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Ist es möglich, eine große Menschenmasse in eine bestehende Gesellschaft zu integrieren? Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts und mögliche Herausforderungen

Studienarbeit 2017 16 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhalt

1 Abbildungsverzeichnis

2 Einleitung und Problemstellung

3 Die USA im 19. Jahrhundert

4 Deutschland in der Zwischenkriegszeit (1918-1939)

5 Herausforderungen
5.1 “Cleavages”
5.2 Ethnic Diversity
5.3 Rassismus und Diskriminierung

6 Überwindung der Herausforderungen in der Vergangenheit

7 Ergebnis und Ausblick

8 Literaturverzeichnis

1 Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Bevölkerungsentwicklung und Einwanderung in den USA (1780-1910) (nach: (Grabbe 2001, S. 97))

2 Einleitung und Problemstellung

Im Kontext der aktuellen europäischen Flüchtlingskrise lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit: Seit jeher wandern Menschen aus ihrer Heimat aus. Manche freiwil- lig, wie Millionen Europäer im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten von Ame- rika, in der Hoffnung auf ein besseres Leben, andere unfreiwillig, wie die unzähligen Vertriebenen, Zwangsumgesiedelten oder Verfolgten in der deutschen Zwischen- kriegszeit und heute aus dem Nahem Osten und Afrika. Diese Arbeit geht den Fragen nach, welche Gründe die Zuwanderer hatten, wie in der Vergangenheit Massenin- tegration in den Einreiseländern lanciert wurde (jeweils Kapitel 3 und 4), welche Probleme immer wieder aufkommen (Kapitel 5) und wie diese gegebenenfalls da- mals gelöst wurden (Kapitel 6). So soll eine Antwort auf die übergeordnete Frage gefunden werden, ob es möglich ist, eine große Menschenmasse in eine bestehende Gesellschaft zu integrieren.

Zunächst werden zwei historische Beispiele erläutert, in denen eine große Men- schenmasse in eine bestehende Gesellschaft immigrierte: Die USA im 19. Jahrhun- dert und Deutschland1 in der Zwischenkriegszeit. Im Anschluss werden drei allge- meine Herausforderungen einer solchen Immigrationswelle beleuchtet um dann ei- nen Blick darauf zu werfen, wie Herausforderungen im Speziellen gelöst wurden. Nach der Ergebnisfindung schließt die Arbeit, indem ein Ausblick auf die aktuelle europäische Flüchtlingskrise und mögliche weitere Forschungsfelder gegeben wird.

3 Die USA im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erlebten die USA den größten Einwanderungsstrom ihrer Ge- schichte: Kamen zwischen 1790 und 1800 noch ca. 63.000 Menschen als Einwande- rer aus Europa in die USA, waren es im Zeitraum 1880-1890 über 4,4 Millionen (Grabbe 2001, S. 97). Der Historiker H.-J. Grabbe ermittelte zudem den Anteil der einheimischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika an ihrem Gesamt- wachstum in Prozent. Der über die Jahrzehnte zwar unstetige, aber über das gesamte Jahrhundert betrachtet, doch unübersehbare relative Rückgang der einheimischen Bevölkerung, lässt einen enormen gesellschaftlichen Strukturwandel vermuten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Bevölkerungsentwicklung und Einwanderung in den USA (1780-1910) (nach: (Grabbe 2001, S. 97))

