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Bildung und Fernsehen. Eine Betrachtung der Television aus pädagogisch-anthropologischer Sicht

3., überarbeitete & erweiterte Auflage

Akademische Arbeit 2017 106 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 3

1 Die Wirklichkeit des Fernsehens ... 9
1.1 Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit ... 9
1.2 Die mediale Konstruktion der Wirklichkeit ... 15

2 Die Anthropologie des Fernsehens ... 29
2.1 Kommunikation und Rezeption ... 29
2.2 Zuschauen als Vermittlung ... 35
2.3 Raum und Zeit ... 41
2.4 Bild und Raum ... 55

3 Die Pädagogik des Fernsehens ... 67
3.1 Fernsehen und Bildsamkeit ... 67
3.2 Bildung, Wirklichkeit und Wahrheit ... 76
3.3 Halbbildung und Kritik ... 81

Schluss ... 95

Zur Zitierweise ... 99
Literaturverzeichnis ... 101

Einleitung

television, conversion of a scene in motion with its accompanying sound into an electric signal, transmission of the signal, and its reconversion into visible and audible images by a receiver. [1]

Im Laufe der Geschichte hat jede medientechnologische Erfindung, jede Entwicklung eines neuen Mediums zu einer irreversiblen Veränderung in der Kommunikation und in den Wirklichkeitsverhältnissen geführt. [2] Medienaneignung, Medienumgang und Mediennutzung sind nicht nur als alltägliche Aktivität in den lebensweltlichen Kontext handelnder Subjekte fest eingebunden [3] , Medien und Massenkommunikationsmittel sind zu einem wesentlichen Bestandteil der technologischen Organisation (post-)moderner Gesellschaften und deren treibende technologische Kraft geworden. [4] Interessanterweise sind solche Gesellschaften dadurch gekennzeichnet, dass direkte Kontakte zwischen Individuen als Wir-Beziehung immer seltener vorkommen. Vor allem Film und Fernsehen drängen die Realbegegnung zwischen den Individuen merklich zurück. [5]

Individuen müssen sich in einer unüberschaubaren und differenzierten (sozialen) Welt zurechtfinden, in der vieles unbekannt oder im Verborgenen bleibt. [6] Die Welt selbst verschwindet in diesen Gesellschaften hinter ihren medialen Re-Präsentationen und scheint nur an wenigen Orten in ihrer Eigentlichkeit erreichbar. Die Technologisierung und Medialisierung in ihnen hat alle Lebensbereiche und Lebensfunktionen erreicht und diese unterworfen, sodass das Leben eben nicht einfacher, übersichtlicher und sinnerfüllter geworden ist. Der (post-)moderne Mensch erlebt seine Welt vielmehr als brüchig, hektisch, unübersichtlich, komplex, ambivalent und herausfordernd. [7] Hier gibt es kein einheitliches, ganzheitliches Leben. Dieses muss erst innerhalb des vielfältigen und geschichteten Alltags hergestellt werden, indem der Einzelne all seine verschiedenen Lebensbereiche (Familie, Freunde, Beruf, Urlaub, Freizeit, Verkehr, Konsum, Medien, Politik, Religion etc.) zu einer sinnhaften Lebenswelt verbindet und sich in dieser einen Lebenssinn erarbeitet. [8] Gleichsam sind die Gesellschaften, die eine solche Lebensgestaltung einerseits ermöglichen, andererseits aber auch zwanghaft vorgeben, durch objektive Bedingungen konstituiert bzw. gar selbst solche objektiven Bedingungen, die das Denken von Menschen mitbestimmen und somit auch ihren Blick auf die Welt, sich selbst und das, was als Wirklichkeit angesehen wird, beeinflussen. [9]

