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Probleme der Definition und der Abgrenzung von Umgangssprache. Antworten auf „Danke“ in der Region Bremen / Niedersachsen

Essay 2017 18 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Forschungsüberblick
2.1. Abgrenzungen und Zusammenhänge von Umgangssprache zur Standardsprache und zum Dialekt
2.2. Definition von Umgangssprache?
2.2.1. Die Problematik der Abgrenzung von Umgangssprache

3. Methode der Analyse

4. Ergebnisse

5. Diskussion der Ergebnisse

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das Wort ‚Umgangssprache‘ ist im Duden, wie folgt, definiert:

1. (Sprachwissenschaft) Sprache, die im täglichen Umgang mit anderen Menschen verwendet wird; nicht der Standardsprache entsprechende, aber weitgehend akzeptierte, meist gesprochene überregionale Sprache
2. Sprache, in der eine Gruppe miteinander umgeht, sich unterhält 1

Diese Definition ist jedoch stark vereinfacht. Wenn man also als interessierter Mensch versucht zu verstehen, was Umgangssprache eigentlich ist, kommt man mit normalen Mitteln wie Internetseiten und auch Lexika nicht weit. Jedoch ermöglicht die oben zitierte Duden Definition wenigstens schon einmal einen Anschluss an die Sprachwissenschaft. Es wird behauptet, dass es sich in der Sprachwissenschaft hierbei um eine Sprache handelt, „die im täglichen Umgang mit Menschen verwendet wird“. Sieht man dies als dominanten Teil der Definition, so kann dem sicherlich eine Logik zugesprochen werden. ‚Umgangssprache‘ ist sicherlich die dominante, „meist gesprochene Sprache“. Nun steht man jedoch schon vor dem ersten Problem, wenn man eine Definition zu fixieren versucht. Denn diese „meist gesprochene Sprache“ ist auch manchmal geschrieben, so zum Beispiel in journalistischen Arbeiten und auch im Umgang mit anderen Medien. Nun kommt die Frage nach Einflüssen auf. Die Massenmedien haben Einfluss, so auch, zum Beispiel, bestimmte Gruppenverhältnisse. Daraus ergibt sich dann das zweite Problem. Wenn es eine Sprache ist, „in der eine Gruppe miteinander umgeht, sich unterhält“, dann muss man soziokulturelle sowie regionale Einflüsse auf die Gruppe in die Abgrenzung miteinbeziehen. Des Weiteren sollte geklärt werden was es denn überhaupt bedeutet, dass diese Umgangssprache „weitgehend akzeptiert“ ist. Von wem wird denn jetzt gesprochen? Wer „akzeptiert“ diese Sprache „weitgehend“? Und, wenn die Sprache „überregional“ ist, warum scheint sie sich denn so unterschiedlich zu verbreiten? All diese Fragen zeigen schon einmal das grundlegende Problem: Die deutsche Umgangssprache ist schwer definierbar. Und genau diese Tatsache soll anhand dieser Arbeit beispielhaft dargestellt werden.

Es wird also die Hypothese aufgestellt, dass die Problematik der Abgrenzung von Umgangssprache anhand des Beispiels von Höflichkeitsformen als Antwort auf „Danke“ in er Region Bremen/Niedersachsen klar erkennbar ist. Die regionalen Unterschiede sind nur schwer nachvollziehbar und die Unklarheit der bereits vorhandenen Definitionen unterstützt bei einer Festigung der Beispiele als Teil bestimmter Gruppen kaum. Es erscheint vergeblich, zu versuchen feste Definitionen zu erstellen und Abgrenzungen außerhalb grober Basiskategorien vorzunehmen, da die Sprache nicht nur zu vielen verschiedenen Einflüssen, sondern auch einer sich ständig wandelnden Bewegung von Umgangssprache und Dialekt zu Standardsprache, unterliegt.

