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Wie wirkt sich die Ausprägung des Leistungs- und Machtmotivs eines Profiradfahrers auf das gesundheitsschädigende Verhalten mittels Blutdoping mit EPO aus?

Am Beispiel der Tour de France

Hausarbeit 2017 27 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand
Motive und Doping
Leistungs- und Machtmotiv im Profiausdauersport
Gesundheitsgefährdung durch Doping

3. Untersuchungsmethode

4. Vorstellung der Theorien und Modelle
4.1 Theorien der untersuchten Motive
4.1.1 Leistungsmotiv
4.1.2 Machtmotiv
4.2 Blutdoping mit EPO

5. Untersuchung und Darstellung der Untersuchungsergebnisse
5.1 „Schneller, höher, weiter“ - Doping und das Leistungsmotiv
5.2 Machtspiele - Doping und das Machtmotiv
5.2.1 Das selbstbezogene M2-Machtmotiv
5.2.2 Das eigennützige M3-Machtmotiv

6. Diskussion - führen hohe Motive in Leistung und Macht zu Doping?

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Doping ist ein immer wiederkehrendes und ständig aktuelles Thema in den Medien und zieht sich durch sämtliche Sportarten mit verschiedenen Methoden (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 23). Vor allem die Profifahrer der Tour de France, der Königsklasse des Radsports, geraten immer wieder in den Fokus des Themas Blutdoping mit EPO (vgl. Müller, 2015, S. 91). Ein Expertenteam der WADA[1] stufte 2008 Straßen- und Bahnradfahren als Hochrisikosportarten für Doping ein (vgl. WADA, 2016). Ermittlerteams aus Frankreich, Spanien und Italien deckten ganze Doping-Netzwerke auf. Aufgrund von Blutdoping mit EPO wurde 2006 das Starterfeld der Tour massiv ausgedünnt (vgl. Müller, 2015, S. 89ff). Von 1998 bis 2005 gibt es keinen Tour-Sieger mehr, da Lance Armstrongs sieben Titel aberkannt wurden und die nachrückenden Fahrer allesamt in Doping-Affairen mit Blutdoping/EPO verwickelt waren (ebd). Blut-Doping mit EPO wird im Profiradsport flächendeckend betrieben (vgl. Stockhausen, 2007, S.157) und schädigt die Gesundheit massiv (Schöffel et al., 2015, S. 92f). Das Bundesverwaltungsamt bestätigt erhebliche Gesundheitsschäden aufgrund von Doping, selbst über Generationen hinaus (vgl. Bundesverwaltungsamt, 2016). Die Kosten, die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs entstehen, beliefen sich im Jahr 2008 jeweils auf 2.542.800 €, Tendenz steigend (vgl. Statistisches Bundesamt, 2016a+b). Hierunter fallen auch Folgeschäden durch Doping, die an der Solidargemeinschaft hängenbleiben, denn diese werden nicht aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung ausgegrenzt (vgl. Birnbacher et al., 2009).

Profiradfahrer der Tour de France sind männlichen Geschlechts. Das Anforderungsprofil umfasst 8,5 Monate im Jahr Wettkampfsaison, in denen sie durchschnittlich 100-120 Wettkampftage abarbeiten. Dabei legen sie Distanzen bis zu 300 km am Tag zurück, was ca. 5-7 Stunden im Sattel entspricht (vgl. Heinrich, 2002, S. 81f), über bis zu drei Wochen Dauer täglich bei den großen Rundfahrten (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 23). Die Tour de France zieht sich ebenfalls über drei Wochen mit zwei Ruhetagen (vgl. Tour de France, 2016). 2016 umfasste die 103. Tour insgesamt 21 Etappen über eine Gesamtlänge von 3.519 km (ebd). In einer Bergetappe durch die Dolomiten oder Alpen sammeln die Profis bis zu 6.000 Höhenmeter (vgl. Müller, 2015, S. 95). Hinzu kommt das Training von bis zu 40.000 km im Jahr (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 23).

Um diesem Anforderungsprofil in der Königsklasse mit Erfolg gerecht zu werden, benötigen Radprofis nach Krug und Kuhl (2006, S. 135) hohe Ausprägungen im Leistungs- und Machtmotiv. Ein Zusammenhang der beiden Motive und Blutdoping mit EPO könnte aus motivationspsychologischer Sicht interessant sein, um die Wahrscheinlichkeit eines Dopingmissbrauchs frühzeitig erkennen und gezielt präventiv handeln zu können. Dies führt zu der zu untersuchenden Forschungsfrage:

Wie wirkt sich die Ausprägung des Leistungs- und Machtmotivs eines Profiradfahrers am Beispiel Tour de France auf das gesundheitsschädigende Verhalten mittels Blutdoping mit EPO aus?

