Lade Inhalt...

Die Vorleser. Einfluss und Wirkung Marcel Reich-Ranickis auf verschiedene literarische Vortragsformen

Seminararbeit 2016 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Vorstellung des Themas

2 Marcel Reich-Ranicki – Der Literaturkritiker
2.1 1958-1967: Die Gruppe 47
2.1.1 Entstehung
2.1.2 Ablauf und Merkmale
2.1.3 Wandel
2.1.4 Marcel Reich-Ranicki in der Gruppe 47
2.1.5 Ende
2.2 1964-1967: Das Literarische Kaffeehaus
2.3 1977-1986: Der Ingeborg-Bachmann-Preis
2.4 1988-2001: Das Literarische Quartett

3 Marcel Reich-Ranicki – Der Wegbereiter
3.1 Poetry Slam im Vergleich mit den vorherigen literarischen Veranstaltungen
3.1.1 Regeln und Ablauf
3.1.2 Texte und Themen
3.1.3 Mögliche Problematiken der Zukunft

4 Ergebnis

5 Literaturverzeichnis

1 VORSTELLUNG DES THEMAS

In folgender Seminararbeit wird vor allem eine Person, Marcel-Reich-Ranicki, in Betracht gezogen und versucht, einen Zusammenhang zwischen den literarischen Veranstaltungen, die er einerseits als Gast, andererseits als Leiter wahrgenommen hat, und dem heutzutage modernen Poetry Slam zu finden. Um die einzelnen Texte zu verstehen, wird das Wissen über die Biografie Marcel-Reich-Ranickis nicht vorausgesetzt, da sein Leben keine große Rolle spielt. Vielmehr wird sein literarisches Engagement in den verschiedenen Treffen zur Äußerung der Kritik thematisiert und die Einordnung dieser in Epochen seines Lebens soll betonen, wie viel Zeit er mit Büchern verbracht hat. Da die Karriere des Mannes mit den Tagungen der Gruppe 47 begonnen hat, wird diese ausführlich in Betracht gezogen und auch weil Marcel-Reich-Ranicki weder an der Gründung beteiligt war noch an den Anfängen mitwirkte, werden diese separat von der Rolle des Literaturkritikers aufgezeigt. Danach folgen das Literarische Kaffeehaus, der Ingeborg-Bachmann-Preis und das Literarische Quartett und aufgrund der Leitung durch Marcel-Reich-Ranicki, der alles unter Kontrolle und somit das Sagen hatte, werden die Entstehung, die Entwicklung und das Ende der Veranstaltungen im Gegensatz zu der Rolle des Literaturbegeisterten nur knapp beschrieben. Um dann den Bezug zum Poetry Slam herzustellen, findet letztendlich ein Vergleich zwischen den bisher vorgestellten literarischen Vortragsformen und dem modernen Dichterwettstreit anhand verschiedener Aspekte statt.

Aufgrund der fortschreitenden Zeit war es nicht möglich, Mitglieder der Gruppe 47 und vor allem Marcel-Reich-Ranicki, die diese Entwicklung bis heute hätten aufzeigen können, selbst zu interviewen, da viele in den letzten Jahren verstorben sind. Jedoch hat der Literaturkritiker ein so großes öffentliches Interesse geweckt, dass zahlreiche Bücher von ihm und über ihn vorhanden sind. Über die einzelnen Literatursendungen gibt es kaum Lesestoff, da sie entweder nur kurz angerissen werden oder lediglich im Internet zu finden sind. Auch die Aktualität des Poetry Slams stellt eine Schwierigkeit hinsichtlich der vorhandenen niedergeschriebenen Informationen dar, wobei in dieser Arbeit wenige Aspekte benötigt wurden und mehr der selbst erarbeitete Vergleich präsentiert wird.

Sehr hilfreich waren die Biografie Marcel Reich-Ranickis aus der Sicht von Uwe Wittstock, da sie bereits die Rolle des Literaturkritikers in gewissen Veranstaltungen betrachtet, ein Buch über die Gruppe 47 von Heinz Ludwig Arnold, die ausführlich den Werdegang dieser Institution beschreibt und sowohl die Literatur über Poetry Slam als auch die Erfahrung, einen dieser Dichterwettstreite in Augsburg miterlebt zu haben.