Einen Ausweg aus dieser Verborgenheit von Beziehungen und Welt sowie eine Hilfe zur sinnhaften Konstruktion einer eigenen Lebenswelt kann das Fernsehen bieten, das selbst zu den objektiven gesellschaftlichen Bedingungen zählt und diese gleichzeitig hervorbringt. Denn wer fernsieht, sieht wahrhaft in die Ferne, begibt sich an Orte, die unerreichbar sind oder zumindest gegenwärtig außerhalb der eigenen, unmittelbaren Wirklichkeit liegen, und erlangt Zugang zu einer Wirklichkeit, die vor dem Moment des Zuschauens noch unwirklich war. Wer fernsieht, erhält Zugriff auf symbolisches und ästhetisches Material, mit dem sich Subjektivität und Lebenswelt sinnhaft erweitern lassen. [10] Denn in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, die immer weniger dazu in der Lage ist, ihren Mitgliedern einheitliche und verbindliche Sinnorientierungen zu bieten, kommt den Medien die bedeutsame Funktion zu, kompensatorische Sinnangebote zu vermitteln, die zur Orientierung, aber auch Desorientierung beitragen können. Das Fernsehen wird hierzu als natürlicher Sinnlieferant genutzt, da es nicht als exponiertes mediales Ereignis wahrgenommen und bewertet, sondern als selbstverständlicher Teil der Alltagswelt und des Alltagshandelns begriffen wird. [11]

War in vormodernen Gesellschaften das Bewusstsein noch von Mythen umstellt, so lässt sich im Anschluss an Arnold Gehlen formulieren, dass es heute von Zeitungen und Fernsehen umwickelt ist. Die Orientierungsleistung, die vor Jahrhunderten noch der Mythos übernahm, wird heute durch mediale Informationen erbracht. [12] Wir gewinnen unsere Erfahrungen nicht mehr ausschließlich aus einer an sich gegebenen Wirklichkeit, sondern immer nur vermittelt durch mediale Deutungen und Formeln. Diese Formeln und Deutungen setzen uns im wahrsten Sinne des Wortes ins Bild und zeigen uns, wie wir die Dinge zu sehen und zu verstehen haben. Das Fernsehen ordnet das Erfahrbare und die Dinge. [13] Für unsere Erziehung, Bildung und Sozialisation, unsere Gefühle und Erfahrungen, unser Lernen und Wissen, unser Denken und Handeln und unsere Kommunikation nimmt es damit eine Rolle von größter Bedeutung ein. Es ist das mediale Instrument der Wirklichkeitskonstruktion schlechthin und entscheidet als solches darüber, was in jenen Wirklichkeitsbereichen überhaupt existiert. [14] Die Bilder und Töne der Television bedeuten dem Zuschauer Ereignisse in der realen Welt, mit denen zwar das Fernsehen unmittelbar, der Rezipient aber nur mittelbar verbunden ist. [15] Insofern muss sich uns die Frage nach dem Wahrheitsund Wirklichkeitsgehalt des Fernsehens stellen. Denn eine solche ungleiche Verbindung zu wirklichen Ereignissen eröffnet nicht nur die recht banale Möglichkeit der Manipulation. Die Möglichkeiten der Television gehen so weit, dass ganze Welten medial erschaffen werden können und diese Welten wiederum zum Rohstoff für televisionäre Erzeugnisse werden. Bedeutsam für den enormen Einfluss auf unser Verständnis von Wirklichkeit und Welt ist allein schon der Verbreitungsgrad des Fernsehens, seine gegenständliche Ubiquität. In westlichen Ländern sind nahezu einhundert Prozent der Haushalte mit mindestens einem Fernsehgerät ausgestattet. [16] In Geschäften, Lokalen, Einkaufszentren und Hotels, an Bahnhöfen und Flughäfen finden sich ebenfalls Fernseher in großer Zahl, sodass auch der öffentliche Raum vom Fernsehen durchdrungen ist.

Worum soll es uns also auf den folgenden Seiten eigentlich zu tun sein? Wenn neben der offensichtlichen Frage nach dem Einfluss des Fernsehens auf unsere Bildung im Untertitel dieser Untersuchung von einer Betrachtung der Television aus pädagogischer und anthropologischer Sicht die Rede ist, dann ist damit vor allem auf eine anthropologische Konstante abgehoben. Das Fernsehen als Medium ist in die fundamentalen menschlichen Möglichkeiten der Kommunikation, der Weltdeutung und der Sinnerzeugung schon immer integriert. [17] Für diese Untersuchung wird daher ein Zugang aus vier Blickrichtungen gewählt. So wird das Fernsehen aus Sicht der Wissenssoziologie, der Anthropologie, der Philosophie und der Kommunikationslehre in seiner spezifischen Beschaffenheit analysiert, bevor zu einer theoretisch fundierten Erörterung der Pädagogizität des Fernsehens sowie dessen Kritik übergegangen wird. Leitend sind dabei drei Fragestellungen, die später in präzisere Einzelfragen zergliedert in den nachfolgenden Kapiteln bearbeitet werden:

1) Welche Prozesse der medialen Wirklichkeitskonstruktion finden aufseiten der Produzenten und der Zuschauer statt? Auf welche Art und Weise wird im Vorgang des Zuschauens Wirklichkeit konstruiert?

