Lade Inhalt...

Die Entwicklung und aktuelle Lage der deutschen Sprache und der deutschstämmigen Minderheit in Chile. Das "Launa"-Deutsch

Hausarbeit 2017 11 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der deutschen Sprachinseln in Südchile

3. Die aktuelle soziolinguistische Situation der Deutschchilenen

4. Das „Launa“-Deutsch

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der deutschstämmigen Minderheit in Chile und soll einen kurzen Überblick über sie geben. Dazu werde ich auf die Entwicklung deutscher Sprachinseln in Südchile[1], die soziolinguistische Situation der Deutschchilenen, sowie auf eine Varietät des Deutschen, welche sich in Südchile gebildet hat, eingehen.

Obgleich die deutsche Immigration nach Chile überproportional kleiner war als beispielsweise die deutsche Einwanderung in die Vereinigten Staaten, hat sie bemerkenswerte Auswirkungen auf die Entwicklung der jeweiligen Regionen, sowie des ganzen Landes genommen. Heute bilden die Nachkommen der deutschen Einwanderer einen Teil der chilenischen Gesellschaft, ohne sich kulturell oder sprachlich vollständig zu vermischen. Deutsch wird in vielen verschiedenen Bereichen gesprochen, es gibt 27 Schulen mit Bezug zu Deutschland[2] und viele Chilenen, die sich selbst als "Deutschchilenen" identifizieren.

Eine wichtige Frage, die sich aus sprachwissenschaftlicher Sicht ergibt, ist unter anderem: Welche Rolle spielt die deutsche Sprache für die deutsch-chilenische Identität? Ich werde versuchen, mich dieser Frage zu nähern, dabei im ersten Kapitel die Entwicklung der deutschen Sprachinseln in Südchile schildern, bevor im zweiten Kapitel auf die soziolinguistische Situation der deutschstämmigen Minderheit eingegangen wird. Abschließend wird eine Varietät des Deutschen vorgestellt, welche aus der Sprachkontaktsituation in Süd Chile hervorgegangen ist.

2. Die Entwicklung der deutschen Sprachinseln in Südchile

Während in den einleitenden Worten des Beitrages von Ziebur (2000: 1[3] ) auf Linguistik online (7,3/2000) zur soziolinguistischen Situation von Chilenen deutscher Abstammung die Rede von einer „deutschen Insel mitten im Süden Chiles“ ist, findet sich bei Wolf-Farré (2016: 303) eine genauere Untersuchung der Definition des Sprachinselbegriffes nach Mattheier[4], auf dessen Grundlage er die Feststellung trifft, dass die Sprachinselsituation in Südchile schon seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr existent ist, „da die Mehrheitsgesellschaft mittlerweile weder als sprachlich noch ethnisch different zu bezeichnen ist“. Doch wie kam es überhaupt zu der Entstehung einer deutschen Sprachinsel, was sind die Gründe dafür, dass es zum Sprachinseltot kam und was die Gründe dafür, dass manchmal immer noch die Rede von einer Sprachinsel ist? Letztere Frage wird im anschließenden Kapitel 3 beantwortet.

Wolf-Farré (2016: 306 f.) zählt wichtige Faktoren für die Entstehung und Etablierung der Sprachinsel auf, zu denen besonders die Isolation gehört, aber auch der höhere Bildungsgrad, die Konfession und die deutschen Schulen. Als die deut­schen Siedler Mitte des 19. Jahrhunderts nach Südchile kamen, war dieses Gebiet lediglich von wenigen Mapuche[5] bewohnt, welche meistens selbst kein Spanisch sprechen konnten. Deshalb beschränkte sich der deutsch-spanische Sprachkontakt zu dieser Zeit auf die Kommunikation mit Verwaltungsbehörden. Wenige Jahre später stieg die Zahl der chilenischen Mitbewohner, jedoch war der Kontakt mit den Deutschen von einer starken Hierarchisierung geprägt, da die Chilenen als Arbeiter geschickt wurden, welche einen viel niedrigeren Bildungsstand hatten. Dies ist ein Grund dafür, dass es zu dieser Zeit zu keinerlei Mischehen kam. Ein anderer gravierenderer Grund war die Konfession, da der Großteil der deutschen Siedler protestantisch war, im Gegensatz zu den katholischen Chilenen (Ziebur 2000: 2).

Das Ende der Isolation kam erst um die Jahrhundertwende durch den Anschluss an die Eisenbahnlinie, welche Südchile mit der chilenischen Hauptstadt verband.