2 MARCEL REICH-RANICKI – DER LITERATURKRITIKER

2.1 1958-1967: Die Gruppe 47

2.1.1 Entstehung

Im Frühjahr 1945 erschien in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager Der Ruf. Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen, der von Curt Vinz herausgegeben wurde. Alfred Andersch und dann auch Hans Werner Richter, die später „die wichtigsten Protagonisten in der Initiationsgeschichte der Gruppe 47[1] wurden, arbeiteten an der Zeitschrift mit. Als die drei Männer nach Deutschland zurückkehrten, erschien dort die Nachfolgezeitschrift Der Ruf – Unabhängige Blätter der jungen Generation. Alfred Andersch und Hans Werner Richter wurden zu den Herausgebern des Heftes, in dem sie sich einerseits für Freiheit und ein demokratisches und sozialistisches Deutschland einsetzten, andererseits aber auch keine Scheu davor hatten, die deutsche Vergangenheit und die Besatzungsherrschaft zu kritisieren. Nachdem die zwei Editoren aufgrund einiger Streitigkeiten im April 1947 ihre Kündigung unterschrieben und deren Nachfolger noch mehrmals wechselten, wurde der Ruf 1949 eingestellt.[2]

Hans Werner Richter hatte kurz nach seinem Austritt aus der Zeitung schon die Idee für ein neues Magazin, das „literarisch-kritisch-satyrisch(sic!)“[3] sein und unter dem Namen Skorpion erscheinen sollte. Inge Stahlberg, die zukünftige Verlegerin der Zeitschrift, lud vom 26. bis 28. Juli junge und ältere Autoren auf das Gut der Gräfin Degenfeld nach Altenbeuern ein, mit der Absicht, dass die Gäste dort mittels Vorträgen und Lesungen ihre Vorstellungen und Erwartungen an das Heft präsentieren sollten. Hans Werner Richter war von dem Treffen begeistert, zumindest was das Vorlesen und Diskutieren betraf, nur die Personenkonstellation war für seinen Geschmack zu gemischt. So kam es dazu, dass der Mann am 6. und 7. September desselben Jahres 16 Leute, die gewünschten Mitarbeiter des Skorpion, auf das Gut Bannwaldsee bei Füssen in das Haus von Ilse Schneider-Lengyel zu einer Besprechung einlud, in der die private und unterhaltsame Atmosphäre von großer Bedeutung sein sollte. Jeder Gast brachte Textentwürfe mit, die dann der Kritik und Diskussion der anderen ausgesetzt waren, um sie für die noch nicht existierende Zeitung zu perfektionieren.[4]

Dieses Treffen wurde zur ersten Tagung der Gruppe 47, einer Autorengemeinschaft, die zwar zu dieser Zeit noch nicht so genannt wurde, in den nachfolgenden Jahren jedoch an großer Bedeutung gewann.

2.1.2 Ablauf und Merkmale

Hans Werner Richter definierte die Gruppe 47 folgendermaßen:

„[…] ich lade alle Leute ein, die mir passen, die mit mir befreundet sind. Und wir lesen uns gegenseitig vor und amüsieren uns und reden sehr viel und tanzen abends. Und es ist ein Fest, das drei Tage dauert, und dann gehen wir alle wieder auseinander, und der Freundeskreis existiert immer und den nennt man Gruppe 47.“[5]

Außerdem betonte der Chef, dass sich die Gruppe 47 vor allem durch die Atmosphäre auszeichnete. Das erste Treffen der Literaten am Bannwaldsee erfolgte sehr einfach und entspannt, alle Beteiligten saßen im Kreis auf dem Boden, hörten aufmerksam zu, was die anderen präsentierten, und ließen die Eindrücke auf sich wirken. Erst als der Vortrag fertig war, begannen sie, sich über das Werk zu äußern, wobei keine Rücksicht auf den Schriftsteller genommen wurde, denn die Kritik war direkt, knapp und rau. Trotz der teilweise als Beleidigung empfundenen Bewertung gab es keinen Streit unter den Teilnehmern, denn es herrschte eine starke Gruppengemeinschaft, die vor allem durch das kollektive Streben nach einer neuen Zukunft und die schon ertragenen Schicksale geprägt war.[6]

„Sie alle […] empfanden sich als Opfer des «Dritten Reichs», die dem Terror der Nazis und dem Kriege entkommen waren, und unabhängig vom Alter definierten sie sich als Angehörige einer neuen, einer ‹jungen Generation›, die das Alte mit einem ‹Kahlschlag› ausrotten und an einem ‹Nullpunkt› beginnen wollte.“[7]

