Lade Inhalt...

Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität. Die Theorie Barbours und das Beispiel des Nuuk-Dänisch auf Grönland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 9 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. ) Sprache und Identität - ein komplexes Zusammenspiel

2. ) Praktische Beispiele

Literaturliste

Einleitung

In dieser Arbeit versuche ich, die Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität herauszu­finden. Anfangs soll die Bedeutung der Begriffe Sprache und Identität mit Hilfe des Aufsatzes National identity in Europe: theoretical and practical problems[1] von Stephen Barbour (1996) theoretisch geklärt werden. Das Verhältnis in dem Sprache und Identität mit einander stehen wird hier als grundlegend für den Aufsatz heraus gearbeitet. Die Auswirkungen von Mono-, Bi- oder Mulitilingualität werden schon von Barbour aufgegriffen und können dann an Hand der von mir gewählten Beispiele deutlicher aufgezeigt werden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Sprache und der Formung einer nationalen bzw. individuellen Identität? Wie wird diese Identität vom Individuum „benutzt“? Die Frage ist, ob sich bilinguale Sprecher oder Sprecher einer „small language“[2] in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit[3] anders verhal­ten als unter Freunden oder in der Familie. Gibt es Unterschiede im Verhalten, die auch durch den Sprechakt deutlich werden? Kann man im Allgemeinen von einer „festen“ Individualität ausgehen?

Nach der einführenden Behandlung von Barbours Aufsatz werde ich zwei weitere Beispiele erläutern. Auch in diesen Texten kann der Zusammenhang von Identität und Sprache deutlich gemacht werden. Zum einen ziehe ich Birgitte Jacobsens Text Colonial Danish[4] heran. In ihrem Aufsatz geht es um die Darstellung der Sprachlandschaft auf Grönland und die Bildung des „Nuuk-Dänisch“ auf der Halbinsel. Hat sich durch die veränderte Benutzung der Sprache auch das Identitätsbewusstsein seiner Sprecher gewandelt? Wie wirkt sich das auf den Ge­brauch ihrer Identitäten aus und was kann man über das Bewusstsein der hier gewonnenen nationalen Identität erfahren kann? Das soll hier erklärt und diskutiert werden.

Das zweite Beispiel wird mit Hilfe des Aufsatzes von Kristjän Arnasons Sprogrogtsaktion ,Màlrækt 1989‘ og islandsk sprogpolitik[5] gegeben. Hier geht es um die aktive Sprachpflege auf Island. Zum einen sollen die Möglichkeiten einer solchen Aktion aufgezeigt werden und zum anderen soll die Reaktion der isländischen Gesellschaft beschrieben werden. Welche Probleme bringt diese Sprachpflegeaktion mit sich? Welche positiven Auswirkungen bringt sie für die Isländer? Funktioniert diese Aktion überhaupt bei einer „small language“ auf Dauer oder ist sie schon von vornherein zum Scheitern verurteilt? Schon während der Beschäftigung mit diesen Beispielen soll der Zusammenhang von Sprache und Identität diskutiert werden, um sie dann in einer abschließenden Betrachtung zusammenzufassen und ein Ergebnis zu erlangen. Das Ergebnis ist dann der Versuch einer Darstellung des komplexen Zusammen­hanges dieses stark diskutierten Themas der Linguistik.

Hauptteil

1.) Sprache und Identität - ein komplexes Zusammenspiel

Mit Hilfe von Barbours Überlegungen in seinem Aufsatz National identity in Europe: theore­tical and practical problems soll die Vorstellung von den Begriffen Sprache und Identität konkretisiert werden. Um sich dem Begriff Sprache zu nähern, erläutert Barbour (1996) erst die Bedeutung der System der Nationen und setzt diese in eine dominierende Stellung als Sprachgrenzen in Europa: ,,It seems to me that many people [...] have a notion of a prototypi­cal nation consisting of a culturally and racially homogeneous population, whose cultural ho­mogenity is manifest by the use of a single, distinct language [,..].“[6]

