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Die Bedeutung der sakralen Bezüge und christlichen Motive im Erec-Roman. Eine Analyse vor dem Hintergrund des Säkularisierungsschubes im 12. Jahrhundert in Westeuropa

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Welche Bedeutung hat die Säkularisierung für die moderne Literaturwissenschaft des Mittelalters?

2. Zwischen Spiritualität und weltlicher Körperlichkeit

3. Säkularisierung oder Sakralisierung - was trifft auf den „Erec“ zu?

Anhang

1. Welche Bedeutung hat die Säkularisierung für die moderne Literaturwissenschaft des Mittelalters?

Die Frage nach der Säkularisierung stellt sich besonders in der Auseinandersetzung mit dem höfischen Roman. Der „Erec“ Hartmann von Aues stammt aus dem 12. Jahrhundert und unterscheidet sich, genau wie die Vorlage von Chretien de Troyes, eindeutig von berühmten literarischen Texten des 11. Jahrhunderts. Nicht nur thematisch ist eine starke Veränderung innerhalb der literarischen Umsetzung erkennbar, wenn man den klassischen Artusroman mit Memento Mori um 1070 vergleicht. Es scheint tatsächlich eine Abkehr von religiös-bezogenen Kontexten zu geben. Auch tauchen neue Räume in den höfischen Romanen auf, die neue Werte und eine andere Ordnung der Welt für die Figuren transportieren. Nichtsdestotrotz ist die Säkularisierung ein in der Forschung umstrittener Begriff. Sie setzt voraus, dass ein Prozess stattfindet, „durch den Teile der Gesellschaft und Ausschnitte der Kultur aus der Herrschaft religiöser Institutionen und Symbole entlassen werden“.[1] Einige Forscher, wie zum Beispiel Stefan Weinfurter, Ernst-Wolfgang Böckenförde oder Anton Mayer Pfannholz beschreiben Säkularisierung als einen harten Bruch, der in „Canossa“[2] seinen Anfang findet und über die Jahrhunderte den Prozess einer Entsakralisierung anstößt, der bis in die heutige Zeit andauert, und somit wohl aus Sichtweise dieser Forscher auch die institutionelle Trennung von Kirche und Staat zur Folge haben musste. Diese Sichtweise setzt eine Vorstellung von einem homogenen mittelalterlichen „reginem christianum“ voraus und ich möchte mich Gerd Althoff anschließen, der sich bewusst gegen die Canossa-Theorie verwehrt, und auf die „getrennten Sphären“[3] von Staat und Kirche bereits im 11. Jahrhundert verweist. Von einer Trennung oder gar „Emanzipation“ der irdischen Welt von der Religion kann nicht gesprochen werden. Vielmehr scheint die Säkularisierung, die sich vermutlich in der Regierungsdarstellung im höfischen Roman wiederfindet, umgekehrt eine Sakralisierung irdischer Gegenstände und Objekte zu beinhalten, die ohne eine tiefgehende Hermeneutik schwer zu erkennen sind. Das zeigt allerdings, dass der Leser des Mittelalters sehr wohl eine religiöse Bildung benötigte, was auch auf den Autor zutreffen musste. Im „Erec“ finden sich unzählige Momente von Sakralisierung, die ich im Folgenden exemplarisch zur Untermauerung meiner These heranziehen möchte. Säkularisierung im Sinne eines Modernisierungsprozesses scheint dem Staat und der Gesellschaft die Orientierung an eigenen Werten und Regeln abseits religiöser Grundlagen zu ermöglichen, was sich auch im „Erec“ zeigt. Die höfischen Ideale, die in diesen Romanen vermittelt werden, kommen ohne Betonung religiöser Bedingungsmuster aus, können sich allerdings nicht von der Lebenswirklichkeit der Menschen lösen. Der Glaube an den Gott der Christen ist ein unerlässlicher Bestandteil des Alltags und der Eigenwahrnehmung. Der Säkularisierungsschub im Westeuropa des 12. Jahrhunderts[4] hat sicherlich die Entstehung des höfische Romans befördert, der allerdings weltliche Ideale des Rittertums (aventiure und minne) mit sakralen Motiven kombiniert. Im Hinblick auf solche Motive stellt sich die Frage, welche Wirkungen hinsichtlich der Ästhetik und Poetik von diesen ausgehen, und welche Bedeutung sie für den Rezipienten des Mittelalters einnehmen konnten.