2. Forschungsüberblick

Vorerst soll nun ein Forschungsüberblick dazu dienen, die unterschiedlichen Abgrenzungen von Sprache als Standardsprache und Dialekt darzustellen, sowie eine Definition von Umgangssprache zu fixieren versucht werden, um im Endeffekt und mithilfe von bereits erarbeiteten Theorien und Forschungsansätzen zu zeigen, warum eine Abgrenzung gravierende Umstände mit sich bringt. Danach wird eine Sprachkarte vom Atlas Alltagssprache analysiert, bevor es einen Versuch geben, die erarbeiteten Ergebnisse zu interpretieren, um die scheinbare Vergeblichkeit der Abgrenzung von Umgangssprache, darzustellen.

Der Forschungsüberblick wird sich vorwiegend auf Ulf Bichels Problem und Begriff der Umgangssprache in der germanistischen Forschung konzentrieren, welches die Schwierigkeit der Definition und Abgrenzung plausibel und detailliert diskutiert. Außerdem werden so auch erweiterte Ansätze zur Definition vermerkt werden, welche die Einflüsse auf die Umgangssprache darstellen. Auch Ulrich Ammons Arbeit zur Definition von Standardsprache werden dazu dienen eine plausible Abgrenzung zur Umgangssprache darzulegen. Für die Abgrenzung zum Dialekt wird dann der Sprachwissenschaftler Heinz Kloss hinzugezogen, welcher sich an den benannten Definitionen versucht hat und auch die Problematik selbst erörtert hat. Weiter stellt diese Arbeit eine kurze Zusammenfassung der Funktion von Höflichkeit nach Heinz-Helmus Lüger vor.2

2.1. Abgrenzungen und Zusammenhänge von Umgangssprache zur Standardsprache und zum Dialekt

Zuerst einmal gilt es den Begriff Standardsprache einzugrenzen, da sich alles Weitere wahrscheinlich als Abgrenzung dieser sehen lässt. Dazu sollten die Unterschiede zum Begriff des Dialekts erläutert werden. Grundsätzlich wird ‚Standardsprache‘ von Ulrich Ammon als „die im öffentlichen Sprachgebrauch normale Sprachform“3 definiert. Weiter liefern Ammon und andere Sprachwissenschaftler im Variantenwörterbuch des Deutschen weitere Ansätze, welche sich vor allem auf die Unterschiede zwischen Standardsprache und Dialekt beziehen, um einen möglichen Abgrenzungsspielraum, auch für den schwierigen Begriff der Umgangssprache zu liefern. Vorerst wird erklärt, dass im Deutschen verschiedene Minderheitssprachen zu finden sind, dazu gehören altheimische Minderheitssprachen, wie das Niederdeutsche, und Immigrantensprache n wie Türkisch und Russisch. Weiter wird behauptet, dass im Norden, der Bereich welcher in dieser Arbeit beobachtet werden soll, weitaus weniger Dialekt vorhanden ist als im Süden. Es wird aber auch erklärt, dass „die Übergänge vom Dialekt zur Standardsprache fließend sind“. Dieser Bereich wird „Dialekt-Standard-Kontinuum“4 genannt. Weiter wird erklärt, dass „der Gebrauch von Dialekt oder Standardsprache […] von der sozialen Schichtzugehörigkeit der Sprecher und der Sprechsituation“5 abhängig ist. Eine Differenzierung bezüglich der Einflüsse auf die Sprache und den Sprachgebrauch zeigt, dass die Standardsprache eher von Sprechsituationen, die in der Öffentlichkeit stattfinden, sowie von bildungsabhängigen Schichten beeinflusst ist, während der Dialekt von bildungsunabhängigen Schichten und Situationen im privaten Sprachumgang beeinflusst ist. Eine weitere Differenzierung ist außerdem von Land zu Stadt zu beobachten. Es erscheint also als ob jede Differenzierung, welche die Abgrenzung von Umgangssprache erleichtern soll, eine weitere erschwert. Es ist auch erkennbar, dass Abgrenzungen zwischen Dialekt und Standardsprache zwar grobgesehen simpel erscheinen, diese jedoch durchaus schwieriger einzugrenzen sind, je detaillierter man sich mit ihnen beschäftigt.6 In Bezug auf die Differenzierung zwischen Standardsprache und Umgangssprache sollte also notiert werden, dass selbst in diesem Bezug eine eindeutige Abgrenzung unmöglich ist, da die Einflüsse der regionalen Unterschiede die Definition der Standardsprache stark erschweren. Generell ist aber zu sagen, dass es sich in der Differenzierung zwischen Standardsprache und Dialekt, sowie auch Standardsprache und Umgangssprache vorwiegend um soziokulturelle Aspekte der Bildungsschicht, sowie der Gruppenkonstellation handelt. Auch kann behauptet werden, dass das Hochdeutsche, welches im Norden Deutschlands gesprochen wird, normalerweise als das Standarddeutsche akzeptiert wird, während regionale Dialekte meist zur Umgangssprache gezählt werden.

