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Frühkindlicher Autismus als eine Art der Autismus-Spektrum-Störung und Therapieansätze für betroffene Kinder

von Mimi (Autor)

Hausarbeit 2017 12 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Störungsbilder von Autismus-Spektrum-Störungen
2.1 Asperger-Syndrom
2.2 Rett-Syndrom
2.3 FrühkindlicherAutismus

3 Erkennung von frühkindlichem Autismus
3.1 Frühsymptome des frühkindlichen Autismus
3.2 Diagnostisches Vorgehen und Differentialdiagnosen

4 Therapiespektren für frühkindlichen Autismus
4.1 Strukturierte Therapiemethoden und ihre Inhalte
4.1.1 Das TEACCH-Programm als visuelle Strategie
4.1.2 DasdiskreteLernformat DLF
4.1.3 Präzisionslernen
4.2 Das UCLA Model of Applied Behavioral Analysis

5 Schlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Das Krankheitsbild des frühkindlichen Autismus, welches als eine Ausprägungsform der Autismus-Spektrum-Störung gilt, hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Laut dem CDC, dem Center for Disease Control and prevention, ging man im Jahr 2000 noch von einem autistischen Kind von 150 aus, während es 2006 schon eins von 110 und 2012 sogar 1 von 68 waren[1] (CDC, 2017). Es stellt sich nun hierbei die Frage, ob diese enorme Zunahme durch eine verbesserte Diagnose bedingt ist, oder ob es sich um eine tatsächliche Erhöhung von autistischen Störungen bei Kindern handelt.

Die nachfolgende Arbeit soll einen ersten Einblick in das sehr breite Feld der Autismus­Spektrum-Störungen geben. Beginnend wird auf drei Störungsfelder eingegangen. Hierbei wird der Fokus jedoch auf Bereich des frühkindlichen Autismus liegen. In Ka­pitel 3 wird näher auf die Erkennung von frühkindlichem Autismus eingegangen. Das Augenmerk dieser Ausarbeitung liegt auf dem letzten Kapitel, den Therapiespektren. Die strukturierte Therapiemethode wird hierbei neben dem UCLA Model of Applied Behavioral Analysis am intensivsten bearbeitet. Da sehr viele Therapiemethoden ver­breitet sind, wurden drei ausgewählt, die restlichen werden nicht näher beleuchtet. Ziel der Arbeit ist es, verschiedene Therapiemethoden zu analysieren und auf ihre Wirk­samkeit zu untersuchen. Dies geschieht mithilfe von Fachliteratur. Eine Schlussbe­trachtung wird diese Hausarbeit abrunden.

2 Störungsbilder von Autismus-Spektrum-Störungen

2.1 Asperger-Syndrom

Kinder, die unter Autismus-Störungen leiden, zeigen oftmals eine Vielzahl an Verhal­tens-, Lern-, oder auch Motivationsproblemen auf. Eingleisige Interventionen mit uni­versellen Ansprüchen werden ihnen nur sehr selten gerecht (Bernard-Opitz 2015: 15).

Das Asperger-Syndrom ist dem frühkindlichen Autismus sehr ähnlich. Da man hierje- doch keine Entwicklungsverzögerung feststellen kann, sind die beiden Störungsbilder doch voneinanderzu differenzieren (Beyer 2015: 34-34). Das Deutsche Institut für Me­dizinische Dokumentation und Information beschreibt Kernmerkmale des Asperger- Syndroms folgendermaßen: Beispielsweise sind dies qualitative Beeinträchtigungen von sozialen Interaktionen. Betroffene Kinder sind zumeist unfähig zwanglose Bezie­hungen zu anderen Personen, wie Gleichaltrigen, herzustellen. Außerdem sind sie bei nichtverbalen Interaktionen wie Mimik oder Gestik auffällig (Kamp-Becker und Bölte 2011: 16-21). Weiterhin haben Betroffene stereotypische Verhaltensmuster und oft­mals ungewöhnlich ausgeprägte und recht spezielle Interessen. Gemeint sind hierbei Beschäftigungen mit umschriebenen Wissensgebieten wie z.B. Autos oder dem Peri­odensystem, die teilweise schon monomane Züge annehmen. Besonders das Ausmaß des Interesses und der Widmung dieser Gebiete ist hier ungewöhnlich. Sie lassen sich von diesem Interesse kaum abbringen, so dass häufig das direkte Umfeld belastet wird (Gillberg, Billstedt und Cederlund 2010: 123-128).

