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Napoleons Grande Armee in Russland 1812. Anfang vom Ende Napoleons

Hausarbeit 2015 11 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. La Grande Arm e

3. Ursachenforschung für das Scheitern
3.1 Taktische und persönliche Fehler Napoleons
3.2 Zusammensetzung der Armee
3.3 Logistische und Organisatorische Fehler

4. Bilanz des Feldzugs

5. Fazit

6. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der katastrophale Ausgang des Rußlandfeldzuges besiegelte Napoleons Schicksal. Nicht nur kostete er ihn Hunderttausende seiner besten Soldaten, er beschädigte auch den weitverbreiteten Glauben an seine Unbesiegbarkeit und ließ die Aura von Überlegenheit, die ihn umgeben hatte, verblassen“.[1]

Diese Aussage führt deutlich vor Augen welche Bedeutung der Russlandfeldzug Napoleons im Jahr 1812 für ihn, sein Reich und für ganz Europa hatte. Mit diesem Feldzug wurde ein Wendepunkt der Geschichte erreicht, der einen unaufhaltsamen Machtverfall Napoleons einleiten sollte. Das gewählte Zitat betont den Verlust von Napoleons Machtgrundlage: Seiner Armee. Auf diesem Feldzug verlor seine glorreiche Grande Arm e den Nimbus der Unbesiegbarkeit im Felde, was Gegner in ganz Europa aufhorchen und erkennen ließ, dass „der Bann gebrochen ist, was Napoleon angeht, und er nicht mehr so furchteinflößend ist wie einst“.[2]

Doch stellt sich nun die Frage, wie es so weit kommen konnte. Napoleon war sich sehr wohl bewusst, dass dies das „größte und schwierigste Unternehmen“ sein werde, dass er je angepackt hatte.[3] Warum jedoch konnte es dann zu einer derartigen Katastrophe kommen, wenn ihm die Wichtigkeit und Besonderheit dieses Feldzugs bewusst war? Was waren die Faktoren, die zu solch einer vernichtenden Niederlage führen konnte? Was sind die Ursachen für den unvorstellbaren Verlust an Menschen und Material im Krieg gegen das Zarenreich? Diesen Fragen sollen in dieser Arbeit nachgegangen werden. Dies soll anhand verschiedener Faktoren geschehen, welche je nach ihrer Bedeutung für das Scheitern der Grande Arm e dargestellt und eingeordnet werden.

Zu Beginn wird der Begriff Grande Arm e näher erläutert, um eine genaue Abgrenzung innerhalb der Terminologie vorzunehmen. Danach wird Ursachenforschung für das Scheitern des Feldzugs betrieben, die sich zum einen mit der teils problematischen Zusammensetzung der Armee beschäftigt, zum anderen sollen auf taktische Fehler seitens der Armeeführung oder Napoleon eingegangen werden und logistische bzw. organisatorische Mängel näher beleuchtet werden. Schließlich soll versucht werden eine Bilanz des Feldzuges zu ziehen.

Zentrale Werke für diese Arbeit werden die Bücher über den Russlandfeldzug von Adam Zamoyski, Nigel Nicolson und Eckart Kleßmann sein. Aber auch Berichte von Zeitgenossen, wie die von Carl von Clausewitz oder Caulaincourt sollen nicht außer Acht gelassen werden, ebenso wenig wie selbstredend die Memoiren Napoleons.