Über die Literaturanalyse wird untersucht, ob die aufgrund der für den Radprofi erforderliche Ausprägungen der Motive eine Vorhersage des Dopingmissbrauchs zulässt. Diese frühzeitige Erkenntnis kann präventiv von Nutzen sein und damit den Sportler vor Krankheiten schützen und das Gesundheitssystem durch Erkrankungen und Folgeerkrankungen der dopenden Sportler über Generationen zu entlasten (vgl. Müller-Platz, 2016).

2. Forschungsstand

In einer Studie befragte Goldman (1997) 200 amerikanische Olympioniken, ob sie leistungssteigernde Mittel nehmen würden, wenn sie dadurch garantiert gewinnen würden ohne erwischt zu werden. 98% antworteten mit „Ja“.

Auf die Zusatzfrage, ob sie leistungssteigernde Mittel nehmen würden, wenn sie garantiert bekämen, die nächsten fünf Jahre alle Wettkämpfe zu gewinnen, aufgrund des Dopings jedoch dann sterben müssten, antworteten immer noch 50% mit „Ja“ (vgl. NADA[2] Austria, 2016).

Motive und Doping

Das Dopingverhalten, d. h. das Verhalten, Doping zu konsumieren, aus der psychologischen Perspektive wird erst seit ca. 1990 erforscht und ist damit noch eine recht junge Disziplin der Psychologie (vgl. Brand, 2015, S. 114). Die Untersuchungen zielen auf die inneren Prozesse ab, die es als „Verhaltensprädiktoren“ zu identifizieren gilt und in wieweit sie zur Vorhersage des Dopingverhaltens evaluiert werden können (ebd). In Reviews von Backhouse et al. (2007) und Morente-Sánchez &Zabala (2013) werden subjektive Begründungen von Befragten Sportlern aufgeführt wie Ruhm, Anerkennung, finanzielle Aspekte sowie Steigerung des Selbstvertrauens, Privilegien und Prestigezugewinn (vgl. Brand, 2015, S. 114). Eine weitere Studie von Lentillon-Kaestner und Carstairs (2009) untersucht junge Elite-Radfahrer, die auf der Suche nach einem Profiteam sind. Die Studie bestätigt die Annahme der jungen Fahrer, dass in der Profiklasse Doping „dazu gehöre“ und sie bereit sind, für die Profikarriere Doping zu gebrauchen (vgl. Lentillon-Kaestner; Carstairs, 2009, S. 336ff). Auch wird die Einstellung zu Doping positiv beeinflusst, wenn junge Sportler regelmäßig legale Nahrungsergänzungsmittel, um ihre Leistungsgrenze zu verschieben, einnehmen. Die Wahrscheinlichkeit, Doping zu konsumieren, steigt um das Dreifache, belegt eine weitere Studie (vgl. Backhouse et al., 2013, S. 244ff).

Leistungs- und Machtmotiv im Profiausdauersport

In Frühen Studien (1969/70, 1975, 1976 und 1981) wurde u. a. das Leistungsmotiv von Hochleistungssportlern im Spitzenschwimmsport, eine Ausdauer-/Kraftausdauersportart ähnlich dem Radsport, getestet und mit Kontrollgruppen verglichen. Es zeigte sich, dass das Leistungsmotiv schon mit 10-11 Jahren hoch ausgeprägt ist und als relativ stabile Persönlichkeitsdisposition gilt (vgl. Gaber, 2002, S. 75ff). Zudem wurde festgestellt, dass die männlichen Schwimmer signifikant höhere Werte in der Komponente „Hoffnung auf Erfolg“ aufweisen, als die Schwimmerinnen (ebd). Krug und Kuhl (2006) gehen davon aus, dass das ideale Motivprofil eines erfolgreichen Ausdauer- oder Kraftausdauersportler, wie im Profiradsport, ein hohes Leistungsmotiv, ein sehr hohes Machtmotiv der M2-Komponenten und mindestens ein mittelhohes Machtmotiv der M3-Komponenten. Das Freundschafts- bzw. Anschlussmotiv, sowie die Komponenten des Machtmotivs M1 und M4 spielt nach den Autoren keine Rolle im Spitzensport (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 135). Diese Aussage untersuchte eine Studie und stellte Leistungssportler Freizeitsportlern gegenüber, Die Studie bestätigte, dass Leistungssporttreibende signifikant höhere Ausprägungen in Leistungs- und Machtmotiv aufweisen als im Anschlussmotiv und bei Freizeitsporttreibenden. Der Unterschied des Machtmotivs stellte sich bei Hochleistungssportlern noch stärker heraus (vgl. Gröpel et al., 2015, S. 6ff). Heckhausen und Heckhausen (2010, S. 220) resümierten aus Studien von Watson (1973) und McClelland (1975), dass die Befriedigung des Machtthemas mit der Höhe des Anreizes steigt.