Häufig angewendete Therapiemethoden sind die Ergotherapie oder auch soziales Kompetenztraining.

Ein großer Unterschied zum frühkindlichen Autismus ist das Fehlen einer Sprachent­wicklungsverzögerung. Kinder mit Asperger-Syndrom lernen schon recht früh spre­chen und fallen durch teilweise ungewöhnliche Ausdrucksweisen auf.

2.2 Rett-Syndrom

Das Rett-Syndrom wurde erstmals 1966 vom Wiener Kinderneurologe Andreas Rett beschrieben. Diese Störung wird durch eine Mutation des X-chromosomalen MECP2- Gens verursacht (Kamp-Becker und Bölte 2011: 16-21). Aktuell wird die Prävalenz in Deutschland auf 1:10000 geschätzt und pro Jahr erkranken in Deutschland ca. 50 Kin­der. Da hauptsächlich Mädchen betroffen sind, ist das Rett-Syndrom nach dem Down- Syndrom die zweithäufigste Behinderung bei Mädchen (RETT SYNDROM Verein für Forschungsförderung e.v. 2017). Tritt diese Störung bei männlichen Individuen auf, so verläuft sie in der Regel tödlich.

Das Rett-Syndrom ist gekennzeichnet durch eine allgemeine verlangsamte Entwick­lung und Symptome wie Hypotonie oder schnelles, ruckartiges und windendes Bewe­gen der Gliedmaßen in fortgeschrittenem Alter (Altgassen 2015: 219-220). Im ICD-10[2] wird diese Form des Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung bezeichnet. Die Ausprägungen dieser Krankheit sind beispielsweise Autoaggressionen oder Probleme bei sozialen Interaktionen (ICD-10-GM 2017). Das besondere hierbei ist, dass sowohl die pränatale, als auch die perinatale Entwicklung des Kindes völlig normal verlaufen. Erst zwischen dem 7. Und 24. Lebensmonat beginnen bestimmte charakteristische Symptome des Rett-Syndroms. Teilweise verlieren betroffene Kinder den zielgerichte­ten Gebrauch der Hände, sowie ihre Sprache.

Heilende Behandlungsmöglichkeiten sind derzeit nicht bekannt, jedoch gibt es unter­schiedliche Therapiemethoden wie Hippotherapie oder Logopädie, die Symptome der Krankheit deutlich mindern können.

2.3 Frühkindlicher Autismus

Der frühkindliche Autismus wird seit je her als angeboren oder in frühester Kindheit erworben angesehen. Es handelt sich hierbei um eine tiefgreifende Störung mit einer schweren qualitativen Abweichung des normalen Entwicklungsverlaufes. Sowohl in der ICD-10, als auch in der DSM-IV-TR[3] wird der frühkindliche Autismus den tiefgrei­fenden und komplexen Entwicklungsstörungen zugeordnet.

Der Begriff des frühkindlichen Autismus wird in der Literatur unterschiedlich gedeutet. Die am LVR-Klinikum in Bonn praktizierende Medizinerin Judith Sinzig beschreibt in ihrer Monographie den frühkindlichen Autismus als „Sammelbegriff, der lediglich auf den Zeitpunkt der Entstehung der Symptomatik und die Vollständigkeit der Symptoma­tik abhebt und nichts über die Ätiologie und Pathogenese der so bezeichneten klini­schen Bilder sagt“ (Sinzig 2011: 8). Johanna Mirjam Beyer dagegen spricht in ihrem Aufsatz, welcher im Sammelwerk von Theunissen, Kulig, Leuchte und Paetz zu finden ist, von einem konkreten Krankheitsbegriff und nicht von einem Sammelbegriff (Beyer 2015: 151-152).