Als Ursache für die massenhafte Migration in die Vereinigten Staaten und dem dar- aus resultierenden gesellschaftlichen Strukturwandel, gilt der in Europa einsetzende wirtschaftliche Strukturwandel. Mit Beginn der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts setz- te ein regelrechter Boom an Innovationen ein. Als treibende Kraft gilt die Textilin- dustrie Englands, in welcher erstmals Webstühle und Spinnereien mit Wasser- statt Menschenkraft angetrieben wurden. In einer Zeit, in der der Glaube an Wissenschaft und Forschung jenen an eine gottgegebene Ordnung der Welt ablöste, verbreiteten sich neue Ideen rasch und breiteten sich auch auf andere Industrien, wie dem Mon- tanwesen, aus. Die damit eintretende Phase langsamen, aber anhaltenden Wirt- schaftswachstums ließ den Bedarf an ausgebildeten Facharbeitern, die die neuen Technik beherrschten, ansteigen, während ungelernte Arbeitskräfte immer unbedeu- tender für industrielle Betriebe wurden. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts war die chemische Industrie soweit fortgeschritten, dass der Landwirtschaft, zusätzlich zur zunehmenden Mechanisierung, jetzt auch Düngemittel zur Verfügung standen. So erhöhte sich der Output je Hektar massiv, wodurch auch im primären Sektor der Be- darf an ungelernten Landarbeitern zurückging. Die Reallöhne begannen in den hoch- entwickelten Bereichen zu steigen, während sich der Großteil der Bevölkerung - einfache Industrie- und Landarbeiter - zunehmend Sorge um ihren Arbeitsplatz und die Ernährung ihrer Familie machen mussten. Diese wirtschaftlichen Gründe gelten in der Wissenschaft heute als wesentliche „Push-Faktoren“ der Auswanderung aus Deutschland und Europa. Seitens der neuen Heimat Amerika sorgten die bereits Übersiedelten mit verheißungsvollen Briefen an Freunde und Verwandte in Deutsch- land dafür, dass immer mehr Menschen die Angst vor der Überfahrt und einem Neu- beginn verloren (vgl. Findlay und O'Rourke 2009).

Die Meinungen in den Vereinigten Staaten über diesen Massenzustrom gingen weit auseinander. Am 21. August 1816 erschien im „Essex Register“ in Salem, Massa- chusetts, ein Artikel, der vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, als fortschrittlich angesehen werden muss: „Die Auswanderung ist ein Vorgang von solchem Ausmaß, dass sie für die Lebensweise der Menschheit ein neues Zeitalter einleitet. Jede Fami- lie wird, derjenigen Abrahams gleich, danach Ausschau halten, auf welchem Teil der bewohnbaren Erde sie sich niederlässt, um den Ort zu finden, wo die Lebensge- wohnheiten den Wünschen am ehesten entsprechen. Die Bevölkerung wird sich - wie der Markt - daran orientieren, wo das Leben den höchsten Wert, die größte Sicher- heit und die längste Dauer hat, und die Mehrheit wird lernen, die Minderheit zu res- pektieren“ (Landeszentrale für politische Bildung, Baden-Württemberg, S. 21). Die- sem liberalen und den Einwanderern gegenüber verständnisvollen Meinungsbild standen auch kritische Stimmen gegenüber: Von Benjamin Franklin, bekannt als ei- ner der Gründerväter der Vereinigten Staaten und Präsident des Bundesstaates Penn- sylvania von 1786 bis 1787, ist ein Zitat überliefert, in welchem er postuliert, dass diejenigen Deutschen, „die hierherkommen, für gewöhnlich zu den Ungebildetsten und Dümmsten ihrer eigenen Nation [gehören]. [...] Kurzum, solange der Einwande- rerstrom nicht von dieser in andere Kolonien umgeleitet werden kann, [...] werden wir bald in der Minderheit sein, so dass alle Vorzüge, die wir besitzen, meiner An- sicht nach nicht in der Lage sein werden, unsere Sprache zu bewahren, und selbst die Regierung wird in Gefahr geraten" (Landeszentrale für politische Bildung, Ba- den-Württemberg, S. 22). Tatsächlich sprechen die oben genannten Gründe für eine Auswanderung in die Vereinigten Staaten, z.B. der sinkende Bedarf an einfachen Arbeitskräften, aber auch die zunehmende Verarmung der deutschen Bevölkerung durch Missernten und die Aufteilung des Erbes durch Realteilung in Verbindung mit einer steigenden Bevölkerung, dafür, dass primär arme und gering qualifizierte Men- schen in die USA kamen. Darüber hinaus zeigen Forschungsarbeiten von Thernstrom (1964, 1973), Griffen and Griffen (1978) und Esslinger (1975), dass die Integration der europäischer Einwanderer in den amerikanischen Arbeitsmarkt durchaus schlecht war: Weniger als ein Drittel aller ungelernten Einwanderer, die zunächst eine einfa- che Arbeit fanden, konnten sich in ihrer weiteren beruflichen Laufbahn weiterentwi- ckeln um einer qualifizierten Arbeit nachzugehen (Ferrie 1997, S. 295). Erfolgreiche Arbeitsmarktintegration schien im Amerika des 19. Jahrhunderts von weiteren Fakto- ren abzuhängen. Ein enger sozialer Zusammenhalt innerhalb einzelner Nationalitäten minimiert Untersuchungen zufolge deren geographische Diversifikation und setzt kaum Anreize zum Erlernen der Sprache im Ankunftsland. R. Swierenga stellt bei- spielsweise einen beruflichen Abstieg der niederländischen Bevölkerung vor und nach ihrer Zuwanderung in die Vereinigten Staaten im Zeitraum von 1841 bis 1850 fest (Swierenga 1976). Dabei merken die Bildungsforscher Chiswick & Miller an, dass jene Migranten, welche nur über begrenzte Kenntnissen der Ankunftssprache verfügen und zugleich an ihren nationalen Milieus in der neuen Heimat festhalten, erheblich größere Schwierigkeiten haben, sich in den neuen Arbeitsmarkt zu integrie- ren (Chiswick und Miller 1994; nach Ferrie 1997, S. 298).