2. La Grande Arm e

Der Begriff Grande Arm e bezeichnete im französischen Militärjargon die „einsatzfähige Hauptstreitmacht aller Feldzüge“, jedoch wird er im Allgemeinen mit den Feldzügen Napoleons und vor allem dem Heer, welches in Russland aufmarschierte verbunden.[4] Eine eingehende Differenzierung dieser Bezeichnung ist für diese Arbeit unerlässlich. Nimmt man es mit der Begrifflichkeit genau muss man hinsichtlich der Napoleonischen Kriege zwischen zwei verschiedenen Armeen unterscheiden. Vor allem in Frankreich trennt man zwischen der Grande Arm e aus dem Jahre 1805, genannt „première Grande Armée“ und der Grande Armée von 1812, genannt „deuxième Grande Armée“.[5] Die Armee von 1812 war in vielerlei Hinsicht eine andere, als die der Vorjahre. Zum anderen war sie durch ihre schiere Größe schon eine Besonderheit (näheres hierzu in 3.2). Dementsprechend wurden Erweiterungen der taktischen Organisation ebenso notwendig. Zum Beispiel wurden die Regimenter von zuvor vier Bataillonen auf sechs aufgestockt, um der hohen Anzahl von neuen Rekruten Rechnung zu tragen.[6] Jedoch muss an dieser Stelle auch darauf verwiesen werden, dass Rekruten nicht immer freiwillig den Weg in Napoleons Armee fanden und teilweise mit Gewalt oder Zwang verpflichtet wurden.[7]

3. Ursachenforschung für das Scheitern

3.1 Taktische und persönliche Fehler Napoleons

Bei der Suche nach Gründen für das Scheitern der Grande Arm e in Russland müssen taktische Fehler und eventuelles persönliches Versagen Napoleons bzw. seiner Generäle mit in Betracht gezogen werden. Zunächst stellt sich die Frage, ob der Krieg für Napoleon überhaupt notwendig war. In einigen Werken dazu wird das Gegenteil behauptet, nämlich dass eine andere Lösung mit Russland möglich gewesen wäre, wenn Napoleon zu einigen Kompromissen bereit gewesen wäre.[8] Des Weiteren muss die zeitliche Komponente angesprochen werden, welche Nicolson wie folgt auffasste: „Sein Irrtum war nicht, wie er später behauptete, daß er in einem Jahr zu erreichen suchte, wofür er zwei Jahre gebraucht hätte, sondern daß er in sechs Monaten etwas erreichen wollte, was er in vier Monaten hätte verwirklichen müssen“.[9] Ebenso kann man Napoleon als grundlegenden Fehler unterstellen, dass er den Feldzug, aufgrund von diversen „unentschuldbaren Verzögerungen“ zu spät im Jahr begonnen hatte.[10] Auch die Truppenauswahl bzw. die reine Anzahl an Soldaten kann als strategischer Fehler ausgelegt werden (siehe hierzu Kapitel 3.2). Nicolson geht mit dieser Behauptung so weit, dass er konsterniert, dass eine kleinere Armee, nur aus Franzosen bestehend, vorteilhafter gewesen wäre. Militärtaktisch wird Napoleon nach wie vor der zu geringe Einsatz seiner Flügel vorgeworfen sowie das Begehen von entscheidenden Fehlern in den großen Schlachten. Zwar waren Gefechte wie Borodino oder der Brand von Moskau in „keiner Weise entscheidend“ für den Feldzug, jedoch muss Napoleon sich bei ersterem beispielsweise vorhalten lassen, dass er seine Garde nicht eingesetzt hat und so die Russen entkommen ließ.[11]