Die Zeitschrift Skorpion, der Grund für das erste Treffen der Schriftsteller, wurde nie veröffentlicht, da Hans Werner Richter anscheinend die Lizenz verweigert wurde. Diese Aussage ist jedoch fraglich, da sich normalerweise ein Verlag und nicht der Herausgeber selbst um diese Erlaubnis kümmerte. Anstatt nun die Veranstaltungen zu unterlassen, da kein Gesprächsbedarf mehr zu bestehen schien, lud der Chef im November 1947 zur zweiten Tagung nach Herrlingen bei Ulm ein.[8]

Die Treffen entwickelten sich und es entstanden Regeln, an die man sich in der Gruppe zu halten hatte. So wurden beispielsweise Grundsatzdiskussionen strikt abgelehnt, da nicht die Absicht eines Werkes von Bedeutung war, sondern allein dessen Text. Außerdem prägte sich bald ein strikter Ablauf ein: Hans Werner Richter saß auf einem Stuhl und bat einen Vorleser auf den sogenannten „elektrischen Stuhl“[9] neben sich. Dieser trug nun seinen Text vor und erst nachdem er fertig war, kamen die Kritiker ins Spiel. Der Leiter rief einen nach dem anderen auf und deren Aufgabe war es, kurz, direkt und spontan zu sagen, was ihnen gefallen beziehungsweise nicht gefallen hat. Der Schriftsteller durfte sich gegen die Äußerungen nicht wehren, sondern musste sie still über sich ergehen lassen. Auch wenn meistens mehr als fünf Personen ihre Meinungen zum gerade Vorgelesenen, die sich untereinander sehr unterschieden, kundgaben, war letztendlich deutlich, wie das Werk beurteilt worden war, denn die Bewertung ergab sich aus dem Kollektiv, der Quersumme, der Äußerungen. Nach Vollzug der Prozedur durfte der Schriftsteller dann wieder im Publikum Platz nehmen und war nun an der Reihe, seinen Nachfolger zu kritisieren.[10]

„Das in der Gruppe 47 geübte Verfahren der Kritik wollte mehr bewirken als die Verbesserung der vorgelesenen Manuskripte. Die Kritik war für Richter natürlich auch ein Instrument der Korrektur und der Orientierung und ein handwerkliches Mittel literarischer Lernprozesse. Vor allem aber hat Richter die Kritik in der Gruppe immer als menschliches und in diesem Sinne konkret politisches Bildungsprogramm verstanden.“[11]

2.1.3 Wandel

In den 1950er Jahren nahm plötzlich das öffentliche Interesse an der Gruppe 47 stark zu und auch die Teilnehmer spürten, dass sich etwas veränderte. Viele alte Schriftsteller wurden durch Jüngere abgelöst oder aber es entstanden Diskussionen zwischen den Generationen, da das Experimentelle und Moderne nur von Seiten der nachkommenden Literaten unterstützt wurde. Die Kritik hatte nun nicht mehr die Funktion der Verbesserung oder Hilfestellung, sondern wurde zum Mittel purer Selbstdarstellung und entschied über Erfolg oder Niederlage eines Autors. Auch die Bedeutung der Wirkung in der Öffentlichkeit nahm zu, was dazu führte, dass die Tagungen bald zu literarischen Großveranstaltungen und die Gruppe 47 zu einem literarischen Markt wurden, eine Entwicklung mit einer unkontrollierbaren Eigendynamik, die selbst durch den Versuch, durch Reduzierung der Teilnehmer und Ablehnung der Presse das ursprüngliche Format wiederherzustellen, nicht zu stoppen war.[12]

[...]


[1] Arnold, H. L., Die Gruppe 47, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, S.17

[2] Ebd., S. 17-27

[3] Ebd., S. 32

[4] Arnold, Gruppe 47, S. 32-35

[5] Ebd., S. 43

[6] Ebd., S. 37-39, 41

[7] Arnold, Gruppe 47, S. 12

[8] Ebd., S. 44-45

[9] Ebd., S. 68

[10] Ebd., S. 44-45, 55, 64-68

[11] Ebd., S. 67

[12] Arnold, Gruppe 47, S. 82-84, 88, 92-93, 96-98, 111

Details

Seiten
18
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668552944
ISBN (Buch)
9783668552951
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377840
Institution / Hochschule
St.-Bonaventura-Gymnasium, Dillingen
Note
15 Punkte
Schlagworte
Marcel Reich-Ranicki Literaturkritiker Gruppe 47 Das Literarische Kaffeehaus Das Literarische Quartett Ingeborg Bachmann Poetry Slam Literatursendungen Literarische Vortragsformen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Vorleser. Einfluss und Wirkung Marcel Reich-Ranickis auf verschiedene literarische Vortragsformen