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Konzepte Interkultureller Pädagogik nach Arnd-Michael Nohl

Hausarbeit 2017 30 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Einleitung

3. Theoretischer Hintergrund
3.1 Der Kulturbegriff
3.2 Vorurteil und Stereotyp
3.3 Rassismus und Diskriminierung
3.4 Der Interkulturalitätsbegriff
3.5 Multikulturalität
3.6 Transkulturalität

4. Konzepte Interkultureller Pädagogik nach Nohl
4.1 Assimilationspädagogik
4.2 Interkulturelle Pädagogik
4.3 Antidiskriminierungspädagogik
4.4 Weiterführung der interkulturellen Pädagogik
4.5 Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Abstract

Hintergrund: Der Terminus "Interkulturelle Pädagogik" steht für eine Vielfalt an Konzepten und Zielsetzungen. In der Erwachsenenbildung wird damit sowohl auf migrationsgesellschaftliche Entwicklungen als auch auf Bildungsbedarfe im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Globalisierung Bezug genommen. Die Bezeichnung "interkulturell" ist weder klar definiert noch unumstritten. Je nach Praxisfeld, theoretischem Zugang oder normativem Anspruch haben sich daher mittlerweile eine Reihe alternativer Konzepte und Begriffe etabliert.

Grundsätzlich geht die interkulturelle Pädagogik davon aus, dass ein Zusammenleben verschiedener Kulturen möglich ist. Arnd-Michael Nohl unterscheidet vier verschiedene Konzepte. Die interkulturelle Pädagogik hat sich vermehrt zum Ziel gesetzt, Missverständnisse und Vorurteile sichtbar zu machen, bzw. wenn Unterschiede zu Exklusionen und Diskriminierungen führen, diesen entgegen zu arbeiten. Dabei sollen Einstellungen und Meinungen über Andere überdacht und reflektiert werden. Ziel ist es, Strategien und neue Denkweisen zu entwickeln, die für ein respektvolles und „wirkliches“ Miteinander notwendig sind. Es herrschen allerdings nicht nur Differenzen und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Kulturen, sondern auch zwischen unterschiedlichen sozialen Herkünften oder Geschlechtern. Somit umfasst die interkulturelle Pädagogik mit all seinen Konzepten weit mehr als nur die Arbeit mit verschiedenen ethnischen Kulturen.

In der vorliegenden Arbeit liegt der Fokus darauf, die verschiedenen Konzepte der interkulturellen Pädagogik anhand des Buches „Konzepte interkultureller Pädagogik“ von Arnd-Michael Nohl nachzuzeichnen.

Arnd-Michal Nohl lehrt und forscht als Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt systematische Pädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr in Hamburg. Die Einführung in die Konzepte der interkulturellen Pädagogik liegt in 3. aktualisierten Auflage (2014) vor.

Schlussfolgerungen: Das Buch stellt in vier Konzepte der interkulturellen Pädagogik vor. Eine Vielzahl von nationalen und internationalen Beispielen sowie Rekurrenzen werden genannt. Der Band diskutiert Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Konzepte und zeigt die ihnen zugrundeliegenden Gesellschaftsmodelle auf. Schließlich werden die vorgestellten Erkenntnisse zu einem neuen, eigenen Konzept zusammengefügt, das Nohl die „Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten“ nennt. Diese greift neben der ethnisch-kulturellen auch andere Milieudimensionen auf und macht sie für pädagogische Prozesse nutzbar. Zudem werden Fragen der Diskriminierung, pädagogischer Organisationen und Professionalisierung behandelt.