Im Allgemeinen spalten sich an Napoleons Entscheidungen bzw. im Nachhinein als Fehleinschätzungen entlarvten Befehlen die Meinungen. Auf der einen Seite wird er als selbstbewusst, vital und zäh charakterisiert, was sich in seinem rastlos hervortretenden Bestreben alles zu kontrollieren und selbst zu entscheiden zeigte.[12] Auf der anderen Seite wird er zögerlich und wenig entscheidungsfreudig dargestellt. Dieses Zögern lässt sich an bedeutenden Punkten des Russlandfeldzugs erahnen wie beispielsweise Wilna, Witebsk und Smolensk, an denen sein Zaudern den weiteren Verlauf der Unternehmung letztlich entscheidend beeinflusste. Das zu lange Verharren in Moskau und der darauffolgende katastrophale Rückzug mitten im russischen Winter liefern Bestätigungen für diese These. Seine Taktik bestand darin die russische Armee schnell zu einer großen Entscheidungsschlacht zu stellen. Als diese an dem ständigen Rückzug der Russen scheiterte, präsentierte sich Napoleon einfallslos. Kann man im Angesicht dieser Tatsachen von nachlassender Geisteskraft Napoleons sprechen? Nicolson wiederum spricht sogar von einer „geistigen Schwerfälligkeit“ wie sie bei ihm in jüngeren Jahren undenkbar gewesen wäre. Auch seine „Gefühlskälte“ für das Leiden seiner Männer, vor allem auf dem Rückzug, zeugt von einer nachlassenden Vitalität und Spannkraft des Kaisers.[13] Der russische Offizier Levin August von Bennigsen schrieb: „Es ist unbestritten, daß die Große Armee eher wegen Napoleons Fehlern als wegen des russischen Widerstandes zugrundeging“.[14]

3.2 Zusammensetzung der Armee

Ein weiterer zentraler Punkt bei der Ursachenforschung für das Scheitern der Grande Arm e ist die Zusammensetzung der Streitkräfte. Napoleon hatte das ehrgeizige Ziel „die größte Armee, die die Welt je gesehen hatte“ ins Felde zu führen. Tatsächlich kann man von einer Vielvölkerarmee sprechen, in der fast alle Nationen Europas vorzufinden waren.[15] Über die wirkliche Größe der Armee gehen die Darstellungen jedoch teilweise etwas auseinander. Friedrich Wencker-Wildberg behauptet in seinen „Memoiren Napoleons", dass in drei Armeen mehr als eine halbe Million Soldaten aufmarschiert waren.[16] Carl von Clausewitz, der auf russischer Seite gegen die Grande Arm e kämpfte, berichtet von 470.000 Mann.[17] Eckart Kleßmann kommt nach genauer Berechnung auf 556.000 Mann unter französischer Fahne.[18] Wohingegen Friedrich Steger schwankende Angaben zwischen mindestens 325.900 Soldaten und höchstens 680.500 Soldaten aufführt.[19]

Diese beeindruckenden Zahlen vermitteln bereits ein Bild davon, wie schwierig es war einen Feldzug dieser Größenordnung zu organisieren und durchzuplanen (siehe hierzu Kapitel 3.3). Neben der ungeheuren Größe barg die multi- bzw. internationale Zusammensetzung der Streitkräfte Konfliktpotential von Beginn des Feldzugs an. Napoleon musste sich die Frage stellen, ob seine Verbündeten wirklich loyal waren bzw. die nötige Motivation für einen Kriegszug dieses Ausmaßes mitbrachten.[20] Er rekrutierte für seinen Russlandfeldzug Soldaten in ganz Europa, was bedeutete, dass nicht nur Verbündete, sondern auch erst kurz zuvor unterworfene Nationen Truppenkontingente zu stellen hatten. Betrachtet man die Zusammensetzung genau zeigt sich, dass die Polen mit etwa 95.000 Mann das größte nichtfranzösische Kontingent stellten. Sie waren wichtige Verbündete, da viele schon seit Ende des 18. Jahrhunderts an französischer Seite gekämpft hatten und deshalb eine hohe Motivation sowie Begeisterung aufwiesen.[21] Andere Darstellungen sprechen jedoch lediglich von 70.000 polnischen Soldaten.[22] Die zweitgrößten Hilfstruppen stellten Italiener mit 45.000 Mann (bzw. 40.000)[23], welche größtenteils als sehr diszipliniert und gut organisiert galten.[24] Des Weiteren nahmen viele deutsche Truppen am Feldzug teil. Bayern stellte 24.000 Mann (Kleßmann spricht von 30.000), Sachsen 20.000 und Westfalen 17.000, mit denen es laut übereinstimmenden Berichten wenige Probleme gab, da sie mit „Ehrgefühl“ und Loyalität kämpften.[25] Gesonderter Erwähnung bedürfen die Truppen aus Preußen und Österreich. Erstere stellten aus vertraglicher Pflicht ein 20.000 Mann umfassendes Hilfskorps, während Österreich sogar 35.000 Mann nach Russland schickte. Diese Truppen spielten jedoch eine eher untergeordnete Rolle, da sie noch in den Vorjahren gegen ihre jetzigen Verbündeten gekämpft hatten und folglich bei ihnen keine wirkliche Begeisterung aufkam. Sie verhielten sich entsprechend ihrer Herrscher, die sich in geheimen Briefen sogar beim Zaren für die Teilnahme am Krieg gegen ihn entschuldigten.[26] Ebenso gab es Unstimmigkeiten innerhalb der deutschen Truppen. Zum Beispiel war das Verhältnis zwischen den Rheinbundstaaten und Preußen noch schlechter als das zu den Franzosen im Allgemeinen.[27] Zusätzlich gab es noch eine Vielzahl von kleineren Verbänden aus Ländern wie der Schweiz, Spanien, Portugal und Kroatien, die sich im Laufe des Feldzugs jedoch als vorzügliche Verbündete erweisen sollten.[28]

