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Nietzsches Übermensch. Gefahr oder Chance?

Magisterarbeit 2004 93 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Siglen für Nietzsches Werke

„Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe!“

I. Der Begriff „Übermensch“
1. Historischer Ursprung
a) Das vorchristliche Bild
b) Das christliche Bild
c) Kritik am christlichen Bild
d) Das antichristliche Bild

II. Der Übermensch bei Nietzsche
1. Der Tod Gottes
2. Der Wille zur Macht
3. Die ewige Wiederkehr des Gleichen
4. Das Dionysische

III. Der Übermensch in der Rezeption
1. Der „hausgemachte“ Kult
2. Übermensch-Interpretationen
a) Neutrale Auslegungen des Begriffs
b) Kritische Auslegungen des Begriffs
c) Darwinistische Auslegungen des Begriffs
d) Nationalsozialistische Auslegungen des Begriffs
3. Fehlinterpretationen
a) Zucht und Züchtung
b) Egoismus
4. Die Frage der Schuld

IV. Gefahr oder Chance?
1. Ist der Übermensch ein Unmensch?
a) Der Übermensch - ein unmoralischer Herrscher?
b) Kein Herr trotz Herrenmoral?
2. „Werde, der du bist!“
a) Der freie Geist
b) Überwindung des Nihilismus

Resümee

Literaturverzeichnis

Siglen für Nietzsches Werke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zitierweise: Vorangestellt ist die Abkürzung der Schrift; es folgt die Zahl des jeweiligen Bandes der zitierten Colli/Montinari-Ausgabe, danach die Seitenzahl.

Nun wollen wir, dass der Übermensch lebe!

Nietzsche ist wohl der umstrittenste und gleichzeitig faszinierendste Philosoph. Seine Faszination geht vor allem von seinem besonderen Stil aus, der bisweilen die Grenzen zwischen Philosophie, Prosa und Poesie zu sprengen weiß. Umstritten ist Nietzsche bis in die heutige Zeit, vor allem deswegen, weil keine Einigkeit darüber zu finden ist, ob die Verwendung seiner Texte bzw. seines Gedankenguts für nationalsozialistische Zwecke ihm persönlich anzulasten ist.

Der bekannteste Begriff innerhalb Nietzsches Philosophie ist sicherlich der des „Übermenschen“. So wundert es auch nicht, dass Nietzsche oft als sein Schöpfer ge- nannt wird. Zwar ist Nietzsche sicherlich als Schöpfer des Nietzscheschen Übermen- schen anzusehen, doch den Begriff „Übermensch“ an sich hat er nicht geschaffen. Viele Wörterbücher verweisen auf Goethes Verwendung des Begriffs, doch auch schon lange vor Goethe ist er zu finden - entweder in wörtlicher oder aber, wie etwa im Neuen Tes- tament, in sinngemäßer Verwendung, also im Sinne einer Seinserhöhung des Menschen. Gerade durch den Verweis auf die Bibel dürfte klar sein, dass der Begriff „Übermensch“ auf seinem „Weg“ zu Nietzsche mindestens ein Mal seine Bedeutung ändert. Den Weg, den der Begriffs samt seinem Einzug in den deutschen Sprachschatz nimmt und welchen Wandlungen er innerhalb seiner Bedeutung unterliegt, soll Thema des ersten Kapitels dieser Arbeit sein.

Im zweiten Kapitel soll Nietzsches Begriff des „Übermenschen“ geklärt werden. Betrachtet man den Begriff „Übermensch“ bei Nietzsche, kann man dies nicht losgelöst von anderen Aspekten seiner Philosophie tun. Zur Klärung des Begriffs ist es deshalb notwendig, auch die Termini zu untersuchen, die in seinem unmittelbaren Kontext ste- hen: Der „Tod Gottes“, der „Willen zur Macht“, die „ewige Wiederkehr des Gleichen“ und das „Dionysische“. Wie vieles andere innerhalb Nietzsches Philosophie sind auch diese Begriffe miteinander verwoben. Auch wenn jeder für sich eine einzelne Theorie innerhalb Nietzsches Philosophie darstellt, so erklären sie sich aufeinander bezogen doch erst vollständig.

Wenn Nietzsches Begriff des Übermenschen hinreichend geklärt ist, soll im dritten Kapitel die Frage behandelt werden, wie es dazu kommen konnte, dass er von den Na- tionalsozialisten so „dankbar“ angenommen wurde. Eine wichtige Rolle muss in diesem Kontext Elisabeth - Nietzsches jüngere Schwester - spielen.1 Zudem wird auf verschiedene Rezeptionen des Nietzscheschen Übermenschen und Nietzsche- Interpretationen, die 1889 einsetzen, eingegangen, welche sowohl Nietzsche als auch „seinen“ Übermenschen in unterschiedlichem Licht sehen. Nietzsche zeigen sie mal als Opfer seiner Krankheit, mal als verkannten Philosophen und später dann als Propheten des Nationalsozialismus, der alles vorbereitet haben soll, was von Hitler zur Vollendung gebracht wird. Auf Grund der Fülle der existierenden Interpretationen wird innerhalb der Arbeit nur eine Auswahl von Texten dargestellt, die sich Nietzsche auf ihre je eigene Art und Weise nähern. Eines wird bei den Interpretationen schnell offenbar: Nietzsche scheint missverstanden worden zu sein. Wie konnte das geschehen? Setzt man sich mit Nietzsches Texten intensiv auseinander, so wird deutlich, dass seine Sprache - vor allem innerhalb der Spätwerke - geradewegs zu Missverständnissen einlädt. Z. B. spricht Nietzsche im Kontext vom Übermenschen oft von „Zucht“ bzw. „Züchtung“. Auch erscheint sein Übermensch oft im Lichte eines egoistischen Herrschers, der skrupellos anderen seine Macht aufzwingt - ein Bild, das den Nationalsozialisten natürlich gefallen musste.

Setzt man voraus, dass Nietzsche seinen Übermenschen anders sah und anders verwirklicht sehen wollte als in Form eines arischen blonden Ungeheuers, das sich das anmaßt alle anderen zu Recht zu unterdrücken, träfe Nietzsche dann nicht dennoch Schuld? Kann man ihn in gewisser Weise selbst dafür verantwortlich machen, was später aus seiner Philosophie wurde - nämlich Argumente zur Unterstützung und Legitimation des nationalsozialistischen Regimes samt seiner Taten?

Was also ist der Übermensch bei Nietzsche? Ist er der egoistische Herrscher, den die Nationalsozialisten und auch viele Interpretatoren in ihm sahen? Oder bietet die Über- Mensch-Werdung dem Menschen nicht auch eine Chance - die Chance auf ein Wachs- tum über sich selbst hinaus, das ihn bemächtigt einen drohenden Nihilismus etwa zu überwinden? Bekäme der Mensch nicht vielleicht auch die Chance auf mehr Wahrhaf- tigkeit, wenn er sich auf den gefährlichen Weg hin zum Übermenschen machen würde? Diese Fragen sollen schließlich im vierten und letzten Kapitel geklärt werden.

I. Der Begriff „Übermensch“

Durch Nietzsche ist ohne Zweifel der Begriff des „Übermenschen“ berühmt und vielleicht sogar berüchtigt geworden, dennoch ist er nicht sein Schöpfer. Es zeigt sich vielmehr, dass der Begriff bereits im antiken Griechenland existiert. Von da an zieht er sich quer durch die Geistesgeschichte der Menschheit, wobei - auch wenn der Begriff der gleiche blieb - sich im Laufe der Zeit sein Verständnis änderte.

