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Das qualitative Interview. Methoden der Sozialforschung

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quantitative und qualitative Sozialforschung im Vergleich

3. Das qualitative Interview
3.1 Narratives Interview
3.2 Episodisches Interview
3.3 Problemzentriertes Interview
3.4 Interviewleitfaden

4. Auswertungsmethoden qualitativer Interviews

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Selbstverständnis der Pflege hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich verändert. Die Pflege hat sich akademisiert und ist somit auf dem besten Wege eine Profession zu werden. Sie ist nicht länger nur der untergeordnete Hilfsberuf der Medizin, sondern ein eigenständiger und professioneller Dienstleistungsberuf, dessen Basis ebenso auf wissenschaftlichen Theorien und Modellen beruht.

Aus der auf den Menschen ausgerichteten Dienstleistung der Pflege und der daraus resultierenden Interaktion von Pflegenden und Umsorgten, ergeben sich verschiedenste Herausforderungen und Problemstellungen, deren Erforschung eine wissenschaftliche Herangehensweise unabdingbar machen. Doch nicht nur die zwischenmenschlichen Aspekte der Pflege, wie beispielsweise pflegeethische Herausforderungen, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen, wie unter anderem der stetig wachsende Anteil der älterwerdenden Bevölkerung, fordern eine gründliche und professionelle Auseinandersetzung mit verschiedensten Thematiken der Pflege. Das Besondere der Pflegewissenschaft besteht darin, dass sie sich nicht eindeutig einer Kategorie zuordnen lässt, wie etwa die Medizin den Naturwissenschaften. Die Pflegewissenschaft enthält Aspekte von allen drei Wissenschaftsbereichen: den Naturwissenschaften, den Human- und Sozialwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Diese drei Bereiche werden mittels Sozialforschung ergründet, durch welche der Forscher überhaupt erst zu wissenschaftlicher Erkenntnis gelangt.[1] Man unterscheidet dabei die quantitative von der qualitativen Sozialforschung. In angewandten Fachbereichen, wie der Pflegewissenschaft, gewinnt die qualitative Sozialforschung immer mehr an Bedeutung, denn durch sie lassen sich pflegewissenschaftliche Phänomene, bei denen das subjektive Erleben und die innere Gefühlswelt der Probanden oft im Mittelpunkt stehen, erklären. Das Augenmerk diese Hausarbeit liegt zunächst bei der Gegenüberstellung von quantitativer und qualitativer Forschung und anschließend bei einer zentralen Methode der Datenerhebung im Rahmen der qualitativen Forschung, dem Interview. Es soll herausgearbeitet werden, inwieweit sich die Methode des qualitativen Interviews dazu eignet, Phänomene, die täglich in Pflegeheimen stattfinden, zu erforschen.

2. Quantitative und qualitative Sozialforschung im Vergleich

Der quantitative Forschungsansatz hat das Ziel bereits bestehende Hypothesen entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.[2] Die Vorgehensweise dabei ist meist statisch. Das heißt alle Fragen stehen im Vorfeld fest und auch die Antworten der Probanden sind nie frei formuliert, sondern stets aus verschiedenen Antwortmöglichkeiten ausgewählt.[3] idealtypischerweise erfolgt der quantitative Forschungsprozess im deduktiven Stil, welcher die Logik und Vorgehensweise der naturwissenschaftlichen Forschung verfolgt.[4] Die Methoden der quantitativen Sozialforschung eigenen sich besonders gut, um verallgemeinerbare Ergebnisse für eine Grundgesamtheit zu generieren. Die Ergebnisse sind daher meist objektiv und vergleichbar. Der entscheidende Vorteil der Empirie ist, dass jegliche Erkenntnis aus unmittelbar gewonnenen Eindrücken abgeleitet wird. Gleiche Erfahrungen und Gegebenheiten hinterlassen jedoch bei unterschiedlichen Menschen einen unterschiedlichen Eindruck. Daraus lässt sich schließen, dass jeder Erfahrung, die wir machen, immer auch eine subjektive Komponente innewohnt. Der Mensch kann also nicht als eine Art Forschungsobjekt angesehen werden, das der Untersuchung dient, denn seine Erfahrungen können nie losgelöst von seiner Persönlichkeit betrachtet werden.[5] Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Im Altenheim Mustermann wird den dort lebenden Senioren und Seniorinnen ein Fragebogen ausgeteilt, auf dem sie ihrer Zufrieden- oder auch Unzufriedenheit hinsichtlich der angebotenen Beschäftigungsmöglichkeiten Ausdruck verleihen können. Die betagten Damen und Herren sollen hier beispielsweise auf einer Skala von null bis zehn ankreuzen, wie abwechslungsreich und zufriedenstellend sie die angebotenen Aktivitäten finden. Befragungen wie diese sind uns geläufig. Sie sind eine klassische Methode der Datenerhebung der quantitativen Sozialforschung. Der Proband bekommt eine geschlossene Frage gestellt und gibt darauf eine Antwort, die der Interviewer im Anschluss einer bestimmten Kategorie zuordnet. So kann durch die Methode der Stichprobenbefragung des einzelnen eine verallgemeinerbare Aussage getroffen werden: Die Umfrage ergibt, dass 22 % aller Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims Mustermann zufrieden und 78% unzufrieden mit der Freizeitgestaltung des Hauses sind. Was jedoch offen bleibt ist die Frage nach dem „Warum“. Was sind die Beweggründe der Probanden? Sind die Aktivitäten nicht abwechslungsreich genug? Findet Bewohnerin xy die Angebote zu langweilig? Sind die Spiele für Herrn z zu schwierig? Dies sind Fragen, derer sich Sozialforscher mit Hilfe qualitativer Datenerhebungsmethoden nähern. Die qualitative Forschung bemüht sich darum, zwischenmenschliche Phänomene zu verstehen und die individuelle Ebene wird in den Mittelpunkt gerückt. Ein zentrales Instrument der Datenerhebung der qualitativen Methoden ist das Interview.

