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Geschichtliche Hintergründe des Berg-Karabach Konflikts. Standpunkte der Konfliktparteien Armenien und Aserbaidschan

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konfliktparteien
2.1. Armenien
2.2. Aserbaidschan
2.3. Region Bergkarabach

3. Geschichte des Bergkarabach-Konflikt
3.1. Vorgeschichte des Bergkarabach-Konflikt
3.2. Der Bergkarabach-Konflikt in der Sowjetunion
3.3. Der Bergkarabach-Konflikt während des Niedergangs der UdSSR
3.4. Ausbruch des offenen Krieges um Bergkarabach
3.5. Zwischenbilanz des Konfliktes

4. Bergkarabach: Von der inneren zur internationalen Angelegenheit

5. Konfliktbearbeitung zwischen verhärteten Fronten 5.1. Konfliktvermittlung durch die KSZE/ OSZE
5.2. Verhärtete Fronten

6. Die de-facto-Republik Bergkarabach

7. Handlungsstrategien der Konfliktparteien
7.1. Außen- und Sicherheitspolitik in Armenien
7.2. Außen- und Sicherheitspolitik in Aserbaidschan
7.3. Zuspitzung des Konflikts

8. Fazit

9. Quellen

1. Einleitung

Der langandauernde Streit zwischen Aseri und Armeniern um die Region Bergkarabach stellt ein sicherheitspolitisches Problem für den Kaukasus dar und lähmt die wirtschaftliche Entwicklung der beteiligten Staaten Aserbaidschan und Armenien. Dieser brach nach dem Niedergang der Sowjetunion aus und hatte zur Folge, dass in beiden Ländern ‚ethnische Säuberungen‘ stattfanden, bei denen jeweils die Bevölkerung des Nachbarlandes vertrieben wurden. Die Region Bergkarabach und 20% des aserbaidschanischen Territoriums konnten von der armenischen Armee und Rebellen erobert werden. Während Bergkarabach seit 1991 jedes Jahr am 2. September die Unabhängigkeit feiert, gedenkt Aserbaidschan jährlich am 26. Februar den über 600 toten Aseri, die 1992 beim Massaker in Chodschali fielen. Seitdem befindet sich die Region Bergkarabach in einem Zustand, der weder Krieg noch Frieden ist und für ein dauerhaft angespanntes Verhältnis zwischen beiden Ländern sorgt. Die umstrittene Region hat für die jeweiligen Staaten eine mythologische und identitätsstiftende Bedeutung; so versuchen beide ihren rechtmäßigen Anspruch „durch die historische Besiedlung des Gebiets […] (und) die Instrumentalisierung der Geschichte“ (Eder 2008: S.160) zu untermauern. Für die Armenier stellt Bergkarabach ein 3000 Jahre altes Siedlungsgebiet dar. Die Aserbaidschaner hingegen streiten die armenische Abstammung der bergkarabacher Urbevölkerung ab und sehen hier ihre eigene Herkunft verwurzelt. (vgl. Langner 2009: S.106-107) Diese Voraussetzungen erschweren es für einen Außenstehenden Beobachter eine wissenschaftliche und nicht normative Übersicht über den Konflikt zu erlangen. In der folgenden Hausarbeit wird dennoch versucht die geschichtlichen Hintergründe des Bergkarabach-Konflikts und die Standpunkte der beteiligten Länder neutral zu beleuchten. Dabei werden die verschiedenen Etappen in der Auseinandersetzung herausgearbeitet. Anschließend sollen mögliche Lösungsansätze und Perspektiven für den Konflikt aufgezeigt werden.

