Lade Inhalt...

Die Rolle des IWF in der Banken- und Währungskrise Asiens von 1997

Hausarbeit 2005 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Stationen einer Krise
2.1 Situation vor der Krise – die wirtschaftliche Ausgangslage
2.2 Die Krise
2.3 Folgen der Krise

3 Ursachen der Krise
3.1 Externe Ursachen
3.2 Interne Ursachen

4 Maßnahmenkatalog des IWF

5 Bewertung der Maßnahmen des IWF

6 Fazit

7 Literatur

1 Einleitung

Die Asienkrise – beginnend im Jahr 1997 – war eine Banken- und eine Währungskrise. Eine Kopplung dieser beiden Kri­sen trat erstmals mit der Asienkrise auf und hatte Auswirkungen auf die Schwere der Krise. Beide Krisen bedingten einander und ergaben diese doppelte Finanzkrise, welcher mit alten Therapien nicht beizukommen war. Die Asienkrise war auch im regionalen Sinne eine neue Dimension von Finanzkrise, da von ihr eine ganze Region betroffen war. Die Maßnahmen, welche gegen sie ergriffen wurden, sind mehr Beleg der Überraschung über ihr Auftreten als Zeuge von durchdachten Handlungsstrategien bei einer Krise dieser Größenordnung.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit werden die drei von der Krise am stärksten betroffenen Länder stehen – Thailand, Indonesien und Südkorea. Nur in diesen drei Ländern intervenierte der IWF auf Bitte der jeweiligen Regierungen. Länder wie Malaysia und Taiwan, die auch von der Krise betroffen waren, verzichteten auf Hilfe durch den IWF und standen wirtschaftlich besser da, als die drei Länder, denen der IWF half. Es kann im Rahmen der Arbeit keinen Vergleich von Ländern mit und ohne Hilfe vom IWF geben, da sich die Länder auch in ihrer wirtschaft­lichen, politischen und sozialen Ausgangsbasis so sehr unterscheiden, dass ein Vergleich nur Verallgemeinerung als Basis hätte.

Das Krisenmanagement oblag dem IWF. Da die Strategien des IWF Thema dieser Arbeit sind, bezieht sich auch meine These thematisch auf den IWF. Die Arbeit wird versuchen zu belegen, dass der IWF dieser Aufgabe nicht gewachsen war und auch die falschen Maßnahmen für die Län­der vorschlug.[1] Fragen, welche die Arbeit bei der Diskussion dieser These verfolgen wird, sind zum Einen, ob der IWF zu einer Krisenbewältigung bei einer Krise dieser Größenordnung überhaupt befähigt war und ist, und zum zweiten, ob er die geeigneten Therapien und Maß­nahmen unternahm. Problematisch an der Herangehensweise des IWF war die Kopplung von Finanzhilfe an wirtschaftspolitische Auflagen, was sich nach der Krise als problematisch heraus­stellen sollte.

Den Hauptteil der Arbeit bildet die Darstellung und Analyse der Faktoren, die zu der Krise führten sowie des Maßnahmenkatalogs des IWF. Zuvor werden die Stationen der Krise – die Situation davor, der Ablauf der Krise und die Auswirkungen – dargelegt.

2 Stationen einer Krise

Die eigentliche Krise währte ungefähr ein Jahr, wobei die betroffenen Länder auch danach noch immer mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten (und haben), welche direkte Fol­gen entweder der Krise oder der Maßnahmen des IWF sind. Es folgt nun eine Darstel­lung der Krise, wobei diese zwangsläufig nur überblicksartig geschehen kann, indem nur ein­zelne markante Daten aus diesem Jahr betont werden.

