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Barock oder Manierismus? Eignen sich kunsthistorische Termini für die Kennzeichnung des 17. Jahrhunderts?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturgeschichtliche und soziale Zusammenhänge

3. Barock oder Manierismus?
3.1. Der Begriff „Barock“
3.2. Thesen Horst Hartmanns
3.3. Der Begriff „Manierismus“
3.4. ‚Manierismus‘ statt Barock?

4. Andreas Gryphius
4.1. Biographie
4.2. „Es ist alles eitel“
4.3. Zuordnung zum „Barock“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Anhang

„Es ist alles eitel“ von Andreas Gryphius

1. Einleitung

„Eine Epoche hat kein festes ‚Wesen‘, das es zu ergründen gälte. Sie verändert ihr Profil aufgrund der verschiedenen Standorte, von denen aus man sie beleuchtet.“ (Keller 2008, S. 8)

Die vorliegende Hausarbeit versucht, das ‚Wesen‘ der umstrittenen Epoche „Barock“ zu ergründen und basiert auf dem Artikel „Barock“ oder Manierismus?“ von Horst Hartmann, der in dem Sammelband „Der literarische Barockbegriff“, herausgegeben von Wilfried Barner 1975, erschienen ist. Der Autor untersucht in seinem Aufsatz die Eignung kunsthistorischer Termini für die Kennzeichnung der Literatur des 17. Jahrhunderts, auch nachdem bereits Bedenken gegen die Begrifflichkeiten vorgebracht worden sind. Den bisherigen Untersuchungen zu diesem Terminus ist gewissermaßen gemein, so Hartmann, dass die Auseinandersetzung lediglich „recht beiläufig“ erfolgt, da „allen bisherigen Polemiken gegen die Verwendung kunsthistorischer Termini für die Kennzeichnung der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts kein nachhaltiger Erfolg beschieden gewesen ist.“ (Hartmann 1975, S. 382) Da der „Barock“-Begriff in der Literaturgeschichtsschreibung weiterhin verwendet wird, versucht der Autor in seiner Abhandlung die Eignung des Terminus als Epochenbegriff genauer zu untersuchen.

Zunächst sollen kurz die literaturgeschichtlichen und sozialen Hintergründe des „Barock“- Zeitalters mit den Folgen des Dreißigjährigen Krieges und der verrufenen deutschsprachigen Literatur umrissen werden, bevor dargelegt wird, was unter dem Terminus verstanden wird. Daraufhin werden die Thesen Hartmanns bezüglich des „Barock“- und weiterhin auch bezüglich des „Manierismus“-Begriffs aus seiner oben genannten Abhandlung wiedergegeben und erläutert. Kontrastierend dazu wird anschließend Andreas Gryphius‘ Biographie und eines seiner bekanntesten Werke - „es ist alles eitel“ - vorgestellt und in einem weiteren Schritt auf den „Barock“-Begriff angewendet. Die Arbeit schließt letztlich mit einem Fazit ab, in dem die wichtigsten Punkte der Arbeit prägnant resümiert und anschließend mein eigener Standpunkt zur Verwendung des Terminus „Barock“ dargelegt werden.

2. Literaturgeschichtliche und soziale Zusammenhänge

Zu den Grundkenntnissen des Dreißigjährigen Krieges zählen die Konflikte zwischen evangelischen und katholischen Reichsständen am Beginn des 17. Jahrhunderts mit Gründung eines Schutzbündnisses evangelischer Fürsten sowie der Gegengründung einer katholischen Liga im Jahre 1609. Nachdem eine erste Machtprobe zwischen den beiden Parteien beigelegt worden war kam es schnell zu tiefergehenden Auseinandersetzungen, die sich bis 1618 zuspitzten. Die Konflikte mündeten schließlich im Prager Fenstersturz, bei dem zwei kaiserlich-katholische Statthalter aus einer Prager Burg geworfen wurden, nachdem der König einen Protestantentag verbot. (vgl. Niefanger 2006, S. 27) Dieser Vorfall 1618 gilt als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges. Schnell zeigte sich, dass der Dreißigjährige Krieg nicht bloß ein Krieg zwischen den Konfessionen, sondern auch zwischen den Ständen und dem Kaiser war. (vgl. ebd., S. 28) Nach weiteren Schlachten griff das katholische Frankreich auf Seiten der protestantischen Schweden in den Krieg gegen den katholischen Kaiser. (vgl. ders.) Es ging schließlich nicht mehr bloß um religiöse Kontroversen, sondern um die Macht im gesamten Mitteleuropa.

Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), der bereits von seinen Zeitgenossen als Krieg mit schweren Auswirkungen wahrgenommen wurde und daher den Titel „Der Große Krieg“ trug, waren für Zentraleuropa und insbesondere für Deutschland verheerend. Schlachten, Pest und Hungersnöte ließen die deutsche Bevölkerung um rund ein Drittel schrumpfen und zerstörten Städte, Landwirtschaft und Infrastruktur. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts konnte sich Europa von den Auswirkungen des Krieges erholen. Das Reich blieb ein bloß formaler Zusammenhalt, „denn die aus- und gegeneinanderstrebenden größeren Territorialfürstentümer setzten sich gegen jede reichsabsolutistische Bewegung durch.“ (Jeßing 2008, S. 55) Die beginnenden Territorialisierungsbewegungen mit Ausbildung fürstlich-absolutistischer Territorialstaaten beschränkten die Macht des deutschen Kaisers beträchtlich.