Das Wort „meist“ im vorherigen Satz ist nun in diesem Abschnitt sachgebend. Heinz Kloss definiert den Dialekt, oder die Mundart, als Gegenbegriff zur „Einzelsprache“, welche er, wie folgt, abgrenzt:

Dies Wort rege ich an als Oberbegriff, der diejenige Kategorie von Sprachen bezeichnet, der sich für sprachstatistische Zwecke alle anderen gruppensprachlichen Begriffe — sei es geographischen, sei es funktionalen Inhalts — wie “Regiolekt” und “Dialekt”; “ Soziolekt” und “Register” ; “Sonder-” , “ Berufs-” und “ Fachsprachen” unterordnen lassen.7

Als Unterschied zur Standardsprache wird die Behauptung erörtert, dass der Dialekt einer Standardsprache, mit ihren Standardvarietäten, als Dachsprache, unterlegen ist.8 Auch beschreibt er den Dialekt als starker Schwankungen zugrunde legend.9 Was er damit meint sind die Wechselwirkungen zwischen Einzelsprache und Dialekt, welche die Nutzung der jeweiligen Ausprägung von Sprache beeinflussen. Kloss versucht sich dann weiterführend an mehreren Differenzierungen, merkt aber auch an, dass meist in der Sprachwissenschaft behauptet wird, „es sei eben unmöglich und damit zwecklos, überhaupt eine Grenze zwischen Sprache und Mundart zu ziehen.“10 Die Differenzierungen sind hier Dachsprache, Ausbausprache und Abstandssprache. Die Ausbausprache bezeichnet dabei jene Sprache die genügend ausgebaut ist um anspruchsvollen Zwecken wie z.B. der Sachprosa zu dienen. Hierbei ist also eine schriftliche Form unabdingbar. Die Abstandssprache beschreibt eine Sprache, die sich so sehr von der Standardvarietät absetzt, dass sie nicht mehr als Dialekt erkannt werden kann.11 Kloss behauptet also vor allem zwei Sachbestände: 1) Der Dialekt ist einer übergeordneten Einzelsprache unterlegen, und 2) Der Dialekt ist jedoch schwer von Abstands- und Ausbausprache sowie der Standardsprache als Dachsprache abzugrenzen.

Auch ist der Dialekt vom Regiolekt abzugrenzen. Der Regiolekt ist eine vom Dialekt geprägte Sprache, welche sich regional bemerkbar macht. Meist ist der Regiolekt der Standardsprache ähnlicher als der Dialekt, da er entsteht wenn Dialekt und Standardsprache sich mischen. So sind Regiolekt und Dialekt beide Formen der Umgangssprache.

Die Umgangssprache ist also von den Hintergründen sowie den ständigen Veränderungen der Dialekte, sowie der Regiolekte beeinflusst. Und diese wiederum sind von kulturellen Begebenheiten wie Massenmedien beeinflusst. Vor allem dadurch wird die Umgangssprache auch zunehmend standardisiert.