1. Historischer Ursprung

Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden, der Begriff 'Übermensch' ward hier höchste Realität. (EH, 6, S. 344)

a) Das vorchristliche Bild

Das Wort für Übermensch ist bereits im hellenistischen Sprachgebrauch entwickelt (vgl. Benz 1961, S. 35). Hier läßt sich der „hyperanthropos“ (vgl. Kaufmann 1982, S. 359) bei Lukian und Dionysios von Halikarnaß nachweisen und gehört offensichtlich in den Bereich des antiken Heroenkultes und in den mit diesem zusammenhängenden Herrscherkult hinein.

Der Novellist und Kultur- und Gesellschaftskritiker Lukian verwendet das Wort „Übermensch“ - superman - in „The Downward Journey“ innerhalb eines Gespräches in der Unterwelt zwischen der Parze Klotho und dem Bettler Mikyllos. Der Bettler schildert hier, wie ein verstorbener Tyrann zu Lebzeiten im Gegensatz zu seinem „Zu- stand“ im Hades auf ihn wirkt: „Therefore he appeared to me a superman, trice-blessed, better looking and a full royal cubit taller than almost anyone else“ (Lucian 1988, S. 35). Doch „when he was dead, not only did he cut an utterly ridiculous figure in my eyes on being stripped of his pomp“ (ebd.). Was hier erfolgt ist nichts anderes, als die Entgötterung des Übermenschen. Lukian kritisiert damit die göttliche Verehrung der Herrscher und den damit verbundenen Herrscherkult seiner Zeit.

Der Begriff „übermenschlich“ - superhuman - wird bei Dionysios von Halikarnaß da- gegen im positiven Sinn des antiken Heroenkultes verwandt. In seinen „Römischen Altertümern“ wird im 11. Buch in Kapitel XXXV die Schönheit der Römerin Nomitoria beschrieben, die so bezaubernd war, dass sie „arrested the eyes of all, so superhuman a beauty and grace enveloped her“ (Dionysius of Halicarnassus 1984, S. 115).

b) Das christliche Bild

Im Neuen Testament finden sich Ansätze des Übermenschen bzw. des Übermenschlichen, wobei Übermensch als etwas interpretiert werden soll, das über den Menschen - in Form einer christlichen Seinserhöhung etwa - hinausgeht (vgl. Benz 1961, S. 29f.). In diesem Sinne finden sich im Neuen Testament Stellen, die auf eine Seinserhöhung des Menschen hinweisen. Bei Matthäus 13, 43 heißt es etwa: „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne, in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“. Die Seinserhöhung des Menschen wird als etwas Zukünftiges in Aussicht gestellt, das für die Jünger als Folge ihres Glaubens eintritt, wie etwa bei Johannes 14, 12/13. Hier spricht Jesus zu seinen Jüngern:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubet, der wird die Werke auch thun, die Ich thue, und wird größere als diese thun; denn Ich gehe zum Vater.

Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich thun, auf daß der Vater geehret werde in dem Sohne.

Erwartungen einer gewaltigen Seinssteigerung im Zusammenhang mit endzeitlichen Ereignissen sind im 1. Johannes-Brief angesprochen (1. Joh. 3,2):

Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Benz spricht von verschiedenen Stufen der Seinssteigerung (vgl. Benz 1961, S. 31). Die gläubigen Christen sind jetzt schon Gottes Kinder, doch diese Stufe stellt noch nicht die letzte dar, da diese noch nicht in Erscheinung getreten ist. Diese letzte Stufe wird eine weitere Seinserhöhung mit sich bringen: die Gleichförmigkeit mit dem erhöhten Christus. Diese Seinssteigerung durch den Geist ist jedoch nicht einmalig. Von ihm geht eine ständige schöpferische Wirkung aus, die den Menschen von Stufe zu Stufe hebt.

Bei Epiphanius von Salamis findet sich im zweiten Buch seines „Panarion“ unter 48. eine „Häresie“ über den Propheten Montanus, der den Gedanken einer schöp- ferischen Erhöhung des Menschen durch den Heiligen Geist aufgreift und ihn in den Mittelpunkt seiner Lehre stellt (vgl. Benz 1961, S. 32). Montanus ist der Erste, der im Zusammenhang mit seiner „Lehre von der Heiligung“ den Begriff des Übermenschen verwendet: „Warum nennst du den Übermenschen einen Gerechten? Es wird doch leuchten, sagt der Paraklet, der Gerechte hundert mal stärker als die Sonne, und die Kleinen unter euch als Gerettete werden hundertmal stärker leuchten als der Mond“ (zit. nach Benz 1961, S. 32). Dies bedeutet, dass das dem Menschen durch die Geistesgaben vermittelte Heil den Geistesträger zum Übermenschen macht. Der Begriff des Übermenschen und die damit verbundenen Heilsverheißungen bei Montan übertreffen somit sogar noch die Heilsverheißungen Jesu im Johannes-Evangelium, denn mit der „Gerechte“ ist hier im Gegensatz zu den „Kleinen“ ein bevorzugter Geistesträger gemeint. Der Übermensch wird verstanden als der Mensch einer neuen Heilsperiode, nämlich der Epoche des Parakleten, deren Anbruch durch Jesus selbst verheißen wird, durch die Ausgießung des heiligen Geistes charakterisiert ist und eine Erhöhung der Menschen mit sich bringen soll.

Innerhalb der Hirtenbriefe des Dionysios Aeropagida findet sich die Bezeichnung Christi als Übermensch im Zusammenhang mit der Darlegung der Zweinaturenlehre (vgl. Benz 1961, S. 49). Im vierten Brief an Gaios den Mönch heißt es, dass Christus das Wesen der menschlichen Natur in seine Gottheit aufgenommen hat und sei dadurch zugleich übermenschlich und völlig menschlich. [...] Kurz, Jesus war in der Tat nicht ein Mensch im menschlichen Sinne, aber man kann ebensowenig von ihm leugnen, daß er ein Mensch gewesen sei: er war beides Menschensohn und über alle Menschen erhaben. (Dionysios Aeropagida 1956, S. 177f.)

Auch in der mittelalterlichen christlichen Mystik wird der Begriff des Übermenschen auf den erlösten Gerechten, den Charismatiker, den Heiligen übertragen. In diesem genuinen, christlichen Sinn finde der Begriff des Übermenschen seinen Weg in die deutsche Sprache (vgl. ebd.).

Der Begriff „übermenschlich“ scheint laut Benz bereits im Spätmittelhochdeutschen sowohl in der geistigen Literatur als auch in der deutschen Predigt verbreitet gewesen zu sein. Der Volksprediger Geiler von Kaisersberg (1445-1510) kann deswegen das Adjektiv als einen geläufigen Begriff verwenden, dessen Verständnis er bei seinen Hörern voraussetzen kann: „Dô der bösz Geist sah... dasz er [gemeint ist „Christus“, T. S.] so lang was in der wüste und 40 tag und 40 nächt fastet, das dô übermenschlich art ist nach gemeynem lauff“ (zit. nach Benz 1961, S. 51).