Gesundheitsgefährdung durch Doping

In einer Studie zum Forschungsprojekt „Aufarbeitung“ (Spitzer, 2006, S. 21ff) wurden Dopingopfer des DDR-Dopingsystems gesundheitlich erfasst und festgestellt, dass signifikante Erkrankungstendenzen wie Skeletterkrankungen (92%), psychische Störungen (62%) und Krebserkrankungen (25%) erkennbar wurden. Überzufällig viele Fehlgeburten (32 mal häufiger als in der übrigen Bevölkerung) wurden festgestellt und die überlebenden Kindern der Dopingopfer litten überdurchschnittlich oft an Allergien, Hauterkrankungen, Lungenerkrankungen und Verkrüppelungen der Glieder. Hinzu kamen psychischen Störungen, geistigen Behinderungen und Stoffwechselerkrankungen. 54% erkrankten an mindestens zwei dieser Krankheiten (ebd).

Nach einer Studie des belgischen Senats werden 80% der jährlichen EPO-Produktion illegal im Sport abgesetzt (vgl. NADA Austria, 2016). Insgesamt ist der Schwarzmarkt für die Pharmaindustrie ein lukrativer Absatzmarkt (ebd). So werden EPO-Produkte verschiedener Pharmafirmen im Gesamtwert von 11,8 Billionen Dollar jährlich umgesetzt (vgl. NADA Austria, 2016), wovon sich die Umsätze des deutschen Schwarzmarktes auf mehr als 100 Milliarden Euro belaufen - Tendenz steigend (vgl. Daumann, 2013, S. 43). Werden die Absatzzahlen mit dem tatsächlichen medizinischen Bedarf verglichen, kommen auf einen Patienten, der EPO aufgrund seiner Krankheit benötigt, 6,8 „andere Benutzer“ (vgl. NADA Austria, 2016), die großteils zu Lasten des Gesundheitssystems gehen (vgl. Daumann, 2013, S. 52ff).

Bisher scheint es keine Studien zu geben, die den Zusammenhang zwischen Dopingverhalten und den Motiven eines Profisportlers untersuchen.

3. Untersuchungsmethode

Es handelt sich um eine Literaturanalyse. Zur Recherche wird auf Datenbanken wie Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) von Deutschland und Österreich, World Anti-Doping Agency (WADA), Statistisches Bundesamt (DESTATIS), Bundesverwaltungsamt (bva), Gesundheitsberichterstattung des Bundes (gbe-bund) oder der Deutschen Nationalbibliothek zugegriffen. Verwendet werden Suchbegriffe wie: „Doping“, „Gesundheit“, „Kosten“, „Profiradsport“, „Tour de France“, „Motivation“, „Motiv“, „Leistungsmotivation“, „Machtmotivation“, „Leistungssteigerung“, „Folgeerkrankungen“, „Netzwerk“, „EPO“, „Blutdoping“, „Erytropoetin“, da diese in Bezug auf die Forschungsfrage und ihre Eingrenzung stehen. Zur Erweiterung der Suche werden die Suchbegriffe ins Englische übersetzt oder die Schreibweise verändert. Je nach Suchkontext stehen die Begriffe allein oder werden durch die Suchfunktion „UND“ kombiniert. Die daraus resultierenden Ergebnisse aus wissenschaftlich belegter Literatur, werden gesichtet, analysiert und zur Beantwortung der Forschungsfrage hinzugezogen. Aus der unmittelbaren Bezug des Themas ergibt sich die direkte Relevanz, eine indirekte durch Verweise auf andere Quellen im Text oder im Literaturverzeichnis. Weitere Suchbegriffe erschließen sich durch den Kontext, die wiederum nach dem o. g. Schema verwendet werden.