2.1 Situation vor der Krise – die wirtschaftliche Ausgangslage

Der wesentlichste Grund für das zum damaligen Zeitpunkt überraschende Auftreten der Krise war die gute wirtschaftliche Ausgangslage in den Ländern vor der Krise. Die Region erlebte einen großen wirtschaftlichen Aufschwung in sehr kurzer Zeit. Dieser setzte Ende der sechziger Jahre ein und hielt bis zum Ausbruch der Asienkrise. Keine andere Region zuvor war über einen ähnlich langen Zeitraum so beständig gewachsen (Dieter 1998: 21). 1995 be­trug der Anteil Asiens an der Gesamtproduktion der Welt 25% und die Weltbank prognosti­zierte der Region anhand hochgerechneter Wachstumszahlen, dass im Jahr 2020 sieben asiati­sche Länder unter den zehn Ländern mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt sein werden. Konsequenz der wirtschaftlichen Prosperität in dieser Region war ein hoher Anstieg des Le­bensstandards der Bevölkerung, große Einkommenszuwächse und eine enorme Verringerung der Armutsquoten.

Die Ökonomien der später von der Krise betroffenen Länder waren durch gute wirtschaftliche Fundamentaldaten gekennzeichnet. Sie verfügten über ein reales Wirtschaftswachstum,[2] relativ ge­ringe Inflationsraten[3] und Budgetdefizite bzw. -überschüsse,[4] eine niedrige Staatsverschuldung, stabile Wechselkurse und eine zunehmende wirtschaftliche Liberalisierung (Aschin­ger 2001: 219). Das hohe Wirtschaftswachstum begründete sich aus einer Kombination aus hohen Sparquoten,[5] hohen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland, öffentlichen Investitionen in das Bildungswesen und der staatlichen Industriepolitik.

Andere Aspekte des wirtschaftlichen Aufschwungs der Region waren das niedrige Lohnniveau, die unterbewerteten Währungen und liberale Wirtschaftspolitiken, die zu einer breiten Öffnung der Inlandsmärkte führten (Aschinger 2001: 219ff).

Ähnlich wie die USA hatten die Staaten mit einer defizitären Leistungsbilanz zu kämpfen. Die zwei wesentlichen Gründe dafür waren der hohe Importüberschuss und der Zinsdienst für das ausländische Kapital. Der problematische Importüberschuss entstand, weil die steigende Wirtschaftskraft auch zu steigenden Konsum­güterimporten führte. Der Export verringerte sich aufgrund sinkender Nachfrage aus den rezessionsgeplagten Absatzmärkten Europa und Japan und der Aufwertung der Währungen, welche die Exportgüter im Ausland verteuerten. Außerdem kämpfte der wichtigste Exportsektor, Elektronik, aufgrund der Konkurrenz aus Billiglohnländern (China, Vietnam, Osteuropa) mit Preisverfall (Aschinger, 2001: 222). Die Staaten benötigten zur Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite und der hohen Investitionen viel Kapital aus dem Ausland. Um dieses anzuziehen, mussten die Anleger mit hohen Zinsen umworben wer­den (Aschinger 2001: 223).

Die positive Kapitalverkehrsbilanz in den Ländern hatte viele Gründe. Hohe Zinsen, sehr gute Zukunftsaussichten, die Bindung der Währung an den US-Dollar, der liberalisierte Handel sowie gute Investitionsmöglichkeiten machten Kapitalanlagen für ausländische Anleger sehr attraktiv und zogen viel Kapital an (Aschinger 2001: 224f). Das Kapital der ausländischen Anleger floss in Form von Direktinvestitionen und kurzfristigen Portfolioinvestitionen[6]. Besonders diese kurzfristige Anlageform war problematisch, weil diese Anlage bei den ersten Anzeichen einer Krise schnell abgezogen werden konnte und trotz hoher Devisenbestände so immer die Gefahr von Währungsattacken bestand (Aschinger 2001: 225). Mit Beginn der 90er Jahre waren Anlagen auf dem asiatischen Markt so begehrt, dass dies für die asiatischen Länder zu einer Erhöhung der Devisenreserven führte, was wiederum eine Ausdehnung der inländischen Geldmenge und sinkende Zinsen im Inland zur Folge hatte. Dies war das Ergebnis einer sehr laxen Ver­gabepolitik von Inlandskrediten, die vor allem zur Finanzierung von Immobilienpro­jekten genutzt wurden. Begünstigt wurde die Vergabepolitik durch eine schlechte Bankenauf­sicht, Korruption und Vetternwirtschaft (Aschinger 2001: 226f).