Als weiterer bedeutender Faktor für eine erfolgreiche (Arbeitsmarkt-) Integration galt schon damals die Anpassungsfähigkeit der immigrierten Arbeiter. Ehemalige Hand- werker und Kleinbauern fanden in den USA veränderte Arbeitsprozesse vor: ge- schlachtetes Vieh wurde anders zerlegt, Preise unterschiedlich berechnet, die voran- geschrittene Industrialisierung hatte Tätigkeiten von Wagnern, Gerbern, Färbern und Seilern bereits in die Fabriken verlagert, während sich z.B. in Deutschland das mittelalterlich geprägte Zunftwesen der Handwerksberufe nur langsam auflöste (Deutsche Massenmigration: Der große Aufbruch 2011).

Für den Gesamtkontext ist zudem noch wichtig, dass nicht nur Europäer, sondern auch Asiaten, Lateinamerikaner und Afrikaner in den USA eine „goldene Zukunft“ sahen, welche zum Teil mit noch größeren Integrationsbarrieren als die Europäer zu kämpfen hatten. Hierauf wird lediglich in Kapitel 5 noch kurz eingegangen. Lang- fristig muss aber die Integration einer großen Menschenmasse als erfolgreich und wertvollen Impact für die amerikanische Gesellschaft gewertet werden (vgl. Putnam 2007, S. 161).

4 Deutschland in der Zwischenkriegszeit (1918-1939)

Für Deutschland stellten die Flüchtlingsbewegungen im 20. Jahrhundert im besonde- ren Maße einen Wendepunkt dar: Interkontinentale Massenwanderungen waren nun nichtmehr, wie im 19. Jahrhundert, primär sozioökonomischer Natur. Politisch be- dingte und politisch gesteuerte Prozesse spielten mehr und mehr eine maßgebende Rolle. Erstmals emigrierten Menschen in großer Zahl in deutsche Gebiete. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges dominierten insbesondere unfreiwillige In- und Aus- landsaufenthaltung Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft die Flüchtlings- ströme Deutschlands. Die wichtigsten Wanderungsbewegungen waren:

- „die Auswanderung von mehr als 6 Millionen Menschen nach Übersee
- die durch soziale und wirtschaftliche Folgen der Nachkriegsinflation bis 1923 forcierte Arbeitswanderung vornehmlich in das westeuropäische Aus- land
- die Zuwanderung und Eingliederung von mindestens einer Million Deutschen aus den nach dem Ende des Krieges abgetretenen Gebieten des Reiches
- die Rückwanderung von „Ruhrpolen" in den wieder hergestellten polnischen
Staat bzw. ihre Weiterwanderung nach Nordfrankreich
- die Zuwanderung und Eingliederung von „Deutschen fremder Staatsangehö- rigkeit" aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa
- die Anwesenheit Hunderttausender Flüchtlinge aus dem Russland der Revo- lution und des Bürgerkriegs
- die Zuwanderung sowie die Eingliederung oder Abschiebung osteuropäischer Juden
- die in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1921/22 ungeklärte Situation Hunderttausender während des Krieges internierter Kriegsgefangener vornehmlich aus Russland, die trotz des Waffenstillstandes nicht zurückkehren konnten oder wollten
- schließlich die jährliche Fluktuation von Hunderttausenden von Arbeitswan- derern vornehmlich aus Ostmittel- und Südosteuropa“ (Bade und Oltmer 2004)

[...]


1Zur Vereinfachung steht die Bezeichnung „Deutschland“ in dieser Arbeit für den gesamten deutschen Nationalstaat („Deutsches Reich“ (1871-1945), der Phase der Neuordnung nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs und der Bundesrepublik Deutschland (seit 1949))

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