2. Zwischen Spiritualität und weltlicher Körperlichkeit

Die Spiritualität verstehe ich als Ausdruck von religiösen Bezügen sowohl im Handeln, als auch im Denken der Figuren. Bereits vor dem Turnierkampf auf der Burg Tulmein, während Erec in der armen Herberge verweilt, sind Referenzen auf Gott als Schöpfer zu finden.

Ich waene got sînen vlîz/ an si hâte geleit/ von schoene und von saelekeit[5]

Durch die Betonung von Enites Schönheit und Anmut wird sie zu einer perfekten Schöpfung idealisiert, deren Anmut einen Ausdruck des Mythischen darstellt. Diese Verbindung aus Körperlichkeit und Wirkung auf die Außenwelt an dieser Stelle, ist der erste Anhaltspunkt für eine Objektivierung im Sinne der Begierde, was ein durch und durch irdisches Motiv darstellt.

Ungebrochen bleibt allerdings die Frau eine Schöpfung Gottes, die einen Ausdruck weiblicher Vollkommenheit darstellt. Neben der Schöpferkraft Gottes wird auch das Rachemotiv aus der Bibel durch Erec selbst auf das eigene Schicksal übertragen.

Nachdem der Zwerg ihn seiner Würde beraubt hat, sinnt Erec auf Rache, um seine Ehre wiederherzustellen.

Grôz laster muoste ich dô vertragen./ daz sol mîn herze immer klagen,/ mirn gevüege got noch den tac/ daz ich ez gerechen mac.[6]

Erec ist sich des biblischen Rachemotivs bewusst. Es gibt unzählige Stellen in der Bibel, die auf die Rache Gottes Bezug nehmen, wie beispielsweise im Psalm 94:1 wo es heißt: „HERR, Gott, des die Rache ist, Gott, des die Rache ist, erscheine!“ Dies rechtfertigt nicht unbedingt die Rache des Einzelnen, sondern bezieht sich darauf, dass Gott dem Menschen den Raum und die Gelegenheit zur Rache offeriert.[7] So ist auch erklärbar, warum Erec seine Ehre nicht durch einen Überfall oder ähnliche niedere Gelegenheiten wiederherstellen möchte. Viel mehr ist er darauf bedacht, sich im Kampf zu beweisen.

Ich behabete den strît[8]

Das Turnier auf der Burg als angemessenen Kampfplatz zur Wiederherstellung der eigenen Ehre anzusehen, unterstreicht somit die nicht blindlings ausgeführte Rache, stellt aber zugleich ein Ideal des Rittertums innerhalb der Artuswelt dar. Die Aurtuswelt ist der Raum, in dem der Ritter seine aventiure bestreitet. Literarische Räume des Mittelalters sind motivisch und mit eigenen Werten und Regeln ausgestattet. König Artus ist die übergeordnete Instanz dieser Welt. Er stellt den idealen Ritter dar, dem bereits die saelde zuteil wurde. Seine Tafelrunde ist eine Versammlung der Edelsten und Besten (im Erec nimmt sich Hartmann für die Beschreibung der Anwesenden mehr als 80 Verse).[9] Die höfischen Ideale bestimmen das ritterliche Handeln, definieren Umgangsformen und somit auch den Turnierkampf als Ventil für Konflikte der ere und die Ausweitung des eigenen Ruhmes. Es wird deutlich, dass Artus eine Funktion als Friedensstifter und Ruhepol erfüllt. Die Ideale des Hofes selbst sind nicht durch religiöse Instanzen bestimmt, sondern vermitteln eher den Anschein von Eigenständig- und Unabhängigkeit. Nun kann das Ideal Artus, der ohne Bezugnahme auf eine religiöse Instanz regiert, vermutlich einen Aspekt von Säkularisierung darstellen. Er ist das Zentrum einer Welt, die sich durch ihn selbst definiert. Allerdings ist der Fokus des Erzählens nicht auf Artus gerichtet. Bereits in der Vorlage Chretiens ist Artus nicht der personale Mittelpunkt, sondern „über weite Strecken des Romans in den Schatten“[10] gestellt. Der König ist mehr eine Institution als eine Person an sich. Die Werte, die er verkörpert, sind also auch institutionelle Richtlinien und bieten Handlungsorientierungen, was ein Motiv für Säkularisierung bieten kann.