2. Einleitung

Die interkulturelle Pädagogik findet ihren Ursprung in den Migrations- und Arbeiterbewegungen seit Beginn der 1960er Jahre, woraufhin eine neue Art des Kulturkontaktes angestoßen wurde. Zum pädagogischen Thema wurde die Interkulturalität zuerst aufgrund von schulischen Problemen der Migrationskinder. durch den fortschreitenden technischen Wandel nehmen die wirtschaftlichen Internationalisierungs- und Globalisierungs­prozesse und interkulturellen Kontexte im alltäglichen und beruflichen Leben zu. Das Feld interkultureller Pädagogik ist inzwischen von zentralem Belang. Somit wird das Thema „Interkulturalität“ auch für Pädagogen bedeutsam. Migrationsschub, Internationalisierung und Flüchtlingsbewegungen formierten Deutschland zu einem Land vieler Nationen, indem eine Vielzahl von Kulturen aufeinandertrifft. Die Begegnung und das gemeinschaftliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen auf einem relativ engen Raum verlaufen nicht immer unproblematisch. Das Aufeinandertreffen verschiedenartiger Weltanschauungen kann Konfliktsituationen hervorrufen. Werte und Normen können sich maßgeblich voneinander unterscheiden, sodass eine Vielzahl an Lebensformen und Denkweisen bestehen, die eine friedliche Interaktion misslingen lassen. Unterschiedliche Sprachen erschweren oder unterbinden sogar die verbale Kommunikation, verursachen gegenseitiges Missverstehen. Die Folge ist mangelnde Toleranz und eine Entwicklung fremdenfeindlicher Einstellungen. (Auernheimer, 2007, S. 10-20); (Yousefi & Braun, 2011, S. 7).

In der Literatur findet sich eine Vielzahl an Theorien und Konzepten, die die Interkulturalität aus verschiedenen Perspektiven betrachten, auf dessen Grundlage der pädagogische Umgang unterschiedlich propagiert wird. (Yousefi & Braun, 2011) Innerhalb dieser Arbeit sollen die Konzepte interkultureller Pädagogik nach Nohl nachgezeichnet und der Frage nachgegangen werden, von welchen Kulturbegriffen er sich abgrenzt. Dazu wird im dritten Kapitel eine theoretische Grundlage geschaffen und Aufschluss darüber gegeben, was unter Kultur im Allgemeinen zu verstehen ist. Unter der Bezugnahme der Begriffe Vorurteil, Stereotyp, Rassismus und Diskriminierung wird die Ausgangslage verdeutlicht und der kulturelle Kontext erweitert. Das vierte Kapitel befasst sich mit den Konzepten interkultureller Pädagogik nach Arnd-Michael Nohl (2014). Er unterscheidet zwischen „Assimilations­pädagogik“, „interkultureller Pädagogik“, „Antidiskriminierungspädagogik“ und der „Pädagogik kollektiver Zugehörigkeiten.“ Abschließend werden in Kapitel fünf die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst.

3. Theoretischer Hintergrund

Im Zuge der Arbeitsmigration von 1960 bis 1972 kamen jährlich zwischen 100 000 bis 270 000 GastarbeiterInnen nach Deutschland. Die Pädagogische Beschäftigung mit Migration begann erst, als MigrantInnen ihre Kinder nachholten. Der Pädagogische Ansatz, der auf Assimilation der „ausländischen“ Kinder zielte, wurde „Ausländerpädagogik“ genannt. Ziel war es, die Gastarbeiter/-innen und vor allem ihre Kinder dabei zu unterstützen, sich besser in das neue soziale Umfeld zu integrieren.

Zugleich wurde an Schulen aber auch muttersprachlicher Unterricht eingeführt, um die Verbindung der Kinder zu Sprache und Kultur ihrer Herkunftsländer zu erhalten. Dies sollte die Rückkehr der Menschen in ihre Länder erleichtern, eine Rückkehr, die letztlich weit seltener stattfand, als man erwartet und erhofft hatte. Vielmehr blieben die Zuwanderer dauerhaft. Im Jahr 2010 lebten in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bereits rund 16 Millionen Menschen, die entweder seit 1950 selbst nach Deutschland eingewandert waren oder die Nachkommen von Einwanderern sind (rund 19 Prozent der Gesamtbevölkerung).

Vor diesem Hintergrund und aus grundsätzlicher Kritik an der Defizitorientierung der Ausländerpädagogik wurde in den 1980er-Jahren der Begriff "interkulturell" in die Diskussion eingeführt. Es sollte nun nicht mehr darum gehen, Defizite zu beheben, sondern gegebene kulturelle und ethnische Unterschiede anzuerkennen. Ansätze zum interkulturellen Lernen entstanden, in denen die verschiedenen Kulturen der Lernenden zum Thema gemacht werden. Ausgangspunkt ist eine Sichtweise, nach der sich Einwandererkulturen und Minderheiten zwar von der Mehrheitskultur unterscheiden, aber als gleichwertig anerkannt werden. Alle Mitglieder einer multiethnischen Gesellschaft sollen gleichermaßen lernen, Wege zur Verständigung zwischen den Kulturen zu gehen. Die kulturelle Eingebundenheit von Menschen nicht mehr als Problem, sondern als positive Ressource betrachtet (vgl. Nohl 2014).