Die Literatur wird nach den Kriterien „Leistungs- und Machtmotiv im Ausdauer-/Kraftausdauersport“, „Doping und Gesundheit“, „Motivation und Profisport“, „Profiradfahrer und Tour de France“ und „Doping im Profiradsport“ ausgewählt und zur Beantwortung der Forschungsfrage nachgehend analysiert und in Zusammenhang gebracht. Dafür werden die Merkmale in der Literatur gesucht, die Personen mit Leistungsmotiv bzw. Machtmotiv M2 und M3, ausmachen. Diese Merkmale werden mit den Eigenschaften, die zur Dopingbereitschaft führen, analysiert und anschließend diskutiert, welche Motive dem Dopingverhalten eher zusprechen oder nicht. Dies wird daraus gefolgert, welches Verhältnis sich aus den Kriterien des jeweiligen Motiv und den acht ausgewählten Kriterien des Dopens ergibt. Die Auswahl der Kriterien für Doping stellt sich zusammen aus den beiden grundsätzlich angenommenen Aspekten Risiko- und Betrugsbereitschaft (vgl. NADA Austria, 2016; Franke; Ludwig, 2007, S. 248ff), die Dopingverhalten voraussetzt. Zudem werden aus Literatur bzw. Studien die, um die Arbeit im Rahmen zu halten, sechs am häufigsten genannten Gründen für Dopingverhalten ermittelt.

4. Vorstellung der Theorien und Modelle

Um den Zusammenhang zwischen Leistungs- und Machtmotiv eines Radprofis der Tour de France und der Bereitschaft, Dopingmittel wie Blutdoping mit Epo zu konsumieren, werden im Folgenden Theorien und Modelle zu den beiden zu untersuchenden Motiven und die Motiv-Voraussetzungen eines Radprofis vorgestellt. Der Weiteren wird die Methode Blutdoping mit EPO und deren Gesundheitsrisiken verdeutlicht, um aufzuzeigen, was die Radprofis riskieren.

4.1 Theorien der untersuchten Motive

Radrennen gehört als Wettkampfform zu den Ausdauer- und Kraftausdauersportarten, bei dem sich der Gegner hauptsächlich neben, hinter oder vor dem Profifahrer befindet (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 128ff). Dabei gilt es, sich im Training ständig verbessern zu wollen, wobei das Leistungsmotiv herausgefordert wird. Ebenso spielt das „Sich-quälen-Können“ (Krug; Kuhl, 2006, S. 129f) im Wettkampf und im Training eine ausschlaggebende Rolle und trifft damit, wie auch das Beherrschen von Machtspielen während der Radrennen, auf das Machtmotiv (ebd).

Gemessen werden die Motive nach dem TAT („Thematischer Auffassungstest“), den Murray 1938 erstmals beschrieb und McClelland et al. weiterentwickelten, um die Höhe der leistung- bzw. machtbezogenen Motive in TAT-Geschichten, die die Probanden zu thematisch gezeigten Bildern in verschiedenen manipulierten Situationen verfassen sollten, zu erfassen (vgl. McClelland et al., 1976, S. 97ff).

4.1.1 Leistungsmotiv

Das Leistungsmotiv zielt auf die Selbstbewertung eigener Tüchtigkeit in Aus-einandersetzung mit Gütemaßstäben ab, die es zu erreichen oder zu verbessern gilt (vgl. Rheinberg, 2008, S, 60). Der empfundene Stolz dient somit als Anreiz, ein persönlich anspruchsvolles Ziel mit der eigenen Tüchtigkeit erreicht zu haben (ebd). Atkinson entwickelte das Risikowahlmodell, das Leistungsmotivierte in zwei Ausprägungsformen kategorisiert und damit deren Handlungsverhalten vorhersagen soll (vgl. Beckmann, 2015, S. 395). Hierbei stehen sich „Hoffnung auf Erfolg“ (Erfolg anstreben) und „Furcht vor Misserfolg“ (Misserfolg vermeiden) gegenüber (vgl. Atkinson, 1975, S. 417ff). Die Erwartung, eine subjektiv als leicht oder schwer empfundene Aufgabe erfolgreich lösen zu können, zeigt an, ob die Person erfolgsmotiviert oder misserfolgsmotiviert ist (vgl. Brandstätter et al., 2013, S. 31ff). Krug und Kuhl (2006, S. 141) benennen vier Faktoren für Erfolg/Misserfolg: eigene Fähigkeiten (vorhanden oder nicht), Anstrengung (genügend oder nicht), Aufgabenschwierigkeit (zu hoch/zu niedrig) und Zufall (Glück/Pech). Demnach führen Erfolgsmotivierte ihren Erfolg auf ihre eigenen Fähigkeiten zurück (positive Ursachenerklärung) und empfinden Stolz und Freude (positive Selbstbewertung) über das Geleistete, während Misserfolg sie nicht an sich zweifeln lassen sondern eher motiviert (vgl. Brandstätter et al., 2013, S. 33ff; Beckmann, 2015, S. 395f; Krug; Kuhl, 2006, S. 141). Misserfolgsmotivierte hingegen suchen sich sehr leichte bzw. sehr schwere Aufgaben (vgl. Rudolph, 2013, S. 106), führen Erfolg auf Zufall oder auf zu leichte Aufgaben zurück (negative Ursachenbeschreibung) und Misserfolg auf ihre eigene Unfähigkeit, die sich im Misserfolg bestätigt (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 141f). Somit gewinnen Erfolge nicht an Attraktivität, da Stolz oder Freude ausbleiben (keine positive Selbstbewertung) und die selbstwertbelastende Ursachenzuschreibung ruft negative Emotionen hervor, die zukünftig vermieden werden sollen (ebd).