2. Konfliktparteien

Der Kaukasus wurde im Laufe seiner Geschichte von drei wesentlichen Kultureinflüssen geprägt. Seit dem 8. Jahrhundert wurden die ursprünglichen Traditionen in Aserbaidschan durch eine von Persien ausgehende Islamisierung verdrängt. In Armenien hingegen kam es zu einer Vermischung und Überdeckung der eingesessenen Kulturen mit den christlichen Lebensweisen. (vgl. de Libero 2008: S.17-21) Dabei war ursprünglich die ethnische Zugehörigkeit nicht das ausschlaggebende Identifikationsmerkmal im Kaukasus. Die kaukasische Bevölkerung definierte sich vielmehr über die regionale Zugehörigkeit. Erst die starken russischen Einflüsse ab Ende des 19. Jahrhunderts, mit der durch den russischen Zarismus betriebenen Herrschaftspolitik und später der Nationalitätenpolitik in der UdSSR, führten zu einem wachsenden ethnischen Selbstbewusstsein. Nach der Oktoberrevolution im Herbst 1917 wurden nämlich bestimmte ethnische Gruppen, aufgrund sprachlicher und kultureller Eigenheiten, kategorisiert. Größere Völker (z.B. Ukrainer, Georgier, Armenier) wurden dazu befähigt eigene Sowjetrepubliken zu gründen, kleinere Ethnien erhielten innerhalb dieser föderativen Staaten nochmals autonome Gebiete in denen ihnen teilweise Selbstverwaltung zugestanden wurde. Die daraus entstehende Parzellierung stellte sich jedoch an mancher Stelle als sehr ungünstig gewählt heraus: Teilweise teilten sich mehrere Ethnien ein Territorium, was sogar dazu führen konnte, dass Minderheiten das namensgebende Volk einer Region wurden bzw. das Autonomierecht erhielten. Oder es wurde ein Volk wie die Osseten in zwei separate Gebiete aufgetrennt. Diese von der Sowjetherrschaft aufgezwungene, fremdbestimmte Nationalitätenpolitik sollte im Kaukasus noch starke Probleme nach sich ziehen, die spätestens seit dem Niedergang der Sowjetunion sichtbar sind. Die vorliegende Hausarbeit geht im speziellen auf den Bergkarabach-Konflikt ein. Um diesen hier besser nachvollziehen zu können, empfiehlt es sich im Folgenden zuerst die verschiedenen Konfliktparteien voneinander abzugrenzen und die Geschichte der betroffenen Region Bergkarabach zu betrachten und. (vgl. Langner 2009: S.8)

2.1. Armenien

Die Armenier, die im Jahre 301 als erstes Volk das Christentum als offizielle Religion annahmen, durchlebten mehrere Besatzungs- und Unterdrückungswellen. So wurden sie im 15. und 16. Jahrhundert jeweils von den Türken und Persern heimgesucht und im 19. Jahrhundert nach Eroberungskriegen schließlich unter den Russen und Türken aufgeteilt. Die Armenier leisteten großen Widerstand vor allem gegen die türkische Herrschaft, dieser wurde jedoch von der Besatzungsmacht durch blutige Pogrome in 1895/96 und dem Völkermord in 1914/15 niedergeschlagen, wobei ca. 1,5 Millionen Armenier umkamen und weshalb noch bis heute der überwiegende Teil der ursprünglichen Armenier in der Diaspora außerhalb ihres Landes leben. Zwar war im Friedensvertrag von Sèvres die Unabhängigkeit bestimmter armenischen Gebiete vorgesehen, doch blieben diese bis heute unter türkischer Herrschaft. Die vom russischen Zarenreich beherrschten Armenier konnten nach 1917 hingegen einen unabhängigen, armenischen Staat gründen. (vgl. Bischoff 1995: S.2-4) Gleichzeitig wurden sie, wie unten beschrieben, zur Auswanderung getrieben, um als Pufferzone gegen den Islam zu fungieren. So ist die armenische Identität bis heute von einem kollektiven Trauma, als Folge brutalster Vertreibung und Vernichtung, geprägt. Indes wurde dadurch eine Radikalisierung des armenischen Nationalismus begünstigt. Diese Leidensgeschichte des armenischen Volkes hilft zu begreifen, weshalb der Bergkarabach-Konflikt dermaßen emotional besetzt ist. (vgl. Langner 2009: S.14-15)