In der deutschen Reformationszeit treten die Begriffe „Übermensch“ und „über- menschlich“ zwar zahlenmäßig selten auf, aber wenn dann als Worte, deren Geläufig- keit und allgemeine Verständlichkeit vorausgesetzt wird (vgl. Benz 1961, S. 51). Die Begriffe tauchen im Zusammenhang mit dem Ringen um ein neues Verständnis des Charismatikers, des „geistlichen Menschen“, auf. Luther kritisiert in seiner Schrift „Von Menschen lehre zu meiden und Antwort auf Sprüche“ von 1522 den Standesanspruch des Mönchtums dieser Zeit, innerhalb der Bußordnung der Kirche den höchsten Stand

der Heiligung zu bilden. Innerhalb dieser Kritik verwendet er den Begriff „übermenschlich“:

[Die Orden] haben eyn eygen gehorßam und demut angericht nach yhren statuten. Noch geben sie für, yhrer gehorsam sey ubermenschlich, volkomlich unnd gleych Engelisch, szo keyn ungehorsamer, undemütiger volck auff erden ist denn sie. (zit. nach Benz 1961, S. 52) Ein Angehöriger des von Luther so kritisierten Mönchstandes, der Dominikaner Hermann Raab, wendet nun das Wort „Übermensch“ in einem ironischen Sinn auf Luther und seine Anhänger an. Dieses taucht hier zum ersten Mal als Substantiv in der deutschen Sprache auf (vgl. Benz 1961, S. 52):

Aber diesem meynem tochterleyn, dem ich die kappen auff yre pete angecogen, gefallen, wie dann allen Lutherschen, außwendige wercke nicht. Dann sye wandeln alleyn ym geist: vnd seyen vber- menschen vnd vbermenschliche engel vielleicht. oder engelysch vnd gantz geyst worden. (zit. nach Benz 1961, S. 53) In seinem ursprünglichen christlich-charismatischen Verständnis findet der Begriff des „Übermenschen“ Einzug in die Neuhochdeutsche Literatur auf dem Wege über die pietistische Erbauungsliteratur (vgl. Benz 1961, S. 55). Der lutherische Theologe Hein- rich Müller (1631-1675) beschreibt in seinem Erbauungsbuch „Geistliche Erquickungs- stunden“, dass das Ziel der Frömmigkeit sei, die Gleichförmigkeit mit Christus zu er- langen. Heinrich Müller führt in diesem Zusammenhang zwei wichtige Begriffe in die moderne christliche Anthropologie ein, die von nun an bis in die Sprache der deutschen Klassik und Romantik miteinander verbunden auftreten - die Begriffe „Unmensch“ und „Übermensch“:

Nach GOttes Bild war der Mensch erschaffen, und Christus ist das Ebenbild Göttliches Wesens, in Christo wird der Mensch nach GOttes Ebenbild erneuert, und dann fängt er erstlich recht an ein Mensch zu seyn. Mein, du must hie scheiden den Menschen vom Menschen, den Vater und Mutter gibt, von dem Menschen, den Christus macht: den alten vom neuen. Jener ist ein Ohn-Mensch, dieser ein wahrer Mensch: Jener nach Adam, dieser nach GOtt gebildet: Jener geerbt, dieser ge- schencket: Jenem must du ab-, diesem must du anhangen. Im neuen Menschen bist du ein wahrer Mensch, ein Über-Mensch, ein GOttes- und Christen-Mensch... Ich will mich bemühen, ein neuer Mensch in Christo zu werden, so bin ich beydes, ein Mensch und ein Christ; GOtt helff mir. (Müller 1738, S. 351f.)

Mit dem Begriff „Übermensch“ wird hier der erlöste Christ bezeichnet, der in seiner „Einformung“ in Christus die Vergottung erfahren hat.

Wie stark das mystisch-spiritualistische Verständnis des Übermenschen noch bis in die Zeit Goethes hinein wirkt, wird bei Lavater deutlich (vgl. Benz 1961, S. 59). Seine Idee des Übermenschen beschreibt Lavater vor allem in seinem Werk „Aussichten in die Ewigkeit“. Dieses handelt von den zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen, die sich erst im Jenseits vollenden, als ein Prozess fortschreitender Veredelung und Vergeistigung im Leben nach dem Tode. Urbild und Modell der Entwicklung des Menschen ins Übermenschliche ist die Gestalt Jesu, in dem sich Gottheit und Menschheit auf vollkommenste Weise vereinigen. Der Übermensch besitzt, laut Lavater, ganz neue Fähigkeiten, die sonst im Bereich des NatürlichMenschlichen nicht zu finden seien. Im zweiten Teil seiner „Aussichten in die Ewigkeit“ heißt es dazu, man müsse dazu die der menschlichen Natur unter gewissen Umständen Bedingnissen erreichbaren, und hier auf Erden schon ausüblichen physische[n] Kräfte betrachten. - Kräfte, vermittelt deren er [der Mensch, T. S.] Veränderungen in der Cörperwelt bewirken konnte, welche die natürlichen, allen Menschen gemeinen Kräfte unmöglich zu bewirken vermögend wären. - Es gab Menschen, die ohne einige Berührung in einem Augenblick, ohne Anstrengung der ihnen, mit allen Menschen gemeinen natürlichen Kräfte, gewisse Cörper aus ihrer Stelle verrücken, zerrüttete Cörper, die keine gewöhnliche Kunst herstellen konnte, mit Einem Wink herstellen, und ganze vollständige mit Einem Wink zerrütten und verderben; Menschen, die Berge aus ihrer Stelle versetzen, Todte wieder lebendig machen, Flüsse zertheilen, dem Donner gebieten, die Sonne selber mit einem Wort stillstellen, den Himmel zu- und wieder aufschließen konnten; Sterbliche Menschen, Menschen von derselben Natur, derselben Herkunft, und überhaupt denselben menschlichen Leidenschaften und Schwachheiten unterworfen, wie wir sind. [...] So übermenschlich, übernatürlich diese Kräfte alle scheinen, und wirklich sind, sie waren, wenigstens eine Zeitlang, wenigstens gewissen Menschen anvertraut. (Lavater 1770, S. 235ff.)

Das Wort Übermensch behält bis in die Epoche Nietzsches seine Verbindung mit einer christlichen Geist-Theologie (vgl. Benz 1961, S. 65). Es kehrt dabei vor allem im Wortschatz der Theologie wieder, und zwar besonders im Wortschatz der modernen protestantischen Leben-Jesu-Forschung. Bei Hegel findet es sich im 4. Fragment über Volksreligion und Christentum:

Aber auf dies Räsonnement des kalten Verstandes achtet die Phantasie [nicht], und gerade die Beimischung, der Zusatz des Göttlichen qualifiziert den tugendhaften Menschen Jesu zu einem Ideale der Tugend, - ohne das Göttliche seiner Person hätten wir nur den Menschen, hier aber ein wahres, übermenschliches Ideal, das der menschlichen Seele, soweit sie sich davon entfernt denken muß, doch nicht fremd ist. (Hegel 1978, S. 82f.)

Auch bei David Friedrich Strauß findet sich das Wort „übermenschlich“ auf Jesus angewandt: „Sobald man in ihm einmal den Messias sah, so lag darin schon ein Anlass, diesen als übermenschliches Wesen zu betrachten“ (zit. nach Benz 1961, S. 66). Hier klingt Kritik an, enthält das Zitat doch den Gedanken, dass Jesus erst durch die messianische Deutung seiner Person von seiten der Jünger ins Übermenschliche erhoben wird. Der bisher christliche Kontext der Begriffe „Übermensch“ und „übermenschlich“ wird von nun an kritisch betrachtet und bekommt später sogar eine neue, antichristliche Bedeutung, die auch bei Nietzsche noch wichtig wird.

c) Kritik am christlichen Bild

Herder äußert sich in seinen „Briefe[n] zur Beförderung der Humanität“ als Vor- kämpfer des Humanitätsideals ablehnend und kritisch gegenüber dem barocken Über- menschen. Ziel der Humanität ist für ihn nicht der Über-Mensch, sondern der Mensch:

Alle Ihre Fragen über den Fortgang unsres Geschlechts, die eigentlich ein Buch erfordern, beantwortet, wie mich dünkt, ein einziges Wort, Humanität, Menschlichkeit. Wäre die Frage: ob der Mensch, ein Ueber- ein Außermensch werden könne und solle? so wäre jede Zeile zu viel, die man deßhalb schriebe. (Herder 1881, S. 115)

Für Herder erscheint die Humanität als einziger Maßstab und als einziges Ziel der Menschheitsentwicklung. Die Erziehung des Menschen kann nicht zum Ziel haben, den Menschen zum Übermenschen zu erziehen, sondern den Menschen zu wahrer Hu- manität zu erheben:

Alle Einrichtungen der Menschen, alle Wissenschaften und Künste können, wenn sie rechter Art sind, keinen andern Zweck haben als uns zu humanisieren, d.i. den Unmenschen oder Halb- menschen zum Menschen zu machen... Das Gemüth läutert, hebet und stärkt sich durch die Be- trachtung: wir sind Menschen. Nichts mehr aber auch nichts minderes, als dieser Name saget. (zit. nach Benz 1961, S. 69)

Bei Goethe, vielleicht dem bekanntesten Verwender des Begriffs „Übermensch“ vor Nietzsche, findet sich der Begriff an zwei Stellen seiner Dichtung. Einmal im „Faust“ und in der „Zueignung“. Goethe verwendet den Begriff beide Male in einem rein iro- nischen Sinn, wodurch er den Begriff von vornherein abwertet. Im „Faust“ ist es der von Faust beschworene Erdgeist, der Faust ironisch auf den Widerspruch zwischen seinem hochgespannten Selbstbewusstsein und seiner entsetzlichen Angst aufmerksam macht:

Du flehst eratmend, mich zu schauen, Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn; Mich neigt dein mächtig Seelenflehn, Da bin ich! - Welch erbärmlich Grauen Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf? Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf Und trug und hegte? Die mit Freudebeben Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleichzuheben? (Goethe 1974, S. 31)

In der „Zueignung“ verwendet Goethe das Wort in einem ironischen Sinn, um ein angemaßtes, illusionäres Übermenschentum des Menschen zu entlarven. Hier heißt es von der Muse:

Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug, Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen! Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug, Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen; So glaubst du dich schon Übermensch genug, Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen! Wie viel bist du von Andern unterschieden? Erkenne dich! leb' mit der Welt in Frieden. (Goethe 1987, S. 10f.)

Die von Goethe verwendete Form der Ironie zeigt deutlich, wie sehr die Gestalten vom Drang zum Übermenschlichen versucht sind. Sie bedürfen der Begegnung mit dem wahren Übermenschlichen, in Gestalt des Erdgeistes oder der Muse, um in die Schran- ken ihrer Menschlichkeit zurückgewiesen zu werden. Goethe gehört bereits zu der Epoche eines neuen Verständnisses des Übermensch-Begriffs, das die „Versuchbarkeit“ des Menschen zur Selbsterhebung ins Übermenschliche voraussetzt (vgl. Benz 1961, S. 77). Zumindest in diesem Punkt gleicht der Übermensch bei Goethe stark dem Über- menschen bei Nietzsche. Inwiefern dort die „Selbsterhebung“ des Menschen eine Rolle spielt, wird später noch gezeigt.

d) Das antichristliche Bild

Vor Nietzsche hat die Deutung des Übermenschen längst eine höchst bedeutsame Wendung erfahren. Zunächst entwickelt sich sein Bild von einem antiken Heroen- und Herrscherkult hin zu einem christlichen Verständnis, in dem die Erhöhung des gläu- bigen Christen im Mittelpunkt steht, welches Herder und Goethe kritisieren. Bei Jean Paul hingegen zeichnet sich bereits ein wiederum völlig neues Verständnis ab. Hier erfährt der Übermensch-Begriff eine Politisierung. In der dritten Abteilung von „Dr. Katzenbergers Badereise“ befindet sich ein Dialog, welcher Charlotte Corday, die Mörderin des Revolutionsführers Marats, zum Gegenstand hat. In diesem Dialog spricht der Graf, dem der Tag der Hinrichtung der Attentäterin als ein besonders hoher Festtag gilt, vom Verhältnis des „Genies“ zu den geltenden allgemeinen Moralgesetzen. Er entwickelt dabei eine Ethik des „großen Menschen“, die diesen in aller Form von der Befolgung der allgemeinen Moralgesetze entbindet (vgl. Benz 1961, S. 79):

Unsere Moral [...] scheint mir zu sehr eine Häuslichkeits-Moral und mehr eine Sitten- als Taten- lehre. - Sie ist bloß eine Geschmackslehre für das schaffende Genie. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zu fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es ästhetische gibt; beide indes ändern allein die Welt und wehren der fortlaufenden Ver- flachung. Es erscheine ein Jahrhundert lang in der Literatur kein Genie, in einem Volke kein Hochmensch: welche kalte Wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittenlehre! (Jean Paul 1963, S. 339f.)

Was das Genie in der Literatur, ist offenbar der „Hochmensch“ in der Politik. An Napoleon, dem naheliegendsten und eindrucksvollsten „Hochmenschen“ seiner Epoche, demonstriert Jean Paul nun den Begriff des „sittlichen Genies“2:

Alle Größen und Berge in der Geschichte, an denen Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, anfangs verwüstete Feuer solcher Übermenschen, z.B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwächen vernichtenden Direktoriums, kühn auf einmal aus dem Wasser. (ebd.)

Zum ersten Mal wird hier als Bezeichnung des politischen „Hochmenschen“ der Begriff des Übermenschen verwandt (vgl. Benz 1961, S. 80). Dieser trägt bereits Züge, die sich später bei Nietzsches Übermenschen wiederfinden lassen, wie z.B. deren ver- nichtende Kräfte, die „vulkanische[n], anfangs verwüstende[n] Feuer“, die einer Neu- schöpfung vorausgehen. Auch die Forderung dem Übermenschen eine eigene Ethik zu- zuerkennen, steht dieser doch bereits jenseits der „Häuslichkeits-Moral“, also vielleicht sogar jenseits von „Gut“ und „Böse“, erinnert an Nietzsches Übermenschen. Interessant ist, dass bei Jean Paul bereits in dem Augenblick, in dem der Begriff des Übermenschen politisiert wird, die Forderung erhoben wird, dem Übermenschen eine eigene Ethik zu- zusprechen.

Die entscheidende Wendung im Verständnis des Übermenschen findet jedoch durch das Eindringen des naturwissenschaftlichen Entwicklunggedankens in die Anthropo- logie des 19. Jahrhunderts statt, als dessen bekanntester Vertreter Charles Darwin zu nennen wäre (vgl. Benz 1961, S. 84f.). Knüpft der christliche Übermensch-Gedanke noch an die Idee eines Wachstums, einer Entwicklung oder Transformation der Geis- teskräfte des Menschen an, so wird er im 19. Jahrhundert auf den biologischen Zusammenhang zwischen dem Lebensbereich des Menschen und dem der Tier- und Pflanzenwelt angewendet. Hat das christliche Bild den Menschen selbst in seinem Zen- trum, so wird er nun seiner Einzigartigkeit und Besonderheit beraubt. Er gilt nicht mehr länger als Zentralfigur einer göttlichen Schöpfung, sondern wird zum Produkt eines Auch Nietzsche bediente sich später des Beispiels Napoleons, um ihn als gelebten Übermenschen zu titulieren: „Napoleon, jener einzelnste und spätestgeborne Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleischgewordne Problem des vornehmen Ideals an sich — man überlege wohl, was es für ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Übermensch…“ (GM, 5, S. 288). Ob Nietzsche dabei von Jean Paul inspiriert wurde, lässt sich zwar nicht belegen, bleibt jedoch nicht gänzlich unwahrscheinlich, denn Jean Pauls Texte waren ihm nachweislich zumindest geläufig.

nach bestimmten naturwissenschaftlichen Gesetzen ablaufenden Selektionsprozesses.3 Für das Bild des Übermenschen bedeutet dies aber wesentlich mehr: Durch die Anwendung des Entwicklunggedankens auf den Menschen ergibt sich als Konsequenz, dass dieser gegenwärtige Mensch nicht die letzte und höchste Form der Spezies darstellen muss. Vielmehr kann nun erwartet werden, dass der Mensch selbst in der Zukunft eine bessere, höhere, vollkommenere Form, einen „neuen Menschen“ bzw. „Übermenschen“ aus sich heraus bilden wird - und zwar durch bewusst kontrollierte Lenkung der Entwicklung selbst, da er im Gegensatz zum Tier über ein Bewusstsein verfügt. Dazu heißt es bei Darwin:

Der Mensch ist wohl entschuldigt, wenn er einigen Stolz darüber empfindet, daß er, wenn auch nicht durch seine eigenen Anstrengungen, zur Spitze der ganzen organischen Stufenleiter gelangt ist; und die Tatsache, daß er in dieser Weise emporgestiegen ist, statt ursprünglich schon dahin gestellt worden zu sein, kann ihm die Hoffnung verleihen, in der fernen Zukunft eine noch höhere Bestimmung zu haben. (Darwin 1871, S. 357)

David Friedrich Strauß, ein begeisterter Anhänger Darwins, schreibt in „Der alte und der neue Glaube“:

Und so sind wir auch der Meinung, daß die Menschheit weit mehr Ursache habe, sich zu fühlen, wenn sie sich von elenden thierischen Anfängen durch die fortgesetzte Arbeit einer unzählbaren Geschlechterreihe allmählich zu ihrem jetzigen Standpunkt emporgearbeitet hat, als wenn sie von einem Paare abstammt, das, nach Gottes Ebenbild geschaffen, später aus dem Paradiese geworfen, und immer noch lange nicht wieder auf der Stufe angekommen ist, von der es am Anfang herab- gesunken war. Wie nichts den Muth so tief darniederschlägt als die Gewißheit, ein verscherztes Gut doch nie ganz wiedergewinnen zu können, so hebt denselben nichts mehr als eine Bahn vor sich zu haben, von der gar nicht abzusehen ist, wie weit und hoch sie uns noch führen wird. (zit. nach Benz 1961, S. 90)

Strauß bekennt sich hier zu dem Glauben an eine immer weiter fortschreitende Hö- herentwicklung des Menschen. Die Anwendung des Entwicklunggedankens auf die Spezies Mensch führt notwendig zu der Erwartung eines kommenden höheren und bes- seren Menschen, eines „Hochmenschen“ bzw. „Übermenschen“ (vgl. Benz 1961, S. 90f.). Dies setzt voraus, dass sich die gegenwärtige Menschheit auch weiterhin nach denselben Entwicklungsgesetzen weiterbildet, die zu ihrem eigenen Hervorgehen aus niederen Arten und zu ihrem Aufstieg bis zu der jetzt erreichten Stufe geführt haben.4 Vor allem die Sozialutopie der Linkshegelianer ist vom Glauben an diesen sich entwickelnden „neuen Menschen“ beherrscht (vgl. Benz 1961, S. 91).

Spuren des Übermenschen finden sich fast überall in der von Darwin beeinflussten Anthropologie des 19. Jahrhunderts. Im Folgenden soll lediglich auf die Denker hingewiesen werden, die nachweislich einen direkten Einfluss auf Nietzsche als seine Zeitgenossen ausgeübt haben.

Zunächst wäre hier Ludwig Büchner (1824-1899) zu nennen, der den Menschen aufgrund einer fortschreitenden Entwicklung seiner Fähigkeiten zu einer Herrschaft über die Natur bestimmt sieht:

Wohin schließlich dieser Fortschritt führen wird, weiß ich Ihnen nicht zu sagen, nur so viel scheint mir gewiß, daß dem Menschen, welcher seinen Verstand und seine Kräfte allseitig benutzt, nichts unmöglich ist und daß er wohl noch zu einer Entwicklung seiner Fähigkeiten und namentlich zu einer Herrschaft über die Natur bestimmt ist, welche uns gegenwärtig die ihm von der Natur gezogenen Grenzen weit zu übersteigen scheint. (zit. nach Benz 1961, S. 94)

Einige Anhänger der Darwinschen Lehre zogen aus ihr den Schluss, dass eine Weiterentwicklung des Menschen auch zu einer Veränderung seines Aussehens führen müsse. Der Engländer Alfred Russel Wallace (1823-1913) will denen Antworten, die meinen: „auch die Gestalt des Menschen [müsse sich] ändern und sich in eine andere Form entwickeln [...], welche ebenso verschieden von seinem gegenwärtigen Selbst ist, wie er es ist von dem Gorilla oder dem Chimpansen“ (Wallace 1870, S. 346). In seinen „Beiträgen zur natürlichen Zuchtwahl“ in dem das folgende Zitat zu finden ist, gibt Wallace jenen Antwort:

Wenn meine Schlüsse richtig sind, so muß unvermeidlich daraus folgen, daß die höheren - und die intellectuelleren und moralischeren - die niedrigeren und degradirteren Racen ersetzen müssen... Während seine [gemeint ist die des Menschen, T. S.] äußere Form wahrscheinlich immer ungeändert bleiben wird, außer in der Entwickelung jener vollkommenen Schönheit, welche aus einem gesunden und wohlorganisirten Körper resultiert, kann seine geistige Constitution durch die höchsten intellectuellen Fähigkeiten und sympathischen Bewegungen verfeinert und veredelt, fortfahren vorzuschreiten, um sich zu vervollkommnen, bis die Erde wiederum von einer einzigen nahe homogenen Race bewohnt sein wird, von welcher kein Individuum den edelsten Mustern existirender Menschlichkeit nachsteht. (Wallace 1870, S. 377)

Wallace geht also davon aus, dass die äußere Erscheinung des Menschen erhalten bleiben wird, sich jedoch seine „intellectuellen“ Eigenschaften durchaus verändern werden, im Sinne von vervollkommnen. Auch geht er davon aus, dass nicht nur wenige Menschen diese Entwicklung vollziehen, sondern die gesamte Menschheit. Dies steht Nietzsches Bild des Übermenschen entgegen, der allein Wenigen eine Entwicklung hin zum Höheren zusprach. Dies soll später noch ausführlich behandelt werden.

Eugen Dühring5 (1833-1921) beschäftigt sich in seinem Werk „Der Werth des Le- bens“ mit der Frage, was geschieht, wenn eine „Lebensgestalt“ die höchste Form ihrer Entwicklung erreicht hat, also mit der Frage nach dem Absterben oder Aussterben be- stimmter Arten (vgl. Benz 1961, S. 101). Dühring schildert den Prozess der Entwick- lung als einen schöpferischen Vorgang, der notwendigerweise mit einem entsprechen- den Prozess der Vernichtung der alten, aussterbenden Arten verknüpft ist:

Eine Lebensgestalt wird nur dann in der bewußtesten Weise erfüllt, wenn sie als eine bestimmt begrenzte Abfolge von Functionen gilt, die irgend einmal ihr Ende erreichen. Nun lassen sich zwar die Umwandlungen, durch welche ein Typus zum andern führt, nur als theilweise statthabende Vernichtungen und Schöpfungen, nicht aber als eigentlicher Tod auffassen. Jedoch wird der gewöhnliche Tod der Individuen bei den Umgestaltungen der Gruppentypen eine entscheidende Rolle spielen. Eine Menge von Ausmerzungen werden sich durch den eigentlichen Tod vollziehen, und die neuen Combinationen der Elemente können ihre schöpferische Arbeit nur unter der Voraussetzung vollbringen, daß die erforderlichen Vernichtungen platzgreifen. [...] Ist die Häufung der Veränderungen beträchtlich, der zeitliche Abstand von den früheren Gestaltungen sehr groß und zwischen den verglichenen Zuständen für die Erkenntniß eine Lücke, so kann die Wandlung den Schein einer völligen Neuschöpfung für sich haben. Man wird alsdann sagen, eine Artung sei untergegangen, um einer anderen platzzumachen. Auf diese Weise könnte sich einst auch die Menschheit in einen vollkommneren Wesenstypus übergeführt finden und auf diejenige Menschengestalt, die uns als die entwickelste gilt, wie auf eine ausgestorbene Thierart zurückblicken. (Dühring 1916, S. 299f.)