Krug und Kuhl (2006, S. 26ff) beschreiben die Persönlichkeit und Verhaltensweisen leistungsmotivierter Menschen. Demnach brauchen Leistungsmotivierte für sie herausfordernde aber gerade noch realisierbare Aufgaben, wollen an ihre Grenzen gehen und auch drüber hinaus, brauchen Freiräume, in denen sie wirken können und Feedback bestenfalls von Experten. Des Weiteren werden sie den Autoren nach angetrieben von der Freude an der perfekten Leistung, die sie immer weiter zu optimieren gedenken, der Freude am eigenen Können und dem Ärger über Unvermögen und Rückschritte oder Stillstand (ebd). Leistungsmotivierte sind unmotiviert, wenn die Tätigkeit keine Herausforderung darstellt und stellen ihre eigene Zufriedenheit über Lob und Kritik von Extern. Sie sind keine Paragraphenreiter, sondern legen die Regeln weit aus, wenn eine Leistungssteigerung dadurch ermöglicht wird (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 26ff).

4.1.2 Machtmotiv

Aus verschiedenen Perspektiven, so auch aus der naiven Psychologie heraus, ist Macht durch das Verhalten gekennzeichnet, dass jemand über einen anderen Einfluss ausübt. Machtausübung erfolgt demnach dann, wenn Person A Kontrolle über Person B gegen dessen Widerständigkeit und Beharren ausüben kann (vgl. Heckhausen; Heckhausen, 2010, S. 213). Das Kontrollieren der Umwelt und das Ausüben von Macht auf andere Menschen führt zu einem Gefühl der Stärke, Überlegenheit und Selbstvertrauen (Motivziele), was das Machthandeln wiederum begünstigt oder verstärkt (vgl. Brandstätter et al., 2013, S. 55f). McClelland (1975) betont den Aspekt des inneren Zustandes in seiner Klassifizierung der Machtorientierung und kombiniert Stadien der ICH-Entwicklung in Anlehnung an Freud (orale, anale, phalische und genitale Phasen), Erik-son und anderen mit dem Machteinfluss von Individuen (vgl. McClelland, 1975, S. 24ff; Rheinberg, 2008, S. 112f). In dem Schema der vier Reifestadien wird unterschieden, ob sich das Machtobjekt (Wirkungsziel der Macht) innerhalb oder außerhalb der Person befindet und ob die Machtquelle das Selbst oder Andere/etwas anderes ist, wodurch die Erscheinungsformen des Machterlebens klassifiziert wird (vgl. McClelland, 1975, S. 27). Krug und Kuhl (2006, S. 42) greif McClellands (1975, S. 27) Reifestadien (römische Nummerung) auf und interpretiert sie (M - Klassifizierung) wie folgt: I. Support = M1: anlehnendes Machtstreben; II. Autonomy = M2: selbstbezogenes Machtstreben; III. Assertion = M3: eigennütziges/personalisiertes Machtstreben; IV. Togetherness, moralized action = M4: gemeinschaftsdienliches Machtstreben. McClelland (1975) untersuchte die Merkmale der einzelnen Stadien und unterschied dabei zwischen Männern und Frauen. Bezeichnend für das I. Stadium ist die Selbstoffenbarung, indem sie Ihre Gefühle und ihr Innerstes mitteilen und einen hoher Konsum an Sex- und Gewaltmagazinen pflegen (vgl. McClelland, 1975, S. 52ff). Männer des Stadiums II der Machtorientierung kennzeichnet ein stetiges Bemühen um Kontrolle, Autonomie und Willenskraft, um u. a. aggressive Impulse zu unterdrücken (vgl. McClelland, 1975. S. 58ff). In der Studie bestätigte sich ein hoher Kaffeekonsum, um die eigene Leistung zu steigern und die Vorhaben der getesteten Männer bewältigen zu können (ebd). Für einen Leistungssportler im Ausdauer-/Kraftausdauersport ist dieses Stadium nach Krug und Kuhl (2006, S. 129f) sehr wichtig, denn es geht zunächst um stetige Verbesserung in den immens hohen Anforderungen der Trainingseinheiten und den wochenlangen Wettkampfphasen, wo die Sportler in erster Linie gegen sich selbst kämpfen und damit „Sich-Quälen-Können“ (ebd) müssen. M2-Motivierte (Machtmotivierte aus dem Stadium II) sind nach Krug und Kuhl (2006) extrem selbstkontrolliert und selbstdiszipliniert; lieben es, eigen Grenzen zu erfahren und zu überschreiten; wollen frei und unabhängig sein; wollen ihre eigenen Wege gehen; häufen Prestige und Besitztümer an, um von anderen unabhängig zu sein und kämpfen am liebsten alleine (Krug; Kuhl, 2006, S. 46ff). Bezeichnend ist nach McClellands Studie (1975, S. 66) für das III. Stadium („Don Juan“-Typ), dass er lügt, um an seine Ziele zu kommen, narzisstisch ist und selbstbezogen. Nach dem Autor würde er für seine Ziele auch töten (ebd). Diese, nach Krug und Kuhl (2006, S. 50f) M3-Motivierten, haben starke persönliche Machtziele, sind selbstsüchtig; nutzen eigene Machtmittel, um andere zu benutzen; zeigen anderen gerne, wie machtlos diese sind; sammeln Prestige und Besitztümer, um andere zu beeindrucken; lieben Status und Prestigestatus; suchen und genießen Privilegien; halten sich selbst nicht an Regeln; neigen nach Machtverlust zu Alkoholmissbrauch (Krug; Kuhl, 2006, S. 50ff). Diese Komponente, mindestens mittelstark ausgeprägt, benötigt die Zielgruppe Profiradsportler für den Erfolg in ihrer Sportart (Krug; Kuhl, 2006, S. 130). Das IV. Stadium ist geprägt von Übernahme von Verantwortung und dem Prinzip der Gegenseitigkeit oder Gleichheit (vgl. McClelland, 1975, S. 70ff). Nach Krug und Kuhl (2006, S.135) ist für den Profisportler im Ausdauer-/Kraftausdauersportarten wie der Radsport vor allem das M2- und das M3-Stadium von Bedeutung.