2) Welche Erfahrungen gehen mit diesen spezifischen Konstruktionsprozessen einher und wie modifizieren diese das Verhältnis des Rezipienten zu der ihm bekannten Wirklichkeit?

3) Auf welche Weise modifiziert das Fernsehen durch die Konstruktion und Veränderung von Wirklichkeiten und Welten das, was wir als Bildung verstehen?

So wird versucht, aus den Richtungen eines materialen Sozialkonstruktivismus, eines radikalen Relativismus und einer phänomenologisch orientierten Medienphilosophie auf den Untersuchungsgegenstand das Verhältnis von Bildung zur Wirklichkeit und deren medialer Konstruktion im Fernsehen zuzudenken, um jene Ansätze schließlich in einer Pädagogik des Fernsehens ineinander aufzulösen. Es soll daher nach Eigenschaften gesucht werden, die nicht immer exklusiv für das Fernsehen in Geltung stehen, die doch aber in ihrer Kombination wenigstens den Versuch einer Wesensbeschreibung des Fernsehens gestatten und damit letztlich auch eine Betrachtung der Television aus pädagogischer und anthropologischer Sicht erlauben. Keineswegs kann erwartet werden, dass im Verlauf dieser Abhandlung letztgültige Antworten auf die gestellten Fragen gefunden werden können. Antworten solcher Art zu finden, ist nicht nur vom Standpunkt einer kritischen Wissenschaftstheorie aus unmöglich. Zumindest kann aber versucht werden, die gestellten Fragen genauer zu erörtern und in einen Zusammenhang zu stellen, sodass sich hieraus ein Fragehorizont ergibt, innerhalb dessen es möglich ist, nach weiteren Fragen und möglichen Antworten zu suchen.

Die Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann liefert im ersten Kapitel den geeigneten theoretischen Rahmen, innerhalb dessen eine Analyse der anthropologischen Dimensionen des Fernsehens und seiner Wirklichkeitsstrukturen durchgeführt wird. [18] Nicht wird hier danach gefragt, ob das vom Fernsehen erzeugte Bild ein richtiges, der objektiven Wirklichkeit entsprechendes oder ein falsches, verzerrtes Abbild gesellschaftlicher Realität ist, denn eine objektive und nicht-konstruktive Berichterstattung ist unmöglich. [19] Die drei Einzelfragen in diesem Kapitel lauten daher: Wodurch wird die Konstruktion der medialen Wirklichkeit des Fernsehens bestimmt? Welche Kriterien, Mechanismen und Konventionen üben hierbei einen Einfluss aus? Wie wird das Medienangebot des Fernsehens verarbeitet und angeeignet und welche Wirklichkeiten werden durch diese Aneignung produziert? [20] Bedeutsam ist daher bereits an dieser Stelle der Hinweis, dass im Verlauf dieser Untersuchung nicht mit dem umgangssprachlichen Konstruktionsbegriff gearbeitet wird, demzufolge eine Konstruktion als planvolle, intentionale und teils auch willkürliche Herstellung von etwas bezeichnet ist. [21] Im Gegensatz dazu sollen hier unter dem Begriff der Konstruktion Prozesse verstanden werden, ,,in deren Verlauf sich Wirklichkeitsvorstellungen herausbilden, und zwar keineswegs willkürlich und ohne Auseinandersetzung mit der Umwelt, sondern gemäß den konkreten biologischen, kognitiven und sozio-kulturellen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen wie natürlichen Umwelt unterworfen sind."[22]