Der deutsch-spanische Kontakt führte zu verschiedenen Stufen des Bilingualismus, welcher nicht selten sogar bis hin zu einem erneuten Übergang zur monolingualen Sprachsituation führte, bei welchem Spanisch die einzige Sprache wurde. Es kam zu einer immer häufigeren Verwendung des Spanischen in alltäglichen Situationen, während Deutsch mit der Zeit immer mehr ins häusliche Umfeld gedrängt wurde (ZIEBUR 2000: 2). Da das Spanische allerdings fast ausschließlich durch Zuhören und Nachsprechen erworben wurde, erlernten die Siedler zumeist nur grundlegende Kommunikationsfertigkeiten, wohingegen ihre Sprachfertigkeiten der deutschen Sprache durchaus gehoben waren (Converse 1979: 323).

Der Verlust der Isolation brachte auch eine Veränderung der anderen spracherhaltenden Faktoren mit sich, da mit der Eisenbahnlinie auch Chilenen, welche nicht der Unterschicht angehörten, nach Südchile kamen. Zwischen den katholischen Siedlern kam es dadurch immer häufiger zu Mischehen, jedoch spielte die Konfession für die protestantischen Immigranten auch weiterhin eine große Rolle. Dies änderte sich allerdings mit der Zeit mehr und mehr, so dass es heutzutage überhaupt nicht ungewöhnlich ist, dass es zu Ehen zwischen Katholiken und Protestanten kommt (Ziebur 2000: 3).

Welchen Einfluss die politischen Geschehnisse besonders in den 70er Jahren in Chile[6] auf die deutsche Minderheit nahmen, bleibt ungeklärt (Born/Dickgießer 1989: 67). Es steht jedoch fest, dass es während der Zeit des NS-Regimes zu einem Prestige-Verlust des Deutschen kam, welcher dazu führte, dass Deutsch in der Öffentlichkeit vermieden wurde (Kovacs 2009: 14). Wie es um die deutsche Sprache in Chile heute steht, wird unter Bezugnahme soziolinguistischer Untersuchungen im folgenden Kapitel erläutert.

3. Die aktuelle soziolinguistische Situation der Deutschchilenen

Eine Untersuchung des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim aus dem Jahre 1989 ergab, dass in Chile etwa 100.000 bis 200.000 Chilenen deutscher Abstammung leben, wovon ca. 20.000 bis 35.000 die deutsche Sprache beherrschen, womit die Chilenen, welche aus deutschsprachigen Ländern[7] stammen, einen Anteil von 0,2% bis 0,3% an der Gesamtbevölkerung Chiles ausmachen (Born/Dickgießer 1989: 67). Bei den nach Chile immigrierten Vorfahren dieser Gruppe handelte es sich um Einwanderer aus ganz Deutschland, von denen die meisten aus Hessen, Schlesien und Württemberg kamen (Kovacs 2009: 24). In dem Gebiet mit den meisten deutschen Einwanderern, Südchile, wo der Anteil der deutschstämmigen Bevölkerung mit beinahe 2% nur knapp höher lag (Born/Dickgießer 1989: 68), bildete sich aus den unterschiedlichen gesprochenen deutschen Dialekten eine Varietät, welche von spanischen Interferenzen beeinflusst wurde. Auf diese wird im nachfolgenden Kapitel genauer eingegangen.

Heute sind die Chilenen deutscher Abstammung sprachlich assimiliert und viele erlernen die deutsche Sprache oft nur noch als Fremdsprache (Vgl. Born/Dickgießer 1989: 67, Wolf-Farré 2016: 307 ff., Ziebur 2000: 6). Die erste Untersuchung zur linguistischen Situation der deutschstämmigen Chilenen wurde 1960 von Grandjot und Schmidt durchgeführt und ist aufgrund der vergangenen Zeit wenig repräsentativ, jedoch wurde nach ihr keine andere Untersuchung in einem so großen Umfang durchgeführt. Im Rahmen der Untersuchung wurden 6.574 Fragebögen ausgewertet, also wurden etwa ein Drittel der Deutschchilenen befragt. Die Umfrage zeigte, dass nach ungefähr 100 Jahren der Anfänge der Besiedlung Chiles durch die Deutschen noch mehr als zwei Drittel der Deutschstämmigen zweisprachig sind. Als entscheidende Faktoren für die Verwendung des Deutschen werden Quantität der deutschen Immigranten, Vorhandensein deutscher Vereine und anderes genannt (Grandjot/Schmidt 1960: 35-39). Außerdem zeigte sich, dass ein Abfall des Sprachverwendung bei der jüngeren Generation zu beobachten ist, welcher sich durch spätere Studien[8] zunehmend bestätigte.

