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Amerikanische Freizeitkultur als soziale Herausforderung. Die Debatte um Großbritanniens Hörfunk- und Kinoprogramme während der Zwischenkriegszeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Indifferente, Pessimisten und Reformer

2. Geschmacksbildung statt Massenentertainment
2.1. Für alle nur das Beste
2.2. Konkurrenz und Konzessionen

3. „Nothing but Films, Films, Films“
3.1. Going to the Pictures
3.2. Kulturkritik – Moralismus – Zensur

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Bereits um 1900 begünstigten sukzessive Arbeitszeitverkürzungen und steigen-de Reallöhne in den wirtschaftlich prosperierenden Regionen Europas das Ent-stehen einer völlig neuartigen Freizeitindustrie, deren rasche Expansion jedoch erst zwischen den beiden Weltkriegen einen vorläufigen Zenit erreichte. Erfolg-reiche Vorbilder lieferten hierbei vielfach die standardisierten Unterhaltungsan-gebote der US-amerikanischen Massenkünste. Dass diese – im Interesse hoher Profitraten – die ästhetischen Maßstäbe der bislang unangefochten als sinnstif-tend respektierten nationalen Hochkulturen von Anfang an ignorierten und statt-dessen fast ausschließlich den Geschmack eines breiten Publikums bedienten, löste bekanntlich nicht bloß in den Kreisen des deutschen Bildungsbürgertums, sondern auch unter den Intellektuellen Frankreichs und Großbritanniens heftige Kritik aus. Als die damals attraktivsten Medien kommerzieller Freizeitgestaltung rückten neben dem Trivialroman und der populären Presse vor allem der Film, die Unterhaltungsmusik und das Varieté in den Mittelpunkt des kulturellen Dis-kurses der Zwischenkriegszeit.[1]

Deshalb soll auf den folgenden Seiten am Beispiel von Hörfunk [2] und Kino [3] untersucht werden, mit welchen Diagnosen bzw. Reformansätzen die geistigen Eliten des Vereinigten Königreiches auf die wachsende „Amerikanisierung“ der britischen Massenkultur zwischen 1918 und 1939 reagierten und ob sie mit letz-teren tatsächlich das Freizeitverhalten der adressierten Bevölkerungsschichten nachhaltig zu steuern vermochten. Sowohl die Sozialgeschichte des „Listening-in“ als auch diejenige der Lichtspiele darf seit Ende der 1980er Jahre als relativ gut erforscht gelten : Mit der BBC und ihrem Auditorium haben sich insbesonde-re die Historiker Asa Briggs[2] und Mark Pegg[3] intensiv auseinandergesetzt ; für die Ära des „Dream Palace“ genießt die gleichnamige Monographie Jeffrey Ri-chards[4] noch immer den Rang eines Standardwerkes. Allerdings existieren zu den Freizeiterwartungen der „Massen“ mit den wenigen, bis zu Beginn des II. Weltkrieges erhobenen lokalen „Mass-Observations“[5] keine wirklich repräsenta-tiven Quellen. Von den Kultureliten Großbritanniens, denen im Rahmen dieser Seminararbeit nicht nur Komponisten, bildende Künstler und Schriftsteller, son-dern alle Briten mit einem akademischen Bildungshintergrund zugeordnet wer-den sollen, ist hingegen eine kaum noch zu überschauende Fülle an Aufsätzen, Büchern und Zeitungsartikeln erhalten, derer sich besonders der amerikanische Kulturhistoriker Dan L. LeMahieu[6] angenommen hat. Die generellen Motive und Konsequenzen ihrer Kritik an den kommerziellen Massenkünsten skizziert das erste Kapitel.