Laut Dühring könnte sich also auch ein neuer, vollkommener „Wesenstypus“ der Menschheit entwickeln. Allerdings räumt er selbst ein, dass solch ein höherer Typus höchstens der „Schein einer völligen Neuschöpfung“ sein könnte. Im Kern ist hier die Botschaft vom Übermenschen als „Resultat“ der steten Entwicklung enthalten, die darin dem Übermenschen Nietzsches bereits sehr nahe kommt. Tatsächlich sah Dühring, wie Nietzsche auch, in der Überwindung der Religion, die Bedingung für das Hervortreten eines neuen, vollkommeneren Menschen. Für ihn stellen sich Individuen mit ihrem „überlegenen und sich fortpflanzenden Wollen“ als Wegbereiter dieser Entwicklung dar:

Der Mensch hat indessen für die Zukunft einen Trost. Die Region unabgeklärter Religions- stiftungen ist eine Niederung, auf deren Niveau die Dinge auch für das Volk nicht immer verblei- ben werden. [...] ein derartiges, geradewegs in die Massen vorzuschiebendes Wissen und Wollen wird auch bezüglich alles dessen, was bisher Religion hieß, das vom Unkraut gesäuberte Feld ein- nehmen, bestellen und behaupten. Was Nationen als Durchschnitt nicht können, vermögen Individuen und zwar mit ihrem überlegenen und sich fortpflanzenden Wollen zu vollbringen. (Dühring 1882, S. 16)

Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson (1803-1882) führt in seinem Essay „Power“ an, dass jeder Fortschritt der Entwicklung der Menschheit durch einen Überschuss an Kraft herbeigeführt wird.6 Dieses „Plus“ an Kraft ermöglicht neue Leis- tungen und Erkenntnisse und treibt die Entwicklung der Menschheit voran. Folglich bezeichnet Emerson den eigentlichen Träger einer Weiterentwicklung der Menschheit als „plus-man“. Der Begriff „Übermensch“ - superman - kommt im Sprachgebrauch Emersons nicht vor (vgl. Benz 1961, S. 106). Dafür spricht Emerson in seinem Essay „Die Bedeutung großer Menschen“ von „großen Menschen“ bzw. von „großen Män- nern“:

Der Glaube an große Menschen ist uns angeboren. [...] Ich halte den für einen großen Mann, der eine höhere Gedankensphäre bewohnt, zu welcher andere sich nur mühsam und mit Schwierigkei- ten emporheben können; er braucht nur die Augen zu öffnen, um die Dinge in ihrem wahren Lichte und in bedeutenden Beziehungen zu sehen, während sie beständig ärgerliche Korrekturen vorzunehmen und auf zahlreiche Fehlerquellen ein wachsames Auge zu halten genötigt sind. [...] Der ist groß, der das, was er ist, von Natur ist und uns nie an andere erinnert. (Emerson 1989, S. 7ff.)

Ein „großer Mann“ ist demnach ein Mensch, der in einem Bereich der höheren Erkenntnis zu Hause ist. Dieses höhere Erkenntnisvermögen soll jedoch als auf das reale Leben bezogen verstanden werden.

Bis hier soll die Geschichte des Begriffs „Übermensch“ vor Nietzsche betrachtet werden. Wie bereits angemerkt, trägt der Übermensch bei Nietzsche Züge, die bereits bei Denkern vor ihm zu finden sind. Sicherlich hat Nietzsche sich dabei z.T. auch von diesen inspirieren lassen. In seinem 3. Buch des „Zarathustra“ macht Nietzsche deutlich, dass er sich den Begriff „Übermensch“ nicht ausgedacht, sondern ihn vielmehr aus der Tradition übernommen hat. Im Kapitel „Von alten und neuen Tafeln“ heißt es:

An ihre [gemeint ist „der Menschen“, T.S.] grosse Gräberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern — und ich lachte über all ihr Einst und seine mürbe verfallende Herrlichkeit. [...] Dort war's auch, wo ich das Wort 'Übermensch' vom Wege auflas, und dass der Mensch Etwas sei, das überwunden werden müsse. (Z, 4, S. 247f.)

Das Wort „Übermensch“ ist also keineswegs ein Neologismus Nietzsches, sondern, eine Übernahme aus der Tradition. Die Formulierung „vom Wege auflas“ impliziert je- doch nicht Beiläufigkeit. Vielmehr ist Nietzsche der Meinung, dass erst er den wahren

Inhalt, die wahre Bedeutung des Wortes „Übermensch“ erfassen kann. Allgemein auf „Worte“ bezogen sagt er dazu:

Die Worte liegen uns im Wege! — Überall, wo die Uralten ein Wort hinstellten, da glaubten sie eine Entdeckung gemacht zu haben. Wie anders stand es in Wahrheit! — sie hatten an ein Problem gerührt und indem sie wähnten, es gelöst zu haben, hatten sie ein Hemmniss der Lösung geschaffen. — Jetzt muss man bei jeder Erkenntniss über steinharte verewigte Worte stolpern, und wird dabei eher ein Bein brechen, als ein Wort. (FW, 3, S. 53)

Der Übermensch bei Nietzsche ist gänzlich anders und neu - allein schon deshalb, weil er Teil seiner Philosophie ist und sogar so etwas wie das Zentrum seiner Philoso- phie, in dem sich verschiedene seiner Theorien treffen bzw. realisiert werden. Um Nietzsches Begriff des Übermenschen zu klären, ist es deshalb notwendig die verschie- denen Theorien in seinem Kontext zu beleuchten, die mit ihm im Zusammenhang ste- hen.

II. Der Übermensch bei Nietzsche

Wie oben bereits angeführt, waren die Schriften von Büchner, Wallace, Dühring und Emerson Nietzsche durchaus bekannt. Ebenso die Theorie Darwins zur Entstehung der Arten. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass auch Nietzsche den Gedanken der Weiterentwicklung des Menschen aufgreift und im Sinne seiner Philosophie fortführt. Der Übermensch stellt jedoch keine zwangsläufige Weiterentwicklung des Menschen im Sinne einer biologischen Evolutionstheorie dar. Vielmehr ist er eine bewusst vollzogene und aus höchster schöpferischer Kraft erreichte mögliche Geisteshaltung des Menschen zur Welt (vgl. Zerm 1997, S. 11).

Der Übermensch hat bei Nietzsche seine wohl größte Relevanz in „Also sprach Zarathustra“. Hier ist es Zarathustra selbst, der die Lehre vom Übermenschen zu den Menschen bringt. Nachdem Zarathustra zehn Jahre im Gebirge verbracht hat, steigt er nun zu den Menschen hinunter. Bereits in der Vorrede des 1883 erscheinenden ersten Teiles7, spricht er zum Volk auf dem Marktplatz vom Übermenschen:

Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?

Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Menschen überwinden? Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe. [...] Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. (Z, 4, S. 14f.)

Nietzsche steht der Lehre Darwins kritisch gegenüber, weil Darwin seiner Meinung nach das menschliche Bewusstsein bei seinen Überlegungen hätte miteinbeziehen sol- len: „Darwin hat den Geist vergessen ( — das ist englisch!), die Schwachen haben mehr Geist …“ (GD, 6, S. 121). Da die „Schwachen [...] mehr Geist“ haben, sind sie seiner Meinung nach auch in der Lage im Kampf ums Überleben den Starken überlegen zu sein. Trotz seiner Kritik an der Lehre Darwins ist Nietzsche dennoch deutlich von ihr geprägt. In dem oben angeführten Zitat z.B. spricht er davon, dass der Mensch „den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht“ habe, oder aber, dass die Menschen einst „Affen“ waren.

