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Care Ethik. Eine Analyse der Positionen von Elisabeth Conradi sowie Ruth Großmaß und Gudrun Perko

von A. S. (Autor)

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Care-Ethik von Elisabeth Conradi

3. Care-Ethik von Großmaß/Perko

4. Diskussion der beiden Ansätze

5. Übertragung auf die Kindheitspädagogik

6. Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

In Modul 12 des Studiengangs „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ befassten wir uns mit ethischen Auffassungen im Handlungsfeld der sozialen Arbeit. Dies ist von daher als wichtig zu erachten, da eine soziale Beruflichkeit ohne Ethik eigentlich nicht möglich ist. Da die Kindheitspädagogik im weiteren Sinne als ein Feld der sozialen Arbeit aufgefasst werden kann, ist auch hier ein ethisches Reflektieren der eigenen ethischen Haltungen unerlässlich. Hierbei stellt sich die Frage: Was ist das Richtige, das Gute?

Ein Antwortversuch auf diese Frage stellt die Care-Ethik dar. Dabei geht es um Achtsamkeit, Verantwortungsübernahme und Präsenz, aber auch um Gabe Handeln und Wertschätzung. Innerhalb der sozialen Arbeit gibt es dazu verschiedene Autoren, die ihre Sicht bezüglich der Care-Ethik in diesem Fachbereich näher beschrieben haben. Zwei davon, die Care-Ethik von Elisabeth Conradi und die von Ruth Großmaß/Gudrun Perko sollen hier in dieser Ausarbeitung näher vorgestellt und miteinander verglichen werden. Danach wird ein praktischer Bezug zur Kindheitspädagogik hergestellt. Ein abschließendes Fazit rundet diese Hausarbeit ab.

2. Darstellung der Care-Ethik von Elisabeth Conradi

Elisabeth Conradi ist Professorin für Gesellschaftstheorie und Philosophie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. Ursprünglich entwickelte sie ihren Care-Ansatz aus dem Bereich der Philosophie heraus („Take care. Grundlagen einer Ethik der Achtsamkeit. Campus. 2001) und brachte später die Philosophie mit der Pflege zusammen. Sie sorgte damit für notwendige Grundlagen einer pflegewissenschaftlichen Ethik. Im Jahr 2013 befasste sie sich in dem Artikel „Ethik im Kontext der sozialen Arbeit“ auch mit der Ethik im Hinblick auf die im sozialen Bereich Tätigen. Dieser Artikel erschien in der Online-Zeitschrift EthikJournal. Dieses Journal hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu einem lebendigem Austausch über ethische Fragen und normativen Grundlagen sozialer Professionen beizutragen. Conradi beabsichtigt dabei in ihrem Artikel eine Ethik im sozialprofessionellen Kontext darzulegen, die sich von der philosophischen Ethik der Achtsamkeit (care-Ethik) inspirieren lässt. Da auch der Kontext der Handlung berücksichtigt werden muss, sind in der Beurteilung auch strukturell-organisatorische Ebenen, politische Aspekte und der gesellschaftliche Wandel in der Ethik mit einbezogen. Im Folgenden sollen zentrale Aspekte des Artikels und Conradis Ethik der Achtsamkeit dargelegt werden.

Conradi umreißt zu Beginn das Aufgabengebiet der Ethik im Kontext der sozialen Arbeit etwas näher. Hierbei bezieht sie sich zunächst auf Immanuel Kant als Ausgangspunkt, der mit seiner Frage „Was soll ich tun?“ eine individuell getroffene Entscheidung aufwirft, der eine Handlung, ausgewählt aus mehreren Optionen, folgt. Die Ethik ist hierbei durch das „Ich“ individualethisch (vgl. ebd.: S. 2). Sie kritisiert diesen Ansatz, da sich im sozialprofessionellen Kontext diese Frage ihrer Meinung nach nicht als passender Ausgangspunkt erweist, denn dort sind neben den Beschlüssen, die über einzelne Handlungen zu treffen sind auch planerische Entscheidungen nötig. Zudem sind Beschlüsse in Kooperation mit anderen wichtig und das Maß der Verbindlichkeit getroffener Entscheidungen obliegt nicht dem Individuum, sondern der Zusammenarbeit zwischen den Menschen. Somit sind in der Bestimmung der Ethik im sozialen Bereich neben Kants Aussagen die planerische Entscheidungen und kooperierendes Handeln mit aufzunehmen.