3.1 Der Kulturbegriff

Bevor auf den I nterkulturalitätsbegriff eingegangen wird, soll der übergeordneter Begriff der Kultur diskutiert werden. Der Kulturbegriff wird aus verschieden Betrachtungsweisen heraus unterschiedlich ausgelegt. Eine Gemeinsamkeit besteht jedoch darin, einen Erkenntnisgewinn dahingehend zu erzielen, was unter Kultur zu verstehen ist und welche Aspekte inbegriffen sind. Seinen Ursprung findet der Begriff im lateinischen Wort colo, colui oder cultus, was übersetzt pflegen und bebauen bedeutet. Doch was macht eine Kultur aus und worin können sich Kulturen unterscheiden?

Der Mensch wird von Kant (1784) als „kulturschaffendes Wesen“ bezeichnet. Dies impliziert, dass die Kultur vom Menschen gebildet wird und von ihm ausgeht.

Weiterhin wird unter Kultur „jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und alle übrigen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Glied der Gesellschaft sich angeeignet hat", (Taylor, 1873, S. 33) verstanden. Somit beeinflussen Kulturen die Innen- und Außen-perspektiven unseres Denkens, Wahrnehmens, Handelns und die Empathiefähigkeit, die für die zwischenmenschliche Kommunikation wesentlich ist. Die Kultur ist dabei nicht als in sich geschlossenes System zu verstehen, sondern „impliziert als ein offenes und dynamisch-veränderbares Sinn- und Orientierungssystem, wie die Beziehungen innerhalb einer Gruppe sowie deren Außenbeziehungen strukturiert sind und wie diese erfahren, verstanden und interpretiert werden. Kultur stiftet soziale Ordnungsrahmen und umfasst unter anderem politische Organisationen, Wirtschaftsformen, moralische Traditionen und das Streben nach Wissen und Kunst." (Yousefi & Braun, 2011, S. 10)

Kultur kann zusammenfassend als wandelbares Regelsystem des Zusammenlebens bezeichnet werden, das von Lebensformen und Glaubensrichtungen, wie beispielsweise der Religion oder Politik, beeinflusst wird und die Grundlage für das Handeln der Menschen und deren Umgangsformen miteinander bildet. Demzufolge kann sich eine Kultur unter den Bedingungen verschiedener Lebensformen und Glaubensrichtungen von einer anderen Kultur unterscheiden, aber auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Als wesentliche Merkmale einer Kultur können erstens die Sprache, welche als Instrument der Kommunikation für die Kultur eine wesentliche Rolle innehat, zweitens die Werte und Normen, welche die Regeln des Zusammenlebens bilden und drittens das Wissen, welches den Entwicklungsstand der jeweiligen Kultur bedingt, festgehalten werden. Die Ethnologie, im internationalen Kontext eher als Kulturanthropologie bezeichnet, erforscht als eigenständige Wissenschaft die Unterschiede der Kulturen und legt dabei die Schwerpunkte auf religiöse, wirtschaftliche, politische, weltanschauliche und wissenschaftliche Differenzen. Im kulturanthropologischen Sinne bezeichnet der Begriff der Kultur „die soziale (oder: ,kollektive‘) Konstruktion der Wirklichkeit" von Gruppen, Völkern oder Ländern. Dabei stellt der Sozialisationsprozess ein wichtiger Aspekt dar, „durch den Individuen im Umgang mit anderen Individuen, Gruppen und Organisationen sozial handlungsfähig werden, indem sie Normen und Werte der Gesellschaft kennenlernen und teilweise verinnerlichen und zentrale Rollen (z.B. Geschlechts-, Alters- und Berufsrollen) spielen lernen". (Feldmann, 2006, S. 239) Die Sozialisation ist somit ein Lernprozess, der sich durch das ganze Leben zieht und von der Einflussnahme, wie beispielsweise der Erziehung von Bezugspersonen im Kindesalter, und der Auseinandersetzung mit der Umwelt geprägt wird. Neben der der Vermittlung von Werten und Handlungsvoraussetzung kultiviert und bildet sie die Persönlichkeit eines Menschen aus. (Gnahs, 2010, S. 33)