Auf der anderen Seite spielen religiöse Praktiken auch bei Hof eine wichtige Rolle. Erecs und Enite beispielsweise werden von dem Bischof von Canterbury getraut, dem zu seiner Zeit vermutlich einflussreichsten Geistlichen Britanniens[11]. Die Trauung ist auch in der arturischen Welt unbedingt an religiös-kirchliche Riten gebunden. Nicht durch den idealen König wird das Brautpaar vereint, sondern durch einen Vertreter Gottes auf Erden. Kann diese Szene die Aufgabentrennung zwischen Herrscher und Kirche verdeutlichen und ein Beleg für die Säkularisierung sein? Ich bin davon überzeugt, dass sich, wie Gerd Althoff schreibt, die Menschen des Mittelalters durchaus dessen bewusst waren, dass Kirche und Staat „unterschiedliche(n) Aufgaben, Rechte(n) und Pflichten“[12] hatten. Um dies zu belegen, verweist Althoff auf unterschiedliche Befunde, aus denen Interessenkonflikte zwischen kirchlicher und staatlicher Institution ableitbar sind, die als ein Beleg für die Nicht-Existenz des geeinten „regimen christianum“[13] gelten können. Unter diesem Gesichtspunkt scheint es fraglich zu sein, ob man in der Eigenständigkeit von Artus´ Herrschaft tatsächlich einen Hinweis auf den Säkularisierungsprozess ablesen kann.

Obwohl ich, genau wie Gerd Althoff, nicht von einem „regimen christianum“ vor dem 11. Jahrhundert ausgehe, so scheint mir doch die Artuswelt abseits kirchlicher Moralvorstellungen eigene Werte und Verhaltensnormen zu vermitteln, die mich dahingehend bestärken, den Artusroman als Ausdruck eines beginnenden Säkularisierungsprozesses zu verstehen. Die Säkularisierung bedeutet allerdings nicht, dass sakrale Motive verschwinden, sondern scheint viel mehr alltägliche Objekte mit einem religiösen Bezug zu versehen, beziehungsweise den Glauben in das alltägliche Leben zu integrieren.

Die Trauung von Erec und Enite findet am Hofe König Artus´ statt, was dessen Funktion als Mittelpunkt dieser Welt verstärkt. Dass die Hochzeit zu Pfingsten stattfindet, umrahmt die Vermählung mit einem spirituellen Motiv. Pfingsten ist eines der Hochfeste des christlichen Glaubens. Jesus kündigte das Kommen des Heiligen Geistes an, der sich, grob gesagt, mit dem Gläubigen vereint. Die Vereinigung von Erec und Enite scheint auf diese Weise einen sakralen Charakter zu gewinnen. Auf das Pfingstfest, im kirchlich-institutionellen Sinn, wird in der Darstellung Hartmanns nicht eingegangen. Allerdings ist hier wiederum eine Integration von Religion in den Lebensalltag erkennbar. Dem mittelalterlichen Leser ist selbstverständlich bewusst gewesen, welche Bedeutung das Pfingstfest im kirchlichen Festkalender einnimmt. Demzufolge ist die Sakralisierung der Vermählung wohl eine unmissverständliche Deutung, die das Brautpaar idealisiert und erhebt. Durch die Heirat verbindet sich der Minnedienst des Ritters mit dem ehelichen Treueschwur. Den Treueschwur kann man als eine Sakralisierung des Gelübdes (gegenüber Gott) verstehen.