Um das Wirtschaftswachstum finanzieren zu können, war eine sehr hohe Realkapitalbildung vonnöten. Die Länder hatten einen so hohen Kapitalbedarf, dass dieser trotz der sehr hohen Sparquote von teilweise über dreißig Prozent nur über eine Kapitalaquise im Ausland zu bewältigen war (Aschinger 2001: 221). Die Liberalisierung der asiatischen Finanzmärkte führte aufgrund der Rezession in Europa und Japan vermehrt zu Kapitalanlagen durch auslän­dische Anleger, die sich auf den boomenden asiatischen Märkten sicher glaubten. Diese Anlagen erhöhten zum einen die Devisenreserven der Zentralbanken und ermöglichten auch einen teilweisen Ausgleich der teilweise sehr hohen Leistungsbilanzdefizite.[7] Diese lassen sich mit dem sehr schnellen ökonomischen Wachstum der Länder begründen (Aschinger 2001: 231). In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam es vermehrt zu kurzfristigen Portfolioanlagen in den Ländern (Aschinger 2001: 231), die von den Anlegern schnell von den Märkten abgezogen werden konnten – eine Tatsache, die für den Verlauf der Asienkrise von großer Bedeutung war.

Allgemein lässt sich festhalten, dass die fundamentalen Wirtschaftsdaten der ostasiatischen Länder sowohl von „Finanzmärkten, ausländischen Regierungen und internationalen Organi­sationen trotz hoher Leistungsbilanzdefizite insgesamt als positiv beurteilt“ (Aschinger 2001: 231) wurden. So spricht der IWF im Oktober 1997 im Zusammenhang mit Thailand, den Philippinen, Indonesien und Malaysia von Krisenländern; zählt jedoch Südkorea explizit nicht dazu.[8] Der IWF unterschätzte die Situation und kam deshalb seiner Warnfunktion nach. Er wies weder auf die Problematik der hohen Leistungsbilanzdefizite hin, noch auf das Risiko, das von den dadurch erforderlichen hohen Kapitalimporten ausging (Dieter 1998: 26). Der IWF ist das wichtigste Beispiel dafür, dass Anzeichen für eine Krise falsch interpretiert und somit die Krise nicht vorhergesehen wurde.

2.2 Die Krise

Trotz der langen Phase wirtschaftlicher Prosperität und der im vorherigen Kapitel beschriebe­nen guten wirtschaftlichen Ausgangslage kam es 1997 zum Ausbruch einer bis dato in dieser Heftigkeit nicht da gewesenen Krise. Die Asienkrise war eine Währungs- und eine Banken­krise. Beide Krisen waren eng zusammenhängend und begünstigten jeweils einander.[9]

Die Ereignisse am 2. Juli 1997 in Thailand werden gemeinhin als der Auslöser der Asienkrise angesehen. Die Zentralbank Thailands musste den festen Wechselkurs gegenüber dem US-Dollar aufgeben und den Diskontsatz erhöhen (Schubert (Hrsg.) 2000: 21). Dem vorangegangen wa­ren Konkurse bei Immobilienprojekten, ausgelöst durch massive Spekulationen, die zu Problemen bei den kreditgebenden Banken und Finanzierungsgesellschaften führten, ihre im Ausland aufgenommenen Kredite zu bedienen (Schubert (Hrsg.) 2000: 20). Am 05.01.1997 konnte erstmals ein thailändisches Unternehmen (Somprasong) seine Schulden im Ausland nicht mehr bedienen, woraufhin der Staat zunächst den Immobiliensektor mit finanziellen Hilfen zu stützen verspricht. Als er diese Zusagen zurückzieht, platzt die Immobilienblase und der Immobilienmarkt bricht zusammen, was zur Folge hatte, dass keine weiteren Kredite für Bau­projekte mehr vergeben wurden und die Banken einen Großteil ihrer Kredite abschreiben mussten (Aschinger 2001: 233).