2.2. Definition von Umgangssprache?

Was kann man nun anhand der vorherigen Definitionen über Umgangssprache sagen? Ulf Bichel beschreibt den Begriff Umgangssprache einerseits als „eine Stilschicht“12. Er erklärt aber auch, dass diese Definition vor allem dann passend ist, wenn man sich auf Umgangssprache in Literatur und Schriftsprache bezieht. Diese Definition ist jedoch nicht vollkommen, da der Begriff der Stilschicht impliziert, die Umgangssprache sei gesellschaftlich und stilistisch höher zu stellen als die Regiolekte und Dialekte, sowie dies auch bedeuten würde, dass auch die Standardsprache über der Umgangssprache stehen würde. Bichel behauptet weiter, dass Forschungsansätze bisher zeigen, dass es vor allem die räumliche Verbreitung von Umgangssprache ist die ein entscheidendes Merkmal von Umgangssprache darstellt.13 Was klar zu erkennen ist, sind also die zwei Einflüsse, welche sich auf die Umgangssprache einwirken: Räumliche Verbreitung und Soziokulturelle Schichten. Eine eindeutige Definition von Umgangssprache lässt sich jedoch nicht herausarbeiten.

Bichel bietet einen Lösungsansatz für das Problem der Definition. Er differenziert bei der Beschreibung des Begriffes, wie folgt:

Umgangssprache 1 - im persönlichen Umgange gebräuchliche Sprache; Umgangssprache 2 - alltägliche Sprache; Umgangssprache 3 - landschaftliche Sprache; Umgangssprache 4 - natürliche Sprache (im Gegensatz zur formalisierten Sprache).14

Die Gründe und Einflüsse welche sich auf die Tatsache einwirken, dass Umgangssprache schwierig zu definieren ist und selbst mit Bichels Definition nicht exakt dargestellt werden kann, werden im folgenden Abschnitt besprochen.

2.2.1.Die Problematik der Abgrenzung von Umgangssprache

Die Problematik der Abgrenzung von Umgangssprache hat unterschiedliche Gründe. Das erste Problem ist dabei die eindeutige Erfassung einer Definition, wie schon angemerkt. Ein zweites Problem ist die „Vielgestaltigkeit des Tatbestandes“15. Somit ist selbst der Untersuchungsgegenstand schwer zu erfassen und nicht nur der Begriff selbst.

Bichel erklärt weiter, dass es verschiede Gründe für diese Schwierigkeiten gibt. Diese sind entweder historisch, zeitlich oder räumlich bedingt.16 Dies erklärt sich, grob gesagt, wie folgt: In Bezug auf die „historische Bedingtheit“ der Schwierigkeit lässt sich erkennen, dass sich 1) „die Sprachgewohnheiten“ gewandelt haben, und 2) die wandelnde „wissenschaftliche Betrachtungsweise“ Einfluss hat.17 Zum „Zeitraum der Betrachtung“ kann behauptet werden, dass der Zeitpunkt der Entstehung der Abgrenzung von Umgangssprache, sowie des Begriffes selbst, ein Problem darstellen. Für eine genaue Eingrenzung des Zeitraums fehlt eine fixierte und fixierbare Definition und Entstehungsgeschichte.18

[...]


1 http://www.duden.de/rechtschreibung/Umgangssprache. Zugriff: 26.07.2017

2 Ich habe nicht wirklich viel zur Problematik gefunden, was sich nicht direkt auf Bichel, Ammon und Kloss bezieht und auch nicht wirklich viel zur Lösung der Problematik anbietet. Deshalb habe ich mich, außer bei Ammon, auf die älteren Arbeiten konzentriert, welche die Zusammenhänge, meines Erachtens nach, plausibel darstellen und nicht nur unnötig komplizieren.

3 Ammon: 29

4 Ammon: XLVII

5 Ammon: XLVII

6 Siehe Ammon: XLVII

7 Kloss: 23

8 Für diese Arbeit reicht es aus, die vereinfachte Version der Differenzierungen zu belegen, da in der Analyse nur wenig auf den Dialekt eingegangen wird und vor allem wichtig ist, dass die Unterschiede und Zusammenfänge zwischen Umgangssprache und Dialekt klar sind.

9 Kloss: 24

10 Kloss: 35

11 Kloss: 315

12 Bichel: 2

13 Bichel: 3

14 Bichel: 377

15 Bichel: 3

16 Siehe Bichel: 6-11

17 Siehe Bichel: 7

18 Bichel: 9

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668514348
ISBN (Buch)
9783668514355
Dateigröße
666 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374135
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
linguistik areallinguistik languagescience dialekt bremen niedersachsen umgangssprache alltagssprache

Autor

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