Für Kant hatte im Sinne der Regelorientierung die Entscheidungsfindung selbst den allerhöchsten Wert, während die erwartete Wirkung als nachrangig erachtet wurde. Max Weber hingegen schlägt vor „die maßgebliche Rolle im Prozess der Entscheidungsfindung den Konsequenzen einer Handlung zuzubilligen, die Entscheidungsfindung selbst also ganz überwiegend von den Folgen des Handelns abhängig zu machen“ (vgl. ebd.: S. 3). Dies entspricht eher Conradis Ansinnen von einer Ethik innerhalb des Sozialbereichs. Weber spricht sich auch gegen eine Einteilung von beruflicher und außerberuflicher Ethik aus. Conradi jedoch deutet darauf hin, dass viele Menschen sich im beruflichen wie außerberuflichen Leben an derselben Ethik orientieren. Auch gäbe es Schwierigkeiten bei der Trennung der ethischen Einstellungen, wenn es um Konflikte zwischen beruflichem und außerberufliches Handeln geht. Ethik sollte deshalb zwar zur weiteren Professionalisierung der sozialen Arbeit beitragen. Gleichzeitig hat sie aber auch „die gemeinsame Gestaltung des Sozialen durch professionell ausgebildete sozialberuflich Tätige und autodidaktisch gebildete ehrenamtlich Engagierte in den Blick zu nehmen.“(ebd.: S. 5). Somit umfasst die Ethik im Kontext der sozialen Arbeit professionell ausgeübte Tätigkeiten, Tätigkeiten der Assistenz und Pflege, Versorgung und Pädagogik, aufsuchende Tätigkeiten in (halb)öffentlichen Bereich, Pflege in sozialen Beziehungen in persönlichen Verhältnissen Hilfe und Unterstützung in friedensbildenden Prozessen, Veränderung gesellschaftlicher und politischer Prozesse.

Für Conradi reflektiert, begründet und beurteilt Ethik daher das Handeln von Menschen als gelingend oder missbilligend. Das Handeln gestaltet so soziale Interaktionen und deren gesellschaftlichen Kontext (vgl. ebd: S. 6). Hierbei richtet sich Conradi nach der von Aristoteles beschriebenen Ethik des gelingenden Handelns. Dabei thematisiert sie als wichtigen Punkt auch die Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft. Da die Ethik sozialer Interaktionen in ihrem organisatorischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext begründet und beurteilt wird, findet ein Übergang vom ich zum wir, von einem individual- zu einem sozialethischen Ansatz statt. Die Frage lautet: „Wie wir, die wir in dieser Gesellschaft leben und das Soziale gestalten, miteinander umgehen wollen, können und sollen.“ (ebd.: S. 7). Dieser Übergang lässt die einzelnen Menschen als „Co-Subjekte“ erscheinen und erschließt das Miteinander- und Zusammenhandeln. Daneben wird die Praxis im Vollzug des Handelns und vom Ergebnis her beurteilt, wobei auch auf der strukturell organisatorischen Ebene der gesellschaftliche Wandel mit einbezogen wird.

Ermutigung und achtsame Zuwendung (care) werden von vielen Fachkräften und auch Ehrenamtlichen nach Meinung von Conradi als Grundüberzeugung (ethos) angesehen. Die von ihr ausgearbeitete Ethik der Achtsamkeit nimmt diese Grundüberzeugungen auf und entfaltet die Care-Ethik mithilfe von zwölf Elementen, wobei der Weg vom Besonderen zum Allgemeinen beschritten wird. Zusammenfassen kann man dabei diese Ehtik unter der Formel: „Zuwenden statt Wegsehen.“ (ebd.: S. 8). So sind das Knüpfen und die Pflege von Beziehungen und Aufmerksamkeit sowie die tatsächliche achtsame Zuwendung zwei wichtige Grundpfeiler der Ethik der Achtsamkeit. Dabei trägt die Aktivität der achtsamen Zuwendung selbst zur Verbundenheit und Beziehung von Menschen bei. Es wird deutlich, dass die achtsame Zuwendung als Schlüsselbegriff angesehen werden kann. Sie ist eine praktizierte Grundüberzeugung im Kontext der sozialen Arbeit (vgl. ebd. S.8).

In der philosophischen Ethik der Achtsamkeit geht es darum, zu bewerten: „Gutes wird von schlechtem Handeln unterschieden. Erst durch die Bewertung kann eine Wahl stattfinden, eine Entscheidung getroffen werden“ (ebd.: S. 9). Die Bewertung bezieht dabei auch den verantwortungsvollen Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Die philosophische Ethik der Achtsamkeit stellt dabei einen wesentlichen Beitrag zur Ethik im sozialprofessionellen Kontext her, muss im Kontext der sozialen Arbeit jedoch nicht vollständig übernommen werden (vgl. ebd.: S. 10). Innerhalb des Care-Konzepts in der sozialen Arbeit ist es nach Conradi wichtig, dass sich die Handelnden selbst in den Kreis derer mit einschließen, denen die achtsame Zuwendung und das ermutigende Handeln gelten. „Idealerweise gibt es eine Balance der Selbstsorge und der Sorge für andere“ (ebd.: S. 10).