Die Konstruktionsprozesse von Wirklichkeit sind weder willkürlich noch planvoll gesteuert noch bewusst. Anstatt über sie zu verfügen, widerfährt uns die Wirklichkeitskonstruktion vielmehr, sodass wir die Konstruiertheit unserer Welt im alltäglichen Handeln kaum bemerken. [23] Im zweiten Kapitel wird unter Bezugnahme auf einschlägige philosophische und kommunikationstheoretische Positionen eine Anthropologie des Fernsehens entwickelt. Von zentraler Bedeutung sind dort der Akt des Zuschauens sowie die durch das Fernsehen veränderten anthropologischen Dimensionen des Raumes und der Zeit. Im dritten Kapitel ist mit Adorno, Flusser und Goodman die Frage nach der Pädagogizität des Fernsehens zu stellen. Leitend sind dort vor allem die Einzelfragen, inwieweit das Fernsehen Bildung ermöglichen oder verhindern kann und auf welche Weise es unser eigentliches Verhältnis zu Dingen, Mitmenschen und uns selbst verändert. Im beschließenden Kapitel dieser Untersuchung wird keine zusammenfassende Rückschau auf die vorausgegangenen Ausführungen geboten, sondern der Versuch eines kritischen Ausblicks unternommen.

1. Die Wirklichkeit des Fernsehens

1.1 Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Die Wirklichkeit, die uns von unserem Ort aus in den Blick gerät, ist die Wirklichkeit, wie sie uns erscheint. Das Wissen, mit dem wir sie ordnen, ist Wissen, das sich für diesen Standort so ergeben hat. [24]

Um im weiteren Verlauf dieser Untersuchung den Zusammenhang zwischen bildender Weltbegegnung und Welterzeugung durch das Fernsehen erläutern zu können, sind zunächst systematische Vorarbeiten zu leisten, in deren Zentrum die Begriffe der Wirklichkeit und der Welt stehen. Leitend für die Ausführungen auf den folgenden Seiten ist dabei die Grundfrage einer phänomenologisch orientierten Soziologie: Wie macht der Mensch überhaupt Erfahrungen und wie bestimmen diese seinen Umgang mit der Welt? [25]

Wissenssoziologie, so wie sie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann verstanden wird, hat sich nicht nur mit theoretischem bzw. abstraktem Wissen zu beschäftigen, sondern mit allem, was in einer Gesellschaft als Wissen gilt. Der primäre Untersuchungsgegenstand der Wissenssoziologie ist das Alltagswissen und dessen Zustandekommen. [26] Die Analyse der Entstehungsmechanismen des Alltagswissens gibt Aufschluss darüber, wie für den Menschen als gesellschaftliches Wesen Wirklichkeit entsteht, sich verfestigt und wieder verändert. Denn die reale Existenz von Dingen ist immer an ein (alltägliches) Wissen über diese gebunden.

Der Bezug des Menschen zur Wirklichkeit erschöpft sich nicht nur im Handeln. Wir verstehen unter Wirklichkeit die ausgezeichnete Qualität von Phänomenen [27] , die ungeachtet menschlichen Wollens existieren [28] und über die wir ein objektiv zugängliches, gesellschaftlich vermitteltes Wissen besitzen. Wissen bedeutet hier die ,,Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben." [29] Demgegenüber ist die offene Welt ,,eine anthropologische Dimension und fungiert als unausschöpfbarer Hintergrund für jede Art von artikulierter Wirklichkeit." [30] Sie ist selbst ein ubiquitär Wirkliches, in dem menschliche Erfahrungen überhaupt erst wirklich werden können, nicht aber die (soziale) Wirklichkeit schlechthin.