Die auch als Kanner-Syndrom bezeichnete Krankheit zeigt sich in vielfältigen Berei­chen: Besondere stereotype Verhaltensweisen, eingeschränkte soziale Interaktion o­der qualitative Beeinträchtigungen bei der Kommunikation. Es tauchen neben diesen spezifischen diagnostischen Merkmalen auch eher unspezifische Problematiken auf. Dies sind beispielsweise Phobien, Schlaf-oder Essstörungen, Aggressionen oder Wut­ausbrüche (Sinzig 2011: 11-13).

Man differenziert im Forschungsbereich des frühkindlichen Autismus zwischen zwei Formen.

- Der Low-functioning-Autismus: Betroffene haben eine deutliche Intelligenzmin­derung und auch die sprachlichen Fähigkeiten sind sehr eingeschränkt (Kamp­Becker und Bölte 2011: 16).
- Der High-funktioning-Autismus: Betroffene haben meistens einen überdurch­schnittlichen IQ (>70) und auch gut funktionierende verbale Fähigkeiten (Kamp­Becker und Bölte 2011: 16).

Schon Leo Kanner, der Jugendpsychiater, der 1943 als erster den frühkindlichen Au­tismus beschrieben hatte sagte: „Obwohl die meisten dieser Kinder irgendwann einmal als schwachsinnig gesehen wurden, sind sie alle unzweifelhaft ausgestattet mit guten kognitiven Potenzialen...der erstaunliche Wortschatz jener Kinder, die sprechen, das exzellente Gedächtnis für Ereignisse die mehrere Jahre zurückliegen, das phänome­nale Gedächtnis für das Auswendiglernen von Gedichten und Namen, und die präzise Erinnerung an komplexe Muster und Folgen, lässt eine gute Intelligenz erkennen- in dem Sinne, in dem das Wort üblicherweise gebraucht wird“ (Autismus Kultur 2017).

3 Erkennung von frühkindlichem Autismus

3.1 Frühsymptome des frühkindlichen Autismus

Bis heute existiert kein konkreter neuropsychologischer Test, um Autismus festzustel­len. Diagnosen werden größtenteils durch Beobachtungen der Elternteile gestellt (Kamp-Becker und Bölte 2011: 54). Dies zeigen auch zahlreiche Erfahrungsberichte, wie die beiden Monografien „Ich Igelkind“ oder „Stummer kleiner Prinz“, welche beide von betroffenen Müttern geschrieben wurden, die jeweils die Autismus Erkrankung ih­rer Kinderfestgestellt haben und ausführlich darüber berichten (Rohde 2008), (Lefèvre 1993). Diese Beobachtung von Frühsymptomen ist von großer Wichtigkeit, um eine möglichst frühe Diagnosestellung zu gewährleisten. Die ersten Beobachtungen kön­nen schon im Alter von 12-18 Monaten festgestellt werden (Autismus Deutschland e.v. 2017). Frühsymptome im Bereich der sozial-kommunikativen Fertigkeiten sind bei­spielsweise das Meiden von Blickkontakt, geminderte Reaktion bei Ansprache mit dem Vornamen oder kein vorhandenes sozial-reziprokes[4] Lachen. Besonders deutliche Hinweise gibt auch das Spielverhalten der Kinder. Dies wären z.B. das fast vollständige Fehlen von Imitationsspielen, oder das häufige Widerholen von Handlungen während dem Spiel (Kamp-Becker und Bölte 2011: 54-57).

