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Der Hererokrieg 1904 und die Aspekte der Kriegsführung. Genozid in Deutsch-Südwestafrika?

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Geschichte - Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kolonie Deutsch Südwestafrika

3. Die Beteiligten
3.1. Die deutsche Schutztruppe
3.2. Die Herero
3.3. Die Nama

4. Der Hererokrieg
4.1. Die Entstehung des Konflikts unter Leutwein
4.2. Der Einsatz von Lothar von Trotha
4.3. Die Eskalation in der Schlacht am Waterberg

5. Genozid
5.1. Definition
5.2. Die Situation in Deutsch Südwestafrika

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

„Die Geschichte lehrt die Menschen , dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt .“
Mahatma Gandhi

1. Einleitung

Im Jahr 1884 wurde auf der Kongokonferenz in Berlin, Afrika zwischen den Großmächten aufgeteilt. Das Deutsche Reich wurde aufgrund dieser Aufteilung flächenmäßig zur viertgrößten Kolonialmacht, eine der größten Kolonien sollte Deutsch Südwestafrika werden, welches 1884 unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt wurde. Bis zur Kapitulation am 09. Juli 1915 sollte das auch so bleiben.

Die Kolonie brachte allerdings nie den gewünschten Erfolg, da sich nur wenige Deutsche entschieden in das weit entfernte, karge Land auszuwandern. Bis zu Beginn des ersten Weltkriegs wanderten in etwa 23.000 Deutsche nach Afrika aus, was eine mengenmäßig kleine Zahl darstellt, wenn man sie einer Million Auswanderern gegenüberstellt, die sich entschieden nach Amerika zu gehen. Der Anspruch einer Siedlungskolonie wurde zu keinem Zeitpunkt erfüllt, die Erträge waren nicht erwähnenswert. Das Leben der deutschen Farmer gestaltete sich als hart und schwierig.

Seit jeher leben im heutigen Namibia verschiedene indigene Volkstämme, die im 19. Jahrhundert bevorzugt von ihren Rinderherden, der Jagd und der Landwirtschaft lebten. In der vorliegenden Arbeit ist das Hauptaugenmerk auf den Stamm der Herero gerichtet, welche in der vernichtenden Schlacht am Waterberg fast zur Gänze ausgerottet wurden.

Die Hausarbeit soll die Entstehung der Konflikte zwischen dem Stamm der Herero, die Eskalation und die Aspekte der Kriegsführung der deutschen Schutztruppen unter Lothar von Trotha beleuchten und einmal mehr hinterfragen, ob man im Fall des Hererokrieges von einem Genozid sprechen kann und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit es sich um Völkermord handelt. In der Frage der Absicht von Trothas gehen die Meinungen bis heute auseinander, Fakt ist allerdings, dass er nach seiner Rückkehr aus Deutsch Südwestafrika vom öffentlichen Leben weitestgehend gemieden und in den Ruhestand geschickt wurde.

2. Die Kolonie Deutsch Südwestafrika

Den Grundstein für die Kolonie Deutsch Südwestafrika legte im Jahr 1883 der Bremer Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz, der im Mai desselben Jahres die Angra-Pequena Bucht (später: Lüderitzbucht) im Südwesten des Landes vom Stamm der Bethanier erwarb. Im Folgenden kaufte er immer größere Ländereien im Osten und Norden von den Nama und den Herero. Nach englischem Vorbild wurden die erworbenen Gebiete 1884 von Reichskanzler Otto von Bismarck unter den Schutz des Deutschen Reichs gestellt.

Mit den indigenen Stämmen wurden sogenannte Schutzverträge abgeschlossen, welche die Inbesitznahme von Land regelten, welches auf dem Papier von den Einheimischen verfügt wurde, was allerdings nicht der Praxis entsprach. Die einheimischen Stammesoberhäupter erwarteten vor allem Schutz und Unterstützung gegenüber feindlichen Nachbarn von den europäischen Kolonialherren. Diese sicherten sich formal die Rechte auf Gerichtsbarkeit und Besteuerung. Die Umsetzung dieser Vereinbarungen erfolgte in unterschiedlichem Maß und gestaltete sich in den „Deutschen Schutzgebieten“ schwierig.