Es prägte sich eine höfische Kultur nach französischem Vorbild in den deutschen Kleinstaaten aus. In den jeweils absolutistisch regierten Territorien des Reiches wurde zum Teil schon seit dem 16. Jahrhundert eine ‚moderne‘ Verwaltungsstruktur und Gerichtsbarkeit aufgebaut, deren Akteure sich größtenteils aus gebildeten Bürgerlichen zusammensetzten. (vgl. ders.) Für humanistische Gelehrte ergaben sich Berufs- und Aufstiegschancen und ehemaligen Bürgerlichen wurde sogar die Nobilitierung ermöglicht, weshalb nun ein gelehrter Leistungsadel in Konkurrenz zum alten Adel und den Höflingen trat. (vgl. ebd., S. 56)

Die territoriale und konfessionelle Zerstückelung der Menschen spiegelte sich darüber hinaus auch in der deutschen Sprache zu Beginn des 17. Jahrhunderts wider und bildete eine Mischung aus Deutsch, Latein, Französisch und Italienisch. Insbesondere die deutsche Dichtung befand sich in einem unbefriedigenden Zustand und konnte sich nicht gegen die volkssprachlichen Renaissanceliteraturen Süd- und Westeuropas durchsetzen. Deutschland galt als ‚verspätete Nation‘ hinsichtlich Politik und Literatur aufgrund einer versäumten „Reform der volkssprachlichen Dichtung auf humanistischer Basis.“ (Meid 2008, S. 1) Aus der Erkenntnis der Defizite heraus entwickelten sich schließlich in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts systematische Bestrebungen protestantischer Dichter, Gelehrter und Fürsten, die deutsche Sprache im humanistischen Sinn literaturtauglich zu machen. (vgl. Meid 2008, S. 5) Die deutsche Literaturreform des 17. Jahrhunderts war somit ein Projekt der humanistisch gebildeten Gelehrtenschicht, die sich jedoch aufgrund der territorialen sowie konfessionellen Zersplitterung im Deutschen Reich nicht überall durchsetzte. Zusätzlich zu den regionalen und konfessionellen Abgrenzungen gab es auch eine soziale „Kluft zwischen der Humanistenschicht und der nicht akademisch gebildeten Bevölkerung.“ (ebd., S. 7)

Um die sprachliche, literarische und kulturelle Entwicklung in Deutschland voranzutreiben und so den Anschluss an die süd- und westeuropäischen Länder zu finden, wurden schließlich Sprachgesellschaften gegründet. Die erste und größte war die ‚Fruchtbringende Gesellschaft‘, die 1617 von Angehörigen der Fürstenhäuser Sachsen-Weimar und Anhalt- Köthen eingerichtet wurde. Die Gesellschaft bestand hauptsächlich aus Adligen, Gelehrten sowie sämtlichen wichtigen Schriftstellern und machte sich die Bewusstwerdung der deutschen Sprache und den Kampf gegen Sprachmengerei zur Aufgabe. Die ‚Fruchtbringende Gesellschaft‘, auch Palmenorden genannt, folgte den italienischen Akademien als Vorbild der Sprachpflege. Auch Opitz wurde nach seiner Nobilitierung 1629 als Mitglied in der ersten deutschen Sprachakademie aufgenommen.

Daraufhin wurden weitere Sprachakademien zur Pflege der deutschen Sprache gegründet, die jedoch alle keine großen Gemeinschaftsleistungen erzielen konnten, wie es die italienischen Sprachgesellschaften beispielsweise mit ihren Wörterbüchern erreicht hatten. „Zu den ausdrücklichen Verdiensten der Sprachgesellschaften, insbesondere auch der Fruchtbringenden Gesellschaft, gehört die ausdrückliche Förderung der Übersetzungsliteratur, […] [die] das Ziel verfolgte, […] eine neue deutsche Literatursprache zu schaffen und die eigene Literaturproduktion anzuregen.“ (ebd., S. 17) Darüber hinaus hatten sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion, die zur literarischen Kommunikation beitrug und so das Bewusstsein einer einheitlichen Kulturnation stärkte.

Nach einigen Reformbestrebungen ohne Konsequenzen versuchte Opitz schließlich, sein Programm, die deutschsprachige Dichtung auf eine neue Basis zu stellen, durchzusetzen. Sein Vorhaben war es, die humanistische Poesie zu nationalisieren, indem er eine deutsche Kunstdichtung erfand. Dieses Programm formulierte er, baute es mit Regeln in seinem Buch der Deutschen Poeterey aus und gab schließlich Beispiele aus bearbeiteten Übersetzungen als Muster an. „Der Erfolg dieses Programms zeigte sich am augenfälligsten in der Lied- und Sonettdichtung“ (Meid 2008, S. 84), da sich unzählige Dichter von Opitz‘ Dichtkunst anregen ließen. Das grundlegende literaturtheoretische Werk „kann mit Fug und Recht als Gründungsurkunde der neueren deutschen Literatur angesehen werden.“ (Niefanger 2006, S. 90)

3. „Barock“ oder Manierismus?