3.2 Diagnostisches Vorgehen und Differentialdiagnosen

Möchte man eine autistische Störung diagnostizieren, ist ein multidisziplinäres Vorge­hen zu empfehlen. Diverse Autoren gehen die Thematik der Diagnostik auf unter­schiedliche Weise an. Thomas Giersberger beispielsweise zeigt in seinem Werk ver­schiedene Phasen bzw. Ebenen der Diagnose an. Dies wären die kategoriale Ebene, die der Forschung dient und dimensionale klinische Ebene, welche der Festlegung von Strategien dient. Des Weiteren die versicherungsrechtliche Diagnostik, die der Bestim­mung von Kostenträgern (Giersberger 2016: 80). Bei anderen Autoren ist diese Auftei­lung nicht aufzufinden.

Zusammengetragen werden alle für das multidisziplinäre Verfahren notwendigen In­formationen von Spezialisten aus den Bereichen der Psychiatrie, der Ergotherapie etc. Alle Diagnoseschritte beinhalten eine genaue Anamnese der Entwicklung des Kindes, Diagnostiken der Sprache und der Intelligent, sowie eine Erfassung des Kommunika- tions- und Interaktionsstiles. All diese Informationen werden nun zu einer sogenannten klinischen Konsensusdiagnose zusammengefasst, wobei Kamp-Becker und Bölte im­mer den Einbezug von mindestens zwei unabhängigen Kliniken empfehlen (Kamp-Be­cker und Bölte 2011: 60).

Eine standardisierte Diagnostik wird dann durchgeführt, wenn der Eindruck der Klinik deutlich auf eine autistische Störung hinweist. Die Altersgrenze für diese Anwendung liegt bei ca. 18 Monaten. Nach einer allgemeinpsychologischen Entwicklungsdiagnos­tik von Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes, folgt der Einsatz von autismusspezi­fischen Instrumenten zur Klärung der diagnostischen Kriterien.

Differentialdiagnosen dürfen im Bereich der Autismus-Spektrum-Störungen keinesfalls außer Acht gelassen werden. Als solche werden Erkrankungen definiert, die ähnliche oder fast gleiche Symptomatik wie andere Erkrankungen haben. Das Aufmerksam­keitsdefizitsyndrom ADHS zählt zu den häufigsten Differentialdiagnosen. An Autismus erkrankte Kinder und auch Jugendliche zeigen oft Unaufmerksamkeit oder motorische Unruhen auf, was fälschlicherweise als eine ADHS-Erkrankung diagnostiziert wird (Riedel 2015: 103-104).

4 Therapiespektren für frühkindlichen Autismus

4.1 Strukturierte Therapiemethoden und ihre Inhalte

4.1.1 Das TEACCH-Programm als visuelle Strategie

Möchte man für autistische Kinder den passenden Therapieansatz finden, müssen vor­erst die Störungsbereiche identifiziert werden. Anschließend können die jeweiligen Me­thoden zur Therapie ausgewählt werden. Von Bedeutung ist hierbei, dass Ziele der jeweiligen Therapie zu den Ausprägungsmerkmalen des jeweiligen Kindes passen (Bernard-Opitz 2015: 34-54).

Das Akronym TEACCH steht für Treatment and Education of Autistic and related Com­munication-handicapped Children und beschreibt einen Ansatz des strukturierten Leh- rens und Lernens, besonders für Menschen mit fundamentalen Schwierigkeiten in den Bereichen Wahrnehmung, Kommunikation und Interaktion. Kamp-Becker und Bölte bezeichnen TEACCH nicht als Therapiemethode, sondern eher als „Rahmengerüst zur Förderung und Erziehung von autistischen Menschen“ (Kamp-Becker und Bölte 2011: 80). Bernard-Opitz ordnet TEACCH eher den visuellen Strategien zu, da dieser Ansatz stark auf die visuellen Fähigkeiten der autistischen Kinder ausgerichtet ist. Es arbeitet viel farbigen Linien am Boden, farbigen Wänden oder deutlichen Beschriftungen von Tätigkeitsbereichen. Diese dienen allesamt der Orientierung der Kinder (Bernard-Opitz 2015: 46). Schatz und Schellbach betonen zusätzlich in ihrem Aufsatz, dass im TEACCH-Ansatz sowohl pädagogische, als auch verhaltenstherapeutische Verhal­tensweisen vereint werden. Nach ihnen beinhalten die Grundsätze des Programmes folgende Aspekte: Entwicklung individueller Unterstützungssysteme, Verständnis der charakteristischen Schwierigkeiten und Lernbesonderheiten, Erreichung einer größt­möglichen Selbstständigkeit und einer funktionierenden Kommunikation, Interessen­bezogenes Lernen, Lernen von Respekt vor der Individualität anderer Menschen und Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Eltern etc. (Schatz und Schellbach 2015: 365).

