernst Baltrusch, Außenpolitik. Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008. S.29.

[7] Vgl. Paul Widmer, Diplomatie. Ein Handbuch, Zürich 2014. S.201.

[8] Vgl. Holger Müller, Gesandtschaftsgeschenke im Kontext kriegerischer Auseinandersetzungen im Altertum, in Burrer/Müller: Kriegskosten und Kriegsfinanzierung in derAntike, Darmstadt 2008. S.98.

[9] Vgl. Ebd. S.38.

[10] Ernst Baltrusch, Außenpolitik. Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008.

[11] Vgl. Ernst Baltrusch, Außenpolitik. Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008. S.15.

[12] Vgl. Ebd. S.30.

[13] Paul Widmer, Diplomatie. Ein Handbuch, Zürich 2014. S.38.

[14] Vgl. Klaus Zimmermann, Rom und Karthago, Darmstadt 2013. S.42-58.

[15] Vgl. Herbert Heftner, Der Aufstieg Roms, Regensburg 1997. S.201-208

[16] Vgl. Markus Gerhold, Rom und Karthago zwischen Krieg und Frieden. Rechtshistorische Untersuchungen zu den römisch-karthagischen Beziehungen zwischen 241 v.Chr. und 149 v.Chr., Frankfurt am Main (u.a.) 2002. S.39.

[17] Vgl. Werner Huss, Die Karthager, München 19903. S.213f.

[18] Vgl. Polybios III 35,1.

[19] Vgl. Robert Garland, Hannibal. Das gescheiterte Genie, Darmstadt 2012. S.53-56.

[20] Vgl. ebd. S.62.

[21] Vgl. Werner Huss, Die Karthager, München 1990 . S.213f.

[22] Polybios III, 34.

[23] Polybios III, 44.

[24] Polybios III, 40.

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668516939
ISBN (Buch)
9783668516946
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374122
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Alte Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Diplomatie 2. Punische Krieg Karthago Römisches Reich Polybios Livius Alpenüberquerung Elefanten Völkerrecht der Antike Völkerrecht Rom Karthagische Reich Hannibal Hamilkar Alpen Punischer Krieg

Autor

  • Magnus Roth (Autor)

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