2.2. Aserbaidschan

Auch Aserbaidschan kann auf eine turbulente Geschichte zurückblicken. Die arabische Herrschaft und die Islamisierung ab dem 8. Jahrhundert wurden von der Bevölkerung vorwiegend als Unterjochung negativ aufgenommen. So kam es in der Folge zu vielen Aufständen der Aseri gegen die Fremdherrschaft. Nach mehreren Machtwechseln geriet Aserbaidschan schließlich Ende des 16. Jahrhunderts/ Anfang des 17.Jahrhunderts unter die Kontrolle des Osmanischen Reiches, woraufhin Nadir Schah 1736 wiederum ganz Aserbaidschan für Persien erobern konnte. Jedoch kam es 1747 zu dessen Ermordung, sodass sich in Aserbaidschan in gewissem Umfang von Persien unabhängige Staaten (Khanate) bilden konnten. (vgl. GIZ 2013) Schließlich wurde in Aserbaidschan ab 1800 der Russisch-Persische Krieg ausgetragen, in dessen Folge die Regionen nördlich des Arax an das Russische Reich gerieten. Der Arax ist noch heute die Grenze zum Iran. (vgl. GIZ 2013) Entsprechend wurde Aserbaidschan nach den russischen Vorstellungen eines modernen Nationalstaats umgestaltet wurde: Die zarischen Beamten führten neue Gesetze, Verwaltungsstrukturen, Bräuche und die russische Sprache ein. Dadurch sollte ursprünglich eine Homogenisierung der Bevölkerung erreicht werden, stattdessen entstand eine gesellschaftliche Spaltung. Da die muslimische Bevölkerung sich an die neuen Gegebenheiten nicht anpassen wollte, behinderten sie den Unterwerfungs- und Umerziehungsprozess. So entwickelte die russische Elite eine regelrechte Islamophobie, in dessen Folge die christlichen Armenier systematisch privilegiert und als Gegengewicht in der Region angesiedelt wurden. Die gezielte Unterdrückung der muslimischen Aseri im eigenen Land und die Instrumentalisierung der christlichen Armenier, wird heute als eine Ursache für die weiteren Konflikte zwischen den beiden Kulturen angesehen. (vgl. Baberowski 2008: S.42-45)

2.3. Region Bergkarabach

Das zwischen Aseri und Armeniern umkämpfte Bergkarabach ist eine ca. 4.400 km² große Region im Südwesten Aserbaidschans, bzw. im Südosten Armeniens. (vgl. Langner S.14) Bergkarabach „ist noch heute offiziell ein territorialer Bestandteil Aserbaidschans und war in den vergangenen Jahrhunderten Siedlungsgebiet verschiedener Kulturen“ (vgl. Azembassy 2013), heißt es auf der Website der Botschaft der Republik Aserbaidschan. Laut russischen Dokumenten sollen dort im Jahre 1810 ca. 12.000 Familien gelebt haben, von denen 9500 aserbaidschanischer und 2500 armenischer Herkunft waren. Dieses bis dahin friedliche Zusammenleben wurde wie oben beschrieben von der kolonialistischen Siedlungspolitik des russischen Zarenreichs negativ beeinträchtigt. Vor allem christliche Armenier aus dem Iran und dem Osmanischen Reich wurden in den 1920er Jahren in Bergkarabach angesiedelt, um die russische Vormachtstellung auszubauen. Weiterhin wurde das orthodoxe Patriarchat der dort ansässigen albanischen Einwohner 1836 aufgelöst und dessen Besitz an die armenische Kirche übertragen. Die demografische Zusammensetzung der Region änderte sich somit schlagartig. (vgl. Azembassy 2013)

3. Geschichte des Bergkarabach-Konflikt

Im Folgenden soll der Ablauf des Bergkarabach-Konflikts zwischen beiden Ländern nachvollzogen werden. In der Geschichtsschreibung werden unterschiedliche Daten für den Beginn des Bergkarabach-Konflikts genannt. An dieser Stelle soll bei den ersten großen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aseri und Aserbaidschanern angesetzt werden, die im Jahre 1905 zu beobachten waren.