Ein weiterer Ausdruck für Spiritualität im Leben der Ritter, ist das Aufsuchen von Kirchen zum Zwecke des Gebets. Als Erec am Turnier des Artus teilnimmt, zieht es ihn nach dem ersten Sieg in die Kirche, was explizit als ritterlicher Brauch bezeichnet wird[14]. Niklaus Largier spricht in seinem Text „Säkularisierung?. Mystische Kontemplation und ästhetisches Experiment“ von einer „ästhetische(n) Erfahrung im Kontext mittelalterlicher Gebetspraktiken (…), wo die Spannung zwischen säkulär-naturhaften, dämonischen und göttlichen Erfahrungsformen (…) als ethische Seite der ästhetischen Erfahrungsproduktion mit konstituiert wird“[15]. Die ästhetische Erfahrung des Gebets, so Largier, scheint aus einem Spannungsverhältnis zwischen dem Säkulären und dem Religiösen zu entstehen, die anscheinend in einem oppositionellen Verhältnis zueinander stehen. Dabei sind die beiden Welten, die des Menschen und die Gottes, nicht durch eine scharfe Linie getrennt, sondern gerade im Gebet wirkt sich diese Trennung als Möglichkeit einer ästhetischen Erfahrung aus, „die den Spielraum zwischen der Welt, den Dämonen und Gott immer neu affektiv-sinnlich auslotet und ethisch evaluiert“[16]. Hartmann schildert nicht genau, welches Gebet Erec in der Kirche ausführt und verzichtet auch auf eine genaue Beschreibung der Messe. Es kann also berechtigte Zweifel darüber geben, ob Erec eine ästhetische Erfahrung in der Kirche macht. Auf der anderen Seite betont Hartmann die Bedeutung von Gottes Gnade für den guten Menschen. Der Ritter überantwortet sich Gott und vertraut auf die Unermesslichkeit von dessen Gnade und die Hilfe, die der Herr demjenigen Menschen zuteil werden lässt, der ihn stets vor Augen hat und das eigene Tun nach Gottes Geboten ausrichtet. Erec vertraut Gott, dass dieser seine ritterliche Ehre schützen wird. Der Kirchenbesuch, der einen festen Bestandteil des ritterlichen Brauchtums darstellt, ermöglicht meiner Ansicht nach einen sinnlichen Zugang zu Gott, den der Ritter in all sein Tun integriert. Gottes Gebote sind also, genau wie der tiefe Glaube an Gnade, Vergebung und das Paradies, feste ethisch-moralische Denkbausteine. Die Messe bietet einen spirituellen Raum, der sich von dem Kampfplatz, der einen Ausdruck der säkulären-naturhaften Welt ist, unterscheidet. Der Besuch der Messe bedeutet für den Ritter, dass er seine Seele Gott zeigt und im Rahmen des Gebetes seinen Geist festigt. In dem Kampf, der unmittelbar auf den Besuch der Messen folgt, zeichnet sich Erec durch großen Wagemut aus[17], der ihm einen überlegenen Sieg über eine nicht genannte Anzahl von Gegnern beschert. Während des Kampfes trägt er keine Rüstung und steht allein auf dem Platz. Sein Gebet um die Hilfe Gottes[18] hat ihm Ehre und Lohn gebracht.

[...]


[1] Peter Ludwig Berger: Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Elemente einer soziologischen Theorie, Frankfurt a.M. 1973, S. 103

[2] Geschichte Wann war? Was war? Wer war? . Köln 2001, Seite 194: 1077 Heinrich IV. bricht im Büßergewand zur Burg Canossa auf, um Papst Gregor VII. um die Lösung vom Kirchenbann zu bitten. Er erhielt die Absolution, wodurch er die Opposition der Fürsten schwächte und sich nach der Rückkehr in das Heilige Römische Reich Deutscher Nation lediglich gegen einen Gegenkönig durchzusetzen hatte.

[3] Gerd Althoff: Libertas ecclesiae oder Säkularisierung im Mittelalter. in: L iterarische Säkularisierung im Mittelalter, Hg. Köbele, Susanne und Quast, Bruno, Berlin: De Gruyter 2014, S. 372

[4] Chinca, Mark: Der Horizont der Transzendenz. Zur poetologischen Funktion sakraler Referenzen in den Erec-Romanen Chretiens und Hartmanns. in: Literarische Säkularisierung im Mittellalter. Hg. Köbele, Susanne und Quast, Bruno, Berlin: De Gruyter 2014, S. 23

[5] Erec 339-341

[6] Erec 487-491

[7] Römer 12:19 „Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR."

[8] Erec 507

[9] Erec 1611-1697

[10] Schuh, Hans-Manfred: Die Darstellungen von König Artus bei Chretien de Troyes, in: König Artus lebt! Eine Ringvorlesung des Mittelalterzentrums der Universität Bonn. Hg. v. Stefan Zimmer. Heidelberg: 2005, S. 67

[11] Erec 2123-2125

[12] Gerd Althoff: Libertas ecclesiae oder Säkularisierung im Mittelalter. a. a. O., S. 372

[13] Ebenda, S. 372

[14] Erec; 2489-2500

[15] Largier, Niklaus: Säkularisierung?. Mystische Kontemplation und ästhetisches Experiment, in.: L iterarische Säkularisierung im Mittelalter, Hg. Köbele, Susanne und Quast, Bruno, Berlin: De Gruyter 2014, S. 357

[16] Ebenda, S. 358

[17] Erec; 2503-2504

[18] Erec; 2531

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668553750
ISBN (Buch)
9783668553767
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378015
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
erec höfischer roman mittelalterliches epos säkularisierung

Autor

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