3.2 Vorurteil und Stereotyp

In einem Land wie Deutschland, in dem viele Kulturen aufeinandertreffen, können kulturelle Einflüsse anderer Gruppierungen auch negativ aufgefasst werden, weil sie im Widerspruch zu den eigenen Werten und Verhaltensweisen stehen oder sich zu stark unterscheiden. Dabei kann es zur Entstehung von Vorurteilen kommen, indem der Mensch, um etwas zu verstehen, voreilig über einen anderen Menschen, einer Personengruppe oder einen Sachverhalt urteilt. Damit ist vor allem die abwertende Meinungsbildung gemeint, an der festgehalten wird, auch wenn etwas Anderes bewiesen wird. Vorurteile sind ablehnende Einstellungen, die mit kognitiven Überzeugungen, Emotionen, und entsprechendem diskriminierenden Verhalten zusammenhängen und aufgrund ihrer Starrheit und dem emotional geladenen Aspekt nur schwer wieder aufzulösen sind, da sie, sobald gebildet, nicht mehr auf ihre Gültigkeit überprüft werden. Vorurteile werden vorrangig mit Gruppenkonstellationen und der sogenannten Stereotypisierung in Verbindung gebracht, wobei einer fremden Personengruppe von vornherein spezielle Eigenschaften zugeschrieben werden und es zu einer vereinfachten und standardisierten Vorstellung ihrer Merkmale kommt. „Stereotype gehören nach häufiger psychologischer Auffassung zu den kognitiven Mechanismen, mit deren Hilfe die Komplexität der sozialen Umwelt reduziert werden kann." (Auernheimer, 2007, S. 84) Der Unterschied zwischen einem Vorurteil und einem allgemeinen Urteil liegt lediglich in der starren und oft auch fehlerhaften Verallgemeinerung bestimmter Personen oder Gruppeneigenschaften, denn je weniger über die Personen der Gruppe bekannt ist, umso eher werden Stereotype gebildet.

Stereotype dienen der persönlichen Identitätsbildung, sowie dem Verständnis und der Theorieentwicklung für die eigene Umwelt, ohne dessen Kategorisierung der Mensch aufgrund der hohen Komplexität seiner Umgebung keine Orientierung hätte. Während Vorurteile eher negativ behaftet sind und sich auch an Individuen richten können, verallgemeinern Stereotype positive, aber auch negative Eigenschaften ganzer Personengruppen, Ethnien oder Nationen. Als Beispiel für ein positives Stereotyp ist die Annahme, dass das griechische Volk gastfreundlich sei. Aufgrund einzelner Erfahrungen, die diese Annahme bestätigten, wird das Merkmal Gastfreundlichkeit einer ganzen Nation zugeschrieben. Als negatives Beispiel hingegen kann die Annahme genannt werden, dass die Finanzkrise Griechenlands von der Faulheit der griechischen Bevölkerung ausgelöst worden sei. Hier wird aufgrund der Komplexität der ökonomischen, sozialen und politischen Gründe für die Finanzkrise der Einfachheit halber der Bevölkerung Griechenlands Faulheit unterstellt und verallgemeinert.