Ab 1885 wurde die Kolonie, welche zu diesem Zeitpunkt anderthalb mal so groß wie das Deutsche Reich war, vom Reichskommissar Heinrich Göring verwaltet. Ab 1890 kam es immer wieder zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung, was zur Aufstellung einer kleinen Schutztruppe unter Curt von Francois führte. Diese schlug 1893/94 den sogenannten „Hottentottenaufstand“ der Nama unter Hendrik Witbooi nieder.

Um die Vormachtstellung weiter auszubauen, wurde unter Francois` Nachfolger, Major Theodor von Leutwein, eine systematische Verwaltung aufgebaut. Bis 1914 entstanden auf diese Weise sechzehn Bezirke, der oberste Sitz der Reichsbehörde befand sich in Windhoek. Ab 1898 repräsentierte Major Leutwein als Gouverneur die deutsche Staatsmacht.

Einige Zahlen und Fakten zur Kolonie

Fläche: 835.100 km²

Bevölkerung: 200 000 (Stand 1902)

Einwohner/km²: 0,1

Einnahmen aus der Kolonie: 24,180 Millionen Mark

Ausgaben für die Kolonie: 34,810 Millionen Mark

Handelsausfuhr insgesamt: 39,035 Millionen Mark; Erze, Edelsteine, Marmor, Mais, Kautschuk

Handelseinfuhr insgesamt: 32,500 Millionen Mark; Eisenbahnanlagen, Maschinen und Eisenwaren, Bier, Getreide, Reis, Zement, Kohlen, Baumwolle[1]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Deutsch Südwestafrika

3. Die Beteiligten

3.1. Die deutsche Schutztruppe

Die Schutztruppen stellten militärische Einheiten in den Kolonien dar, welche unabhängig von kaiserlicher Marine und Reichsheer fungierten. Die kaiserliche Schutztruppe für Deutsch Südwestafrika wurde per Reichsgesetz vom 09. Juni 1895 offiziell errichtet, und diente der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der inneren Sicherheit. Oberster Befehlshaber der Schutztruppen war der Kaiser, vor Ort unterstanden sie dem jeweiligen Befehlshaber bzw. später dem Gouverneur. Die Stärke der Schutztruppe und die Zahl und Art der Chargen richtete sich nach dem Etat des jeweiligen Schutzgebietes.

Die Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika bestand aus 6 Stabsoffizieren, 13 Hauptleuten, 70 Oberleutnants und Leutnants, 2 Feuerwerksoffizieren, 9 Veterinäroffizieren, 1 Kriegsgerichtsrat, 1 Kriegsgerichtssekretär, 2 Intendanturräten, 5 Intendantursekretären, 1 Intendanturbausekretär, 4 Proviantamtsinspektoren, 2 Bekleidungsamtsinspektoren, 2 Stabsapothekern, 1 Zahnarzt, 1 Waffenrevisor, 11 Waffenmeistern, 4 Magazinaufsehern, 20 Unterzahlmeistern, 5 Oberfeuerwerkern und Feuerwerkern, 2 Schirrmeistern, 342 Unteroffizieren, 1444 Mannschaften. Die Schutztruppe gliedert sich in 9 Kompanien, 3 Batterien und 2 Verkehrszüge[2].

Erster Befehlshaber der Schutztruppe in Deutsch Südwestafrika war Major Curt von Francois (01.06.1894-06.01.1895), der den „Hottentottenaufstand“ unter Hendrik Witbooi niederschlug. Ihm folgte im Jahr 1897 Major Theodor Gotthilf Leutwein (10.11.1897-16.05.1904) nach, der als Gouverneur die deutsche Reichsmacht repräsentierte und ein Verwaltungssystem aufbaute. Er schloss auch Schutzverträge mit den indigenen Stämmen, wie zum Beispiel den Nama ab. Bis zum Jahr 1904 gab es unter seiner Führung kaum nennenswerte große Aufstände der einheimischen Bevölkerung.