Das Vertrauen der ausländischen Investoren in die thailändische Wirtschaft sank und der Staat versuchte dieser Entwicklung gegenzusteuern, indem er – wie sich schnell zeigte – erfolglos, versprach, den Banken „faule Kredite“ in Höhe von 3,9 Mrd. Dollar abzukaufen, um damit die Banken und Schuldner zu entlasten. Der IWF sieht zu diesem Zeitpunkt noch keine An­zeichen für eine Krise.

[...]


[1] Mir ist bei dieser These durchaus das Problem bewusst, dass es keinen Vergleich der Situation eines Landes vor der Hilfe durch den IWF mit der nach der Hilfe geben kann, da noch andere Einflüsse einkalkuliert werden müssten. Diese notwendige Analyse kann die Arbeit jedoch nicht leisten, deshalb bezieht sich die These nur auf die Analyse der sich im nachhinein gezeigten wirtschaftlichen Fehler des IWF.

[2] In Indonesien betrug das reale Wachstum des BIP 1990-1995 im Durchschnitt in Indonesien 8,0%, in Südkorea 7,8% und in Thailand 9,0%; 1996 betrug es in Indonesien 8,0%, in Südkorea 7,1%, in Thailand 6,4% (Dieter 1998: 23); zum Vergleich dazu: Deutschland: 1991-1995: 1,8%; 1996: 1,5% (Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 2001: 251; eigene Berechnungen).

[3] Die Inflationsrate betrug 1996 in Indonesien 7 ,9%, in Südkorea 4,9%, in Thailand 5,9% (ebd.); zum Vergleich dazu: Deutschland: 1996: 1,4% (Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 2001: 330).

[4] Der Budgetüberschuss betrug 1996 in Indonesien +1,4%, in Thailand +1,6%.

[5] Die Sparquote betrug 1996 in Indonesien 28,8%, in Thailand 33,1%, in Südkorea 33,3 %; zum Vergleich dazu: Deutschland: um 14% schwankend.

[6] Die Portfolioinvestitionen waren im wesentlichen ausländische Bankkredite, Aktien und Obligationen (Aschinger, 2001: 225).

[7] Leistungsbilanzdefizite werden in der Literatur unterschiedlich gedeutet. Eine gute Übersicht über Ursachen und Risiken findet sich bei Dieter 1998: 28ff; das Defizit betrug 1996 in Indonesien: -3,3%, in Südkorea -4,9%, in Thailand -7,9% (Dieter 1998: 23); zum Vergleich Deutschland: -0,3% (Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 2001: 251, 267; eigene Berechnungen).

[8] Im Jahresbericht 1997 heißt es „... begrüßen ... die beeindruckende gesamtwirtschaftliche Entwicklung; die Vergrößerung des Leistungsbilanzdefizits resultiert im wesentlichen aus einer temporären Verschlechterung der terms of trade.“ (Dieter 1998: 25).

[9] Hier kann nur eine stark verkürzte Darstellung der Krise geschehen, für eine ausführliche Chronologie s. z.B. Dieter, Heribert Die Asienkrise. Ursachen, Konsequenzen und die Rolle des Internationalen Währungsfonds. 165ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638369176
ISBN (Buch)
9783638687386
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37631
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Rolle Banken- Währungskrise Asiens Internationale Finanzarchitektur Akteure Herausforderungen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Rolle des IWF in der Banken- und Währungskrise Asiens von 1997