Im Jahre 1997 führte Ziebur eine empirische Untersuchung durch, in dessen Rahmen 270 Personen befragt und interviewt wurden, wobei es sich bei den meisten Personen um Eltern von Kindern, welche die deutsche Schule in Puerto Varas[9] besuchten, handelte. Die Mehrheit der Befragten gab an, über gute Deutschkenntnisse zu verfügen, im Durchschnitt lagen die Sprachkenntnisse im mittleren Bereich (Ziebur 2000: 5). Im Fazit hält die Autorin fest, dass Zusammenhänge zwischen Sprachfertigkeiten und persönlichen Faktoren, wie Alter oder Konfession bestehen. Außerdem spielen andere Faktoren, zum Beispiel historische, soziale und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle. Die Bedingungen für einen Sprachwechsel sind erfüllt und die momentane soziolinguistische Situation der deutschstämmigen Minderheit zeichnet sich durch einen wachsenden Verlust der deutschen Sprache aus. Allerdings kann neben dem Sprachverlust immer noch eine hohe Identifikationsrate der Deutschchilenen mit ihrer Herkunft und Kultur beobachtet werden (Ziebur 2000: 6).

Dieses Fortbestehen der deutschen Kultur in Chile ist das zentrale Thema bei Wolf Farré (2016), welcher von einem „Deutschchilenentum“[10] spricht, welches als Beispiel für einen alternativen Entwicklungsweg einer ehemaligen Sprachinsel betrachtet werden kann. In einem Kapitel seines Beitrages erörtert er anhand einiger linguistischer Auseinandersetzungen mit der deutschstämmigen Minderheit, inwiefern diese heute noch deutschsprachig ist (Wolf Farré 2016: 307-311). Resultierend nennt er zwei Tendenzen hinsichtlich der Deutschsprachlichkeit der Deutschchilenen. Einerseits beschreibt er die Verdrängung des Deutschen durch die spanische Sprache und andererseits die ausbleibende vollständige Assimilation, was besonders in Südchile zu beobachten ist. Das Deutsche wird in absehbarer Zukunft wahrscheinlich nicht in Chile aussterben, denn sein symbolischer Wert als Identifikationsfaktor der deutschen Wurzeln spielt für die deutschstämmige Minderheit eine zu große Rolle. Aufgrund dieser Tatsache und „angesichts deutscher Namen, Vereine, Schulen, Kirchengemeinden und schließlich der oftmals fließenden Deutschkenntnisse einiger Deutschstämmiger“ (Ziebur 2000: 1) kommt es auch heute noch zu der Bezeichnung Sprachinsel, wenn von der unmittelbaren Umgebung des Llanquihue die Rede ist.

[...]


[1] Mit Südchile ist die geografische Region des kleinen Südens gemeint, eine der fünf Naturräume in Chile.

[2] Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Chile/Bilateral_node.html, letzter Zugriff am 23.02.2017.

[3] Da der Beitrag ohne Seitenzahlen vorhanden ist, wird hier und folglich das Kapitel angegeben.

[4] Gemeint ist folgende Definition: „Eine Sprachinsel ist eine durch verhinderte oder verzögerte sprachkulturelle Assimilation entstandene Sprachgemeinschaft, die – als Sprachminderheit von ihrem Hauptgebiet getrennt – durch eine sprachlich/ethnisch differente Mehrheitsgesellschaft umschlossen und/oder überdacht wird, und die sich von der Kontaktgesellschaft durch eine die Sonderheit motivierende soziopsychische Disposition abgrenzt bzw. von ihr ausgegrenzt wird“ (zitiert nach Wolf-Farré 2016: 303).

[5] Das größte indigene Volk Chiles.

[6] Einerseits die Wahl des Sozialisten Salvador Allende 1970 zum Präsidenten, andererseits der Putsch 1973 und die folgende Militärdiktatur unter Augusto Pinochet bis 1990.

[7] Neben Einwanderern aus Deutschland immigrierten auch Österreicher und Deutschschweizer nach Chile (Vgl. Converse 1979: 303-304).

[8] Vgl. z.B. Rosson (1986) oder Burdach/Vega (1998).

[9] Stadt in Südchile.

[10] Ein Begriff, welcher sich auch in anderen Literaturquellen finden lässt, vgl. Keller (1925: 257), Converse (1979: 311), Ziebur (2000: 2).

Details

Seiten
11
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668515307
ISBN (Buch)
9783668515314
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v374424
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Chile Sprachminderheit Germanistik Launa-Deutsch Sprachinsel

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Entwicklung und aktuelle Lage der deutschen Sprache und der deutschstämmigen Minderheit in Chile. Das "Launa"-Deutsch