Nach soziologischer Auffassung ist Wirklichkeit nur das, als was sie durch den in sie verstrickten Menschen definiert wird. [31] Erst aus dem Wissen über eine Sache kommt dieser der Status des Realen zu. Wissen, das in gesellschaftlichen Situationen entwickelt, vermittelt und bewahrt wird, verfestigt sich und erstarrt schließlich zu einer unhinterfragten, selbstverständlichen Wirklichkeit. Die (soziale) Welt ist nicht vorab gegeben, sie entsteht erst im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess der Wirklichkeit [32] , sodass es nicht die eine, allen Menschen gleichsam zugängliche Wirklichkeit geben kann. Menschen leben in einer Vielzahl parallel existierender Wirklichkeiten [33] , die in verschiedene gesellschaftliche Rahmen eingebettet sind oder gleichen gesellschaftlichen Voraussetzungen entspringen. Der Begriff der ,,gesellschaftlichen Relativität" [34] zeigt an, dass keine Wirklichkeit eines beliebigen Menschen identisch mit der eines anderen sein kann, da alle Prozesse des Wissenserwerbs eine biographische Dimension aufweisen. Wissen wird immer in einer biographischen Situation erworben bzw. konstruiert. [35] Eine Identität der Wissensbestände zweier Menschen ist eine Denkmöglichkeit, bleibt aber faktisch unmöglich. Jeder betrachtet die gemeinsame Welt aus einer einzigartigen, anderen Menschen unzugänglichen Perspektive. [36] Individuelles Wissen konstituiert damit eine (subjektive) Wirklichkeit, die aus Lichtund Schattenbereichen besteht. Es gibt Sphären der Wirklichkeit, über die wir etwas wissen, und solche, die uns kaum oder überhaupt nicht bekannt sind.

Alles menschliche Wissen wird in gesellschaftlichen Situationen entwickelt, vermittelt und bewahrt, sodass spezifische Konglomerate von Wirklichkeit und Wissen zu spezifischen gesellschaftlichen Gebilden gehören. [37] Diese Entwicklung, Vermittlung und Bewahrung, so ist nachdrücklich hervorzuheben, betrifft tatsächlich alles menschliche Wissen und nicht etwa nur abstraktes oder theoretisches Wissen. Auch das unproblematische und selbstverständliche Alltagswissen ist wesentlich konstruiert und folglich kontingent. [38]

Das seinsgebundene menschliche Denken entsteht und dauert in sozialen Gebilden fort. Wissen ist also jeder individuellen Erfahrung vorgelagert und bettet diese in eine gesellschaftlich vorgegebene Situation ein, die Erscheinung und Gehalt menschlicher Gedanken bestimmt. [39] So ist kein menschlicher Gedanke mit Ausnahme der Mathematik und von Teilen der Naturwissenschaften immun ,,gegen die ideologisierenden Einflüsse des gesellschaftlichen Gebildes, zu dem er gehört." [40] Die gesellschaftlich konstituierte und konstruierte Wirklichkeit ist damit eine objektive, sprachlich verdinglichte Wirklichkeit, da sie prinzipiell allen Menschen zugänglich ist. Wirklichkeit ist objektiv (Faktizität) und subjektiv (Sinn) zugleich. [41]

Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird als Wirklichkeit hingenommen. Über ihre einfache Präsenz hinaus bedarf sie keiner zusätzlichen Verifizierung. Sie ist einfach da als selbstverständliche, zwingende Faktizität. Ich weiß, daß sie wirklich ist. Obgleich ich in der Lage bin, ihre Wirklichkeit auch in Frage zu stellen, muß ich solche Zweifel doch abwehren, um in meiner Routinewelt existieren zu können. Diese Ausschaltung des Zweifels ist so zweifelsfrei, daß ich, wenn ich den Zweifel einmal brauche bei theoretischen oder religiösen Fragen zum Beispiel, eine echte Grenze überschreiten muß. Die Alltagswelt behauptet sich von selbst, und wenn ich ihre Selbstbehauptung anfechten will, muß ich mir dazu einen Stoß versetzen. Die Verwandlung der natürlichen Einstellung in die theoretische des Philosophen oder Wissenschaftlers ist ein Beweis dafür. [42]

Die Wirklichkeit der Alltagswelt bildet die oberste Wirklichkeit und als solche die Wirklichkeit par excellence. [43] Sich ihrer imperativen Gegenwärtigkeit zu entziehen, kann immer nur zeitweise gelingen, indem sich das Bewusstsein mit mehr oder weniger großen Anstrengungen zwischen verschiedenen Wirklichkeiten (Alltagswelt, Träume, Gedankenspiele, Theaterbühne, Kinoleinwand, Fernsehen, Internet etc.) zu bewegen vermag. Möglich ist dies, da wir ein spezifisches Wissen über die Grenzen und Übergänge von Wirklichkeitsbereichen besitzen. [44] Die Wirklichkeit des Traumes ist allen anderen Menschen außer dem Träumenden selbst unzugänglich. Das Erwachen markiert die natürliche Grenze der Traumwirklichkeit und zeigt den Übergang bzw. die Rückkehr in die Wirklichkeit der Alltagswelt an. Sie aber ist eine intersubjektive Welt, die mit anderen Menschen geteilt wird. [45] Die Rückkehr zur Wirklichkeit der Alltagswelt ist letztlich unvermeidbar, denn sie umschließt alle anderen Wirklichkeiten, die als Enklaven und "umgrenzte Sinnprovinzen" erscheinen, von allen Seiten. [46]