Diese Aspekte wurden alle unter Berücksichtigung der typischen Schwierigkeiten und Besonderheiten autistischer Menschen genannt. Wichtig ist vor allem die enge Zusam­menarbeit mit den Eltern der betroffenen Kinder.

Die Evidenz des TEACCH-Programmes zu beweisen ist nicht einfach, da es sich auf­grund der starken Individualisierung um kein Standard-Verfahren handelt. Somit liegen kaum Studien vor. Bei Gesprächen mit Elternteilen wurde jedoch deutlich, dass beson­ders Faktoren wie die Selbstständigkeit durch Anwendung des Programmes verbes­sertwerden konnten (Kamp-Becker und Bölte 2011: 80).

4.1.2 Das diskrete Lernformat DLF

Dieses Lernformat zählt zu den intensiven verhaltenstherapeutischen Programmen für Kinder mit frühkindlichem Autismus. Das Adjektiv diskret verdeutlicht die klar abge­grenzten Komponenten des Lernens. Die Durchführung des DLF sieht folgenderma­ßen aus: dem Kind wird von Seiten des Therapeuten eine Aufgabe gestellt wie z.B. „falte das Blatt zusammen!“. Auf diesen sogenannten diskriminierenden Stimulus folgt die Reaktion des Kindes, welche entweder korrekt oder falsch ausgeführt ist. Darauf resultiert letztendlich die Konsequent des Therapeuten. Nach einigen wenigen Durch­gängen kommt ein weiterer Gegenstand hinzu, nach welchem jedoch zunächst nicht gefragt wird. Ziel ist die korrekte Unterscheidung beider Gegenstände durch das Kind. Wichtig ist, die Position beider Gegenstände zu variieren, um sicherzugehen, dass das Kind auf den Gegenstand und nicht die Position reagiert (Bernard-Opitz 2015: 36-38).

Wenn diese grobmotorischen Übungen richtig ausgeführt werden, können weitere fein­motorische oder mundmotorische Übungen folgen.

Der Therapeut gibt einfache Anweisungen wie „was macht der Papa?“ etc. Gibt das Kind die korrekte Antwort, folgen ein Lob und ein Verstärker, z.B. ein Gummibärchen. Ist die Antwort nicht korrekt, folgt eine Hilfestellung durch den Therapeuten. Hilfestel­lungen werden individuell an das Kind und seinen aktuellen Lernstand angepasst.

Zwei weitere Methoden des verhaltenstherapeutischen Vorgehens sind das Shaping und das Chaining. Beim Shaping, bzw. Formen, wird schrittweise auf das Ziel, bei­spielsweise das Nachahmen eines Lautes hingearbeitet. Bei der Kettenbildung, dem Chaining, werden leichte Verhaltensweisen, wie das Aufspießen einer Nudel mithilfe einer Gabel geübt und anschließend mit weiteren Teilkomponenten der gesamten Ver­haltenskette verbunden. In diesem Falle wäre das alleine Essen (Bernard-Opitz 2015: 36-38).

Eltern und auch Therapeuten haben teilweise Schwierigkeiten mit DLF, da sie an Dres­surmethoden erinnert werden. Es muss jedoch bedacht werden, dass einige Kinder erst diese Methode benötigen, um weitere weniger logische Aufgaben zu bewältigen.