4.2 Blutdoping mit EPO

Meutgens (2007a, S. 137) datiert Doping mit EPO im Profiradsport in der Königsklasse (Tour de France) auf Anfang der 1990er Jahre, als das Nierenmedikament Erythropoetin (EPO) auf den Markt kam. Dabei handelte es sich um ein gentechnisch hergestelltes Hormon, das dem eigens vom Körper hergestellten Hormon, nachempfunden wurde, um z. B. nierenkranke Menschen zu behandeln (ebd). Die Kombination aus weiterentwickeltem Blutdoping und EPO mit immer ausgefeilteren Methoden beherrscht seit 2001 die Do-pingszene (vgl. Meutgens, 2007a, S. 137f). Ziel des Blutdopings mit EPO, hauptsächlich in Ausdauer-/Kraftausdauersportarten wie dem Profiradsport eingesetzt, ist die Erhöhung der Sauerstofftransportkapazität des Blutes (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 87f). Dies bewirkt eine Steigerung der Ausdauerfähigkeit und eine schnellere Regenerationsfähigkeit (vgl. Clasing, 2010, S. 125ff). Die Sportler fühlen sich durch die enorme Leistungssteigerung von ca. 5-15% beflügelt, denken, sie haben alles im Griff und fühlen sich unbesiegbar durch die extreme Verzögerung der Ermüdung durch EPO (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 93). Es geht somit um die physische und psychische Überschreitung der Leistungsgrenzen der Sportler (vgl. Meinberg, 2013, S. 34).

Zu den kurzfristigen Gesundheitsrisiken wie Thrombosen, Embolien, Herzinfarkte und Schlaganfälle, erhöhte Infektanfälligkeit und der plötzliche „ungeklärte“ Tod, gesellen sich die langfristigen Schäden wie Degeneration der Skelett-muskulatur, Herzkreislauf-Erkrankungen und Krebs (vgl. Müller, 2015, S. 39; Stockhausen, 2007, S. 160f).