Nachdem es allerdings im Jahr 1904 zu immer größeren Unruhen kam, und man sich in der Heimat über diese Entwicklung besorgt zeigte, wurde er von Generalleutnant Lothar von Trotha als Befehlshaber der Schutztruppe abgelöst, welcher dieser bis Mai 1906 vorstand. Danach folgten noch vier weitere hohe Militärs bis zum Jahr 1915.

3.2. Die Herero

Die Herero zählen zu den bantusprachigen Völkern und sind vor allem im 18. Jahrhundert aus dem Betschuanaland (heutiges Botswana), aus dem Osten kommend in den nordöstlichen Bereich des heutigen Namibias eingewandert. Noch heute leben in diesem als Zentralnamibia bezeichneten Gebiet zirka 120 000 Herero[3].

Vor dem Eindringen europäischer Siedler galten die Herero als Viehnomaden, später mussten sie aufgrund der Gebietsansprüche deutscher Siedler auch auf Ackerbau ausweiten, was die Herero dazu zwang sesshaft zu werden. Die Herero sind seit jeher ein sehr stolzes Volk, besonders was ihre Herden und Rinder betrifft. Oftmals führte gerade dieser Umstand zu Streitigkeiten mit verschiedenen Nachbarstämmen.

Das Leben spielte sich normalerweise im Familiengehöft ab, in dem man in Großfamilien zusammenlebte. Mehrere Großfamilien bildeten dann autonome Lokalgruppen, welche zumeist auf Verwandtschaftsverhältnissen beruhten. Viele Herero traten im Rahmen der Missionierung dem Christentum bei, was ihnen auch zum Teil nach der Vertreibung half, wieder eine Existenz aufzubauen. Heute gewinnen jedoch alte Traditionen, wie zum Beispiel der Ahnenkult, wieder zunehmend an Wert.

Besonders bekannt und auffällig ist die Kleidung der Herero-Frauen, welche sich stark an der wilhelminischen Mode (lange Röcke, Puffärmel) orientierte. Die Männer hingegen erfanden fantasievolle Uniformen mit Holzgewehren, welche sich nach der Schlacht am Waterberg als Identifizierungsmerkmal entwickelten. Die so genannten Truppenspieler treten auch heute noch bei diversen Festen der Herero auf.

3.3. Die Nama

Die Nama gelten als eine der ältesten indigenen Bevölkerungsgruppen des heutigen Namibias. Im 16. Jahrhundert gelangten sie von der Kapregion kommend in den Süden des Landes, und siedelten sich dort im Namaqualand bis zum Vordringen weißer Siedler an.

Die Nama zählen zu der Sprachgruppe der Khoisan, welche sich durch Schnalz- und Klicklaute auszeichnet. Aufgrund dieser Laute wurden sie von den Buren „Hottentotten“ (Stotterer) genannt, was zumeist auch einen abfälligen Hintergrund hatte und die indigene Bevölkerung als minderwertige Menschen bezeichnete.

Seit jeher leben die Nama, welche sich selbst Khoikhoi nennen, von nomadischer Viehzucht, Ackerbau, aber auch Jagd- und Sammeltätigkeiten. Sie waren äußerst flexibel, was ihnen diverse Feindschaften mit anderen indigenen Stämmen, besonders den Hereros, einbrachte.

Erstmals erhoben sich die Nama 1893/94 unter ihrem Chief Hendrik Witbooi gegen die Deutschen, um ihnen den weiteren Zugang in das Landesinnere zu verwehren. Nach dem Misserfolg gegen die deutschen Truppen unter Major Leutwein unterzeichnet Witbooi mit diesem einen Vertrag, welcher der deutschen Schutztruppe die Unterstützung der Nama zusagt. Witbooi stand über zehn Jahre und in sechs Feldzügen zu seinem Wort. Erst im Jahr 1904 sollten die Nama ihre Einstellung den deutschen Truppen gegenüber ändern.