Das Bewusstsein vermag sich aber nicht nur zwischen verschiedenen Wirklichkeiten zu bewegen. Es ist die Bedingung der Möglichkeit von Wirklichkeit überhaupt. Die grundlegende Verfasstheit des Bewusstseins ist Intentionalität, also der notwendige Bezug auf etwas. [47]

Wer eine Erfahrung macht oder eine Handlung vollzieht, stellt eine Beziehung zu etwas her, das selbst nicht die Erfahrung oder die Handlung ist. Dieses ,,Beziehen auf etwas" kann auch als Grundstruktur des Sinns angesehen werden. Welt oder Wirklichkeit ist immer ,,Welt für uns" und "Wirklichkeit für uns", die also durch die Bezugnahme unseres Bewusstseins zustande kommen. [48]

Das menschliche Ausdrucksvermögen die Sprache bildet gemeinsam mit dem Bewusstsein die Voraussetzungen von Wirklichkeit und Erfahrung überhaupt. Das Bewusstsein ermöglicht soziales Handeln und ist gleichsam der einzige Ort, an dem Wissen entstehen und auch verbleiben kann. Sprache ermöglicht wiederum die Artikulation und Verwirklichung von entstandenem Wissen und bietet selbst die umfangreichsten Optionen zu sozialem Handeln. [49] Der größte Teil des menschlichen Erfahrungswissens, das sich im je individuellen Bewusstsein ablagert, ist aber gerade kein eigenständig erworbenes Wissen, sondern ein Wissen, das von anderen handelnd erzeugt und (medial) vermittelt wurde. [50] Jenes Wissen ist ein Wissen über die intersubjektiv zugängliche Wirklichkeit und liegt als solches immer schon bereit, muss also nicht von jedem Einzelnen erzeugt, sondern lediglich internalisiert werden. [51]

Wirklichkeit und damit ist tatsächlich nicht nur die Gesellschaft als soziale Faktizität, sondern alle Wirklichkeit gemeint entsteht und existiert nach Berger und Luckmann nur in den Handelnden und durch die Handelnden.

Anders als die Welt der Natur, die wir mit Hilfe unserer wissenschaftlichen Konstruktionen erschließen, ist die soziale Welt eine durch die Praktiken sozialen Handelns erst erzeugte Welt. Sie ist durch menschliche Praxis entstanden, und dies wiederum in einer Weise, in der sich das Erzeugende die Arten gesellschaftlicher Praxis zusammen mit seinen Erzeugungen den Verfestigungen dieser Praxis herausbildet und verändert. [52]

Eine gemeinsam bewohnte und von einer Vielzahl der Menschen geteilte Alltagswelt besteht nur, weil durch die Handlungen der vergesellschafteten Subjekte ein vielfach intersubjektiv geteiltes Wissen über typische Situationen und Sachverhalte sowie deren Bewertungen hervorgebracht wird. [53] Damit wird ausdrücklich nicht der Denkrichtung des radikalen Konstruktivismus gefolgt. Auch wenn die Wirklichkeit eine Konstruktion ist, so verläuft diese keineswegs beliebig und ohne (transzendentale) Regeln und Bedingungen. [54] Die Konstruktion der Wirklichkeit vollzieht sich auf der Folie einer negativen bzw. defizitären Anthropologie, nach der der Mensch sich aufgrund seiner biologisch mangelhaften Ausstattung notwendigerweise eine Wirklichkeit erschaffen muss, in der er als endliches und vernünftiges Mängelwesen existieren kann. [55]

Unsere sehr offene körperliche Ausstattung und die Möglichkeiten unseres Bewusstseins bilden den Rahmen, der unser Handeln und die soziale Konstruktion begrenzt. [56]