Nicht nur für die dopenden Sportler eine Totour (vgl. Macur, 214, S. 315) sondern auch ein weiterer Risikoherd für die Gesundheit stellt die Methode Blutdoping dar. Die Sportler unterziehen sich in Hochphasen mehrfach am Tag Blutabnahmen, Infusionen und Injektionen, wodurch es von Infektionen durch verunreinigte Nadeln bis zum allergischen Schock durch vertauschte Blutkonserven kommen kann (vgl. Meutgens, 2007a, S. 141; Macur, 214, S. 315).

In der Literatur werden, um die Leistungssteigerung zu rechtfertigen, folgende Begründungen angegeben: Grenzen psychisch und physisch neu zu definieren, um des primäre Ziel, den Sieg, zu erreichen (vgl. Schöffel et al., 2015, S. 29; Meinberg, 2013, S. 35). Reichtum, Ruhm, Anerkennung, Privilegien und Prestige (vgl. NADA Austria, 2016; Lentillon-Kaestner; Carstairs, 2009, S. 336ff; Brand, 2015, S. 114). Diese werden durch hohe Prämien bei Siegen, Gehältern, Werbeverträge und Medienpräsenz erreicht (vgl. Franke; Ludwig, 2007, S. 244). Es gehört Risikobereitschaft dazu, da zum einen die Gesundheit, gar das Leben auf dem Spiel steht und zum anderen, die Möglichkeit, erwischt zu werden und damit alles (Prestige, Anerkennung, Geld usw.) zu verlieren (vgl. Franke; Ludwig, 2007, S. 2548ff). Doping ist Betrug, sowohl am sportlichen Gedanken als auch den anderen Sportlern gegenüber (vgl. NADA Austria, 2016), was somit auch eine Bereitschaft zum Betrügen voraussetzt.

5. Untersuchung und Darstellung der Untersuchungsergebnisse

Im Folgenden werden die einzelnen Motive in den Zusammenhang mit Dopingverhalten gesetzt und untersucht, ob Merkmale der Motive das gesundheitsschädigende Verhalten unterstützen und dazu führen, dass ein Radprofi der Königsklasse zu der nicht ungefährlichen Methode des Blutdopings mit Epo greift.

5.1 „Schneller, höher, weiter“ - Doping und das Leistungsmotiv

Der Antrieb des Leistungsmotivs ist das Gefühl von Stolz durch die Selbstbewertung der eigenen Leistung (vgl. Rheinberg, 2008, S, 60).

Zu den Vorraussetzungen, um in der Königsklasse Tour de France mitfahren zu können, benötigt der Radprofi eine hohe Ausprägung des Leistungsmotivs (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 127). Nur die Besten fahren in dieser Klasse mit, d. h. derSportler war in unteren Klassen einer der Besten und zählt viele Erfolge, die es ihm ermöglichten, in die höchste Klasse der Radrennprofis aufsteigt zu können. Anfangs wird er erst einmal im Mittelfeld oder gar am Ende des Feldes mit radelt. Im Rahmen der Selbstverwirklichung als Radsportler baut sich seine Individualität darauf auf, besser als die anderen zu sein (vgl. Bette; Schimank, 2006, S. 50), was ihnen bis zum Aufstieg geglückt ist. Zunächst wird das Leistungsmotiv durch das Wissen darum mit Stolz erfüllt, dass der „Neue“ in der Tour „sauber“ ist, wie der Ex-Radprofi und späterem Edelhelfer von Lance Armstrong, Taylor Hamilton, in seiner Biografie schrieb:

„… Du verlässt dich auf das alte Mysterium des Radsports - bis an die Grenze gehen und dann noch mal eine Steigerung versuchen, … die Vorstellung, dass andere dopten, wirkte auf mich zunächst sogar motivierend. Ich kam mir nobel vor, weil ich sauber war.“ (Hamilton; Coyle, 2012, S. 46f).

Hoch Leistungsmotivierte gehen immer wieder an ihre Grenzen und versuchen sie, jedes Mal zu überschreiten. Sie jagen dem Gefühl von Stolz auf die erbrachte Leistung hinterher, wollen immer besser und perfekter werden, ärgern sich in der Profiklasse nach einiger Zeit über das Stagnieren der Leistung, darüber, dass sie nicht mehr weiterkommen (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 27), obwohl sie hart trainieren. Misserfolge reihen sich aneinander, wodurch das Leistungsmotiv nicht mehr befriedigt wird und das Gefühl von Stolz, der Antrieb des Leistungsmotivierten, ausbleibt. Durch das hohe Leistungsmotiv neigen sie tendenziell dazu, bestimmte Handlungen auszuführen um wieder erfolgreich zu werden (vgl. Atkinson, 1975, S. 393) und damit das Leistungsmotiv zu befriedigen. Die Möglichkeit des Handelns besteht naheliegend in der Leistungssteigerung durch Doping.