4.1.3 Präzisionslernen

Beim präzisen Lernen sollen wichtige Grundlagen für selbstkontrolliertes Lernen gelegt werden. Bereits I960 wurde diese Lernmethode in Montessori-Klassen, bei Kindern mit Lernbehinderungen angewandt. Das zentrale Element des Präzisionslernens sind die angewandten kleinen Therapieschritte und die Vorgabe, dass jedes Therapieziel innerhalt kurzer Zeiteinheiten erreicht werden muss (Bernard-Opitz 2015: 38).

Sollen Kinder beispielsweise lernen eine leserliche Handschrift zu entwickeln, trainiert man Halbkreise und schräge Striche in 20-Sekunden Einheiten. Die Basis des Schrei­bens soll so automatisiert werden, bevor es zu komplexen Buchstaben geht (Bernard- Opitz 2015: 38). Weiterhin soll sichergestellt werden, dass die Kinder das Gelernte auch in verschiedenen Lernkanälen abgespeichert haben. Wird ein Ball wird von einem Kind auf Befehl zurückgerollt wäre eine Modifizierung hierbei die Benennung des Wor­tes „Ball“. Für viele Kinder mit frühkindlichem Autismus ist es ein gewaltiger Sprung von der visuellen Unterscheidung zum Verständnis und zum Sprachausdruck zu ge­hen. Aus diesem Grund sind Methoden wie das Präzisionslernen von Bedeutung.

4.2 Das UCLA Model of Applied Behavioral Analysis

Dieses Modell, auch als Lovaas-Modell bekannt, wurde seit den 60er Jahren an der Universität Los Angeles entwickelt. Rothe et al. kritisieren die Rahmenbedingungen dieses Modelles, welches eine Intervention von 30-40 Wochenstunden fordert. Dies sei mit den hier gängigen Methoden nicht kompatibel und unzumutbar (Rothe et al. 2010:161). Nach Ansicht dieses Modells sollte das Kind rund um die Uhr gefördert werden, um sich den Lernstundenzahlen einen gesunden Kindes anzunähern.

Die Therapie findet zu Hause statt und dauert pro Sitzung ungefähr 3-4 Stunden. Sie ist eine Mischung aus kurzen konzentrierten Übungen, sowie Spielen und weiteren Aktivitäten. Die genaue Planung der Therapie ist den Stärken und Schwächen des Kindes angepasst. Beispiele für Übungen mit einem 3 jährigen Jungen wären das Spiel mit Sprache, grobmotorische Imitation oder Zuordnungsaufgaben.

5 Schlussbetrachtung

Durch die Beschreibung der verschiedenen Ausprägungsformen von Autismus-Spekt- rum-Störungen wird deutlich, dass die Identifizierung eines genauen Krankheitsbildes teilweise schwierig ist. Die Formen ähneln sich sehr, weisen oftmals gleiche Symptome auf und sind nur mühsam zu unterscheiden.

Die vorgestellten Therapiemethoden haben nur einen kleinen Einblick in das weite Feld der Therapiesprektren gegeben. Eine detaillierte Auflistung aller Methoden hätte den Rahmen dieser Arbeit deutlich gesprengt.

Final ist zu sagen, dass es von elementarer Bedeutung ist, die Therapiemethoden in­dividuell an die betroffenen Kinder anzupassen und keine einheitlichen Methoden an­zuwenden. Es gilt: je früher eine autistische Erkrankung erkannt und therapiert wird, desto deutlicher wirkt es sich auf das spätere leben in all seinen Facetten aus.

Literaturverzeichnis:

BERDNARD-OPITZ, Vera, 2015, Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Eltern und Lehrer. Stuttgart: W. Kohlhammer.

BEYER, Johanna Mirjam, 2015. Asperger-Syndrom. In: THEUNISSEN; Georg, KULIG, Wolfram, LEUCHTE Vico, PAETZ, Henriette, Hrsg. Handlexikon Autismus-Spektrum­Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 33-34.