3.3 Rassismus und Diskriminierung

Vorurteile und Stereotypen sind eher Gegenstände der psychologischen Forschung, während Rassismus den Sozialwissenschaften zuzuordnen ist und ihm eine gewisse gesellschaftliche Überlegenheit vorausgeht. „Vorurteile sind zwar Bestandteil rassistischer Denkweisen und Deutungsmuster, jedoch für sich genommen nicht zwangsweise rassistisch.“ (Johann, Michely, & Springer, 1998, S. 59) Grundlage des Rassismus ist die Rassenideologie, die die genetische „Reinheit“ der Menschenrassen anstrebt und rassischen Vermischungen minderwertige Eigenschaften zugeschreibt, „wodurch soziale Gruppen aufgrund physischer oder kultureller Merkmale andere Gruppen als unterschiedlich bzw. minderwertig kategorisieren.“ (Castles, 1993, S. 18) Dabei wird nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe abgezielt, sondern unterschiedlichen Menschengruppen die Gleichrangigkeit aberkannt, was zu herabwürdigenden und zu benachteiligenden Einstellungen und Verhaltensweisen führt. Diese rassistische Diskriminierung verweist vor allem auf die Unterschiedlichkeit der Gruppen, bewertet die Differenzen und nutzt die Bewertung, um die Interessen der dominanten Kultur durchzusetzen und die zum Vorteil der Dominanzkultur bestehenden Machtverhältnisse beizubehalten. Die Überlegenheits­komponente der rassistischen Diskriminierung „macht sich auch in der strukturellen Benachteiligung von Minderheiten geltend“ (Auernheimer, 2007, S. 91) und kann auf institutioneller, kultureller und individueller Ebene erfolgen. Rassistische Diskriminierung auf der institutionellen Ebene äußert sich beispielsweise dahingehend, dass Migranten beschränkte intellektuelle Voraussetzungen zugeschrieben werden. Auf der kulturellen Ebene kann sich die Diskriminierung in traditionellen Kinderliedern („Zehn kleine Negerlein“) äußern und auf der individuellen Ebene zeigt sich Rassismus im Überlegenheitsanspruch anderer Kulturen gegenüber oder wenn über rassistische Witze gelacht wird.

3.4 Der Interkulturalitätsbegriff

Wie vorher festgestellt wurde, besitzen Gruppen oder Völker (Kollektive) aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft verschiedene kulturelle Regel- und Wertesysteme (Konstrukte) und somit andersartige Denk- und Verhaltensmuster. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass sich Menschen in ihren Handlungsweisen stark voneinander unterscheiden. Wenn Angehörige unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen, interagieren und kommunizieren, entsteht Interkulturalität. Der Begriff Interkulturalität basiert also auf einer Form des Kulturkontaktes und umfasst damit alles, was sich zwischen verschiedenen Kulturen ereignet. Beim Zusammentreffen zweier Kulturen kann es bereits aufgrund der unterschiedlichen Sprache zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen kommen.

Doch nicht nur die Sprache stellt ein interkulturelles Kommunikationsmedium dar: „Kommunikation geht über Sprache hinaus, da sie Formen des sozialen Austauschs umfasst, die nonverbaler Art sind (Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Mimik, Raumnutzung, Distanzregulation usw.)“ (Staub, Weidemann, & Weidemann, 2007, S. 263), weshalb es ebenso auf nonverbaler Ebene zu Kommunikationsstörungen kommen kann. Auch innerhalb eines Landes können sich verschiedene kulturelle Kontexte bilden, die einander widersprechen und es zur Entstehung sogenannter Subkulturen kommt.

Interkulturelle Herausforderungen ergeben sich beispielsweise aus Migrations- und Arbeiterbewegungen und der damit verbundenen Entwicklung von Migrationsgesellschaften, fortschreitenden Internationalisierungs- und wirtschaftlichen Globalisierungsprozessen. Da Kulturen nicht als homogene Gebilde zu verstehen sind, sondern unter anderem als „Bekanntheit von Differenzen“ (Erll & Gymnich, 2010) und sie sich auch intern differenzieren, kann Interkulturalität als „Interaktion zwischen Individuen aus unterschiedlichen Kollektiven aufgefasst werden, die aufgrund mangelnder Bekanntheit des jeweiligen Differenzspektrums Fremdheitserfahrungen machen.“ (Rathje, 2014)

Ein passendes Modell, welches die Offenheit und Dynamik der Kulturen darstellt, findet sich bei Alexander Thomas (2005):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dynamik kultureller Überschneidungssituationen (Quelle: Thomas 2005, S. 46)

Die unterschiedliche Schraffur der Eigen- und der Fremdkultur verdeutlichen den offenen Charakter der Kulturen. Nur dadurch kann eine kulturelle Überschneidungssituation stattfinden, in der die Angehörigen zweier Kulturen interagieren, wobei die Interaktion das Interkulturelle darstellt. Im Zuge der interkulturellen Interaktion verhandeln die Interaktions­partner neue Standards für den Umgang miteinander.

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Details

Seiten
30
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668516496
ISBN (Buch)
9783668516502
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374187
Note
0,7
Schlagworte
Arnd-Michael Nohl Pädagogik Interkulturell Konzepte interkultureller Pädagogik Analyse Toleranz

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Titel: Konzepte Interkultureller Pädagogik nach Arnd-Michael Nohl