„ … Ich sah den weißen Beuteln die Anzahl der Sekunden an, die in ihnen steckten. Ich sah die Kluft zwischen dem, der ich war, und dem, der ich sein konnte. Der ich sein sollte. … Einige Tage später … bekam ich die erste EPO-Spritze.“ (Hamilton; Coyle, 2012, S. 73f).

Leistungsmotivierte, so Krug und Kuhl (2006, S. 29), sind „keine Paragraphenreiter“. Sie verändern bzw. weiten die Regeln aus, wenn es ihnen hilft die Leistung zu steigern und damit den durch Erfolg empfundenen Stolz zur Motivbefriedigung wieder zu spüren (ebd). Denn selbst die talentiertesten Radsportler geraten an ihre physischen Grenzen, was v. a. die limitierenden Kapazitäten der Belastbarkeit betrifft (vgl. Meutgens, 2007, S. 121). Das führt dazu, dass die Belastbarkeit gesteigert werden muss, denn, so die Rechtfertigung des Leistungsmotivierten, „alle dopen doch“ (Schenk, 2007, S. 133). Dies zeigt die Bereitschaft zum Betrug ohne Einsicht, die Regeln zu brechen. Doping ist im Radsport „flächendeckend“ (Stockhausen, 2007, S. 157) vorzufinden, was den Regelbruch für den Radprofi in seinem Erleben erleichtert. Risikobereitschaft zeigt sich im Grundgedanken der dopenden Radsportler: „probiert wird alles, was mehr Leistung verspricht. Und erlaubt ist alles, was bei Dopingtests nicht nachzuweisen ist“ (Franke; Ludwig, 2007, S. 113).

Hoch Leistungsmotivierte zielen nicht auf Anerkennung anderer, denn sie wollen mit sich selbst und ihrer Leistung zufrieden sein. Sie wollen Rückmeldung bestenfalls von Experten, diese dient jedoch nur der Verbesserungsmöglichkeit ihrer Leistung. Ihr eigener Anspruch muss erfüllt werden, um ihr Leistungsthema zu befriedigen (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 27f). Ebenso unwichtig sind ihnen Reichtum, Ruhm, Prestige und Privilegien, denn die Perfektionierung der eigenen Leistung und der dafür empfundene Stolz ist ihr Thema, nicht der Stolz auf Erworbenes oder Externes (ebd).

Hoch Leistungsmotivierte ziehen ihren Antrieb aus der Freude an ihrer erbrachten Leistung und dem daraus resultierenden Stolz. Sie setzten sich mit ihren Gütemaßstäben auseinander und zweifeln bei erfolgsmotivierter Ausrichtung im Rahmen ihrer Selbstbewertung nicht an ihren Fähigkeiten. Die Motivausprägung des Misserfolgsmotivierten hindert den Sportler eher am Ausleben seines Motivs, da er an seinen Fähigkeiten zweifelt, Misserfolge erwartet und daher zu vermeiden versucht. Misserfolgsmotivierte werden daher kaum in der Königsklasse aufzufinden sein.

Ein niedriges Leistungsmotiv kann die hohen Anforderungen eines Tour-de-France-Fahrers kaum stand halten, denn ihm fehlt u. a. die Freude am eigenen Können, am ständigen Verbessern der eigenen Leistung und dem spüren der eigenen Grenzen, die es gilt zu überschreiten. Dieses Motiv, sollte es zu niedrig sein, kann durch Doping nicht kompensiert werden, denn der Anspruch, Spaß am Perfektionieren der eigenen Leistung, kann Blutdoping mit EPO nicht bewirken. Allerdings kann ein schwächeres Leistungsmotiv durch ein sehr hohes Machtmotiv der M3-Komponente kompensiert werden (vgl. Krug; Kuhl, 2006, S. 136). Hierbei kann die leistungssteigernde Wirkung von Blutdoping/Epo ansetzen und zu Erfolgen führen, die das Machtmotiv befriedigen.

[...]


[1] WADA: World Anti-Doping Agency

[2] NADA: Nationale Anti-Doping Agentur

Details

Seiten
27
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668523296
ISBN (Buch)
9783668523302
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375137
Institution / Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Doping Radfahrer Profisport Leistungs- und Machtmotiv Gesundheit gesundheitsschädigend Blutdoping EPO Sport Leistungssport Motive Motivation

Autor

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Titel: Wie wirkt sich die Ausprägung des Leistungs- und Machtmotivs eines Profiradfahrers auf das gesundheitsschädigende Verhalten mittels Blutdoping mit EPO aus?