Nietzsche geht es allerdings bei seinem Übermenschen nicht um eine Weiterentwicklung des Menschen im evolutionären Sinne, sondern vielmehr um eine bewusst vollzogene Geisteshaltung. Im Übermenschen verwirklicht sich das Individuum und befreit sich von der Konformität der Masse, indem es seine eigenen Werte schafft (vgl. Zerm 1997, S. 18). Wie diese Entwicklung genau aussehen soll, beschreibt Zarathustra in seiner ersten Rede „Von den drei Verwandlungen“. Hier heißt es:

'Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.

Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.

Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele gleich, und will gut beladen sein. [...]

Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten? [...]

Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste.

Aber in der einsamsten Wüste geschieht die zweite Verwandlung: zum Löwen wird hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.

Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.

Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heissen mag? 'Du-sollst' heisst der grosse Drache. Aber der Geist des Löwen sagt 'ich will'.

'Du-sollst' liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf jeder Schuppe glänzt golden 'Du sollst!'

Tausendjährige Werthe glänzen an diesen Schuppen, und also spricht der mächtigste aller Drachen, 'aller Werth der Dinge — der glänzt an mir.'

'Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth — das bin ich. Wahrlich, es soll kein 'Ich will' mehr geben!“ Also spricht der Drache.

Meine Brüder, wozu bedarf es des Löwen im Geiste? Was genügt nicht das lastbare Thier, das entsagt und ehrfürchtig ist?

Neue Werthe schaffen — das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen — das vermag die Macht des Löwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.

Recht sich nehmen zu neuen Werthen — das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Thieres Sache. Als sein Heiligstes liebte er einst das 'Du-sollst': nun muss er Wahn und Willkür auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Taube.

Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden?

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.

Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.

Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele ward, und zum Löwen das Kameel, und der Löwe zuletzt zum Kinde. — —' (Z, 4, S. 27ff.).

Innerhalb der drei Verwandlungen durchläuft der Mensch eine Entwicklung vom „Du sollst“ des Kamels über das „Ich will“ des Löwen hin zum „Ich bin“ des Kindes, das den Übermenschen symbolisiert.8

Der Mensch der untersten Stufe, der sein Leben dem moralischen Imperativ des christlichen „Du sollst“ unterordnet, gleicht damit einem „Kameel“, das mit fremden Lasten, mit „fremden“ Werten, beladen wurde und mit ihnen in die Wüste eilt, wo sich die erste Wandlung vollzieht. Hier vermag das „Ich will“ des „Löwen“ die „Tausend- jährige[n] Werte“ des „Drachen“ mit seinem „Du sollst“ zu überwinden, indem er sich „Freiheit [...] schaff[t] zu neuem Schaffen“. Der Löwe setzt damit ein „heiliges Nein“, doch erst das „Kind“ ist zum „heiligen Ja-sagen“ fähig. Erst das Kind kann das „Spiel des Schaffens“ vollständig bejahen, ist es doch „Unschuld [...] und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen“. Wichtig hierbei ist, dass der Mensch sich darüber bewusst wird, dass allein in ihm der Antrieb und die Entscheidung liegt, diesen Weg zu gehen:

Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand ausser dir allein. Zwar giebt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluss tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst; du würdest dich verpfänden und verlieren. Es giebt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, ausser dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn. (UB, 1, S. 337)

Der letzte Punkt, also die Gleichsetzung des Kindes mit dem Übermenschen, ist durchaus nicht ein- deutig. In der Literatur bleibt eine Einschätzung meist unscharf und schwammig. Viele sparen eine Einschätzung ganz aus. Meiner Meinung nach kann aber durchaus von einer Gleichsetzung des Übermenschen und des Kindes im Kontext der drei Verwandlungen ausgegangen werden, denn Zara- thustra spricht hier sicherlich nicht umsonst von den drei Verwandlungen - hätte er auf etwas verwei- sen wollen, dass sich nach dem Kind anschließt, so hätte er von den vier Verwandlungen reden müs- sen.

Auch gibt es nicht den einen Weg, den der Mensch nur einzuschlagen braucht, um schließlich am Ziel, beim Übermenschen, anzukommen. Im Hinblick auf den Übermenschen muss der Einzelne seinen Weg bzw. seine Wege alleine suchen. In diesem Sinne sagt Zarathustra:

Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer Leiter stieg ich zur Höhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.

Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, — das gieng mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.

Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: — und wahrlich, auch antworten muss man lernen auf solches Fragen! Das aber — ist mein Geschmack:

— kein guter, kein schlechter, aber mein Geschmack, dessen ich weder Scham noch Hehl mehr habe.

'Das — ist nun mein Weg, — wo ist der eure?' so antwortete ich Denen, welche mich 'nach dem Wege' fragten. Den Weg nämlich — den giebt es nicht! (Z, 4, S. 245)

1. Der Tod Gottes

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss. Es giebt vielerlei Weg und Weise der Überwindung: da siehe du zu! Aber nur ein Pos- senreisser denkt: 'der Mensch kann auch über- sprungen werden.' (Z, 4, S. 249)

Nietzsche wird 1844 als Sohn einer Pastorenfamilie in Naumburg geboren, doch seine Frömmigkeit bekommt Risse - wenn auch nicht sofort. Der Vater stirbt als Nietz- sche gerade sechs Jahre alt ist und nun umfängt ihn im Heimathaus eine rein weibliche Familiengesellschaft, deren Glaube ungebrochen ist. 1865 beginnt der gerade 21jährige Nietzsche zu zweifeln und weigert sich zum ersten Mal zum Abendmahl zu gehen (vgl. Macintyre 1994, S. 121). Ab hier ändert sich sein Glaube; Gott „stirbt“ schließlich und am Ende wird Nietzsche selbst zum „Antichrist“ (vgl. AC, 6, S. 302). Dabei ist: „Nietzsches Atheismus [...] die Folge seines Grundentschlusses, alle Prämissen in Frage zu stellen und so lange zu verwerfen, als sie sich nicht mit guten Gründen als unver- meidlich erweisen“ (Kaufmann 1982, S. 117). Bei Nietzsche heißt es dazu:

Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen uns Denker —, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! (EH, 6, S. 278f.)

In diesem Kontext verwundert es nicht, dass ein wichtiger Gedanke innerhalb Nietzsches Philosophie der „Tod Gottes“ ist.

Damit der Mensch zum Übermenschen werden kann, ist es notwendig, dass Gott „stirbt“. Doch durch den „Tod Gottes“ droht der Mensch im Nihilismus zu stranden.

Der „Löwe“ in den oben angeführten „drei Verwandlungen“ symbolisiert den gottlos gewordenen Menschen des Nihilismus, der mit seinem „Ich will“ alle ihn bislang be- herrschenden Werte und Ideale zerstört. Der „Tod Gottes“ verkörpert die höchste For- mel für das Zugrundegehen aller bisherigen Moral und Werturteile, aller „Götzen“, Ideale und aller sogenannten „Wahrheiten“, die bislang im Glauben auf ein „wahres“ Sein hinter dem realen Dasein gründeten (vgl. Zerm 1997, S. 71). Man darf dabei den „Tod Gottes“ natürlich nicht als tatsächliches „Sterben“ auffassen. Vielmehr „stirbt“ Gott hier in dem Sinne, dass er für den Menschen seine wirkende Kraft verliert: „Positiv gesehen [bedeutet] der Tod Gottes für Nietzsche die Feststellung der Wirkungslosigkeit Gottes“ (Joisten 1994, S. 63). Nicht Gott ändert sich, sondern die Einstellung des Men- schen zu Gott. Gott vermag auf den Menschen keine Wirkung mehr auszuüben; der Mensch interessiert sich nun nicht mehr für Gott und lässt ihn nicht mehr auf sich wir- ken.