Im Folgenden soll der Begriff des “Barock“ erläutert und die Thesen Horst Hartmanns bezüglich dessen Verwendung dargestellt werden. Ebenfalls soll Hartmanns Ansicht zur Verwendung des Begriffs ‚Manierimus‘ kurz umrissen werden.

3.1. Der Begriff “Barock“

Während der Begriff „Barock“ in der Kunstgeschichte seit dem 19. Jahrhundert für die Phase zwischen Renaissance und Klassizismus Eingang gefunden hat, sind sich die Literaturhistoriker weiterhin über dessen Verwendung uneinig. Die Einführung des Begriffs in den literaturwissenschaftlichen Diskurs geht auf Nietzsche im Jahre 1879 zurück, der „mit seiner Abhandlung Vom Barockstile einen folgenreichen Terminus für ein Phänomen etablierte, das wie ein ‚Natur=Ereignis‘ jedes Mal ‚beim Abblühen jeder großen Kunst‘ zu beobachten sei.“ (Keller 2008, S. 11) Er bestimmte den literarischen Barockbegriff mit vier Grundgedanken: „1. Barockstil ist allen Künsten gemeinsam. 2. Barockstil ist ein überzeitliches, periodisch wiederkehrendes Phänomen. 3. Barockstil muss in seiner spezifischen Qualität erkannt werden und hat nicht a priori als minderwertig zu gelten. 4. Barockstil ist seinem Wesen nach an ‚das Rhetorische‘ gebunden.“ (Barner 1975, S. 569)

Auch Heinrich Wölfflin stellte 1888 unmissverständlich fest, dass die Kunst “Barock“ sei, als er sagte, dass es sich beim „Barock“ „um eine allgemeine Formwandlung handelt, die alle Künste (auch die Musik) gleichmäßig umfasst und die auf einen gemeinsamen, tiefern Grund hindeutet.“ (Wölfflin in: Barner S. 383) Er charakterisierte den „Barock“ als einen Epochenstil, welcher der Renaissance gleichgestellt ist und stellte fünf normative Kategorien antithetisch gegenüber, anhand derer Kunstwerke der Renaissance und des „Barock“ beschrieben und miteinander verglichen werden konnten: linear - malerisch, Raum - Tiefe, geschlossene - offene Form, Einheit - Vielfalt, Klarheit - Zerstreuung.

Eine weitere wichtige und prägende Begriffsübertragung des Terminus stammt von Fritz Strich 1916: „Man pflegte den Stil der deutschen Dichtung im 17. Jahrhundert als Renaissance zu bezeichnen. […] Der Stil seiner Dichtung ist vielmehr „barock“, auch wenn man nicht nur an Schwulst und Überladung denkt, sondern auf die tieferen Prinzipien der Gestaltung zurückgeht.“ (Strich in: Barner 1975, S. 32) Das tiefere Prinzip der Kunst des „Barock“ ist unter anderem mit einem neuen Körpergefühl verbunden: Runde, vollmassige Körper treten an die Stelle von leichten und schlanken Gestalten. Gleichwohl wurde in der barocken Dichtung ein ‚lebendiges Daseinsprinzip‘ (vgl. ebd. S. 35) geschaffen, in dem die einzelne Form einen ganzen Stil repräsentiert.

Aufgrund des oben beschriebenen Krieges orientierte sich die Bevölkerung zudem stärker am Jenseits, was eine religiöse Konjunktur im 17. Jahrhundert begünstigte. Infolgedessen entwickelten sich drei Themen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, die die „barocken“ Werke prägten. Zum einen entstand das „carpe diem“-Motto, das aussagte, dass jeder Mensch den Tag nutzen bzw. genießen soll ohne an die schweren Lebensumstände zu denken. Zum anderen entstanden das „memento mori“- und das „vanitas“-Motiv, das die Endlichkeit des Lebens verdeutlichte und an den Tod erinnerte.

3.2. Thesen Horst Hartmanns

Horst Hartmann lehnt die Verwendung und Eignung der Termini „Barock“ oder „Manierismus“ für die Kennzeichnung der Literatur des 17. Jahrhunderts in seiner oben genannten Abhandlung entschieden ab, nachdem bereits Bedenken von den verschiedensten Positionen aus gegenüber dieser Begrifflichkeiten vorgebracht wurden. (vgl. Hartmann, S. 380) Da die Termini weiterhin in der Literaturgeschichtsschreibung verwendet werden und sich für die deutsche Literatur zwischen dem Ausgang des 16. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts eingebürgert haben, setzte sich der Autor erneut kontrovers mit deren Eignung auseinander.

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Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668524668
ISBN (Buch)
9783668524675
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375936
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
barock manierismus eignen termini kennzeichnung jahrhunderts

Autor

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