3. Das qualitative Interview

Die mündliche Befragung, welche sich durch „planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Zielsetzung auszeichnet“[6], ist in der qualitativen Sozialforschung eine beliebte Methode der Datenerhebung. Mit dem nicht standardisiertem Interview, welches sich durch einen besonders offenen, kommunikativen Charakter auszeichnet, lassen sich Erlebnisse, Erfahrungen, Meinungen oder Gefühle der Probanden in Erfahrung bringen.[7] Die Methode der mündlichen Befragung eignet sich in oben genanntem Beispiel des Altenheims Mustermann besonders gut, da hiermit folgenden Fragen nachgegangen werden kann: „Sind Sie zufrieden mit der Freizeitgestaltung des Hauses? Aus welchen Gründen sind Sie zufrieden/unzufrieden? Was könnte besser laufen?“

Denn das qualitative Interview zeichnet sich durch verschiedene Merkmale aus, die für eine Art Vertrauensbasis zwischen Forscher und Befragtem sorgen. So ist es, wie bereits kurz erwähnt, nicht standardisiert, d.h. „… die Situation soll weiniger eine Frage-Antwort-Situation darstellen, sondern ein freies Gespräch oder eine Erzählsituation“[8], bei der der Interviewer lediglich einen „Gesprächsleitfaden“[9] benutzt und somit keine starre Reihenfolge der Fragen einhält.[10] Ebenso eines dieser Merkmale ist die offene Art der Fragen,[11] bei denen dem Probanden keine Antwortmöglichkeiten zur Auswahl gestellt werden, sondern erwünscht ist, dass er frei und nach seinem Belieben über den zu forschenden Gegenstand erzählt. Die Rolle des Interviewers ist dabei passiv, sein Kommunikationsstil „weich“[12], was bedeutet, dass sich der Forscher empathisch und wertschätzend zeigt und somit zum Ausdruck bringt, dass sein Interesse nicht nur der Forschungsarbeit, sondern auch der Persönlichkeit des Befragten gilt.[13] Das qualitative Interview findet außerdem meist in Form von Einzelbefragung[14] statt, da sich der Proband gegenüber dem Forscher öffnen und seine innere Befindlichkeit ohne Scham vor einer großen Gruppe zum Ausdruck bringen soll. Betrachtet man diese Merkmale, durch die sich das qualitative Interview auszeichnet, könnte die Frage aufkommen, ob es sich hierbei nicht eher um ein Alltagsgespräch handelt, bei dem Interviewer und Proband über selbst gewählte Themen „plaudern“, als um wirkliche Forschungsarbeit. Dem ist nach Mayer aber entgegenzuwirken: „Das qualitative Interview ist eine Methode zur Datenerhebung innerhalb des naturalistischen Paradigmas, des qualitativen Forschungsansatzes, und somit dessen Grundprinzipien verpflichtet“.[15] Das bedeutet dass das qualitative Interview an gewisse Grundprinzipien gebunden ist, die erfüllt werden müssen:

- Prinzip des Alltagsgesprächs
- Prinzip der Zurückhaltung durch die Forscherin
- Prinzip der Relevanzsysteme der Betroffenen
- Prinzip der Kommunikativität
- Prinzip der Offenheit
- Prinzip der Flexibilität
- Prinzip der Prozesshaftigkeit
- Prinzip der datenbasierten Theorie[16]

Aufgrund des selbsterklärenden Charakters der oben genannten Prinzipien und der sich aus den formalen Vorgaben ergebenden, begrenzten Seitenanzahl, wird an der Stelle nicht tiefergreifend darauf eingegangen.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass es verschiedene Formen des qualitativen Interviews gibt. Einige der populärsten sollen im Folgenden genauer erläutert werden.

3.1 Narratives Interview

Die hauptsächlich von Fritz Schütze entwickelte Form des qualitativen Interviews ist aus der „…Biografieforschung entstanden“[17] und hat primär einen erzählenden Charakter. Sie ist „…die offenste von allen Interviewformen“[18].Es geht darum, dass der Befragte frei von seinen Erlebnissen und Gefühlen spricht. Der Interviewer nimmt dabei eine sehr passive Rolle ein, er hat hauptsächlich die Aufgabe der „…Erzählstimulierung“[19] und soll somit den Probanden ermutigen seine Geschichte zu erzählen.[20] Dabei geht der Interviewer ohne Leitfaden vor.[21] Das narrative Interview lässt sich in fünf Phasen differenzieren: In der Erklärungsphase werden dem Befragten die Rahmenbedingungen des Interviews, wie zum Beispiel die Anonymität oder die Aufzeichnung des Gesprächs, erläutert.[22] Ziel ist es, dass sich die beiden Gesprächspartner aufeinander einstimmen und eine offene Athmosphäre geschaffen wird.[23] Die Einleitungsphase beinhaltet die offen gestellte Initialfrage, die den Probanden dazu anregen soll, frei über das zu erforschende Thema zu sprechen.[24] Die anschließende Erzählphase ist der Hauptteil des narrativen Interviews. Der Befragte berichtet völlig frei und ungezwungen von seinen individuellen Erfahrungen und Gefühlen. Der Interviewer hört aktiv zu, bestärkt seinen Gesprächspartner durch aufmunternde, verbale Äußerungen oder nonverbale Gesten.[25] Rückfragen oder Kommentare sollen in dieser Phase noch vermieden werden, diese finden im nächsten Schritt, der Nachfragephase Verwendung. An dieser Stelle kann der Interviewer unklare Sachverhalte aufgreifen und den Befragten bitten, diese etwas genauer zu erläutern.[26] Im letzten Abschnitt des narrativen Interviews, der Bilanzierungsphase, können beide Gesprächspartner gemeinsam ein Resümee hinsichtlich ihrer Motivation, Intention und der Bilanz, dem Sinn dieser Geschichte, ziehen.[27]

[...]


[1] Vgl. Mayer, 2015: S.24

[2] Vgl. Studi-lektor.de

[3] Vgl. Studi-lektor.de

[4] Vgl.Mayer, 2015: S. 83

[5] Lamnek, 2010: S.30

[6] Mayer, 2015: S. 205

[7] Mayer, 2015: S. 205f.

[8] Mayer, 2015: S. 207

[9] Mayer, 2015: S. 210

[10] Vgl. Ebenda

[11] Vgl. Ebenda

[12] Vgl. Ebenda

[13] Vgl. Lamnek, 2010: S. 313

[14] Vgl. Lamnek, 2010: S. 312

[15] Mayer, 2015: S. 288f.

[16] Lamnek, 2010: S. 320f

[17] Mayer, 2015: S. 211

[18] Mayer, 2015: S. 211

[19] Mayer, 2015: S. 212

[20] Ebenda

[21] Vgl. Mayer, 2015: S.211

[22] Lamnek, 2010: S. 327f.

[23] Vgl. Lamnek, 2010: S. 327

[24] Vgl. Mayer, 2015: S. 211

[25] Vgl.Lamnek, 2010: S. 328

[26] Ebenda

[27] Ebenda

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668546325
ISBN (Buch)
9783668546332
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376960
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner Vallendar
Note
1,3
Schlagworte
interview methoden sozialforschung

Autor

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