[...]


[1] Zamoyski, Adam: 1812. Napoleons Feldzug in Russland. München 102012, S. 607.

[2] Ebd.

[3] Nicolson, Nigel: Napoleon in Rußland. Zürich, Köln 1987, S. 55.

[4] Zamoyski, S. 105.

[5] siehe hierzu Grande Armée (deuxiéme). In: Dictionnaire de la Grande Armée. Hrsg. von Alain Pigeard. Paris 2001. S. 306-308 ; Grande Armée (première). In: Dictionnaire de la Grande Armée. Hrsg. von Alain Pigeard. Paris 2001. S. 308-311.

[6] Zamoyski: 1812, S. 101.

[7] Ebd., S. 103.

[8] Nicolson, S. 236 f.

[9] Ebd., S. 230.

[10] Nicolson, S. 232.

[11] Ebd., S. 230-233.

[12] Ebd., S. 18; Zamoyski, S. 102 ff.

[13] Nicolson, S. 233-235.

[14] Zitiert aus Nicolson, S. 238.

[15] Zamoyski, S. 105 ff.

[16] Wencker-Wildberg, Friedrich (Hrsg.): Napoleon. Die Memoiren seines Lebens. Russland 1812. Der Feldzug in Sachsen 1813 (Von Lützen bis Hanau). Bd.13. Wien, Hamburg, Zürich 1948, S.39.

[17] Clausewitz, Carl von: Der Russische Feldzug von 1812. Wiesbaden 1953, S.56.

[18] Freiherr von der Osten-Sacken, in: Kleßmann, Eckart (Hrsg.): Napoleons Rußlandfeldzug in Augenzeugenberichten. Düsseldorf 1964, S. 29.

[19] Steger, Friedrich: Geschichte des Feldzugs in Rußland im Jahre 1812. Hamburg 1912, S. 20.

[20] Zamoyski, S.105.

[21] Ebd., S. 106.

[22] Freiherr von der Osten-Sacken, in: Kleßmann, S. 29.

[23] Nicolson, S. 45.

[24] Zamoyski, S. 106.

[25] Zamoyski, S. 107.

[26] Zamoyski, S. 108; Leutnant Graf von Wedel, in: Kleßmann, S. 29; Gates, David: The Napoleonic Wars 1803-1815. London 1997, S. 204.

[27] Zamoyski, S. 108.

[28] Ebd. ; Leutnant Graf von Wedel, in: Kleßmann, S.29.

Details

Seiten
11
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668525436
ISBN (Buch)
9783668525443
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375391
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Napoleon Grande Armee Russlandfeldzug 1812 Französische Revolution

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Titel: Napoleons Grande Armee in Russland 1812. Anfang vom Ende Napoleons