1. INDIFFERENTE, PESSIMISTEN UND REFORMER

Amerika, schrieb der zu seiner Zeit vielgelesene nordenglische Dramatiker und Romancier John Boynton Priestley (1894-1984) im Jahr 1934, sei der eigentli-che Geburtsort des neuen England, dessen altehrwürdige Städte gerissene Ge-schäftsleute nach dem Ersten Weltkrieg mit einem Teppich aus modernen Ca-fés, Cocktail Bars, Großkinos und Kaufhäusern überzogen hätten, für deren bil-lige „rather depressing monotony“ die amerikanische Woolworth-Kette in seinen Augen das treffendste Symbol abgab.[7] Mehr noch als derlei optische Zumutun-gen beklagten die „Gebildeten“ jedoch, dass die zunehmende Kommerzialisie-rung der Massenkultur allmählich jene traditionelle Hierarchie zu unterminieren drohte, welche ihnen – zumindest in Fragen der Ästhetik – ein beinahe unum-schränktes Deutungsmonopol zubilligte. In der festen Überzeugung, sie allein verfügten über die exklusiven Fähigkeiten, um beispielsweise die Qualität eines Hollywoodfilmes, populären Musikstückes oder Trivialromans richtig beurteilen zu können, erschien ihnen die übrige Bevölkerung prinzipiell als eine amorphe, sensationslüsterne und unreife Menschenmenge, deren jederzeit durch ebenso kulturlose wie geldgierige Unternehmer manipulierbarer Einheitsgeschmack le-diglich auf niederen Instinkten und Emotionen beruhte. Durch die allgegenwärti-ge „Amerikanisierung“ der Massenpresse, des Kinos und der Unterhaltungsmu-sik musste sich eine Majorität der britischen Intellektuellen zusehends gesell-schaftlich marginalisiert fühlen ; das geringe Sozialprestige, unter welchem ihre Standesgenossen in den USA litten, empfanden sie hierbei immer häufiger als warnendes Menetekel für ihre eigene Zukunft.[8]

Dennoch begegneten viele jener „amerikanischen Herausforderung“ mit demon-strativer Gleichgültigkeit oder gar vollständiger Ignoranz. Dezidierte Pessimisten suchten und fanden hingegen in elitären Kunstzirkeln die ersehnten Bestätigun-gen ihrer andernorts verschwundenen kulturellen Superiorität.[9] Sympathisanten der revolutionären Linken enttarnten wiederum das bestehende kapitalistische System als die Wurzel allen Übels und engagierten sich vehement für die kom-mende klassenlose Gesellschaftsordnung.[10] Gleichsam den Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen wählten die zumeist recht jungen und der aufsteigen-den Mittelklasse entstammenden Protagonisten einer allgemeinen „Cultural Re-form“ : In zahlreichen Periodika bzw. Organisationen nach dem Muster der Film Society drängten sie seit Beginn der 1920er Jahre nicht nur die britische Film- und Plattenindustrie zu einer gehaltvolleren Produktpalette, sondern beabsich-tigten mit ihrer unermüdlichen Aufklärungsarbeit eine nachhaltige Verbesserung des öffentlichen Kunstgeschmacks. Während Zeitschriften wie das Filmjournal Close-Up (1927 bis 1933) oder das Musikmagazin The Gramophone (erstmals 1923) aber bloß einen sehr kleinen Leserkreis anzusprechen vermochten, rech-nete der schottische Kulturreformer und erste BBC-Generaldirektor John Reith (1889-1971) im Fall des Hörfunks mit einer ungleich größeren Breitenwirkung.[11]

2. GESCHMACKSBILDUNG STATT MASSENENTERTAINMENT

Von der Jahrhundertwende bis 1914 allenfalls von einigen wenigen Rundfunk-enthusiasten genutzt und während des Ersten Weltkrieges ausschließlich militä-rischen Zwecken vorbehalten[12], avancierte das Radio besonders nach Umstel-lung der Tonwiedergabe von Kopfhörern auf Lautsprecher schnell zu einem der populärsten Massenkommunikationsmittel Großbritanniens. Hatte vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gerade einmal ein Viertel aller britischen Haushalte bei der Post eine Hörfunklizenz erworben, so waren es im Jahr 1938 schon mehr als 70 Prozent.[13] Die Gründung der gebührenfinanzierten British Broadcasting Company (BBC) im Oktober 1922 geschah zunächst hauptsächlich auf Initiative der führenden einheimischen Gerätehersteller. Entgegen der Praxis in den Ver-einigten Staaten, wo nach einem regelrechten Radioboom um 1923/24 mehr als 500 lokale Privatsender um die Gunst der amerikanischen Hörerschaft konkur-rierten[14], wurde die neue Gesellschaft zusätzlich – wiederum auf Betreiben der um ihre Absatzchancen fürchtenden Industriezweige – vom britischen Postmi-nister nicht zuletzt auch wegen des für Europa so typischen Mangels an Sende-frequenzen sofort mit einem staatlichen Rundfunkmonopol ausgestattet. Am 1. Januar 1927 ging die nunmehr in British Broadcasting Corporation umgetaufte BBC als öffentlich-rechtliche Anstalt vollends in den Besitz des Vereinigten Kö-nigreiches über, wahrte dabei jedoch auf Grund einer Royal Charter in wesent-lichen Zügen ihre gewohnte institutionelle, politische und wirtschaftliche Unab-hängigkeit.[15]