Die Erkenntnis, dass die gesamte Wirklichkeit einem sozialen Konstruktionsprozess unterworfen ist und somit von der Gesellschaft definiert wird, was wirklich ist, hat weitreichende Folgen für unser Verständnis vom Status des Wissens. [57]

Denn Wissen wird nicht durch die Vernunft (oder gar Bedürfnisse) hergeleitet, Wissen wird auch nicht durch Beobachtung erhoben oder durch Anerkennung, Aushandlung oder Konsens hergestellt Wissen ist etwas, das durch die Prozesse erzeugt wird, die den spezifischen Rahmen der Konstruktion bilden: Die Trias der Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung, die als Dialektik den Zusammenhalt von subjektiver und objektiver Wirklichkeit garantieren. [58]

Dies bedeutet, dass Gesellschaft ein rein menschliches Produkt ist und eine objektive Wirklichkeit darstellt. Als soziokulturelle Welt kann sie unabhängig von diesen Vorgängen und Vollzügen nicht existieren, da sie aus dem Zusammenhang der für sie konstitutiven Praktiken besteht bzw. dieser Zusammenhang ist. [59] Daraus lässt sich ableiten, dass spezifische gesellschaftliche Formationen je unterschiedliche Auffassungen von Wirklichkeit hervorbringen. [60] Der Mensch wiederum ist ein gesellschaftliches Produkt jener Konstruktion, die er selbst hervorgebracht hat. Mensch und (gesellschaftliche) Welt stehen miteinander in einer fundamentalen Wechselwirkung. [61]


[1] The new encyclopaedia Britannica (XI, S. 616).

[2] Vgl. Schmidt (1996, S. 95).

[3] Vgl. Mikos (1994, S. 17).

[4] Vgl. Bachmair (1996, S. 19).

[5] Vgl. Steenblock (2008a, S. 216).

[6] Vgl. Treibel (2006, S. 93).

[7] Vgl. Bachmair (1996, S. 12).

[8] Vgl. Bachmair (1996, S. 12 f.).

[9] Vgl. Abels (2007, S. 92).

[10] Vgl. Bachmair (1996, S. 13).

[11] Vgl. Langer (2002, S. 33).

[12] Vgl. Prange / Strobel-Eisele (2006, S. 218).

[13] Vgl. Prange / Strobel-Eisele (2006, S. 218).

[14] Vgl. Schmidt (1994, S. 14).

[15] Vgl. Flusser (2008, S. 107 f.).

[16] Vgl. Mikos (2008, S. 403).

[17] Vgl. Bachmair (1996, S. 19).

[18] Eine Schwäche des Ansatzes von Berger und Luckmann ist nach Hejl (1994, S. 44) sicherlich der Umstand, dass erkenntnistheoretische Probleme systematisch aus der Wissenssoziologie ausgeschlossen werden. Dies ist aber nicht von gravierender Bedeutung, da ontologische Fragen im Verlauf dieser Untersuchung keine ausschlaggebende Rolle spielen. Weitaus bedeutsamer ist wohl der Umstand, dass soziologisches Wissen in den Bereich eindringt, zu dessen Untersuchung es entworfen wurde. Es gestaltet dabei als Rückkopplung einer Reflexion seinen Untersuchungsgegenstand wie auch sich selbst um (vgl. Giddens 1995, S. 26 f.). Die Wissenssoziologie kann also trotz ihrer Eignung für unser Vorhaben die Dinge nur so sehen, wie sie sie eben sieht. In der Analyse der Entstehungsmechanismen des Alltagswissens gestaltet sie diese Mechanismen mit und wird von diesen gestaltet.

[19] Vgl. Schmidt (1994, S. 18). Vgl. hierzu auch den aufschlussreichen Beitrag Recherche und Nachrichtenproduktion als Konstruktionsprozesse von Haller (1994). Haller (1994, S. 285) hebt unter anderem hervor, dass Aussagen, die Geschehnisse erklären oder begründen, schon immer eine Interpretation faktischer Sachverhalte voraussetzen. Selbst der redlichste Versuch einer objektiven Beschreibung von Handlungsabläufen und Geschehnissen ist letztlich immer nur eine Version des Hergangs aus der spezifischen Perspektive des jeweils Beobachtenden und Beschreibenden.