Zentral ist für Conradi weiterhin, dass es bei der Interaktion der Zuwendung häufig um die Achtsamkeit gegenüber Menschen geht, deren Autonomie als verschieden eingeschätzt wird (vgl. ebd.: S. 10). Somit ist die Achtsamkeit sowohl prozessual als auch interaktiv zu verstehen. Achtsamkeit entsteht, indem sich ein Mensch dem Anderen zuwendet und entwickelt sich in den fortlaufenden Interaktionen der Menschen untereinander immer weiter. Sie wird als eine Praxis verstanden, „die nicht auf Autonomie angewiesen ist“(ebd.: S. 10). Somit stellt Conradi hier einen Gegensatz zu der von Kant verstandenen Autonomie her, der darunter eine unabhängige Willensbildung als Ausgangspunkt der Ethik erklärt. Trotzdem ist auch in der Ethik der Achtsamkeit eine Zunahme an Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung ein wichtiges Element, das als Ziel durch Zusammen-Handeln angestrebt und vollzogen wird. Um Selbsttätigkeit zu erreichen ist dabei oftmals das Einbeziehen von Körper und Sinnen wichtig. Trotzdem bleibt dies nicht rein auf den Körper beschränkt, sondern es können auch kognitive Stimulationen zur Entscheidungsfreude und –fähigkeit ausgehandelt werden. Somit ist das Zusammen-Handeln durch achtsame Zuwendung und ermutigendes Handeln bestimmt. „Selbstbestimmung ist somit nicht der Ausgangspunkt, sondern ein Ergebnis der Ethik.“ (ebd. S.12).

Unter achtsamer Zuwendung versteht Conradi, dass man sich auf eine Situation einlässt, in der man die eigene Aufmerksamkeit auf mindestens einen anderen Menschen richtet. Dabei ist die achtsame Zuwendung ein fortdauernder Prozess und die eingesetzte tätige Hilfe setzt Kompetenz voraus und die Übernahme von Verantwortung. Eine achtsame Zuwendung kann dabei sowohl ein aktives Eingreifen in eine Situation als auch die Erkenntnis von Möglichkeiten der Ermutigung (empowernment) oder das Einstehen für die Rechte, Bedürfnissen und Interessen der Individuen, denen die Zuwendung gilt, bedeuten (vgl. ebd.: S. 13). Es geht hierbei also um Präsenz, Verantwortungsübernahme und Ermutigung, welche sich von einer singulären Interaktion bis hin zu Gestaltung des gesellschaftlichen Kontextes erstrecken können. Weiterhin ist es im Sinne der achtsamen Ethik wichtig, die Antwort auf die Hilfe und Unterstützung wahrzunehmen und davon ableitend Folgeinterventionen zu planen (vgl. ebd.: S. 13). Dabei gelten die Grundsätze, dass Achtsamkeit eine Gabe ist, die nicht an eine Verpflichtung zur Gegengabe gebunden ist. Es geht hierbei auch darum, dass Menschen, die Sorgetätigkeiten ausüben wertgeschätzt werden. „Das geht gegen den Mainstream, da achtsame Zuwendung nonverbal sein kann, meist körperliche Berührungen einschließt und Fühlen, Denken und Handeln verbindet“ (ebd. S. 13 f.).

Die Ethik der Achtsamkeit sieht sich von manchen Gegnern der Kritik des Maternalismus ausgesetzt. Dem widerspricht Conradi, indem sie erläutert, dass die Ethik der Achtsamkeit ungleiche Machtverhältnisse als veränderbar ansieht. Eine Aufgabe hierbei ist es, diese Machtunterschiede aber auch wirklich wahrzunehmen und zu begrenzen (vgl. ebd.: S. 15). Ein weiterer Grund, sich gegen die Care-Ehik auszusprechen besteht in der Annahme, dass diese zu einer Selbstaufopferung führen würde. Dem tritt Conradi entgegen, indem sie erklärt, dass achtsame Zuwendung sich auch auf die sorgenden Menschen richtet. Die Verbindung von Sorge für den Anderen und der Selbstsorge stellen einen wichtigen Grundsatz der Ethik der Achtsamkeit dar(vgl. S. 16).

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Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668574700
ISBN (Buch)
9783668574717
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377007
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,0
Schlagworte
Care Ethik Conradi Großmann/Perko Ethik der Achtsamkeit Kindheitspädagogik

Autor

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    A. S. (Autor)

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