3.1. Vorgeschichte des Bergkarabach-Konflikts

Während des Öl-Booms 1905 in Aserbaidschan, zog es viele Armenier in die Hafenstadt Baku. Da diese wie oben beschrieben von den russischen Machtinhabern klar den Aseri bevorzugt wurden, konnten sie viele hohe Positionen in Industrie und Verwaltung einnehmen. Die weitgehend sozioökonomische Ungleichheit wurde von den aserbaidschanischen Einheimischen immer mehr mit Unmut aufgefasst, die sich zu Feindseligkeit weiterentwickelte. Diese war das Fundament für die ersten Zusammenstöße zwischen den Ethnien, welche zunehmend organisierte und brutalere Formen annehmen sollten. Als in Baku zwei Aseri, ein Schuljunge und ein Ladenbesitzer, ermordet wurden, brachen starke Unruhen aus und eine aufgebrachte, aserbaidschanische Meute entlud ihre Wut in armenischen Stadtvierteln. Insgesamt waren daraufhin bei beiden Ethnien Verluste zu beklagen: Die blutige Auseinandersetzung forderte 126 Tote unter den aserbaidschanischen und 218 Tote unter den armenischen Einwohnern. Die Konfrontation breitete sich im August 1905 schließlich bis auf das heutige Berg-Karabach aus und führte zu weiteren Opfern. Die Kämpfe wirkten als Multiplikator, sodass 1906 bei weiteren Konflikten mit größter Brutalität vorgegangen wurde: Beide Völker hatten zerstörte Dörfer und zwischen 3100-10.000 Tote zu beklagen. Somit können die Jahre 1905 und 1906 als wichtiger Wendepunkt im Verhältnis beider Völker angesehen werden: Der armenische Nationalismus, der sich vor allem aufgrund der Pogrome in den Jahren 1894-1896 durch den gemeinsamen Hass gegen das Osmanische Reich definierte, wurde nun durch die Abneigung gegen die Aseri erweitert. Gleichzeitig begannen nach den oben genannten Ereignissen auch die Aseri einen Nationalismus zu entwickeln, der sich in erster Linie gegen das armenische Volk richtete. Der Genozid der Türken an den Armeniern im Jahre 1915 trübte das Verhältnis zwischen den Ethnien noch weiter ein. (vgl. Eder 2008 S. 161-162) Insgesamt „konnte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beobachtet werden, wie sich beide Gemeinschaften auseinander bewegten und ihre Existenz in scharfer Abgrenzung zur jeweils anderen Gemeinschaft definierten.“ (Eder 2008: S.162) Mit dem Niedergang des Zarenreichs gingen weitere blutige Auseinandersetzungen zwischen beiden Bevölkerungen um die umstrittenen Gebiete mit gemischten Ethnien einher.

3.2. Der Bergkarabach-Konflikt in der Sowjetunion

Nach dem Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg wurden beide Länder 1920/1921 in die UdSSR eingegliedert. (vgl. Langner 2009 S. 14) Wie schon geschildert wurde Armenien und Aserbaidschan dabei zugestanden eigene Sowjetrepubliken zu gründen. Stalin wurde der Kommissar für Nationalitätenfragen und nahm sich dem Konflikt an. Zuerst schien es so, als würde er diesen im Sinne der Armenier entscheiden, als er im Dezember 1920 die Region Bergkarabach an dessen Sowjetrepublik angliederte. (vgl. Langner 2009: S. 162) Im Jahr 1921 wurde dieser Entschluss allerdings wieder revidiert. Dabei hieß es offiziell, dass Bergkarabach „aufgrund geografischer, historischer und wirtschaftlicher Gemeinsamkeiten bei Aserbaidschan“ (Langner 2009: S.14) belassen werden müsse. Gleichzeitig ist jedoch auch wahrscheinlich, dass die Annäherung der UdSSR an die Türkei mit dem sowjetisch-türkischen Freundschaftsvertrag, dem Lenin-Kemal-Pakt, großen Einfluss auf diese Korrektur hatte. (vgl. Langner 2009: S.14) Da die zu diesem Zeitpunkt mehrheitlich armenische Bevölkerung Bergkarabachs (1921: 94,4%) mit starker Kritik reagierte, beschloss die russische Führung dem Gebiet einen Autonomiestatus einzuräumen, der der Region Freiräume in Kultur, Politik und Wirtschaft ermöglichte. Nun konnten sich die Bewohner Bergkarabachs zwar problemlos nach Armenien bewegen, waren dennoch weiterhin ein Bestandteil Aserbaidschans, sodass die Unzufriedenheit andauerte. (vgl. Eder 2008: S. 162-163)

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Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668548640
ISBN (Buch)
9783668548657
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377480
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,7
Schlagworte
Bergkarabach Berg Karabach Konflikt Armenien Außenpolitik Sicherheitspolitik

Autor

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