Heute leben im Bereich zwischen Mariental und Keetmanshoop noch zirka 60 000 Nama[4], welche sich in bis zu 13 Untergruppen aufteilen. Die traditionelle Gesellschaftsorganisation der Clansysteme ist heute weitestgehend zerbrochen.

4. Der Hererokrieg

4.1. Die Entstehung des Konflikts unter Leutwein

Der Großteil der damals ca. 60 000-80 000 Herero litt unter der ausgrenzenden Rassenpolitik der deutschen Kolonialmacht und den Unterdrückungsmaßnahmen. Das Land für die eigenen Viehherden wurde den Herero durch Zwangsenteignungen immer mehr begrenzt. Im Jahr 1897 vernichtete zudem die aus Südafrika stammende Rinderpest fast den gesamten Bestandteil der Rinder der einheimischen Bevölkerung. Aufgrund ihres Wissens über Viehzucht erholten sich die Bestände jedoch rasch, aber es fehlte das notwendige Weideland um die Herden zu versorgen. Das veranlasste einige Chiefs der Hereros große Landflächen an Händler und Spekulanten zu verkaufen. Trotz Verkauf nutzten die Herero weiterhin die Flächen für ihre Herden, was unweigerlich zu Konflikten mit den Siedlern führte, welche auf das Vieh der Herero schossen. Es kam immer wieder zu Schießereien zwischen Siedlern und Herero.

Die Herero hatten mit Major Leutwein Schutzverträge abgeschlossen und baten mehrmals um die Errichtung eines Hereroreservats von Otjituepa bis Omitava, um ihre Herden und ihren Lebenserhalt sichern zu können. Da es aber zu keiner Einigung über die Grenzziehungen der Reservate kam, eskalierten die Auseinandersetzungen in einem blutigen Krieg.

Die Gründe für die Auflehnung der Herero, und später auch der Nama, kann man also wie folgt zusammenfassen:

- Existenzbedrohung
- Verlust der Weidegebiete
- Demütigungen und Diskriminierungen durch die Deutschen
- Deutsche Siedler beraubten die Hereros um Land und Wasser
- Ansteigende Schulden der Hereros bei den deutschen Siedlern
- Missachtung der Menschenwürde
- Einmischung der Deutschen in die Stammespolitik der Hereros[5]

Anfang Jänner 1904 kam es zu Angriffen der Herero, unter ihrem Chief Samuel Maherero, auf die deutsche Kolonialmacht, welche diese weitestgehend unvorbereitet trafen. Die Herero töteten auf diversen Farmen geschätzte hundertfünfzig Deutsche, unterbrachen Eisenbahnlinien und zerstörten Brücken.

Ebenso wurden die Städte Windhoek, Okahandja und Omaruru besetzt, was allerdings nur bis Februar andauerte. Den 8 000 Kämpfern der Herero standen zu diesem Zeitpunkt etwa 2 000 Mann der Schutztruppe gegenüber, was bis zum Sommer 1904 Niederlagen und Verluste für die deutsche Schutztruppe bedeutete.

Im deutschen Reich führte dieser Zustand zur Alarmbereitschaft. Um die Schutztruppen vor Ort zu unterstützen, wurde ein Marinekorps mit 15 000 Mann unter der Führung von Generalleutnant Lothar von Trotha nach Deutsch Südwestafrika geschickt.

[...]


[1] http://www.repage1.de/member/afrika/deutschekolonien.html

[2] Quelle: Deutsches Kolonial-Lexikon, 1920

[3] www.dhm.de/ausstellungen/namibia-deutschland

[4] Lonely Planet „Botswana&Namibia“, S.330

[5] http://www.repage1.de/member/afrika/hereroaufstand.html

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668556201
ISBN (Buch)
9783668556218
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377868
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für deutsche und europäische Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Deutsch Südwestafrika Herero Genozid Namibia

Autor

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