BEYER, Johanna Mirjam, 2015. Frühkindlicher Autismus. In: THEUNISSEN; Georg, KU­LIG, Wolfram, LEUCHTE Vico, PAETZ, Henriette, Hrsg. Handlexikon Autismus-Spekt­rum- Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. 1. Auf­lage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 151-152.

GIERSBERGER, Thomas, 2016, Die vielen Farben des Autismus, Spektrum, Ursachen, Diagnose, Therapie und Beratung. Stuttgart: W. Kohlhammer

GILBERG, Christopher, BILLSTEDT, Eva, CEDERLUND, Mats 2010. Autismus und As­perger-Syndrom über die Lebenspanne. In: Hans-Christoph STEINHAUSEN und Ronnie GUNDELFINGER, Hrsg. Diagnose und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen - Grundlagen und Praxis 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 119-135.

KAMP-BECKER, Inge und Sven, BÖLTE, 2011, Autismus. München: Ernst Reinhard Verlag.

LEFÈVRE, Françoise, 1993, Stummer kleiner Prinz, die Geschichte meines autistischen Kindes. München: Wilheln Heyne Verlag.

RIEDEL, Andreas, 2015. Differentialdiagnostik (Differentialdiagnose). In: THEUNISSEN; Georg, KULIG, Wolfram, LEUCHTE Vico, PAETZ, Henriette, Hrsg. Handlexikon Autis­mus-Spektrum- Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 103-104.

ROHDE, Katja, 2008, Ich Igelkind, Botschaften aus einer autistischen Welt. München: nymphenburger.

ROTHE, Tanja, STUDER Nadja, STÜSSI, Erika, GUNDELFINGER, Ronnie 2010. Frühe intensive verhaltenstherapeutische Intervention bei frühkindlichen Autismus. In: Hans- Christoph STEINHAUSEN und Ronnie GUNDELFINGER, Hrsg. Diagnose und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen - Grundlagen und Praxis 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 119-135.

SCHATZ, Yvette und Silke SCHELLBACH, 2015. TEACCH- Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children In: THEUNISSEN; Georg, KULIG, Wolfram, LEUCHTE Vico, PAETZ, Henriette, Hrsg. Handlexikon Autismus­Spektrum- Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. 1. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer, 365-366.

SINZIG, Judith, 2011, Frühkindlicher Autismus. Berlin: Springer Verlag.

Internetquellenverzeichnis:

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RETT SYNDROM VEREIN FÜR FORSCHUNGSFÖRDERUNG, 2017, [Online-Quelle]: [Zugriff am 11.05.2017]. Verfügbar unter: http://www.rett-syndrom-deutsch- land.de/rett_syndrom/was-ist-das-rett-syndrom.html.

[1] Die hier genannten Jahre sind die Jahre, in denen die Auswertung durch das CDC erfolgte. Sie beziehen sich jeweils auf Kinder, die acht Jahre zuvor geboren wurden (CDC, 2017)

[2] ICD steht für international Classification of Diseases und bezeichnet die internationale Klassi­fikation von Krankheiten. Das ICD ist das bedeutendste und auch weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Herausgeber ist die Weltgesundheitsorganisation WHO.

[3] Das Diagnositical und statisical manual of Mental Disorders, kurz DSM, ist ein in der Psychatrie verwendetes Klassifikationssystem, welches eine entscheidende Rolle bei der Dia­gnostik und der Definition von psychischen Krankheiten spielt.

[4] Unter Reziprozität versteht man Wechselseitigkeit (Duden 2017).

Details

Seiten
12
Jahr
2017
ISBN (Buch)
9783668523449
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375088
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,8
Schlagworte
Autismus Therapie Autismusspektrumsstörung

Autor

  • Mimi (Autor)

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Titel: Frühkindlicher Autismus als eine Art der Autismus-Spektrum-Störung und Therapieansätze für betroffene Kinder