[...]


[1] Vgl. Maase, Kaspar : Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt am Main 1997, S. 20-29 und 145-147 ; Mai, Gunther : Europa 1918-1939. Mentalitä-ten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen, Stuttgart 2001, S. 139-141 ; Klautke, Egbert : Unbegrenzte Möglichkeiten. „Amerikanisierung“ in Deutschland und Frankreich (1900-1933), Wiesbaden 2003, S. 239-314 ; Nicholas, Siân : Being British. Creeds and Cultures, in: Keith Robbins (Hg.), The British Isles 1901-1951, Oxford 2002, S. 104-113 und 124f. ; Davies, Andrew : Cinema and Broadcasting, in: Paul Johnson (Hg.), Twentieth-Century Britain. Econo-mic, Social and Cultural Change, London 31996, S. 263.

[2] Briggs, Asa : The Birth of Broadcasting (The History of Broadcasting in the United Kingdom, Bd. 1), London 1961 ; Briggs, Asa : The Golden Age of Wireless (The History of Broadcasting in the United Kingdom, Bd. 2), London 1965 ; hierauf aufbauend die komprimierte Überblicks-darstellung ebenfalls von Briggs, Asa : The BBC. The First Fifty Years, Oxford 1985.

[3] Pegg, Mark : Broadcasting and Society 1918-1939, London 1983.

[4] Richards, Jeffrey : The Age of the Dream Palace. Cinema and Society in Britain 1930-1939, London 1984.

[5] So etwa jene über die Kinogänger in Bolton vom März 1938, abgedruckt in Richards, Jeffrey / Sheridan, Dorothy (Hg.) : Mass-Observation at the Movies, London 1987, S. 19-136.

[6] LeMahieu, Dan L. : A Culture for Democracy. Mass Communication and the Cultivated Mind in Britain Between the Wars, Oxford 1988.

[7] Priestley, John B. : English Journey [1934], Chicago 1987, S. 300-302 ; zur Einordnung J. B. Priestleys in den Kulturdiskurs der Zwischenkriegszeit siehe LeMahieu, A Culture for Democra-cy (wie Anm. 6), S. 317ff.

[8] Vgl. LeMahieu, A Culture for Democracy (wie Anm. 6), S. 103-109 und 117-121.

[9] Vgl. ebd., S. 121-137.

[10] Vgl. ebd., S. 304-317.

[11] Vgl. ebd., S. 138-141 und 170-177.

[12] Vgl. Davies, Cinema and Broadcasting (wie Anm. 1), S. 265 ; detaillierte Darstellung der tech-nischen Voraussetzungen durch Briggs, The Birth of Broadcasting (wie Anm. 2), S. 25-58.

[13] Vgl. hierzu Tab. 1.1.) in Pegg, Broadcasting and Society 1918-1939 (wie Anm. 3), S. 7.

[14] Dazu ausführlich Briggs, The Birth of Broadcasting (wie Anm. 2), S. 58ff.

[15] Vgl. Crisell, Andrew : An Introductory History of British Broadcasting, London 22002, S. 17f., 22-25 und 28 ; ein zusammenfassender Abriss des Gründungsprozesses der BBC findet sich in Briggs, The BBC (wie Anm. 2), S. 13-106 ; zum Inhalt der BBC Charter siehe ebenfalls Briggs, The Birth of Broadcasting (wie Anm. 2), S. 348-360.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638368445
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37537
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Amerikanische Freizeitkultur Herausforderung Debatte Großbritanniens Hörfunk- Kinoprogramme Zwischenkriegszeit

Autor

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