[20] Vgl. Keppler (2005, S. 104).

[21] Vgl. Schmidt (1994a, S. 595).

[22] Schmidt (1994a, S. 595).

[23] Vgl. Schmidt (1994a, S. 595).

[24] Abels (2007, S. 94).

[25] Vgl. Abels (2007, S. 65).

[26] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 16).

[27] Unter einem Phänomen soll hier das verstanden sein, was sich an sich selbst zeigt und dadurch offenbar wird (vgl. Heidegger 2006, S. 28), im Gegensatz zu jenen Dingen, die verborgen bleiben oder sich nicht von selbst und nur durch menschliches Zutun zeigen können. Die Phänomene sind die Gesamtheit des Offenbaren.

[28] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 1).

[29] Berger / Luckmann (2007, S. 1).

[30] Plessner (2007, S. X).

[31] Vgl. Plessner (2007, S. XVI).

[32] Vgl. Plessner (2007, S. IX).

[33] Vgl. Plessner (2007, S. IX); Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[34] Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[35] Vgl. Knoblauch (2005, S. 147 f.).

[36] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 26).

[37] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[38] Vgl. Langer (2002, S. 68).

[39] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 2 ff.).

[40] Berger / Luckmann (2007, S. 11).

[41] Vor dem Hintergrund unserer phänomenologischen Orientierung soll unter Sinn die Verbindung zwischen zwei Erfahrungen bzw. Phänomenen verstanden werden, die für beide Seiten eine Bedeutung besitzen (vgl. Abels 2007, S. 67). Sinn ist also eine mögliche Interpretation von Tatsachen bzw. der Versuch, Ordnung unter den Dingen herzustellen (vgl. Abels 2007, S. 96).

[42] Berger / Luckmann (2007, S. 26).

[43] Laut Abels (2007, S. 97) ist die Welt des Alltags nicht etwas, das außerhalb anderer Welten liegt. Der Alltag ist ,,das ständige Ereignis nichtreflexiven Handelns."

[44] Dieses Wissen, mit dem stets ein subjektiver Sinn verbunden ist, ist konstitutiv für das Handeln in verschiedenen Wirklichkeitsbereichen (vgl. Knoblauch 2005, S. 142). Wir wissen, was in der Alltagswelt möglich und was nicht möglich ist, was in der Schule, im Gerichtssaal oder in der U-Bahn getan oder nicht getan werden kann bzw. sollte.

[45] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 24 f.).

[46] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 28).

[47] Vgl. Knoblauch (2005, S. 142).

[48] Knoblauch (2005, S. 143).

[49] Insbesondere in pädagogischer Hinsicht ist diese konstitutive Funktion der Sprache von großer Bedeutung. Jede Facette der Wirklichkeit und jeder Aspekt der Bildung als Selbst-, Weltund Fremdverhältnis des Subjekts ist sprachlich fundiert und strukturiert. Jede Nuance des Wirklichen kann in Sätzen ausund angesprochen werden (vgl. Poenitsch 1992, S. 142).

[50] Vgl. Knoblauch (2005, S. 148).

[51] Vgl. Abels (2007, S. 91).

[52] Keppler (2005, S. 93).

[53] Vgl. Keppler (2006, S. 30).

[54] Vgl. Knoblauch (2005, S. 153 f.).

[55] Vgl. Knoblauch (2005, S. 154).

[56] Knoblauch (2005, S. 154).

[57] Vgl. Knoblauch (2005, S. 156).

[58] Knoblauch (2005, S. 156).

[59] Vgl. Keppler (2005, S. 94).

[60] Vgl. Langer (2002, S. 68).

[61] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 65). Berger / Luckmann verweisen an dieser Stelle ebenso darauf, dass der Mensch in dieser Wechselwirkung selbstverständlich nicht isoliert ist, sondern sich stets inmitten von Kollektivgebilden befindet.

Details

Seiten
106
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668541191
ISBN (Buch)
9783668541207
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377484
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
Bildung Fernsehen Medienpädagogik Medienbildung Wirklichkeit Anthropologie Kommunikation Raum Zeit Erziehung Kulturkritik

Autor

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