Die typische Nation ist also die „Vorstellung“ eines Systems in dem Menschen leben, deren Homogenität durch die Benutzung einer Sprache gewährleistet ist. Das bedeutet, dass eine Bevölkerung mit einer Sprache eine Nation ausmacht: „Since a fairly high proportion of Europe’s population is monolingual [...], there is a widespread view across the contintent which sees monolingualism as the norm, bi- or multilingualism as a problem [,..]“[7] Die Vorstellung, dass eine Nation nur eine Sprache enthalten soll, ist in der Realität unhaltbar. Europa gilt sowohl als besonderes als auch als problematisches Beispiel. Es ist ein System vieler monolingual-definierter Nationen. Bevölkerungsgruppen, die Sprecher einer kleinen Sprache sind, haben somit ein Problem. Ihre Sprache kann in öffentlichen Bereichen nicht angewendet werden und wird nur noch in der Familie und unter Freunden benutzt. Barbour meint gleich zu Beginn seines Aufsatzes: „At an individual level, national identity is clearly an important element in individual sense of their own identity“[8]. Nationale Identität kann die bewusste oder unbewusste Einsicht eines Individuums sein, sich als Teil der Bevölkerung einer Nation zu fühlen.[9] Um sich als Teil einer Bevölkerung einer europäischen Nation zu erkennen, spricht man in Europa auch die Sprache dieser Nation: „The popular prototype of clearly distinct nations is [...] closely interwined with the notion of clearly distinct langua­ges.“[10] Was ist aber mit Gruppen, die eine Minderheitensprache sprechen? Dürfen sie nicht als Teil der Nation bezeichnet werden? Besitzen sie keine nationale Identität? Wenn die na­tionale Identität ein fester Bestandteil der Identität jedes Individuums ist, sind Minderheitens- prachler dann teilweise identitätslos?

Barbour benutzt den Terminus „small languages“ und erklärt ihn mit den Worten: ,,It relates to any language whose speakers are compelled to use another language for some significant part of their normal activities. It includes minority languages, but also many majority lan­guages with relatively few speakers.“[11] Mit dieser Beschreibung des Begriffes „small langua­ge“ sind auch die Nachteile der Sprecher offensichtlich: sie müssen eine zweite Sprache erler­nen, um bei Ämtern, öffentlichen Institutionen, in der Schule und im späteren Berufsleben agieren und teilnehmen zu können. Durch die Anwendung der zweiten Sprache sind auch sie Teil des öffentlichen Lebens und sind als arbeitende, einkaufende und in der Öffentlichkeit mitwirkende Menschen Teil der Bevölkerung ihrer Nation. Ihre eigene Sprache, die als Min­derheitensprache gekennzeichnet ist, kann hier nicht verwendet werden. Doch die menschli­che Identität ist kein starres System. Sie formt sich durch die täglichen Einflüsse in der Um­gebung, im Beruf, durch die Medien, die Familie und die Freunde. Sie ist veränderbar. Der Mensch wendet seine Identität täglich auf verschiedenen Ebenen an.

Als Bestandteil der individuellen Identität existiert nicht nur die nationale Identität, sondern auch die Gruppenidentität. Sie wird, in Verbindung mit dem Aspekt Sprache, gerade für Spre­cher der „small language“ wichtig. Denn nur unter Freunden und in der Familie kann die Gruppenidentität durch die Anwendung der eigenen Sprache ausgelebt werden: „There are of course many cases of obliteration of cultures and languages [...], but there are many cases which demonstrate that language, and other cultural characteristics, will continue to flourish if they are valued by the community [...].

[...]


[1] Barbour, Stephen: Language and national identity in Europe: theoretical and practical problems. In: Hoffmann, Charlotte (Hrsg.): Language, culture an communication in contemporary Europe. Clevedon 1996.

[2] Der Begriff wird von Barbour (1996) verwendet und soll während der Beschäftigung mit seinem Aufsatz noch näher erklärt werden.

[3] Z.B.: im Büro, der Schule oder den größeren Firmen.

[4] Jacobsen, Birgitte (2003): Colonial Danish. In: International Journal of Sociology of Language 159.

[5] Ámason, Kristján: Sprogrogtsaktion ,Màlrækt 1989‘ og islandsk sprogpolitik. In.: Sprâk i Norden 1991.

[6] Barbour 1996. S. 29.

[7] Ebd. S. 36.

[8] Ebd. S. 28.

[9] Anm.: Das bedeutet, dass ein Norweger weiß, dass er Norweger ist und fühlt sich damit als Teil der norwegi­schen Bevölkerung. Das tut er auch, wenn er in einer anderen Nation zu Gast ist.

[10] Barbour 1996. S. 32.

[11] Ebd. S. 35.

Details

Seiten
9
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783668523371
ISBN (Buch)
9783668523388
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375058
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Nordeuropa Institut
Note
1
Schlagworte
zusammenhänge sprache identität theorie barbours beispiel nuuk-dänisch grönland

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zusammenhänge zwischen Sprache und Identität. Die Theorie Barbours und das Beispiel des Nuuk-Dänisch auf Grönland