Im dritten Buch der „Fröhlichen Wissenschaft“ findet sich der bekannte Aphorismus 125 „Der tolle Mensch“, in dem dieser den Menschen den „Tod Gottes“ verkündet9:

Der tolle Mensch. — Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: 'Ich suche Gott! Ich suche Gott!' — Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? — so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. 'Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, — ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? — auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, — wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!' — Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. 'Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das In zwei Genueser Heften Nietzsches finden sich einige Anekdoten, in denen Zarathustra zum Protagonisten wird. In einer von ihnen tritt er an die Stelle des „tollen Menschen“ und verkündet den „Tod Gottes“. (vgl. Montinari 1982, S. 84ff.). Im vierten Buch des Zarathustra wird der „hässlichste Mensch“ zum Mörder Gottes. (vgl. Z, 4, S. 327-332).

Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe gethan!' — Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: 'Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?' — (FW, 3, S. 480ff.).

Die Menschen, an die sich der „tolle Mensch“ wendet, haben bereits ihre Einstellung zu Gott geändert. Allerdings bleiben sie in der Struktur des Glaubens verhaftet, weil sie die Bedeutung der Vernichtung des Glaubens nicht erkennen: „Sie töteten - paradox gesagt - ohne zu töten, weil sie die Tötung in ihrer Bedeutung nicht erfassten und sich nicht ihr entsprechend verhielten“ (Joisten 1994, S. 67). Somit ist Gott für sie zwar „tot“, wirft aber immer noch seinen Schatten - hat also seinen Einfluss noch nicht gänzlich verloren. Laut Nietzsche muss nun auch noch dieser Schatten getötet werden:

Nachdem Buddha todt war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle, — einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. — Und wir — wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!10 (FW, 3, S. 467)

Stellt der „Tod Gottes“ erst die Voraussetzung für die „Schaffung“ des Über- menschen dar, oder ist der Übermensch vielmehr die Konsequenz des „Tod Gottes“? Wird im genannten Aphorismus 125 aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ der „Tod Got- tes“ noch thematisiert, so ist er zu Beginn des Zarathustra bereits Faktum. Dort sagt Za- rathustra, nachdem er beim Herabsteigen vom Berg einen „Heiligen“ getroffen hat: „Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: 'Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt ist!' —“. Interessant ist, dass auf Verkündung des Faktums sofort die Lehre vom Übermenschen folgt, die Zarathustra dem Volk verkündet.11 In der Rede selbst weist Zarathustra dann nochmals auf den Tod Gottes hin: „Einst war der Frevel an Gott der grösste Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften“ (Z, 4, S. 15). In der „Fröhlichen Wissenschaft“ sagt Nietzsche zum „Tod Gottes“ außerdem:

Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat. — Das grösste neuere Ereigniss, — dass 'Gott todt ist', dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist — beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen. …In der That, wir Philosophen und Unübersehbar bedient sich Nietzsche hier dem Höhlengleichnis von Platon, nur dass hier nicht die Dinge ihren Schatten an die Wand werfen und für die Wirklichkeit gehalten werden. Hier ist es Gott selbst, dessen Schatten an der Wand zu sehen ist und für die Wirklichkeit bzw. für Gott gehalten wird.

[...]


1 Im Folgenden wird der Einfachheit halber von „Elisabeth“ die Rede sein, wenn von Elisabeth (Förster-) Nietzsche die Rede ist, und von „Nietzsche“, wenn Friedrich Nietzsche gemeint ist.

2 Auch Nietzsche bediente sich später des Beispiels Napoleons, um ihn als gelebten Übermenschen zu titulieren: „Napoleon, jener einzelnste und spätestgeborne Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleischgewordne Problem des vornehmen Ideals an sich — man überlege wohl, was es für ein Problem ist: Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Übermensch…“ (GM, 5, S. 288). Ob Nietzsche dabei von Jean Paul inspiriert wurde, lässt sich zwar nicht belegen, bleibt jedoch nicht gänzlich unwahrscheinlich, denn Jean Pauls Texte waren ihm nachweislich zumindest geläufig.

3 Ursprünglich war das Weltbild der Bibel geozentrisch und anthropozentrisch. Deswegen kann man an dieser Stelle von der zweiten großen „Kränkung“ des Menschen sprechen (vgl. dazu Vollmer 1995, S. 43ff. Die erste Kränkung erfuhr der Mensch durch die Ablösung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild durch Kopernikus, dem „grössten [und] siegreichsten Gegner des Augenscheins“ (vgl. JGB, 5, S. 26), das die Erde (und den Menschen) aus dem Zentrum des Universums vertrieb.

4 Hierbei handelt es sich um den „naturalistischen Fehlschluss“ – die Annahme, man könne aus Tatsachen auf Normen schließen (vgl. dazu Vollmer, 1986, Bd. 2, S. 287).

5 Nietzsche hielt nicht besonders viel von Dühring: „Ich erinnere Leser, die Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel Eugen Dühring, der im heutigen Deutschland den unanständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen Bumbum macht: Dühring, das erste Moral-Grossmaul, das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den Antisemiten“ (GM, 5, S. 370). In seinen Nachgelassenen Fragmenten aus dem Jahr 1888 heißt es: „Niemand ist so unbillig, es den Deutschen zuzurechnen, wenn geschwätzige Nullen, wie der Unbewußte, Herr E. von Hartmann, oder ein gift- und gallsüchtiges Gesindel, wie der Berliner Antisemit Herr E. Dühring, das Wort Philosoph mißbrauchen — der letztere findet keinen anständigen Menschen unter seinem Anhang, der erstere keinen anständigen 'Verstand'“ (NF, 13, S. 546)

6 Dabei soll Kraft hier verstanden werden im Sinne von robuster Körperkraft und Vitalität eines gesunden Menschen.

7 Die vier Teile des Zarathustra erscheinen zunächst als Einzeldrucke: Der erste und zweite Teil 1883, der dritte 1884 und der vierte 1885 – allerdings zunächst als Privatdruck in einer Auflage von nur 30 Exemplaren, die Nietzsche an Freunde verteilt. 1886 läßt Nietzsche die ersten drei Teile zusammengebunden erscheinen.

8 Der letzte Punkt, also die Gleichsetzung des Kindes mit dem Übermenschen, ist durchaus nicht eindeutig. In der Literatur bleibt eine Einschätzung meist unscharf und schwammig. Viele sparen eine Einschätzung ganz aus. Meiner Meinung nach kann aber durchaus von einer Gleichsetzung des Übermenschen und des Kindes im Kontext der drei Verwandlungen ausgegangen werden, denn Zarathustra spricht hier sicherlich nicht umsonst von den drei Verwandlungen – hätte er auf etwas verweisen wollen, dass sich nach dem Kind anschließt, so hätte er von den vier Verwandlungen reden müssen.

9 In zwei Genueser Heften Nietzsches finden sich einige Anekdoten, in denen Zarathustra zum Protagonisten wird. In einer von ihnen tritt er an die Stelle des „tollen Menschen“ und verkündet den „Tod Gottes“. (vgl. Montinari 1982, S. 84ff.). Im vierten Buch des Zarathustra wird der „hässlichste Mensch“ zum Mörder Gottes. (vgl. Z, 4, S. 327-332).

10 Unübersehbar bedient sich Nietzsche hier dem Höhlengleichnis von Platon, nur dass hier nicht die Dinge ihren Schatten an die Wand werfen und für die Wirklichkeit gehalten werden. Hier ist es Gott selbst, dessen Schatten an der Wand zu sehen ist und für die Wirklichkeit bzw. für Gott gehalten wird.

11 Vgl. S. 19.

Details

Seiten
93
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638369053
ISBN (Buch)
9783656241669
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37613
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Seminar für Philosophie
Note
gut
Schlagworte
Gefahr Chance Friedrich Nietzsche Nietzsche Übermensch Wille zur Macht Ewige Wiederkehr Zarathustra Dionysisch Also sprach Zarathustra

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Titel: Nietzsches Übermensch. Gefahr oder Chance?